Reiseimpressionen

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Reiseimpressionen

Beitragvon tibesti » 13.06.2006 00:00

Hola aus Buenos Aires, Nach genau 34 Tagen ist die erste Etappe meiner grossen Reise gemeistert: die begleitete Verschiffung meines Reisefahrzeugs mit einem Frachtschiff der ital. Grimaldi-Linie von Hamburg ueber Antwerpen,Tilbury,Bilbao,Casablanca,Dakar(Senegal),Conakry(guinea),Freetown(Sierra Leone), Salvador(Brasilien,Vitoria,Rio de Janeiro,Santos nach Buenos Aires in Argentinien.
Meine anfaengliche Skepsis ueber eine so lange Schiffsreise ist in absolute Begeisterung umgeschlagen, zu abwechslungsreich und vielschichtig waren die Erlebnisse und Eindruecke, insbesondere wenn man als einziger Passagier (zusammen mit einem Reisepartner) das ganze Schiff quasi fuer sich allein hat. Angefangen vom Zuschauen der Arbeit auf der Bruecke und im Maschinenraum ueber die unglaublich interessante Atmosphaere in den Haefen, die moeglichen kurzen Landgaenge, die ungewoehnlichen Perspektiven (etwa Rio und Zuckerhut von der Seeseite), die schoenen Abende und Naechte, wenn man das Oberdeck fuer sich allein hat und irre Sonnenuntergaenge erleben kann, aber auch die Langeweile an Board, wenn man 10 oder mehr Stunden vor einem Hafen auf den Lotsen warten muss oder wenn das Schiff bei raher See tagelang sich bis zu 8 grad nach beiden Seiten neigt - es gaebe seitenweise zu berichten.
Fast mit ein bischen Wehmut verliessen wir deshalb in B.A. das Schiff und sind nun eingetaucht in das Haeusergewirr der 12-Millionen-Einwohnermetrole Argentiniens, gegen die meine Stadt Berlin wie ein verschlafenes und spiessiges Provinzkaff wirkt; mein Schiffsreisepartner ist bereits Richtung Brasilien aufgebrochen, waehrend ich nun 4 Wochen Zeit habe, mich an die suedamerikanische Mentalitaet zu gewoehnen, bevor dann meine Frau mit dem Flugzeug in Montevideo/Uruguay dazukommt und das eigentliche Abenteuer beginnt.......
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Beitragvon tibesti » 25.06.2006 03:03

Buenos Aires liegt nun schon eine geraume Zeit hinter mir; 8 Tage hab ich mir fuer die Stadt Zeit genommen; ein Mega-Monster von 12 Mio. Einwohnern, das sich einem erst nach einer geraumen Zeit wirklich erschliesst, aber dann uebt die Stadt einen unwiderstehlichlichen reiz auf mich aus. Ich laufe in den 8 Tagen bestimmt an die 130 Km durch die einzelnen citynahen Stadtteile; schoen kann man sie auf den ersten Blick wahrhaftig nicht nennen, dieses Schachbrettmuster aus ueber 100.ooo Strassenblocks, aber diese endlosen Strassenschluchten mit einem Sammelsurium von Architekturstilen, neu neben alt, verrottet neben luxurioes, Kolonial neben hypermodern.. das hat schon was; die Stadt lebt rund um die Uhr, an die 60.000 Taxis und 18.000 Busse verqualmen die Luft recht uebel, woechentlich werden 25.000 Rinder in der Stadt geschlachtet, es gibt 13.000 Strassenkioske (eine der wichtigsten Einrichtungen in B.A., unentbehrlich fuer den Einkauf rund um die Uhr), auf 20 einwohner kommt ein Laden,es gibt 70 grosskinos, 60 Museen, 40 Thearter, 12 Tageszeitungen und....
5000 Psychoanalytker (angeblich die neurotischste Stadt der Welt);
aktuiellster Trend; Wohnen in bis zu 50 Stock hohen Wohntuermen, laut Psychologen drueckt das die Sehnsucht der Menschen nach dem Blick in die Weite der argentinischen Pampa aus...

Sehenswuedigkeiten im "Normalen Sinne" gibts eigentlich nicht direkt, vielmehr ist die Stadt tatsaechlich ein urbanes Erlebnis, laut, hektisch- in bestimmten Ecken wie im Kuenstlerviertel San Telmo auch beschaulich; der Gesamteindruck macht es - das Schachbrettmuster des Stadtplans wird bestimmt von breiten Verkehrsachsen und dazwischengeschalteten schmalen Strassenschluchten, wobei der Begriff Schlucht hier wirklich stimmt, wenn die Strassen nur wenige Meter breit sind und sich - aus einem Mix von Hochhaeusern und alten Haeusern in allen Stadien des Verfalls, vollgepflastert mit Reklame wie in asiatischen Staedten kilometerlang schnurgerade hinziehen und beeindruckende Sichtachsen bilden. Edle Apartmenthaeuser mit Wahnsinns-repraesentativen Eingaengen und Portiers in Uniform (dagegen wirken die alten Hauseingaenge in den guten Berliner Buergerhaeusern wie ein schlechter Scherz) stehen dicht an dicht neben heruntergekommenen Hochhauskomplexern oder auch uralten Buergerhausern aus dem letzten Jahrhundert, von denen viele auch schon bessere Tage gesehen haben. Ueberall stehen die beruehmten Strassenkioske, eine Institution in Buenos, wo es von der Zeitung bis zu Lebensmitteln rund um die Uhr alles zu kaufen gibt; laut Reisefuehrer wird der Wert eines stadtteils von den Einwohnern auch an der Dichte ihrer Kioske gemessen, die sozialer KommunikationsTreff und Versorgungseinrichtung zugleich sind.


Was bleibt sonst zu sagen: Die Menschen sind bisher aeusserst hilfsbereit
und superfreundlich, als Auslaender mit Sprachproblemen wird mir bisher sehr zuvorkommend begegnet, man versucht spontan zu helfen und nimmt sich Zeit, wenns mit der Kommuniukation nicht so recht klappt; sehr angenehm. Ueber die Sicherheitslage laesst sich bisher nur wenig sagen, von den 12 Millionen Einwohnern sollen ja nahezu 50% unter oder an der Armutsgrenze leben, die aermeren Stadtteile oder gar Elendsquartiere soll man auf jeden Fall meiden, im weiteren Innenstadtbereich ist davon allerdings nichts zu spueren, ausser das die Armut hier natuerlich auf Schritt und Tritt an den vielen Bettlen, Pennern und aermlich gekleideten Leuten spuerbar ist, hier im Zentrum direkt neben Luixus und Wohlstand, heute im regen bin ich mal durch den riesigen, noch von den Englaendern um 1900 erbauten Bahnhof gegangen, saemtliche Sitzbaenke und Ecken waren von schlafenden Obdachlosen okkupiert, in Deutschland waeren sie laengst rausgeflogen, hier werden sie scheinbar geduldet, wo sollten sie im Regen auch sonst hin und der Bahnhof liegt direkt am Hafen sowieso nicht in der vornehmsten Innenstadtecke.

Auffallend ist im Zentrum jedenfalls die sehr hohe Polizeipraesens, nahezu an jeder Strassenecke steht ein Polizist und beobachtet sein Umfeld, ganz so harmlos kann es also insgesamt nicht sein, sonst waer dieser Aufwand sicherlich unnoetig.

So gehen die Tage dahin mit gehen, anschauen, einen Cortado oder auch 2 in den Cafes trinken, was Essen gehen (grosse Pizza 2 Euro, besser essen fuer 4-5 Euro, es ginge natuerlich auch vornehmer, nach oben ist die Preisskala offen- insgesamt ist das Preisniveau um gute 50% unter dem Deutschen) . Glueck hatte ich am Sonntag mit dem Entschluss, das alte San Telmo Viertel zu besuchen: Es gibt ihn wirklich, den beruehmten argentinischen Tango, an jeder Strassenecke wird er hier musikalisch und auch taenzerisch in zum Teil perfekter Form zelebriert. Aber auch sonst sdtoesst man haeufig auf spontane Tango-Einlagen; waehrend hier die Menschen begeistert den perfekten Darbietungen Respekt zollen, wuerde in Deutschland wahrscheinlich, sollte ein aelterer gutgekleideter herr mitten auf der Strasse auf einmal zum Tanz bitten, sicherlich der sozialpsychiatrische Dienst eingeschaltet wuerde....

es zeigt sich mal wieder. das die wirklich intensiven Erlebnisse nicht im Schnelldurchgang zu bekommen sind, sondern Zeit brauchen, um zu reifen- erst nach 5 Tagen gewinnt die Stadt eine gewisse Vertrautheit, da reift ein "Gespuer" fuer das Pulsieren der Stadt, allmaehlich vertraute Dinge bekommen bei erneuten Betrachten oder Erleben eine neue Dimension, ich achte mehr auf Kleinigkeiten, eine Hausfassade hier, ein paar Menschen da, sitzen im Cafe bei einem Cortado und Beobachten der Menschen - schoen und intensv.

Und da ist vor allem wieder das Gefuehl; was fuer ein Privileg, nicht nur eine solche Schiffsreise erlebt zu haben, sondern jetzt auch noch hier sitzen zu koennen, quasi zeit- und sorgenlos, waehrend andere malochen muessen und - verrueckt; die eigentliche Reise hat ueberhaupt noch gar nicht angefangen.......

Zum Abschluss des B.A. Aufenthaltes erlaufe ich noch ein paar letzte Mosaiksteine in diesem Stadtdschungel und mache mich auf in die vornehmeren Stadtteile Recoleta und Palermo mit seinem bombastischen Mauoleumsfriedhof. wo das WHO IS WHO der argentinischen Gesellschaft bestrebt nicht. in irgendeiner Form der Nachwelt erhalten zu bleiben, Da war natuerlich ein Besuch am Grabmal der legendaeren Praesidentengattin EVITA PERON Pflicht,

Bleibt als einziger wermutstrofen das spanische Sprachproblem.

Es gibt 2 Varianten es anzugehen;

1. Man stellt sich dumm, kann gar kein Spanisch und redet die Leute auf deutsch an, so das anschliessend beide Seiten rumkauderwelchen und einen gemeinsamen Nenner zu finden versuchen.

2. Man uebt gewisse Saetze vorher und kann sie perfekt, was dazu fuehrt, das der andere denkt, man kann spanisch und einen vollquatscht, so das man nur noch bahnhof versteht und zum schluss alle konfus sind.

3. meine Methode; Ich spreche die Leute perfekt auf Spanisch an, mische aber geschickt ploetzliche Ueberraschungen ein, so das zum Schluss alle ihren Spass haben- Beispiel; Ich brauch nen Stadtplan und frag am Kiosk den Verkauefer; Tiene usted una guia de Barcelona ? Absolut akzentfrei, garantiert !!!! Darauf guckt mich der Mensch verwirrt an, glotzt Bahnhof -und ich denk mir, kann der jetzt kein Spanisch, der Depp ? Ach wie ich das alles hasse mit der fremdsprecherei. bis mir ein hilfsbereiter Mensch zur Seite sprang und mich fragte, wieso ich in Buenos Aires einen Stadtplan von Barcelona braeuchte.....Na sowas auch, warum so pingelig, faengt doch schliesslich beides mit B an.........

Adios bis zum naechsten Mal


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Beitragvon tibesti » 26.06.2006 00:32

Der Uruguay-Einstieg von Berlinern fuer Berliner

liebe Mitleser und -schauer
ich berichte direkt aus dem Zentrum der Metropole Nuevo Berlin - Neues Berlin am Rio Uruguay, wo ich vor Menschenmassen und Verkehrsgewimmel mein Mikrofon , aeh sprich die Kamera kaum ruhig halten kann; Neben mir parkt das neueste Luxusmodell der weltbekannten uruguayischen Automarke, im Hintergrund ueben die aufstrebenden Nachwuchsspieler des uruguayischen Fussballs ihre Kuenste, allerdings so grottenschlecht, dass sich sogar der letzte Koeter uebergeben muss, waehrend links vor mir einige Geschaeftsinhaber bereits dabei sind, die Vorbereitungen zur Verbarrikadierung ihrer Geschaefte treffen, da in Kuerze das Eintreffen der beruechtigten Revolverbande der 33 Orientalen erwartet wird; die Einwohner fiebern diesem Ereignis mit Spannung entgegen und haben zum Schutz bereits mit dem Ansammeln von Material zum Bau von Strassenbarrikaden begonnen und den Ort mit einer Wasserschutzsperre versehen,waehrend die Apotheken des Ortes bereits allesamt schliessen mussten, da saemtliche Medikamente ausverkauft sind...............

Soviel zum ersten vom Ort des Geschehens, ich gebe erst mal zurueck in die Sendezentrale......


