Informationspolitik

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Beitragvon Turon » 05.01.2001 21:13

Informationspolitik



Von Axel Mühlhaus

Das neue Börsenjahr hat so begonnen, wie das alte ausgeklungen ist: Die Kursverluste setzen sich fort, Unternehmensvorstände versuchen die Anleger mit langatmigen und eigenartig formulierten Ad-hocs zu verwirren. Jüngstes Beispiel: Eine Unternehmensmeldung von Endemann!!.

Die Internetfirma mit den zwei Ausrufezeichen gab bekannt, dass sie eine europaweite Vertriebsvereinbarung mit dem französischen Unternehmen Hi-Media S.A. abgeschlossen hat. Nach Angaben von Endemann soll Hi-Media zu den führenden Online-Vermarktern gehören. Kernpunkt der Vereinbarung: Der Suchmaschinenbetreiber wird seine eigene Vermarktungsgesellschaft (Advenda) "teils gegen den Erhalt von Aktien" in das internationale Vertriebsnetzwerk einbringen.

Anlegern stellen sich in diesem Zusammenhang einige Fragen: Wie ist es zu deuten, dass Endemann Advenda teils gegen Erhalt von Aktien einbringt? Was hat Endemann denn sonst noch im Gegenzug erhalten? Und vor allem: Wie viele Aktien hat das Unternehmen bekommen? Darüber hinaus rätselt ein aufmerksamer Anleger, warum die Transaktion als Vertriebsvereinbarung bezeichnet wird. Letztendlich hat Endemann doch nur seine eigene Vermarktungsgesellschaft verkauft ? und das hätte man nun wirklich prägnanter formulieren können.

Im übrigen stellt das Verscherbeln von Advenda eine Abkehr von der bisherigen Unternehmensstrategie dar. Noch im Dezember 2000 hat die Unternehmensspitze verkündet, dass der wirtschaftliche Erfolg u.a. auf den eigenen Vertrieb zurückzuführen ist. Heißt das nun im Umkehrschluss, dass die Aufgabe des eigenen Vertriebes dazu führen wird, dass Endemann künftig zu einer dieser defizitären Internetfirmen wird? Doch wohl nicht. Falls ja, dürfte dies dem Aktienkurs nicht unbedingt auf die Sprünge helfen. Aber was solls, die Notierung ist sowieso schon um etwa 90 Prozent eingebrochen.

Hände weg bei Täuschmanövern

Ach, fast hätten wir es vergessen: Die episch lange und schwülstig formulierte Ad hoc-Mitteilung enthält auch noch einen Hinweis, Endemann!! ist nämlich schon eine defizitäre Internetfirma. Im vergangenen Jahr wurden 6,5 Mio. Mark Minus eingefahren, eigentlich war ein deutlicher Gewinn geplant. Die Gewinnwarnung für das Jahr 2000 steht allerdings gaaaanz weit hinten in der Meldung. Zunächst wird verkündet, dass die ursprünglich für das Jahr 2000 geplanten Umsätze deutlich übertroffen werden konnten. Anstelle von 16 Mio. Mark gingen etwa 21 Mio. Mark durch die Bücher. Allerdings wird die Übererfüllung der Planzahlen Anleger nicht zu Freudensprüngen verführen ? die Unternehmensprognosen stammen noch aus dem vergangenen Jahrtausend. Letztmalig hat das Unternehmen 1999 Planzahlen aufgestellt und öffentlich bekanntgegeben. Kaum erwähnenswert dürfte sein, dass aufgrund dieser und jener Einflüsse anstelle eines fetten Gewinns nun ein hoher Verlust anfällt.

Inzwischen ist allgemein bekannt, dass das Vertrauen der Anleger in am Neuen Markt notierte Wachstumsunternehmen von Tag zu Tag geringer wird. Umso betrüblicher ist es deswegen, wenn einige Unternehmenschefs immer noch versuchen, Anleger mit schwülstigen Worthülsen hinter das Licht zu führen und die tatsächliche Unternehmenslage zu verschleiern.

Bereits in der Vergangenheit ist Endemann durch eine eher kryptische Informationspolitik aufgefallen. In diesem Zusammenhang dürfte sich auch ein Blick in die zusammengeschusterten Quartalsberichte lohnen. Anlegern kann nur ein Rat gegeben werden: Hände weg von Firmen, die Investoren mit Macht für dumm verkaufen wollen.
Turon
 

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