Nuevo Berlin; entstanden um 1880 als uruguayische Estanzieros deutsche Landarbeiter fuer ihre landwirtschaftlichen Laendereien anwarben; die hochgesteckten siedlungsplaene verliefen jedoch relativ schnell im Sand, da der groesste Teil der einwanderer das Land in kuerzester Zeit wieder verliess Richtung Kanada/USA und andere Laender. Geblieben ist ein verschlafenes Nest, wo ausser dem Ortsnamen und dem "Boulevard Aleman" nichts mehr an die deutsche Gruendungsgeschichte erinnert; ich nehme meinen Mut zusammen und betrat die einzige offene Bar im Ort neben dem Kickerautomat, aus der das Geraeusch etlicher zechender Maenner drang, allerdings war spaetestens nach meinem ersten "hola, soy de Berlin en Alemia, que tal estan ustedes ? der rest des Aufenthaltes wieder eine einzige Qual und Sprachschinderei-Schinderei geworden waere, obwohl so schlecht wie viele Tuerken in Berlin Deutsch koennen, kann ich Spanisch inzwischen allemal....
Lothar

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Beitragvon tibesti » 26.06.2006 00:50

Wie die Zufaelle so spielen. Da bin ich recht spaet ueber die grenze nach Uruguay , dann etwas im GrenzOrt Frey Bentos rumgelaufen (sehr verschlafen), schliesslich wars dunkel, und ich etwas unschluessig, wo uebernachten; bin also langsam einfach richtung Sueden aus dem Ort auf einer Nebenstrasse raus-ist natuerlich alles eingezaeunt, haelt gleich ein Auto an mit einem Oesterreicher und Finnen drin: Sie arbeiten hier auf Montage, dachten sich, dass ich bestimmt einen Uebernachtungsplatz suche und boten mir an, vor ihrem Haus in einer Sommerferiensiedlung am Rio Uruguay zu uebernachten. Die oesterreichische Firma Andritz baut hier fuer einen finnischen Konzern das groesste und modernste Zellstoffwerk der Welt( der Oesterreicher leitet den gesamten Bau), welches in der unterentwickelten Region (frueher Zentrum der Fleischverarbeitung, als die Rinder noch nahe der Weiden verarbeitet wurden- jetzt hohe Arbeitslosigkeit, weil alle Viecher in dieser Viehzuchtgegend mit LKWs nach Montevideo verfrachtet werden) in 1 bis 2 Jahren 1500 Arbeitsplaetze schaffen soll. Interessant die Infos: Den Argentiniern ist das Ganze natuerlich ein Dorn im Auge, weil sie nicht selbst den Zuschlag bekamen,also versuchen sie das Ganze mit allen Tricks zu hintertreiben; So wurden saemtliche 3 Grenzbruecken nach Uruguay mehrere Monate blockiert, der europ. gerichtshof eingeschaltet (finnische Firma) und sogar Greenpeace zwischengeschaltet, die in einer aufwendigen Blockadeaktion fuer einige Tage Sand ins Getriebe streute (Dabei besitzen die Arg. selbst 6 Zellstoffwerke am Parallelfluss Parana. Alle Intrigen wuerden aber nix nuetzen und waeren auch voellig absurd, weil
a) der finnische Konzern einen sehr langen finanziellen Atem habe und inzwischen sogar auf Gelder der weltbank verzichte (500 millionen Euro kostet dere Bau)
b) das Werk das modernste werde, was in der Zellstofftechnik an Umweltschutzmassnahmen wewltweit zu finden sein werde.

Zudem haetten die Finnen riesige Eukalyptuswaelder aufgekauft, die in 150 KM entfernung sich ueber grosse Gebiete Richtung brasilianische Grenze ausbreiten wuerden. Die Nutzung der Waelder wuerde aufwendig mit Satellitentechnik ueberwacht, der transport zum Werk ueber den Rio Uruguay und per Eisenbahn extrem kurz und kostenguenstig....(Anmerkung meinerseits: Leider ist der Anbau von schnellwachsendem Eukalyptus das Ende jeder weiteren Nutzung, da die Baeume den Boden dermassen schnell auslagen , das anschliessend keine Nutzung mehr moeglich ist- Spaeter erfaehre ich das Dilemma etwa aus Brasilien: Erst wird der Regenwald gerodet, um Kaffee anzubauen, bringt das nix mehr, wird auch minderwertige Anpflanzungen ausgewichen und zum Schluss kommt der Eukalyptus und danach - keiner kennt die Langzeitfolgen...)

Und die Aussagen zu Uruguay: Die waeren entwicklungstechnisch inzwischen reines Entwicklungland, weit hinter den Chinesen etwa zurueck, wo er seinen letzten Job ausuebte. Saemtliches technisches Personal fuer den Bau komme aus Europa, da in Uruguay nicht zu finden, Investitionen der heimischen Elite in die wirtschaftliche Entwicklung des eigenen Landes finde so gut wie nicht statt, weil die ihr Vermoegen nur verrenten und entweder in Land, Immobilien oder in Europa anlege.

Die Baufirmen z.b. haetten die gesamte Feriensiedlung (alles moderne zweistockige Haeuser) fuer ihre Leute angemietet, ein Haus kostet 1400 Euro im Monat ohne Nebenkosten, die reichen Besitzer wohnen inzwischen (wie ein Grossteil der Elite) nicht mehr in Montevideo, sondern in Punto del Este (dem Luxusbadeort am Atlantik).....

Im uebrigen gab mir der gute noch den Ratschlag, in Montevideo sehr gur aufzupassen, es sei ein unsicheres Pflaster geworden, weil auch in der innenstadt Ueberfaelle (nicht nur auf Auslaender, sondern auf alles, was nach was aussieht) an der Tagesordnung; das Problem sei, das die Leute in Gruppen auftraeten, gegen deren Ueberzahl man keine Chance habe; und die polizei- schaue weg und traue sich nicht dazwischen zu gehen; nun ja, ich werde sehen, man besten, ich hab halt einfach gar nichts bei mir ausser ein paar Pesos in der Hosentasche.

Auffaellig im Land uebrigens der Mate-tee-Kult:Ueberall (auch manche Beifahrer in den Autos) rennen die Leute mit einer thermoskanne unter dem Arm und ihrem Trinkgefaess in der Hand durch die Gegend, das scheint hier ja so schlimm zu sein wie das Quat-Kauen im Jemen.

Spanisch bleibt bloed: Gestern parkte mein Auto vor einem Haus (siehe Foto), prompt kan ein junger Uru heraus, um sich interessiert mit mir zu unterhalten, im Schlepptau eine junge Franzoesin, die hier ein dreimonatiges Praktikum absolviert; und schon hast das schoenste Kuddelmuddel mit den Sprachen, wie soll das was mit Spanisch werden, wenn ich staendig ins Franzoesische ausweiche und das dann auch noch unterstuetzt wird... Uebrigens fiel mir schon vorher ein Polizist auf, der sich staendig in der Naehe des Autos rumtrieb; der Uruguayer signalisierte mir dann, das der extra bei Ihm geklingelt habe, um Infos zu erhalten, der machte sich Sorgen um mein Auto und war scheinbar heilfroh, als ich nach mehreren Stunen wieder von dannen zog. Dabei passiert in diesem verschlafenen Kaff bestimmt nix, hier mache ich mir wirklich keine Sorgen um da Auto.

Auf dem Weg liegt die "Colonia Gartental", eine deutsche Siedlung der Glaubensgemeinschaft der "Mennoniten"; Ich beschliesse, mich dort mal ein bisschen umzuschauen; die Kolonie liegt abseits der Hauptstrasse und wird mit einem Schild "Colonia Gartental- Bienvenido, Willkommen" angekuendigt. Prompt stoppt mich ein Ford-Gelaendewagen und schon bin ich Gast der Familie Friesen und lausche abend bei einem Mate-Tee der spannenden Geschichte dieser Leute. Nichts weiss ich ueber diese Religion.
Irgendwie sind sie eine Abspaltung der lutheranischen Kirche, entstanden im Reformationszeitalter um 1495 und begruendet durch einen Geistlichen namens Menos, traten schon immer fuer die Trennung von Staat und Kirche ein, verweigern jeglichen wehrdienst, verweigern Eide und wurden deshalb seit ihren Anfaengen vor hunderten von Jahren immer wieder staatlich verfolgt. Sie lehnen ausserdem die Kindstaufe ab, da ein Kind keine selbstaendige Entscheidung ueber ihrer Glauben treffen koenne, vielmehr werden sie als Erwachsene getauft bzw. beim Uebetritt zu ihrer Religionsgemeinschaft nochmals getauft, deshalb auch der Name "Wiedertaeufer".
In Uruguay gibt es 3 mennonitische Kolonien, die C.Gartental ist die Juengste und nach dem zweiten Weltkrieg von deutschen Kriegsfluechtlingen begruendet worden. Herr Friesen stammt aus Ostpreussen, fluechtete in den Endtagen des Krieges vor der heranziehenden russischen Truppen, landete in Rheinland-Pfalz und beschloss 1951 durch Empfehlung anderer Glaubensmitglieder nach Uruguay auszuwandern, wo er zusammen mit anfangs etlichen anderen Gleichgesinnten von der uruguayischen Regierung Land - erst pachten, spaeter kaufen konnte (17 ha anfangs). Sie gruendeten die Kolonie, die bis heute genossenschaftlich verwaltet wird; von den ehermalen Gruendungsfamilien sind nur noch ein Teil uebrig, der Rest ist spaeter nach Deutschland zurueckgekehrt oder nach Kanada ausgewandert, wo es weitere Kolonien gibt; die freiwerdenden Flaechen wurden von den zurueckgebliebenen aufgekauft, so das diese ihrer Besitz erheblich ausweiten konnten. Fam. Friesen (seine Frau lernte er in der Kolonie kennen) hat 4 inzwischen erwachsene Soehne, 3 betreiben die Landwirtschaft weiter, einer lebt als Studierter in Montevideo), sie besitzen Milchkuehe und Ochsen, haben einen einheimischen Melker angestellt, der ca. 250 euro im Monat verdient; wir fahren im Jeep auf Feldwegen durch die Kolonie, weitverstreut liegen die Hoefe, im Zentrum die Kirche, eine eigene private Schule (mit eigenem Lehrer und 20 Kindern), ein eigenes Pflegeheim mit 2 Insassen, eigenem Laden mit selbst hergestellten Produkten und einer genossenschaftlichen Verwaltung und selbstverstaendlich einer Glaubensleitung.

Die Fam. ist sehr gastfreundlich und sympathisch, weltoffen - . Ich glaub ich werd mich mal im Internet etwas ueber die Mennoniten schlau machen.
Was ich fast vergessen haette: So gut wie alle Mitglieder der Kolonie sind nach wie vor deutsche Staatangehoerige, keine ist Uruguayer geworden, Gesprochen wird selbstverstaendlich deutsch, die Kinder sind aber gesetzlich verpflichtet, in der Schule Spanisch als Fremdsprache zu lernen.

Die Siedlung auf dem Foto ist uebrigens eine Siedlung einheimischer uruguayischer Landarbeiter, die ausschliesslich fuer die Kolonie arbeiten. Solche Siedlungen gibt es inzwischen ueberall im Land; die Initiative geht auf einen reichen Estanziero zurueck und wurde spaeter vom Staat aufgegriffen: Ziel ist es, den Landarbeitern (Gauchos), die waehrend des Arbeitslebens in der Regel in vom Arbeitgeber gestellten Wohnungen leben, spaeter im Alter, wenn sie in Rente gehen und das Gelaende ihres Arbeitgebers verlassen muessen, ein vernuenftiges Dach ueber dem Kopf zu gewaehrleisten und die Landflucht in die Hauptstadt zu verhindern.

Die Haeuser sind landeswit genormt, die Groesse liegt standardmaessig bei 60 qm, steigt in Abhaengigkeit von der Kinderzahl allerdings etwas an. beim Bau werden die zukuenftigen Besitzer allerdings verpflichtet, 90 Stunden im Monat beim Bau mitzuhelfen; das soll die Identifikation mit dem zukuenftigen Zuhause foerdern und scheint offensichtlich hervorragend zu klappen.

Ach ja, zum Schluss: Herr Friesen bekommt nach fast 50 Jahren Einzahlen in die staatliche urug. rentenversicherung jetzt monatlich 55 Euro Rente!!!!


Ein spannender Tag geht zuende, ich hab viel dazugelernt- ueber Mennoniten, urug. Geschichte, Landwirtschaft, das urug. wetter, aber auch manch lokale Besonderheit:

Bei Einladungen kommen Uruguayer grundsaetzlich mindestens eine Stunde zu spaet (eine ueble Angewohnheit fuer die deutschstaemmingen und fuer sie ein Grund an der urug. Mentalitaet zu zweifeln),
Mate-Tee trinken ist eine gesellschaft. Zeremonie, jeder macht es zu jeder Tages-und Nachtzeit, zwar auch allein, aber bevorzugt in Gesellschaft; das Mategefaess mit dem obligat. Saugrohr wird mit Tee randvoll gefuellt, auf den staendig wasser nachgegossen und zwar solange, bis es nicht mehr schmeckt (aus meiner sicht: es schmeckt von Anfang an nicht); was mir neu war: man muss!!!!! das gereichte Gefaess austrinken (trinken ist der falsche Ausdruck: man muss eher sehr kraeftig saugen, sonst kommt nix), alles andere fuehrt zum sofortigen Ausschluss aus der Runde. Wann merkt man, dass es alle ist: wenns zischt!!! aha!; Zum Ausschluss fuehrt auch das Zurueckreichen des Gefaesses mit der linken Hand, die rechte muss es sein, bittschoen...Das Gefaess wandert nun staendig, d.h. stundenlang reihum, alle trinken aus demselben Saugrohr (also bittschoen keine Scheu vor fremden Bakterien), immer wieder wird Wasser nachgegossen; Wenn man nichts mehr will, muss man das Gefaess zurueckgeben und dazu: Gracias-Danke sagen, sonst gehts weiter......

Und bei Einladungen zum Essen: Man laesst immer !!!!!!! etwas auf dem Teller zurueck, so signalisiert man dem Gastgeber, das es geschmeckt hat und man satt geworden ist. Eine Katastrophe also, aufzuessen; gar nicht auszudenken ein Schlingel, dems so gut schmeckt, dass er zum Schluss den teller auch noch ableckt.
Das signalisiert dem Gastgeber, das das essen nicht ausreichend genug war und treibt anschliessend die Depressions-und Selbstmrdrate drastisch in die Hoehe.


Ach Herrjeh, wo ist denn jetzt bloss der Matetee abgeblieben; also ich muss jetzt erst mal Schluss machen, ohne Tee bin ich einfach kein Mensch

Hasta luego
Lothar

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Beitragvon tibesti » 26.06.2006 01:23

das geht alles Schlag auf Schlag,ich komm gar nicht zum Ausspannen:
von den uruguayischen Schluckspechten(Anonyme Alkoholiker) ueber den stolzen Nachwuchs der Nation (Kinderfest zu ehren von General Artegas) hin zu dem Glanz vergangener Tage(Oldtimer) und - leider der ersten noch nicht ausgestandenen Autopanne.

Ich fahr den Rio Uruguay weiter flussaufwaetrs - sensationelle 26 Grad sommerstimmung im Winter und passend zum heutigen urug. Nationalfeiertag zum Gedenken an General Artega, den Anfuehrer des uruguayischen Unabhaengigkeitskampfes 1826- und erreiche Paysandu,drittgroesste Stadt desLandes mit 90.000 Einwohnern. Nichts Besonderes,das uebliche Schachbrettmuster suedamerikanischer Staedte,eine Hauptstrasse mit viel Reklame und der Rest provinzielle Beschaulichkeit. An einem Hauseingang voraus ein etwas groesseres Gedraenge,mehrere Leutewollen irgendwo rein,ich riskiere einen Blick- da schau mal einer an: die Anonymen Alkoholiker sind offenbar auch in Uruguay gut im Geschaeft. Da ich da nix verloren hab,schwing ich mich wieder hinters Lenkrad und steuere Richtung Nordosten,nach wenigen Metern rechts der Strasse viel TamTam und Trubel. Da ich beschlossen habe,auf dieser Reise als neutraler Chronist der vielen Dinge zu sein,die am Weg nur darauf warten, aufgelesen zu werden,ist es natuerlich Pflicht,der Ursache dieses Auflaufes auf den Grund zu gehen und lande - sogleich herzlich begruesst von der Dame mit dem Mikrofon,auf einen Schul- und Kinderfest zu Ehren des nationalen Helden Artegas. Stolz praesentieren die jungen Nachwuchsgauchos und kleinen Senoritas den neuesten Trend der nationalen Haute Coiture, waehrend ich nach den versprochenen Torten, Fritten und Schokalden Ausschau halteñ man muss die Feste schliesslich feiern,wie sie fallen.
Nach 2 Stunden verlasse ich die Vergnuegungsstaette wohlgesaettigt,komme aber nicht viel weiter, da sind schon wieder Chronistenpflichten zu erfuellen: Wahre Schmuckstuecke vergangenen Autoglanzes warten am Strassenrandfuer einen Spottpreis auf Kaeufer,ich wundere mich, das die ganzen raffgierigen Oldtimerliebhaber im Westen den hiesigen Markt noch nicht laengst leergekauft haben.....

Danach gehts endlich mal wieder flotter weiter, ich durchfahre die endlose Weite der urug.Pampa, leicht welliges Gelaende mit endlosen steinigen Grasflaechen,menschenleer bis auf weit verstreut liegende Estancias und Landarbeiterhoefe. Es hat nachtsgeregnet undist trueb,trotzdem immer wieder interessante Stimmungsbilder am Himmel. Ich beschliesse eineQuerverbindung auf Schotterpiste zur Ruta 26,ca.100 KM durch die Einsamkeit der Pampa. Nix als einsam weidendeTiere und tatsaechlich die ersten Gauchos,hoch zu Pferd. Die Schottepiste beginnt hervorragend alsTiger,um spaeter auf dem letzten Stueck klaeglich als Bettvorleger zu enden, nur noch ein Feldweg zieht sich nach Norden.
Da rechts voraus tatsaechlich endlich dieersten straussenartig aussehenden Nandus,kaum bemerken sie mich,wollen sie sich in die Buesche schlagen.Nix da,hiergeblieben.Ich mach den Motor aus, was sich 5 Minuten spaeter hier - ca.15 KM vor der Asphalt und Hauptstrasse,als entscheidender Fehler herausstellen wird. Ich krieg tatsaechlich einigeTiere vor die Linse, starte den Motor wieder,als aus dem Motorraum ein Heidenlaerm losbricht. Geschockt will ich den Motor ausstellen,drueck auf die Motorbremse, der Motor beginnt abzuwuergen, um sich sofort selbstaendig wieder neu zu starten: der Anlasser ist blockiert!!!!Was ich auch mache,ich Krieg das Ding nicht aus,der Anlasser dreht wieverrueckt mit, und startet die Kiste wieder,Qualm verbreitet sich, es faengt an bestialisch zu stinken,ich raus zum NotstromAusschalter, immer noch nix, dann endlich ist Ruh. Ich riskier noch einen Startversuch,dasGleiche Spiel beginnt von vorn,dann ist Ruh,alles ist tod.Ich bin voellig geschockt,wie ein Blitz aus heiterem Himmelkam das ueber mich ,Viel ist in den Jahren ja schon passiert,aber das noch nicht.Und die Stelle ist traumhaft guenstig,mitten im Niemandsland. Ich beschliesse, erst mal meine Nerven sich etwas beruhigen zu lassen,dann werd ich wohl oder Uebel erst mal den Anlasser tauschen,Ersatz ist ja dabei,wobei ich allerdings Schiss habe, das ich den Neuen auch kille,weils moeglicherweise noch eine andere Ursache gibt. Auf einmal nahen sowohl von vorn als auch von hinten jeweils ein Pickup,vollbepackt mit Menschen Estanciaarbeiter mit ihren Chefs. Als die ersten von der Ladepritsche springen, denk ich spontan: Wo bleibt denn bloss der Kameramann, wo der Regisseur in mir schon Action schreien will...Die sehen ja wie aus einem alten Western aus,die ersten Gauchos, die ich zu Gesicht kriege,wahrhaft malerisch,das waer ein Kameramotiv,statt dessen hab den Anlasser an der Back....Aber da faellt mir ein: Der kameramann bin ich ja selber..., ich hab aber den kaputten Anlasser am Back.
Es gelingt mir mit Haenden und Fuessen -was man auf einmal fuer Woerter dabei lernt: CREO QUE EL ARRANQUE ESTA ROTO-ich glaub der Anlasser ist verreckti-ihnen das Problem zu verdeutlichen.Sie meinen, das beste waer zu versuchen,den Wagen anzuschieben -sind ja 20 Mann- um dann bis nach Tacuarembo durchzufahren in die naechste Werkstatt.Es gelingt tatsaechlich,der Wagen laeuft,allerdings stinkts weiterhin und gibt leichte Geraeusche von sich , ob das Anlasserritzel gebrochen ist, kann da was in den Motor fallen? Ich hab keine Ahnung, was am besten zu tun ist, immerhin laeuft die Kiste, also rett ich mich die 110 KM in die naechste Kleinstadt und steh jetzt vor einer kleinen LKW-Werkstatt,wo ich uebernachten werde. Bei der ersten Kontrolle stellt der Mechaniker fest, das der Magnetschalter desA nlassers quasi glueht und meint,der Anlasser ist zwar hin, aber ich muesse auch ein Problem mit dem Starterknopf haben!?????????????

......

der Anlasser ist ausgetauscht, der alte sieht wahrhaft uebel aus, im Inneren alles verschmort und das Zahnrad der Anlasserwelle arg zerknittert; und die Ursache ? Die Halterung !!! des Anlasser-Relais im Sicherungskasten hatte sich geloest und einen Kurzschluss verursacht, den Kontakt im Relais kurzgeschlossen und Dauerstrom ausgeloest;

Jetzt fahr ich schon so lange LKW und bin immer wieder ein ahnungsloser Dilettant, weil ab und an immer wieder neue Dinge passieren, die ich noch nicht kannte und mein technischer sachverstand halt doch arg begrenzt ist, haett ich gleich richtig reagiert und die Zusammenhaenge erkannt, waer der Anlasser vielleicht zu retten gewesen....

Jedenfalls hab ich gleich mehrfach ein Riesenschwein gehabt da in der einsamen Pampa, denn:

waeren nicht die zwei Autos gekommen und gleich auch noch mit 20 Mann, so dass wir das Auto anschieben konnten, haett ich wohl oder uebel zwar den Anlasser gewechselt ( und das allein waere schon die reine freude geworden, wo sich in der werkstatt gleich 2 Mann fast 2 Stunden damit abmuehten, erst die Schrauben aufzukriegen und dann das Ding rauszuziehen), nein ich haett zwar nen neuen Anlasser eingebaut, aber das eigentliche Problem natuerlich nicht erkannt (das Relais) und den neuen Anlasser beim naechsten Startversuch gleich zusaetzlich gekillt; und um dann wegzukommen, haett ich dann wohl oder uebel 15 KM bis zur Strasse laufen muessen und nen Panzer zum Abschleppen mitbringen.......

Obwohl der alte Anlasser wirklich uebel aussieht, lass ich ihn hier im Ort gleich reparieren (erstaunlich: NO PROBLEMA), denn es kostet sage und schreibe mit allen Teilen (eigentlich alles ist hinueber und verschmort) und Arbeitskosten 175 Euro, so dass ich alles in allem mit weniger als 200 euro wegkommen (den Tausch des alten gegen en neuen Anlasser eingerechnet); Das ist doch ein Wort; es dauert zwar bis morgen, aber das ist ja das Schoene an so einer reise: TENGO TIEMPO-ich habe Zeit, alsoguck ich mir den Ort ein bischen an, geh was essen, ins Internetcafe und vielleicht gibts ja auch in TACUAREMBO was Lustiges zu entdecken...

Was bleibt zu berichten? Ach ja, was sind die Leute nett und freundlich, ueberall freundliche Begruessung, nettes Anlaecheln, der erste, den ich gestern abend bei der reinfahrt in den Ort nach einer Werkstatt fragte (den Wagen durfte ich ja nicht ausmachen, bevor ich nicht sicher vor einer Werkstatt stand), erklaerte mir nicht nur en weg, sondern kam mir 5 Minuten spaeter mit seinem Motorrad sogar hinterhergefahren, weil er davon ausgegangen war, das ich seine Erklaerung nicht
wirklich verstanden haette und fuhr mich bis zur werkstatt....

Und jetzt kann ich jede Menge neue redewendungen auf Spanisch

Anlasser, kann man das reparieren, koennen sie das reparieren, warum ist das kaputtgegangen, moeglicherweise gibt es ein weiteres Problem, ich muss mal schauen, ob ich sowas dabei habe......und und und

Super!!!!!


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SIEHE FOTOSHOW URUGUAY 1 UND 2 WEITER UNTEN
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Beitragvon tibesti » 26.06.2006 01:32

doppelposting geloescht
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Beitragvon tibesti » 26.06.2006 01:36

URUGUAY-Blues.......

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Beitragvon tibesti » 26.06.2006 22:25

Es konnte ja nicht auf Dauer gutgehen: staendig dieses sehr schoene Wetter mit angenehmen Temperaturen- und das im Winter , es sollte zudem schon seit Monaten zu trocken sein, aber jetzt dieses: eine Sintflut ist hereingebrochen.

Im Reisefuehrer steht zwar lapidar: 2 Winde beherrschen das Land: im Sommer der Pampero und im Winter der gefuerchtete SUDESTADA aus Sueden, weniger wegen seiner Windstaerke als wegen seiner enormen Regenmengen, die er mit sich fuehrt. Man liests und denkt sich nichts oder vielmehr: Ohne mich!!. Nun jetzt weiss ich, was SUDESTADA-Wetter ist; Wahre Wassermassen ergiessen sich seit 2,5 Tagen ueber das Land, Gewitter die ueberhaupt nicht aufhoeren, dazu ein unangenehm kraeftiger Wind bei Temperaturen um die 11 Grad... Die Landschaft versinkt nahezu im Wasser- Verhaeltnisse wie ich sie aus dem Sahelraum in Westafrika kenne-nur das ich diesmal noch auf sicherem Asphalt stehe....mit Schaudern denk ich schon an die Tage, wo das irgendwo nicht mehr der Fall sein wird und wieder eine dieser ekelhaften, widerwaertigen Schlammschlachten drohen werden... Echt aetzend, ich musste gestern im Nordwesten des Landes nahe der brasilianischen Grenze ein 50 KM langes nicht alsphaltiertes Teilstueck fahren und schon jetzt sieht das Auto aus wie nach einer kompletten Amazonas-Durchquerung, dazu jetzt diese klamme Feuchtigkeit- nix trocknet bei einer Luftfeuchtigkeit von ueber 75%, es ist nicht zum Aushalten und Davonlaufen. So wars bisher ein wenig erbauliches Wiedersehen mit dem Atlantik: 200 KM einsamste Kueste mit winzigen Siedlungen und Sandstraenden, statt ein paar Tage die Schiffbraeune wieder auffrischen sind nicht angefordete und bestellte Dauerduscheinlagen geliefert worden, bloss wen soll ich haftbar machen? So sitz ich halt im Auto, lauf ein paar Meter, wenns mal 10 Minuten nicht regnet und bin in groesseren Ortschaften froh, dass dieCyber-Cafe-Dichte wenigstens zuverlaessig ist, weil man sonst in den Provinzstaedten auch sonst nix gescheitet im Regen anstellen kann.

Und wenns nur das waere, NEIN! erst lad ich mir freiwiilig 2 Landarbeiter ins Auto, 5 Saecke Getreide und Fleisch haben die dabei, um sie irgendwo abzuliefern...ich will mich zwingen,ein bisschen Spanisch reden zu muessen...alles schoen und gut, aber muss mir beim Raeumen im Auto meine grosse (Haupt) Digitalkamera so ungluecklich runterfallen, dass das LCD-Display splittert und nun nur noch zur haelfte lesbar ist und moeglicherweise irgendwann ganz den Geist aufgibt, was bedeutet: keine Einstellungaaenderung mehr moeglich, Ne auch!!!

Doch: LAECHLE und sei gluecklich, es koennt ja auch schlimmer kommen! EBEN! Es kommt auch Schlimmer: Im ersten Wolkenbruch, wo unglaubliche Wassermassen in schraegem Winkel aufs Auto hereinbrechen gibts ....einen Wassereinbruch im Wohnkoffer. Ich will in diesem Katastrophenwetter ne Pause machen und verkriech michs vor dem wasser nach hinten und...stehe buchstaeblich im Wasser. Kurzfristig bin ich ja schon irgendwie bedrueckt, es hoert nicht auf mit den Zwischenfaellen, erst Anlasser, dann Kamera, dann Wasser von oben, dann wasser von innen. Zwischenfaelle im Tagesrhythmus- und ich bin ueberhaupt noch gar nicht richtig losgefahren, die spannenden Sachen stehen ja erst noch bevor...Ich spuere urploetzlich eine tiefe Verbundenheit mit den vielen Schafen da draussen, an denen ich in diesem Sauwetter vorbeigefahren bin, die schauten in ihren triefenden schwernassen Wollfellen irgendwie so drollig bemitleidenswert aus, man haett man liebsten aussteigen und sie vor Mitleid troestend in den Arm nehmen wollen. Aber ich will ein standhaften Mann sein und bin mir selber Schaf genug; also krieche ich die naechste Stunde, bewaffnet mit Wischmob, Taschenlampe und Tauchermaske in den Winkels meines Wohnheims rum auf der Suche nach dem Uebeltaeter und werde - hoechstwahrscheinlich auch fuendig; die Dichtung der Aussenklappe fuer die Kassette des Chemoklos scheint nicht mehr so astrein zu sein; jetzt hab ich in den letzten 2 Jahren ja schon wirklich alle potentiellen "Gefahrenstellen", was wasser angeht, entschaerft, bloss dieses bloede Teil ist mir bisher durch die Lappen gegangen. Es ist zum......! Genau!!

Aber so istst halt in der Natur, wie ich schon im Geographiestudium lernen durfte: 2 Medien unterschiedlicher Dichte bilden sich wellenfoermig aus; Will heissen: ich und reisen war in ueber 30 spannenden (Reise)jahren noch nie eine monotone stromlinienfoermige Veranstaltung, die Anekdoten von Pleiten,Pech,Pannen und Kuriositaeten wuerden inzwischen Baende fuellen; frei nach dem Motto:
Aufs Hoch folgts Tief, auf Lust der Frust, doch eines ist gewiss: Langeweile, das gibts bei mir nich.......

Aeh, ich schau grad aus dem Fenster des Cyber-Cafes, wo es grade wieder mal zu regnen anfaengt....Ich koennt heulen, ES IST ZUM HEULEN...

Adios
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Beitragvon tibesti » 28.06.2006 00:25

Hola aus Punta del este, dem exclusivsten Badeort Suedamerikas; alles was Rang und Namen, hat verbringt hier seinen Sommerurlaub, die reiche Elite wohnt zum grossen Teil hier, verbringt aber den einheimischen Winter im europaeischen Sommer in den angesagten Luxusorten (Nizza,Cannes u.a.). Waehrend es im suedamerik. Sommer hier somit vor Menschen ueberquillt und Appartements, Hotels oder gar Ferienhaeuser fuer Normalsterbliche unbezahlbar sind, ist im jetzigen Winter gaehnende Leere angesagt; eine Skyline wie in Miami Beach, wunderschoen gelegen mit einer geradezu absurd anmutenden Beschaulichkeit... Endlich scheint nach 3 Tagen Tristesse auch wieder die Sonne von einem blauen Himmel bei allerdings frostigen 12 Grad. Heute auch der erste "kleine Zwischenfall": Ich steh auf einem leeren Strandparkplatz zentrumsnah und sitze in meinem "Wohnzimmer" bei geoeffneter Tuer und lese gerade was, als ich draussen leise Stimmen hoere, offensichtlich Spaziergaenger, die sich das AAuto anschauen. Ich kuemmer mich nicht weiter drum, als ichs ploetzlich in der Eingangstuer, die ich von meiner Sitzposition nicht einsehen kann rascheln hoere. Ich beuge mich vor und sehe zwei Haende, die sich gerade meine ausgelatschten Turnschuhe greifen, waehrend die teuren Trekkingboot bereits jemand anders in der Hand hat!!!! Zwei jugendliche Diebe, vielleicht 16, Junge und Maedchen, gut gekleidet. Die sind genauso erschrocken wie ich, dachten wahrscheinlich, ich bin eingepennt.... Ich hin zur Tuer, ein Satz nach draussen (ueber ein Meter hoch) und sie fangen an zu rennen; Mist, denk ich, in Socken wird das ein hoffnungsloses Unterfangen, zumal ich mich gar nicht vom Auto bei geoeffneter Tuer entfernen kann, ist ja vielleich nur ein Ablenkungsmanoever, um mich vom Auto wegzulocken. Ich renn also ein paar Meter hinterher, bin eigentlich dicht hinter ihnen, als sie ploetzlich stehenbleiben und mit einem "Perdone" mir die Schuhe wieder aushaendigen..... Die hatten naemlich ihr Moped dabei, mit dem haetten sie nicht mehr fluechten koennen, ohne das ich sie schnappe - und zwei paar Schuhe gegen ein Moped war dann wohl ein schlechtes Geschaeft.
Na, das ist ja die rechte Einstimmung auf Montevideo, wo ich in einer Woche meine Frau erwarte, ist vielleicht eine ganz gute "Warnung" nix zu riskieren und lieber schoen vorsichtig zu bleiben. Die beiden waren naemlich ganz klar Gelegenheitsdiebe, fahren mit ihrem Moped zufaellig vorbei und sehen mich da stehen, da kann man ja mal schauen; wenn sie dann aber organisiert vielleicht zu fuenft oder sechst und noch mit nem Messer in der Hand dastehen, siehts schlecht aus; um die Trekkingschuhe waer es echt schade gewesen, die haetten leicht weg sein koennen, ich haett mich ja gewundert, wenn ich ne halbe Stunde spaeter losgefahren waer - und die Schuhe sind weg........

]
das wars jetzt aber erst mal mit Internet, wenn das Wetter so bleibt........
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Beitragvon tibesti » 30.06.2006 17:59

eine Uruguay-Diashow ist online

Uruguay1

Ich schlag in Piriapolis Wurzeln, einem Ort an der Atlantikkueste, 150 KM oestlich von Montevideo, in der Hochsaison von 40.000 Leuten besiedelt, leben jetzt 3000 hier, eine geradezu idyllische Beschaulichkeit. Ausserdem ist die welt klein, hab ich doch gestern ein Schweiz/italienisches Paar mit ihrem Mercerdes-Wohnmobil kennengelernt, das seit 3 Jahren auf Nord-und Suedamerikatour ist. Vor einem halben Jahr hatte ich in einem Reiseforum von ihren schlechten Erfahrungen bei der Verschiffung ihres Fahrzeuges mit der Grimaldi-Linie gelesen, was ohne eigene Begleitung als Fracht leergeraeumt in Buenos Aires ankam (4000 Euro Schaden). Jetzt lern ich sie persoenlich kennen. Sie sind schon 4 Wochen hier vor Ort, weil sie ein Haus zum Vermieten an Sommergaeste kaufen wollen. Viele Einheimische vermieten im urug. Sommer ihre eigenen 4 waende fuer 3 Monate und ziehen irgendwohin ins ein Appartement zur Miete; fuer die Miete zahlen sie dann 300 US-Dollar im Monat, fuer die Vermietung des Hauses kriegen sie bis zu 2000 US-Dollar in der Woche...... Ein nettes Geschaeft. Die beiden Schweizer, vorweg im Bankgeschaeft als Angestellte taetig haben den Ausstieg 10 Jahre vorbereitet, indem sie als Doppelverdiener 1 Gehalt zur Seite legten. Jetzt sind sie ueber 3 Jahre on Tour und geben ca. 7000 Euro im Jahr aus, hinzu kommen 2000 Euro schweizer Krankenversicherung, also Kosten von 10000 Euro im Jahr....Und dabei leben sie nicht schlecht und muessen auf nix verzichten.

Ansonsten hats hier einen kleinen Jachthafen, wo etliche Weltenbummler mit ihren Segeljachten ankern. Der Liegeplatz kostet sie hier ca. 7 US-Dollar am Tag, 50 KM weiter im mondaenen Punta del Este kostet der gleiche spass 100 US-Dollar am Tag. Es hat ein amerikanes Paar mit einem wunderschoenen, sehr grossen Segelboot aus Holz, 2 Einhand-Weltumsegler und einen Franzosen, der sein Riesen-Segelboot fuer bis zu 15 Passagiere an Land gerade fuer Chartertouren in die Antarktis vorbereitet (fuer zahlungskraeftige kunden, die bereit sind 1000 US-Dollar am Tag fuer das exclusive Vergnuegen hinzublaettern......

Und so geht die Zeit beim Warten auf die Ankunft meiner Frau am 6.7. dahin mit Spazierengehen, Lesen, Fotos bearbeiten, Essen gehen, nette Gespraeche fuehren, alles tranquillo - wie man im Spanischen sagt oder auch todo bem, wie der Brasilianer mit hochgestrecktem Daumen bemerken wuerde....
Zuletzt geändert von tibesti am 26.09.2007 19:32, insgesamt 4-mal geändert.
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Beitragvon tibesti » 06.07.2006 02:38

5.7. der letzte Tag allein, bevor es zu zweit weitergeht...

seit 3 Tagen in Montevideo; eine sonderbare Stadt; 1724 von den Spaniern gegruendet, 1,6 Mio. Einwohner, damit lebt die Haelfte der gesamten Bevoelkerung Uruguays hier - Landflucht und Elendsvierteln sei Dank...

2 Tage sind zu kurz fuer eine wirkliche Meinungsbildung, aber das "entweder gefaellt mir oder gefaellt mir gar nicht"- funktioniert bisher überhaupt nicht- zu zerrissen ist die Stadt; ich bin da etwas ratlos.

Manchmal fuehl ich mich zum Teil an afrikanische Staedte erinnert, wenn die Haeuser einstoeckig - entweder mit viel (verfallender) Kolonialfassade oder vornehm nobel hinter Mauern sich im Gruen ausbreiten; dann wieder denke ich, "das koennt auch irgendwo im Ostblock sein, wenn marode Industrieanlagen in Hafennaehe vor sich hin gammeln, ganze Strassenzuege vor sich hin verfallen oder haessliche Hochhaeuser und grosse Wohnbloecke den Blick beleidigen.... Dann wieder hats wunderschoene Parks und Plaetze, hoch herrschaftliche Villenviertel und toll wieder hergerichtete Haeuser aus der Kolonialzeit. zudem gibt es 20 KM sandige Badestraende (natuerlich nicht im Winter bei 16 Grad) am Rio de la Plata, der 30 KM hinter der Stadt in den offenen Atlantik uebergeht - aber an manchen darf wegen zu hoher Wasserverschmutzung nicht gebadet werden. Kurz: Extreme Gegensaetze auf engstem Raum.

Trotz wirklich miesem Wetters (Nebel und leichter Nieselregen) am ersten Tag lauf ich 6 Stunden kreuz und quer durch den Citybereich und die Altstadt, setz mich in Cafes und guck mir die Leute und ihr Treiben an, - und werd doch nicht so richtig warm mit der Stadt. Vielleicht liegts am Wetter (obwohl, das ist jetzt wieder schoen) oder vielleicht bin ich auch etwas Großstadtmuede nach den wunderbar entspannenden Tagen in Piriapolis, also kuemmer ich mich lieber ums Auto, wo einige Arbeiten zu erledigen sind, check den Flughafen, wo Silvia in Kuerze einfliegen wird und die Reise von neuem beginnt.

Was zunaechst bleibt, ist ein subjektiv, willkürlicher Blick auf die Stadt in Fotos, doch selbst die wollten bei dem miesem Fotowetter am "City-Wandertag" nicht so locker gelingen..

Montevideo
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Beitragvon tibesti » 14.07.2006 16:40

Auf einem internationalenm Tourismuskongress warb warb der urug. Tourismusverband einmal mit den Worten: "ueber die Kunst, das Unscheinbare zu entdecken"; treffender konnte die Formulierung ueber dieses "pequenia gran Pays - das kleine grosse Land " nicht lauten, wie ich nach inzwischen mehr als 4 Wochen im Lande feststellen kann. Was von mir lediglich als unbedeutende Zwischenstation auf der grossen Suedamerikatour gedacht war, entpupte sich als ein echtes Highlight - und das ganz ohne Wuesten, Schlamm- oder sonstige Urwaldabenteuer, die sonst immer den Kitzel einer unserer Reisen ausmachten- ja sogar ausmachen mussten.

Nein, hier ist es tatsaechlich das Unspektakulaere, worin die Faszination liegt:
Die Weite und Leere der Landschaft, die verschlafenen und stillen Provinzstaedte mit ihrer romantischen Kolonialarchitektur und seinen vielen automobilen Oldtimern, die einsame und wunderschoene Atlantikkueste mit seinen stillen Fischerdoerfern und kleinsten Feriensiedlungen und nicht zuletzt die sympatischen Menschen voller Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft: Da wird an der Tankstelle schnell der Wasserschlauch organisiert, damit wir unsere Wassertanks bequem fuellen koennen, da radelt der Angestellte der Apotheke schnell durch die Stadt, um ein Medikament fuer uns zu besorgen, da fragt der Mechaniker der Werkstatt, vor der ich wegen dem Anlasser uebernachte, jeden Abend hilfsbereit, ob ich irgendwas benoetige- generell sind die Menschen sehr offen und neugierig auf uns "Fremde".

Wer an diesem Flecken Erde nicht "tranquillo" wird und zur Ruhe kommt, dem ist nicht mehr zu helfen; so tasten wir uns seit Ankunft meiner Frau vor 9 Tagen langsam Richtung Norden und geniessen die Augenblicke des Hier und Jetzt - nicht mehr und nicht weniger; Wenn seit 1 Tag das Wetter nicht so schlecht waere mit Regen und max. 12 Grad (es ist erst der 4. Regentag in 4 Wochen), wuerde der Abschied von diesem wunderbaren Land noch schwerer fallen als er es ohnehion schon tut. So aber werden wir uns in den naechsten Tagen Richtung Brasilien aufmachen, noch im Unklaren ueber die genaue Reiseroute, aber sehr gespannt auf das "brasilianische Lebensgefuehl", von dem immer wieder so viel geschwaermt wird.

Eins aber bleibt: Uruguay hat mich/uns nicht zum letzten Mal gesehen, todsicher- weis weiss, vielleicht sogar auf laenger....

UruguayIimpressionen-Teil2
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Beitragvon oegeat » 14.07.2006 18:58

ich nehme an das ich für viele spreche - tolle Bilder
super Aufnahmen

Grüße Gerhard
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon tibesti » 14.07.2006 21:28

Herzlichen Dank Gerhard

Schlechtes Wetter mit Zeit fuer Internet, deshalb kleiner Nachtrag von heute:

Ich steh beim Auto und wart auf Silvia, die sich im Auto zu schaffen macht, kommt ein Mann aus dem Geschaeft nebenan und spricht auf mich ein, ich nix verstehn ausser dem wort "Periodica" und denk, was will er bloss mit seiner Zeitung. Da bedeutet er mir zu warten, zeigt auf das Haus eine Ecke weiter, laeuft hin, klopft an und raus kommt: Das Fernsehteam vom Lokalsender Antenne 12, Reporter und Kameramann. Sie haben unser Auto quasi vor ihrer Tuer stehen sehen und die Nahbarschaft alarmiert, uns in jedem Fall zwecks Interview dingfest zu machen. Als ich versteh, was da auf mich zukommt, moecht ich fast im Boden versinken; gern wuerd ich stundenlang mich begeistert ueber Uruguay im Besonderen und die aktuelle weltpolitische Lage im Allgemeinen aeussern, aber bittschoen doch nie und nimmer auf Spanisch. Ich hab keine Chance, muss vor dem Auto posieren, Kamera an und Action...Mit betont langsamen Worten stellt er seine Fragen, De donde eres, Donde vas, woher, wohin, weshalb, wieso; endlich taucht meine Gemahlin aus den letzten Winkeln unseres Wohnmobils auf mit den Worten: was treibst du hier eigentlich? und schwupps, hast du nicht gesehen, wird sie herzlichst als neuer Studiogast begruesst und meistert das natuerlich bedeutend eleganter als ich - Frauen ham das einfach immer sofort drauf, wenn auch nur die minimalste Chance auf eine Medienkarriere in Sicht ist. Nach ca. 10 bis 15 Minuten ist der Spuk zum Glueck vorbei, das Auto wird zum Schluss noch von allen Seiten abgelichtet, die Visitenkarte in die Hand gedrueckt, allg. Ratschlaege ueber Brasilien erteilt( Augen auf, Vorsicht Diebe und Pistoleros) und in den naechsten Tagen wird die urug. Provinzwelt (49000 Einwohner) unglaubliche Belanglosigkeiten in einem schauderhaft unverstaendlichen Gebrabbel staunend und sprachlos zur Kenntnis nehmen (muessen)....

2 Stunden spaeter: wir wollen die alte Postkutschenstation von Chuy aus dem Jahr 1880 besichtigen, erwischen die falsche Strasse und landen nach 25 KM quasi auf dem Gelaende einer estancia, wo wir auf diese Weise einem Gaucho zu einer unverhofften Mitfahrgelegenheit in die Stadt verhelfen. Wir verstehen zwar wieder nur einen Bruchteil von dem, was er uns alles froehlich zu erzaehlen versucht, aber wie er da so mit braungebrannter ledergegaerbter Haut dasitzt, leicht nach Pferd riechend und einem unglaublichen froehlich-herzlichen Laecheln im Gesicht, ist sie wieder da: meine Begeisterung fuer diese Menschen und dieses Land..........
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Beitragvon daydraderch » 17.07.2006 10:16

auf jedenfall, ich freue mich jedesmal sehr, wenn wieder ein neuer reisebericht erscheint und ich die tollen foto's sehen darf!! noch eine gute restliche reise und viel spass!!
daydraderch- markus
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Beitragvon tibesti » 17.07.2006 17:05

in aller Kuerze: wir sind im urug. Grenzort Artegas angelangt und werden das Land heute Richtung Brasilien verlassen.

d.h. es ist Zeit fuer einen kleinen fotografischen Abschiedsblick nach Uruguay, der u.a.
-von der alten Postkutschenstation Antigua de Chuy von 1859 handelt, die an der wichtigen Verbindungsroute nach Rio Branco und Brasilien lag; hier wurden die Pferde gewechselt und die Reisenden konnten sich von der beschwerlichen Tour erholen und auch uebernachten. Heute ists ein Museum z.T. mit Originaleinrichtung.....

Adios Uruguay

Uruguay-Iimpressionen-Teil3

die passende Musik dazu gibts hier, leider ist mir die Verknuepfung mit der Diashow bisher noch nicht gelungen.

Uruguay-Iimpressionen-Teil3-Musik
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Beitragvon tibesti » 26.07.2006 22:11

FOZ de Iguazu, 26.7.06

Die ersten 10 Tage in Brasilien sind fast um, wir tasten uns gemütlich in max. 100-150 KM km Etappen voran,
ein Genuß, dieses Reisen ohne Zeitdruck, wo nicht das Ankommen, sondern der Weg das Ziel ist - Schauen, geniessen, und eine fremde Kultur erfahren und vielleicht auch etwas verstehen lernen.....

Es stellt sich oberflächlich betrachtet natürlich sofort die Frage, Ist dies hier im Süden wirklich Brasilien ist oder nicht eher Mitteleuropa: Rio Grande do Sul und Santa Catarina - die beiden südlichsten Provinzen Brasiliens sind eine mitteleuropäisch-zu grossen Teilen sogar von deutschen Einwanderern seit dem vorletzten Jahrhundert geprägte Kulturlandschaft. Viele deutsche Namen und auch deutsche Sauberkeit prägen mancherorts das Bild, die Landschaft geht von den reinen weiten Viehzüchterebenen im Süden allmählich in ein ackerbaulich genutztes Hügelland über - und nicht selten denken wir uns beim beim Durchfahren der Landschaft: Mensch ist das schön in Deutschland.... äh - eben nicht...!

Dann aber immer wieder diese Bilder, die nicht ins "Deutschlandbild" passen:
etwa die Behausungen der ärmeren Caboclos, deren Holzhäuser auf Stelzen eher an Amazonashütten erinnern,
die vierorts subtropisch-üppige Vegetation, die in Flußnähe zum Rio Uruguay in subtropischen Dschungel übergeht,
schließlich die frappierende Freundlichlkeit, Direktheit und Offenheit der Menschen; wo wir auch hinkommen mit unserem auffallenden Fahrzeug, überall Neugier und Kontaktaufnahme und häufig die typisch brasilianische "Daumen hoch"-Geste, TUDO BEM- was alles heißt, also hier:
Klasse das ihr da seid, paßt auf euch auf und und und....

Wie steht es so schön geschrieben:
"Tudo Bem wird gefragt. Wie gehts? Den Daumen nach oben: Tudo Bem! Heißt: Alles klar, natürlich, schon recht, na gut, wenns denn sein muss. Alles ist tudo bem! Wir hungern, aber wir leben, tudo bem, der Wagen ist schrottreif, aber wir haben keinen Kratzer abbekommen, Tudo bem, sie hat nun das Baby gekriegt, aber der Vater ist getürmt, tudo bem,. Tudo Bem ist die Philosophie des Minimalismus, des Glücks im Unglück, der vitalen Reserve, der Leidensfähigkeit und des Fatalismus. Ergebenheit,Einverständnis, Resignation, Lethargie, Kompromissbereitschaft, Friedfertigkeit,Zustimmung, Kritik, Begeisterung: alles tudo bem.
Tudo Bem ? Kein Brasilianer antwortet darauf etwa: hundsmiserabel, prächtig, bestens oder schlimm. Nein! Die Antwort lautet: Tudo bem. Es erspart eine Menge Worte und Energie in dieser Hitze und Hetze. Tudo Bem ist ein Seufzer der brasilianischen Seele odere ihr Jubelschrei...."

Statt tudo bem werden wir übrigens mehrmals von deutsch-sprachigen Braslianern herzlichst angesprochen und begrüßt, wobei die Geschichten sich gleichen. Die Urgroßväter wanderten im vorletzten Jahrhundert häufig aus den deutschen Ostgebieten nach Brasilien aus, die inzwischen dritte oder vierte Generation der hier geborenen Brasilien-Deutschen ist in ihrem Wesen deutsch geblieben und pflegt weiter deutsche Kultur und Sprache. Und wie sagte der eine zu uns: "Man weiß doch, wo seine Wurzeln sind und: Die Menschen der 3 Südprovinzen erarbeiten den größten Teil des brasilianischen Steueraufkommens; wenn es nach ihnen ginge, würde diese Provinzen sich liebend gern von Brasilien lösen und einen eigenen Staat gründen: dann wär hier nicht dritte Welt, sondern erste Welt."


Highlights der Woche sind ansonsten eher die Kleinigkeiten am Wegesrand und nicht die grossen touristischen Aha-Knaller, die die Abwechslung in den Alltag bringen.

Wir besuchen das Provinzkaff Itaqui direkt am Rio Uruguay. Wunderschön alte Kolonialarchtiktur am Fluss, allerdings schon sehr verfallend und offenbar Wohngegend ärmerer Leute; wunderschön die Abendstimmung am Fluss. Wir beschliessen, direkt an der Ufermauer in einem kleinen Park zu übernachten. Nachts zum 2 bricht ann die Hölle los: Dies ist der Treffpunkt der Jugend für die Parties. und das funktioniert wie folgt: Nichts geht nachts vor 12 Uhr los. Dann rollt man in Autos an, besetzt gegeignete Plätze, klappt den Kofferraum auf oder die Ladeluke eines Pickup und - heraus kommt eine Soundanlage, die einem Grosskonzert der Stones mit 50.000 Zuschauern zur Ehre gereichen würde. Die Fahrzeuge sind wandelnde Beschallungsanlagen, Kilometerweit hallt das Konzert durch die Nacht - je lauter, desto besser. Noch einmal haben wir das Vergnügen bzw. das Pech: Mitten in der Pampa parkieren wir auf einem kleinen Platz vor einer Minikapelle. Kilometerweit von jeder Ortschaft entfernt in wunderschöner Lage. Pech gehabt. Mitten in der Nacht rollen sie an und - los gehts. Diesmal um 3 Uhr am Morgen. Was bleibt ist letztlich resignieren oder aufstehen und ebenfalls Party machen. Vorgestern erleben wir das Vorspiel: Wir laufen durch eine Kleinstadt, ein paar Geschäfte, Kneipen, 2 Tankstellen. 200 m die Strasse hoch und zurück. Es ist halb neun am Abend. In Gruppen stehen die Jugendlichen herum, sitzen in Hauseingängen oder auf Plastikstühlen vor den Tankstellen und vor den wenigen Bars. Bierflaschen kreisen, Bierkaesten sind in Reserve vorhanden, alle warten offensichtlich auf irgendwas. 3 oder 4 Autos stehen daneben, die Beschallungsanlage aufgeklappt bei allerdings moderater Lautstärke, offensichtlich ist gerade Soundcheck und Probelauf. Wir setzen uns zwischen die Leute und trinken ein Bier. Nach einiger Zeit plötzlich offensichtlich ein heimliches Signal und allgemeiner Aufbruch. In 10 Minuten sind alle Jungs und Mädel samt Autos verschwunden, die Party kann wohl bald losgehen. Wir denken uns: Wer hier das Geld hat, um sich Auto und die bestimmt sündhaft teure Musikanlage zu leisten , muss der absolute King sein, der Rudelführer, um den sich alles schart. Gehört wird übrigens nicht das übliche US-amerikanische Massenrepertoire, nein die Leute, auch die jungen stehen auf der MPB, der Musica Popular Brasileira, das umfasst ein weites Repertoire (in Nordbrasilien anders beinflusst als im Süden), vor allem auch viel volkstümlich-traditionelle Musik- und wirklich nichts von dem, was uns in diversen deutschen Multi-Kulti-Musiksendungen als "braslianisch" verkauft wird.. Was wir bezüglich des "Mitsingens"der Lieder beobachten, stimmt mit dem überein, was wir über Brasilien lesen: "Zum einen identifiziert sich nicht nur die Jugend mit der MPB, nein sie ist Kultur der ganzen Bevölkerung, wobei die Texte mindestens gleichberechtigt mit der Musik sind. Es ist erstaunlich zu sehen, wie Brasilianer die Songs ihrer Idole von der ersten bis zur letzten Zeile mitsingen können. Die Autoren der Liedtexte werden oft genauso verehrt wie Komponisten und Interpreten. Wenn Brasilianer hören, das im deutschsprachigen Raum die meisten Musiktexte auf Englisch gesungen werden, können sie nur den Kopf schütteln."

Später lesen wir: „Ein Land der Morgenstille ist Brasilien wahrlich nicht. Es gibt immer etwas laut zu feiern. Eigentlich kommen Brasilianer immer nur zu diesem Zweck zusammen. Feiern – das heißt, sich des Lebens zu freuen. Dazu braucht es keinen Anlass.Aber man braucht z.b. einen Gitterrost, ein wenig Kleinholz, einen etzen Fleisch oder ein paar Bratwürste, eine Flasche Schnaps und viel Bier. Und schon haben wir den schönsten Churrasco, dessen Qualm sich vom Balkon, aus dem Hinterhof, der Strassenecke, oder Spielplatz oder sonst wo in die weite Umgebung verbreitet und neugierige Gäste anlockt. Heissa! Es wird gefeiert. Schon parkt neben dem Grill ein Auto, der Kofferraum sperrangelweit auf, damit die eingebauten Lautsprecher ihre volle Wirkung entfalten können. Kein Mensch stört sich an der Lärmentwicklung, ganz im Gegenteil. Nur die Bösartigen können schlecht darüber denken. Die Polizeistreife feiert mit“............WIE WAHR.....


Soviel zur Musik und Partylaune der Jugend. Nach überstandener Musiknacht stehen wir am nächsten Morgen nochmals in einer einsamen Seitenstrasse der Altstadt Itaquis, als uns ein Braslianer interessiert anspricht nach dem Woher und wohin; als er hört, das wir kein Portugisisch können, entschuldigt er sich kurz und kommt nach wenigen Minuten mit einer Bekannten wieder, die Englischlehrerin ist und dolmetschen kann. Während des netten Gesprächs schliesslich beginnt er auf einmal hektisch mit seinem Handy zu telefonieren und..... kurz darauf werden wir vom heraneilenden Reporter des lokalen Radiosenders samt Aufnahme-Equipment verhaftet, der auf temperamentvolle Weise voller Begeisterung ein Interview mit uns beginnt, diesmal zum Glück mit Englisch-Übersetzerin. Na sowas: in wenigen Tagen gleich zweimal in den Medien, wenn das so weiter geht, müssen wir noch über einen Agenten nachdenken.....

Weiter gehts. Wir beschliessen, statt selbst zu kochen endlich einmal eine "Churasceria" aufzusuchen, eine dieser populären Fleisch-Fresstempel der Brasilaner des Südens. Und ich muss sagen: Zapperlot, das liegst di nieder...... Es handelt sich letztlich um ein Essen zum Festpreis. Die einzige Entscheidung, die man treffen muss ist, welche Variante man haben will: Nur Asado-also Grillfleisch pur oder auch Buffet, also Salate, Würstchen, Reis, Fritten und, und, und. Dann nimmt man sich Teller und Besteck, schreitet das Buffet ab und legt auf, was das Herz begehrt; schliesslich lustwandelt man zur Grilltheke, wo einem ein Bediensteter verschiedene Grillfleischstücke anbietet. Man entscheidet sich für eins, sucht sich mit seinem vollen Teller dann einen freien Tisch, bestellt noch etwas zu trinken und fängt an zu essen - um dann sehr schnell festzustellen, das der persönliche Besuch an der Grilltheke nur dazu diente, den ersten Weg vom (Beilagen)Buffett zum Tisch nicht gänzlich fleischlos beenden zu müssen. Denn nun gehts erst richtig los: Im 1 bis 2 Minutentakt eilen mehrere Angestellte mit riesigen über einen halben Meter langen Fleischspiessen voller unterschiedlichster Grillfleischsorten von Tisch zu Tisch und versuchen, ihre Ware unters Volk zu bringen. Da die Fleischspiesse schneller herumeilen als man selber essen kann, füllt sich mit jeder Minute der eigene Teller mehr und mehr, so das man schliesslich vor einem Riesenberg Grillfleisch sitzt und einem Gürtel und Hosenknöpfe schon allein vom Anblick dieser wabernden Fleischmassen von alleine platzen und reissen. Natürlich kann man auch eine Runde auslassen, aber wer will schon die Arbeitsfreude eines Menschen mutwillig zerstören, dessen sinngebende Motivation darin besteht, "seinen" Fleischspieß der Kundschaft schmackhaft zu machen. So dirigiert man stattdessen den Spiessmann und dessen langes Messer zu der Stelle am Spiess, die einem am meisten zusagt, haut seine eigene Gabel ins Fleisch und läßt ein ordentliches saftiges Stück abschneiden. Und so ißt man und ißt und ißt und ißt und..............wird letzlich nur von der 2 bis 3-stündigen Zeitbegrenzung eines solchen Churasco vor dem ultimativen Völletod bewahrt. Spätestens wenn der Grillchef seine Spiesse einpackt, ist Schluß mit der Qual und man muss sich einzig noch mit dem Problem herumschlagen, wer einen nun aus dem Lokal zum Auto rollt, denn selber laufen ist inzwischen nahezu unmöglich geworden. Und was kostet der Spaß ? Einmal Buffet und Grillspiess endlos für 2 Personen plus 2 Cola kosteten in diesem Fall ca. 10 Euro.....! Das Ganze nennt sich übrigens sehr treffend „espeto corrido – also ungefähr herumrennender Fleischspiess...“ .
Wir lesen: „ Brasilien ist ein Riesenland mit gigantischen essenspotionen, die jedes Mal für mindestens 2 Personen reichen....entlang der Pisten finden sich unzählige churrascarias, die Buspassagiere und Ritter der Landstrasse so gut und preiswert versorgen, dass europäische Autobahngastwirte vor Scham erbleichen müssten...“

Die nächste Nacht verbringen wir am Rande einer Stadt auf dem grossen Parkplatz einer Fernfahrer-Tankstelle. Am Morgen plötzlich grosser Auflauf: Auf der anderen Strassenseite befindet sich eine lokale Mercedes-LKW-Niederlassung und man hat unser Auto entdeckt. Als was Rang und Namen hat kreuzt auf, der Chef der Niederlassung und sein Finanzchef und einige sonstige Angestellte. Grosses Hallo, einer spricht deutsch, hat bei Mercedes in Deutschland und der Schweiz gearbeitet, unser Fahrzeug, vom Modell her hier unbekannt, begeistert sie - alles wird digital abgelichtet und zum Schluß bekommt unser Fahrzeug einen kostenlosen Abschmierservice und wir werden schließlich herzlichst verabschiedet-
einfach nur schön, diese Spontaneität und Hilfbereitschaft....

"Sinnliches" Highlight dieser Woche bleibt der Besuch des Wasserfalls "Salto de Yakuma", wo sich der Rio Uruguay auf einer Länge von 3 km nicht quer, sondern "längs" zur Flußrichtung eine 10 bis 15 m hohe Felsstufe überwinden muss. Der Wasserfall selbst sowie die Anfahrt durch den dichten subtropischen Dschungel waren ein echtes Erlebnis, was wir fast verpaßt hätten, wenn nicht ein kleines Hinweisschild uns auf diese Sehenswürdigkeit hingewiesen hätte, denn der Ort ist weitgehend unbekannt und auch in keinem Brasilien-Reiseführer erwähnt.

Wir versuchen, wenn möglich, auf wenig befahrene Nebenstrecken auszuweichen. Immer wieder fällt an den Siedlungen und Häusern der extreme soziale Gegensatz auf, der die bras. Gesellschaft tief spaltet. Auf einer wunderschönen tief zertalten Gebirgsstrecke fühlt man sich teilweise tief im hintersten Amazonien, ärmlich wirken die Holzbehausungen am Wegesrand. Wir durchqueren offensichtlich eines der besonders rückständigen Gebiete (Bolsoes de miseria), von denen es insgesamt 13 im Land geben soll, davon 3 im Süden. Wir lesen: „....Dort sind die Lebensbedingungen nicht besser als in Uganda oder Sambia. Die Hungerleider auf dem Lande schlagen sich durch ein Leben, dass so wenig Chancen bietet wie das der Krauter oder caboclos(ungebildete, arme Landbewohner), die ein Stück Land ihr Eigen nennen. Auch sie leben nur von der Hand in den Mund....Leben auf Sparflamme. Die meisten Landbewohner, wenn sie nicht zu den wenigen, wohlhabenden Großgrundbesitzern gehören, haben ihr Lebtag nur Reis und Bohnen im Blechnapf gesehen und ab und zu mal ein Stück zähes Fleisch...“


.....Und so tasten wir uns weiter ins Land hinein, das als 5.grösstes Land der Erde so wahrhaft riesige Ausmasse hat, daß wir nach längerer Beratung entschieden haben, dieses Land in zwei Schleifen zu bereisen, zunächst über das Pantanal und das südwestliche Amazonasgebiet Richtung Andenhochland (wo das Zeitfenster für gutes Wetter sich Ende Oktober schließt) und im nächsten Jahr die brasilanische Küste und den Norden des Landes samt Amazonas.. Doch das ist noch weit entfernt und so freuen wir uns zunächst über jeden neuen Tag, den wir gesund mit seinen kleinen oder manchmal auch grossen Höhepunkten erleben dürfen,, oder auch nur kurz: tudo bem!

Até logo, até a prόxima…..

“Der Sinn des Reisens besteht darin, unsere Phantasien durch die Wirklichkeit zu korrigieren. Statt uns die Welt vorzustellen, wie sie sein könnte, sehen wir, wie sie wirklich ist....“ (S.Johnsen 1696-1722)

a boa vida mora no prato limpo – Das gute Leben wohnt im leergegessenen Teller.
A vida e ruim, mas niguem quer morrer – Das Leben ist mies, aber keiner will sterben....“ (Volksweisheiten aus Braslien)

Hier gehts zu den Bildern, ich hoffe die Links sind richtig, denn die haben hier einen Sex-Filter eingebaut, so dass alle jpg- und html-links als verdaechtig abgelehnt werden.... so was auch

Brasilien1-Fotos

Bilder-Nachtrag:
Foto1
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ein schoenes Beispiel der Musica Popular Brasiliens aus dem Gaucho-Sueden von der Gruppe Gaucho da frontera: alpenlaendisch angehauchter Gaucho-Rock

Mp3-Song1
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Beitragvon tibesti » 09.08.2006 22:33

Chapada dos Guimares, 9.8.06

4 Wochen Brasilien sind nun bald um und wir sind bis ins eigentliche „Kernland“ Brasiliens, Mato Grosso vorangekommen. Nach 5 gemeinsamen Reisewochen haben wir inzwischen unseren „Reiserhythmus“ gefunden. Relaxt und zeitlos lassen wir uns treiben,
ausser einem kurzen Reisetagebuch gibt es wenig Aufregendes zu berichten.

Das Durchqueren der „europäischen“ südlichen Brasilien-Bundesstaaten fand im Bundesstaat Parana mit dem obligatorischen „Pflichtbesuch" der Wasserfälle von Iguazu seinen Abschluss. Abgesehen von der Tatsache, dass die Fälle in den Monaten Juli/August bedingt durch den Wassermangel der jetzigen Trockenzeit (die dieses Jahr nach Aussage vieler Brasilianer sehr ungewöhnlich ist) nur wenig Spektakuläres zu bieten haben, finde ich persönlich solche „touristischen“ Pflichtbesuche immer nur nervtötend. Schlange stehen beim Eingang in den Nationalpark; Schlange stehen beim Warten auf den Shuttle Bus, Schlange laufen auf den vorgegebenen Trampelrouten, Schlange stehen an den „Foto-Hotspots“, wo Mutti und Vati unbedingt das klassische „Wir vor dem Wasserfall“ Portrait schiessen wollen, danach vorbei an Souvenierständen und Fressbuden wieder zurück- ein echtes „Naturerlebnis“; dabei ist jetzt sogar noch Nebensaison, ich moecht gar nicht wissen, was hier in der Hauptsaison los ist...

Überraschung dann bei der Weiterfahrt am gestauten Parana entlang Richtung Norden. Mitteleuropäisch wirkende Orte, geleckt und schnieke vor Sauberkeit, freundlichen Menschen und wunderbar einsame Freizeitparks entlang des Flusses/Staussees – hier leben viele deutsch- und Schweizstämmige Brasilianer. Man reibt sich stängig die Augen und fragt sich: Wo ist da eigentlich Brasilien....?

Das Bild ändert sich schlagartig mit Überqueren der Staatsgrenze zu Mato Grosso do Sul, wir pirschen uns entlang der paraguayanischen Grenze auf Nebenstrassen nach Norden Richtung Pantanal. Mato Grosso heißt „grosser Wald“ und bekam seinen Namen fälschlicherweise von den Portugiesen, die das Land zunächst über die Flüsse erkundeten und angesichts der dichten Uferwälder sich in einem riesigen Waldland wähnten, ohne zu ahnen, dass sich hinter den Wäldern endlose Savannen erstrecken. Hier prägt wieder die Viehwirtschaft mit riesigen Fazendas das Landschaftsbild; unbekannt war uns, das die Grundlage der brasilianischen Viehwirtschaft mit dem Inport von indischen Zebu-Buckelrindern um 1890 geschaffen wurde.
„Die zähen und genügsamen Nelore-Rinder gediehen viel besser im tropischen Klima, auf den mageren Böden und unter der Insektenplage als die hochgezüchteten europäischen Kühe. Gewiss, ein Zebu-Rind bringt auch heute noch, nach einigen tausend Züchtuingszyklen, nur einen geringeren Fleisch- und Milchertrag . Doch darauf kommt es in Brasilien weniger an: Das Vieh steht das ganze Jahr über auf der Naturweide. Künstliche Futterzusätze sind ausgeschlossen. Ein Zebu-Rind muss die Nahrung schon selbst in der Steppe finden, periodische Dürren sind nicht selten, Schlangebisse auch nicht. Eine Kuh muss auch ohne menschliche Hilfe kalben können. Die Rinderhaltung gleicht unter diesen Umständen oft mehr der Wildtier-Haltung....“ Und so sind von 180 Millionen Rindern in Brasilien allein 110 Millionen Zebus. Statistisch kommt auf jeden Brasilianer 1 Rind.

Jetzt bin ich etwas sehr auf das Rind gekommen, deshalb Themenwechsel:

Die meisten Orte, die wir durchfahren, sind wenig aufregend und meist schmucklose Landstädte, rein auf die Versorgung der verstreut lebenden Landbevölkerung ausgerichtet. Früh werden in Braslien die Bürgersteige hochgeklappt; Spätestens ab 8 Uhr abends ist bis auf die Bars und die endlos vielen „Farmacias“ alles dicht. Kein Vergleich zu den uruguayanischen Orten mit ihrer prächtigen Architektur. Es ist letztlich wie in Afrika- hast du einen Ort gesehen, hast du sie eigentlich alle gesehen, jedoch mit dem Nachteil, dass hier zusätzlich das „afrikanische“ Flair fehlt, das ich doch ab und an vermisse . Was neu ist seit Mato Grosso: Häufig befinden sich längs der Strassen, d.h. mehr oder minder im Strassengraben ganze Sidlungen sogenannter „Landloser“. Bretterbude reiht sich an Bretterbude, häufig nur mit Plastikplanen notdürftig gegen Wind und Wetter geschützt. Was oberflächlich betrachtet häufig nur temporär aussieht, entpuppt sich aus der Nähe dann vielfach als permanente Siedlung, wo neben den Hütten oft ein kleiner Gemüsegarten angelegt ist. Warum solche „Siedlungen“ gerade an diesen Stellen existieren und nicht ein paar km weiter, bleibt uns verborgen. Wir erfahren, dass es sich um Landlose handelt, die ein Stück Strassenrand okkupiert haben in der Hoffnung, dass die Regierung ein altes Versprechen einlöst, Land von den Großgrundbesitzern aufzukaufen und es an die Landlosen zu verteilen. Na, da können sie wahrscheinlich noch lange warten.
„Zu Recht ist Braslien international als eines der Länder mit der ungerechtesten Besitz- und Einkommensverteilung bekannt. Auf 10% der Bevölkerung, die praktisch am besten verdient, entfällt die Hälfte des Volkseinkommens, während die ärmere Hälfte der Bevölkerung sich etwa 10% des Volkseinkommens teilen muss. Knapp zwei Drittel der brasilianischen Lohnempfänger müssen mit etwas mehr als 100 Euro im Monat auskommen, einknappes Viertel verdient sogar nur die Hälfte. Das Bild von der sozialen Ungleichheit wiederholt sich auch beim Blick auf die Landverteilung. Die Kleinstbetriebe bis 20 ha, die etwa 2/3 aller Beriebe ausmachen, bewirtschaften zusammen weniger als 6% der Nutzfläche. Den Grossbetrieben mit mehr als 500 ha hingegen gehören fast 2/3 der Nutzfläche. Gerade auf em Land liefern die Auseinandersetzungen um die Besitzverteilungen grossen sozialen Sprengstoff. Nachdem die wichtigsten Anläufe zu einer Agrarreform gescheitert sind, hat sich das Heer der landlosen Tagelöhner und ehemaligen Kleinbauern in zahllosen Basisorganisationen und der Landlosenbewegung MST zusammengeschlossen und besetzt auf eigene Faust brachliegende Großfarmen....“

Zurück zu unserer Reiseroute:

Wir erreichen über etliche gewollte Umwege das eigentliche Kerngebiet von Mato Grosso, das Pantanal. Wir lesen:“ Pantanal bedeutet Moor oder Sumpf, doch es ist kein reines Sumpfland. Es ist eine Mischung aus Flüssen, wasserkanälen, Seen, Grassavannen, Trocken-, Galerie und Tropenwäldern. . Das Pananal wird auf drei Seiten von Bergzügen umschlossen und gilt als das größte zusammenhängene Feuchtgebiet der Erde und erhielt von der unseco den Status eines international geschützten Biosphären-Reservats, das in seiner Art dem Okavangodelta in Botswana am ähnlichsen ist.In Südamerika ist es das Gebiet mit der höchsten Pflanzen- und Tierartendichte.. Nirgendwo sonst in Brasilien kontrastieren Wasser, Sumpf und wald groesser, schoener und erhabener."

Diese Worte können wir nur unterscheiben, die „hautnahe“ Berührung mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Tieren in Verbindung mit einem wunderbaren Farben- und Lichtspiel der Natur ist schon überwältigend. Wir geniessen die Zeit im Gebiet der südlichen „Estrada Parque do Pantanal“. Doch auch hier gibt es natürlich wieder die Kehrseite der Medaille. Pantanal ist inzwischen ein touristischer Markenname und wird bis zum geht nicht mehr ausgeschlachtet. Das Zauberwort auch hier wie in vielen anderen Gebieten Brasiliens der sog. „Öko-Tourismus." Die Hochsaion lockt tausende von Touristen an. „Diese werden ann im Stundentakt mit Booten zu den Brutkolonien der Vögel gekarrt. Die Folge ist, dass diese immer mehr Stätten mit unausgebrüteten Eiern und frischgeschlüpften Jungen aufgeben. Inzwischen gibt es 200 Hotels und Pousadas im Pantanal, die meisten verbotenerweise direkt an Flüssen, in die die Abwässer eingeleitet werden. Nur drei davon haben eine staatliche Lizenz als Öko-Lodge, kein Abieter, der nicht „die professionelle“ Nachtsafari, das Piranha-Fischen, das nächtliche Kaimann-Jagen mit der Taschenlampe im Angebot hat, nicht wenige Fazendas, die mit Öko-Tourismus werben, im gleichen Atemzug aber riesige Gebiete Sumpfland trockenlegen oder Waldland brandroden, um weiteren Raum für ihre Viehwirtschaft zu gewinnen..............

Wir umfahren im weiteren Verlauf das Pantanal im Osten Richtung Cuiaba im Norden, annähernd 700 KM, die wir in 4 Tagen „abreiten“, davon einen Grossteil allerdings in 2 Tagen, was unseren Tagesschnitt von max.100-150 KM schlagartig erhöht. Das Autofahren auf Brasiliens grossen Überlandrouten lässt nur wenig Freude aufkommen, der unglaubliche LKW-Verkehr macht jedes Fahren zur Qual. LKW reiht sich an LKW. Wo es nur geht, weichen wir auf - meist unbefestigte - Nebenwege aus, die zum Teil wunderschöne Naturerlebnisse bieten, zugleich aber auch navigatorisch „problematisch“ sind, wenn an Verzweigungen statt Ortshinweisschildern Wegweiser zu Fazendas stehen.

Schliesslich erreichten wir vor 2 Tagen das nördliche Randplateau des Pantanal bei Cuiaba, wo wir im Nationalpark Chapada dos Guimaraes inzwischen eine spannende und wunderschoene Dschungeltour bewältigt haben und heute nochmals eine weitere Tour in Angriff nehmen werden, bevor es in den nächsten Tagen auf der „Transpantaneira „ nochmals ins Reich der Tiere geht und dann eine grundsatzliche Richtungsentscheidung ansteht, naemlich der Frage, ob wir bereits von hier aus den Weg Richtung Bolivien einschlagen oder den weiten Weg nach Nordwesten Richtung Porto Velho und damit richtung Amazonas-Gebiet waehlen. Fuer beide Varianten spricht eine Menge und die Entscheidung ist voellig offen.



Nach soviel "unaufgeregtem" Erlebnis folgt wie immer die

Brasilien2:Fotogeschichte-zum-Text

Hinweis: Die Fotos sind auf einen Bildschirm mit 1400*1000 Bildpunkte optimiert
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Beitragvon tibesti » 15.08.2006 19:32

15.8.06 Erneut in Chapada dos Guimaraes

Nach einem 4-tägigen Ausflug ins nördliche Pantanal (der erwartungsgemaess bei KM 110 von 149 moeglichen KM auf der sog. Transpananeira wegen fragwuerdiger einsturzgefaehrtdeter Brueckenkonstruktionen beendet war)*** haben wir beschlossen, angesichts meines morgigen bevorstehenden Geburtstages eine mehrtägige Erholungspause einzulegen. Und was ist für dieses Ereignis ein besserer Rahmen als der „geographisch“ vermessene Mittelpunkt Südamerikas bei der Ortschaft Chapada dos Guimaraes, der sowohl vom Atlantik als auch vom Pazifik 1500 KM entfernt ist.
Neben solch geballter Esoterik bietet er zusätzlich den Vorteil am Rand einer über 600m hohen Plateaukante auf 850 m Höhe zu liegen. So hat man zum Einen einen phantastischen Blick ins Pantanalbecken, zum anderen entgeht man auf dieser Höhe den derzeitigen erbarmungslosen 39 Grad täglicher Dauertemperatur, die einem unten in der Ebene das Gehirn austrocknet.Also fuhren wir ein Stück des Weges zurück, stehen nun wieder hoch oben über der endlosen Ebene, werden morgen zu einer dritten längeren Wanderung im Nationalpark aufbrechen und ansonsten mal ausser gut Essen und Trinken gehen nix machen, niente, nada – deshalb ist jetzt hier auch Schluss mit endlosem Geschreibsel...statt dessen folgen noch ein paar fotografische Schnappschüsse der letzten Tage.......


Fotogalerie

***
erwartet vor allem wegen solcher Berichte:

"10.07.04 Pantanal / Brasilien (klaus Daerr)
Mit blauem Auge davongekommen.
Von den Iguazu-Wasserfällen führte uns unser Weg auf zumeist guten, endlosen Straßen durch die kleine südwestlichste Ecke Brasiliens in Richtung Bolivien. Dabei wollten wir uns natürlich die sumpfige Naturlandschaft des Pantanal nicht entgehen lassen und fuhren die 135 km lange Stichstraße nach Porto Jofre. Es war uns klar, dass wir es mit vielen spannenden Holzbrücken zu tun haben werden, weshalb wir beim Militär-Checkpoint bei der Einfahrt fragten, ob die Brücken unseren 10-Tonner tragen. Antwort: "kein Problem". Beim Campingplatz gleich bei diesem Gate fragten wir den Betreiber des Platzes. Antwort: "kein Problem", da fahren selbst die Viehtransporter hin. Also begaben wir uns auf die Strecke mit ihren 125 Holzbrücken, die, je weiter wir eindrangen, immer maroder wurden. Bei einem Camp von Brückenreparierern fragten wir neuerdings: "kein Problem". Also fuhren wir bis an das Ende der Straße, zuletzt über immer länger werdende, immer morschere, immer wackeligere und bis zur Schräglage abgesoffene Brücken. In Porto Jofre angelangt waren wir froh heil durchgekommen zu sein. Dort stand ein auf 11-Tonnen ausgelegter LKW und wir fragten den Betreiber des dortigen Camps, was der transportiert habe. Nur einige Pferde, denn voll beladen wäre er für die Brücken der letzten 50 km zu schwer. Der LKW hatte also nur 8 Tonnen Gesamtgewicht. Uns stand jedoch die Rückfahrt über die besagten 125 Holzbrücken bevor und wir waren sehr besorgt. Jetzt sahen wir uns aber erst mal etwas um und unternahmen einen Boots-Trip durch die unberührte Natur. Wir hatten das Glück selbst einen Jaguar zu sehen und vor die Linse zu bekommen. Das Pantanal hat wirklich viel zu bieten: Anakondas, Papageien, Hunderte verschiedener Wasservögel, massenhaft Alligatoren, Wasserschweine, Ameisenbären.... und Millionen zutraulicher Moskitos.
Schließlich steht die Rückfahrt an, die zunächst gut geht. Als wir bereits glauben die marodesten Brücken hinter uns zu haben passiert es. Ein längs laufendes Brett ist nicht über dem unter den Querbrettern längs laufenden Balken verlegt, sondern freitragend daneben. Das Brett bricht und wir sacken bis zu bedenklicher Schräglage ein, finden aber wieder festen Halt auf der Achse. Wenige Meter unter uns der Fluss, voller Kaimane. Mit Hilfe zweier Trucker, deren Brettern, die sie für solche Fälle mitführen, dreier Wagenheber, Bergegurte und Ratschengurte gelingt es das Fahrzeug nach 5 St. wieder flott zu bekommen. Die roten Ratschengurte hatte ich von der Verladung des Fahrzeugs von Kapstadt nach Buenos Aires übrig. Gut, dass ich das Fahrzeug damit gegen weiteres Abgleiten sicherte, denn einmal gleitet der voll ausgefahrene und belastete Wagenheber von den untergelegten Brettern ab und das ganze Fahrzeug bricht mit Getöse wieder bis zur Achse nach unten ein. Nur die Gurte hindern es daran seitlich in den Fluss zu kippen.
Das Leben ist zu kurz um sich solche Adrenalin-Ausschüttungen entgehen zu lassen. Mit einem Fahrzeug von mehr als 5 bis höchstens 7,5 Tonnen würde ich die Strecke dennoch nicht mehr fahren.
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Beitragvon oegeat » 15.08.2006 20:10

.... das Fahrzeug nach 5 St. wieder flott zu bekommen....

Wahnsinn .... vor allem es verfliegt die Zeit bei sowas man baut und werkelt und plötzlich ist die Zeit vergangen ! :shock:
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon Muskalowski » 15.08.2006 20:31

wunderschöne fotos,bringt sogar einen Reisemuffel ins Schwärmen.
Super Einblick ins Land abseits der Touris.

Gruß Muskalowski
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Beitragvon tibesti » 17.08.2006 01:18

16.8.06 Chapada dos Guimaraes - Zur Feier des Birthday-Tages ein Kurzbericht. Heute hatten wir spontan die Idee, uns doch mal wieder gemeinsam via Selbstausloeser auf ein Foto zu bannen. Wenn man das dann sieht, kommen dann natuerlich viele Gedanken an die verflossenen gemeinsamen Jahre....Immerhin 33 Jahre sind wir jetzt schon zusammen, was zugleich ein langes gemeinsames Reiseleben bedeutet. Was nach mehreren kleineren Reisen 1978 mit der ersten grossen Reise im VW-Bus nach Iran,Afghanistan,Pakistan und Nordindien anfing (also zu einer Zeit, als Reisen noch wirklich Abenteuer bedeutete ohne Internet,Email,Handy und SMS- und vor allem ohne den inzwischen etablierten "Globetrotter-Mainstream") hat sich inzwischen bestimmt zu weit mehr als 1 Miilion Reisekilometer summiert und findet nach vielen Reisen nach Afrika und in den mittleren Osten nunmehr seinen vorlaeufig logischen Hoehepunkt auf der jetzigen grossen Reise. Die gemeinsame Reisephilosophie haelt trotz aller Hoehen und Tiefen die Beziehung jung und schweisst angesichts solch geballter gemeinsamer (Reise)Lebensgeschichte ungemein zusammen. Gemeinsam als Team sind wir halt unschlagbar....

Heute gestalteten wir den Tag mit einer weiteren wunderschoenen langen, allerdings angesichts 35 Grad auch anstrengenden Wandertour durch den Nationalpark der Chapada zu einer praehistorischen Hoehle und einen wunderschoenen einsamen Badeplatz an einem Wasserfall. Letztlich ein Tag, den man am liebsten festhalten moechte...und schwupps haste nicht gesehen, ist er trotzdem auch schon wieder Geschichte.....

Jetzt lassen wir den Tag mit einem Restaurantbesuch ausklingen und ziehen uns dann wieder an unseren herrlichen Uebernachtungsplatz an der Plateau-Abbruchkante der Chapadas zurueck.

Ein wunderschoener Tag geht zuende und es folgen hoffentlich noch viele weitere......

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Beitragvon tibesti » 27.08.2006 07:20

Conception/Bolivianisches Tiefland 27.8.06

Hola an alle Interessierten; nach insgesamt 36 Tagen Aufenthalt haben wir Brasilien zunächst erst mal den Rücken gekehrt- und wie das so häufig der Fall ist, erst ganz zum Schluss konnten wir in dem kleinen Fischerstädtchen Caceres am Rio Paraguay doch noch etwas von dieser besonderen „Leichtigkeit“ des Seins verspüren, von der man allenthalben liest, wenn man andere Leute über Brasilien berichten hört. Nach einer langen Fahrt durch ein mehr oder minder europäisch geprägtes Südbrasilien erlebten wir hier in den 3 Tagen Aufenthalt abends viel von dieser spontanen Lebensfreude , die man den Brasilianern ja nachsagt. An vielen Ecken in der Stadt werden abends Schaukelstühle, Hocker und Stühle vor die Haustür und die Lautsprecherboxen ins Fenster gestellt, die Grills angeworfen und die Bierkästen geoffnet – und schon geht sie los, die private Nachbarschaftsparty. Die zentrale Plaza füllt sich abends mit Menschen, die flanieren und die Bars füllen, an anderen Ecken wiederum treffen sich die Autofraktionen, sitzen neben ihren Autos, deren Kofferräume geoffnet sind, damit die 1000 Watt Super-Soundanlage auch voll zur Geltung kommt. Irgendwann am Abend taucht eine Capoeira-Gruppe auf und macht ihre Übungsstunde in dieser besonderen Tanz-Kampfsportart einfach öffentlich. Wir geniessen die Abende mit reichlich Bier und der Erkenntnis, dass wir das „eigentliche“ Brasilien wohl erst im nächsten Jahr in den nördlicheren Landesteilen erleben werden....

Die anschliessende Weiterfahrt Richtung bolivianische Grenze ist mit 140 KM für brasilianischen Verhältnisse, wo Entfernungen im 1000-Km-Schritten bemessen werden,zwar nur ein Katzensprung, aber atmosphärisch ein Raumflug, denn der Übergang von einem „Fast“-Erstweltland in eines der ärmsten Drittweltländer der Welt könnte krasser nicht sein.

Seit 5 Tagen und 500 KM arbeiten wir uns auf extrem staubigen Pisten bei gnadenlosen 35 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit durchs weite dünnbesiedelte bolivianische Tiefland, vorbei an indigenen Dörfern, die in vielem an Afrka erinnern. Wir haben Pech: Jetzt, gegen Ende der langen Trockenzeit ist die Landschaft ausgetrocknet bis zum geht nicht mehr und die Zeit der grossen Brandrodungen gekommen. Über hunderte von Kilometern wird überall das Unterholz angezündet und abgefackelt, um es mit einsetzender Regenzeit dem Weidevieh zu ermöglichen, das dann rasch nachwachsende Grün als zusätzliche Nahrungsquelle zu verwerten – und zwar an Stellen, an denen später in der dichten Dschungelvegetation kein Durchkommen mehr ist. Und so brennen die Feuer und bedecken riesige Gebiete mit einer stinkenden Rauchschicht, die das Atmen erschwert und die Sicht nimmt. Man muss es einmal selbst gesehen haben, um dieses gewaltige Ausmass an Umweltbelastung durch Rauch begreifen zu können. Die wenigen uns begegnenden LKWs wirbeln zusätzlich gewaltige Staubmassen auf, so dass wir an jedem Abend total verdreckt und verschwitzt aus dem Auto kriechen. Ein echter Härtetest, der aber durch die Atmosphäre von Land und Leuten mehr als wettgemacht wird.

Und dann sind da auf der Strecke ja noch die berühmten Jesuitenreduktionen des 17 Jh. wie San Ignacio de Velasco und eben auch unser jetziger standort, das 4000-Seelen-Dorf Conception, wo wir uns seit 2 Tagen aufhalten. Auch wenn man mit Kirche und Christentum nicht viel am Hut hat, so ist das schon ein besonderes Erlebnis, wenn man wie wir nach anstrengender Fahrt durch menschenleeres Busch- und Waldland erst nach Einbruch der Dunkelheit den Ort Conception erreicht, sich durch die staubigen und dunklen Strassen im Ort tastet und auf einmal vor einer hell erleuchteten bunt bemalten Kirche steht, schon von aussen eine wahre Pracht und im Inneren einfach nur umwerfend. Staundend sitzen wir auf den Kirchenbänken, während aus Lautsprechern wie aus dem All leise klassische Musik ertönt. Ich geb ehrlich zu, dass mich in meinem Leben bisher nur wenige Bauwerke „atmosphärisch“ so beeindruckt haben wie diese Kirche in dem Buschkaff Conception, die da steht wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt.

Stunden später, fast schon in der Nacht, laufen wir durch die Strassen des Ortes, wo die ungeteerten Wege und die auch um 11 Abends noch geöffneten Verkaufsbuden eine fast schwarzafrikanische Atmosphäre schaffen. Fast jede Bar hat einen Grossen Musikautomaten, wo man mit Münzgeld die neuesten Musikvideos in knalliger Lautstärke anhören kann. Spontan bleiben wir bei einem stehen, wo gerade ein „echtes“ Gaucholied abläuft; Der dazugehörige Film zeigt Szenen aus dem Alltag der Viehleute, ist quasi eine Hymne an das freie Leben der Gauchos; vor dem Automaten sitzen einige Männer, rauhe Gestalten und einer von Ihnen ist von „seiner“ Musik so begeistert,das er einen irren Gauchotanz auf staubige Parkett legt. Wow denk ich mir, der ist ja echt authentisch und diese Musik strahlt eine schier unglaubliche Kraft und Power aus. Und siehe da, man wird sogar im Internet fündig, so dass ich als Schluss neben den obligatorischen Bildern (deren Qualität diesmal zum Teil etwas unter den gegenwärtig herrschenden „äusseren“ klimatischen Rahmenbedingungen leidet) diesmal auch einen akustischen Schlusspunkt setzen kann mit
Dalmiro Cuellar und „costumbres de mi Terra“....

Etwas erschöpft aber rundweg zufrieden

Bis zum nächsten Mal


Die_Bilder
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Unser-Standort
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Der song (Realplayer) lässt sich ueber eine Verknüpfung nicht ausführen, versteh ich jetzt nicht. Gibt man den Link aber selbst in der Adressleiste des Explorers ein, klappt es bei mir....

www.llajta.org/media/wax1/cotierra.wax
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Beitragvon tibesti » 02.09.2006 23:06

Rurrenabaque,2.9.06

Nach 12 Tagen haben wir nunmehr das bolivianische Tiefland von Ost nach West durchquert und den Ort Rurrenabaque am Fuss der oestlichen Andenkordillere erreicht
Das waren ca. 1500 KM, davon nur 400 asphaltiert, der Rest Piste und davon wiederum 400 hundsmiserabel...
Der zweite Teil dieser Fahrt fuehrt durch die Provinz Beni, das fast den gesamten nördlichen Teil des Boliv. Tieflandes einnimmt. Im Reiseführer heißt es hierzu:
„Praktisch ist ganz Beni flach wie eine Flunder. Der Boden ist sehr fruchtbar, eignet sich für Viehzucht und Landwirtschaft. Die vielen Flüsse dieser Region wie Rio Marmore und Rio Beni münden alle letztendlich in den Amazonas, sind äusserst fischreich, das ganze Jahr über schiffbar und durchfliessen in ihrem trägen Lauf Feuchtsavannen und Regenwälder. Durch das viele Wasser und wegen der Flachheit des Landes wird das Beni-Tiefland oft überschwemmt und ähnelt dann dem Pantanal. Die meisten Strassen sind dann nicht mehr passierbar. Flüsse lasse sich meist nur mit Pontons überqueren. In dieser Region leben die Campa, Tieflandindianer, die sehr gastfreundlich sind und in ihren Dörfern viel von ihrer Ursprünglichkeit bwahrt haben....“

Was bleibt nach 12 Tagen an Eindrücken haften?

Zum einen die „normalen“ touristischen Dinge, die von Interesse sind:

a) Einmal ganz klar die Kirchen der ehemaligen Jesuitenreduktionen und die ursprünglichen
Und verschlafenen Orte, n denen sie stehen:
„Der christliche Humanist Thomas Morus (1478-1535) hatte wohl kaum damit gerechnet, dass die in seinem Werk Utopia beschriebene ideale Gemeinschaftsform jemal verwirklicht werden würde. Doch mit der Kolonisierung der Neuen Welt eröffnete sich den christlichen Missionaren ein unerwartetes Experimentierfeld, das die ersten Jesuiten nutzten, die 1567 in das Vizekönigreich Peru kamen. Erfinder des Systems der Missionen (Reducciones) war der Franziskaner Bolanos, der 1575 nach Paraguay gekommen war. Zwischen 1692 und 1760 entstanden im Dschungel 10 Missionsdörfer. In diesen sog. Indianer-Reducciones lebten, geleitet von jeweils nur 2 Padres, zwischen 2000 und 3000 Indianer; sie durften von keinem Spanier betreten werden. Einflussreiche südamerikanische Grossgrundbesitzer, denen der ausbeuterische Zugriff auf diese Indianer somit entzogen war und Feinde in Spanien erreichten jedoch, dass König Karl V. 1767 die Jesuiten-Orden verbot, die Reducciones in ganz Südamerika auflösen, alle Jesuiten verhaften und aus den spanischen Gebieten ausweisen liess. Die neue Oberschicht in Südamerika veränderte die Dörfer der Jesuiten später nach ihren (spanischen) Vorstellungen. Auf den Plätzen stehen seither Bäume, Denkmäler, die Häuser sind einstöckig, mit Innenhöfen und Laubengängen....“ Die besterhaltenen Reduktionen wurden 1990 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

b)Darüber hinaus interessant ist beim Durchqueren des Tieflandes der stetige Wechsel der Vegetationsformen mit dem allmähliche Übergang der Vegetation von subtropischen Trockenwäldern in Feuchtsavannen und Regenwälder, je mehr man nach Westen Richtung Anden vordringt. Am Weg immer wieder ursprünglich aussehende Dörfer mit indianischer Bevölkerung.

Haften bleibt aber auch die „Mühsal“ der Fahrt. Da sind zum einen die wirklich schlechten Strassenverhältnisse, die zwar nur ein Vorwärtskommen im Schneckentempo erlauben, auf der anderen seite aber dadurch auch viel eher ein Gefühl der Weite und Abgeschiedenheit dieser Region vermitteln, als wenn man auf Autobahnen in wenigen Stunden mit Aircondition die Strecke bewältigen würde.
Da sind zum anderen die heissen Temperaturen von 35 grad und mehr, die in Verbindung mit dem üblen Mehlstaubauf den Pisten, der sich im Verlauf des Tages auf alles und jedes legt, wirklich eine körperliche Belastungsprobe besonderer Art darstellen; das ganze kulminiert jetzt in Rurrenabaque am Fuss der Anden durch das Hinzukommen jener berüchtigten tropischen Luftfeuchtigkeit, die dem Regenwald so eigen ist und einen den Wunsch verspüren lässt, eine Dusche, sofern überhaupt erreichbar, nach Möglichkeit erst gar nicht mehr zu verlassen, weil das danach angezogene frische T-Shirt sowieso nach 5 Minuten wieder schweißgetränkt ist....
Da bleibt natürlich auch der Eindruck der riesigen Brandrodungen, der jedes Jahr gegen Ende der Trockenzeit ganze Landstriche über Tage/Wochen mit einer üblen Rauchschicht überzieht, der man sich auch in den Ortschaften nicht entziehen kann. Das kann man eigentlich nicht beschreiben, das muss man mit eigenen Augen einmal gesehen und „erfahren“haben....

Schliesslich bleiben auch gewisse „organisatorische“ Probleme in Erinnerung, angefangen bei der Kleinigkeit, gescheites Brot aufzutreiben bis zu dem schwerwiegenderen Problem der aktuellen Dieseltreibstoff-Knappheit, die derzeit zumindest im östlichen und nördlichen Tiefland eminent ist und nach Aussage eines deutsch sprechenden Bolivianers einerseits in einem Zusammenhang mit der jüngsten Verstaatlichung der Erölindustrie des Landes durch Präsident Morales steht, andererseits zudem in der Tatsache begründet ist, dass Bolivien derzeit seinen Dieseltreibstoff fast komplett aus Venezuela bzw. Brasilien/Argentinien bezieht und diese Versorgungsverbindung wohl nicht so zuverlässig funktioniert. Uns hat das Problem jedenfalls ein paar Nerven und einen halben Tag Aufenthalt gekostet, da selbst in der Provinzhauptstadt Trinidad die Treibstoffversorgung Unterbrechungen unterliegt.

Fazit: Diese ersten knapp 14 Tage waren abwechslungsreich und spannend, aber in keinster Weise eine „Kaffeefahrt ins Blaue“. Aber wie heisst es so schön:
Nur die Harten kommen in den himmlichen Garten...
Und wann erlebt man schon mal solche Anekdoten wie in San Borja, etwa 10000 Einwohner, eine asphaltierte Plaza, zwei kurze Geschaeftsstrassen, wo sich allabendlich ein sonderbares Spektakel ereignet, wenn sich die halbe Ortschaft zur Moped-Scooter-Rallye rund um die Plaza (etwa75*75m ) trifft. Alles immer im Kreis, an die 100 Zweiraeder gleichzeitig, Jugendliche, Vaeter mit drei Kindern drauf, Maedels, die gleichzeitig mit dem Handy telefonieren; das ist ein Geknatter und Gedroehn... "was machen wir heute abend ?" , Na wie immer, fahrn wir ne Runde um die Plaza, vielleicht treffen wir ja jemanden".........

Ansonsten ist Bolivien das erwartet billige Reiseland, so dass unser Tagesschnitt incl. Treibstoffkosten bei ca. 15 Euro am Tag liegt (im Unterschied zum wirklich teuren Brasilien , wo wir auf ueber 40 Euro kamen).


Bis zum nächsten Mal...

Bilder

Unser Standort

Karte

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ein bisschen bolivianische Tiefland-Musik dazu


Titel1
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Titel2
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Beitragvon tibesti » 10.09.2006 03:05

Brasileira(Brasilien), Cobija(Bolivien) 9.9.06

Nur ein kurzes Lebenszeichen von uns und eine Standortbestimmung. Nach 5 Tagen in Rurrenabaque haben wir eine ueberraschende Richtungsaenderung vorgenommen, den Blinker rechts gesetzt und sind von den Anden so was von abgeprallt, dass wir jetzt im Niemandsland des Amazonas erstmal zu uns finden und neuen Schwung holen muessen. Im Klartext: Statt direkt ins Andenhochland zu fahren, sind wir tief ins bolivianischge Tiefland gefahren und nach 800 KM Piste, etlichen Faehrueberfahrten, ungezaehlten Fliegen- und Mueckenbissen, einer ungewollten Wartezeit wegen einer bestreikten Faehre( Strassenblockaden sind ein seit langem erprobtes politisches Kampfmittel in Bolivien und die Schonfrist fuer Praesident Evo Morales neigt sich wohl dem Ende entgegen) ueber Cobija wieder fuer einen Miniabstecher nach Brasilien ausgereist. Von hier versuchen wir, ueber Assis Brasil, den Grenzort 110 KM weiter im
Westen nach Puerto Maldonado in Peru und weiter nach Cuzco zu gelangen. Hier liegt die Ungewissheit: die Strecke soll miserabel sein, der Verkehr wird in der Regenzeit komplett eingestellt. Jetzt haben wir im September noch die trockenste Zeit des Jahres, ohne Regen sollte eigentlich nichts schiefgehen, sollte es allerdings unterwegs doch laenger regnen.......wir wissen nicht, was uns dann erwartet. Den einzigen Anhaltpunkt, den wir haben, ist die Zeitangabe aus der Reiseliteratur:
a) Assis Brasil - Puerto Maldonado 240 KM 5-7 Stunden
b) P.Maldonado- Cuzco 590 KM ca. 50 Stunden Fahrtzeit!!! es heisst lapidar: je nach Streckenbeschaffenheit benoetigen LKWs 3-6 Tage. Die Strecke geht vom Amazonastiefland ueber die Yungas in die Anden und ueberquert einen 4800 m hohen Pass.
Wir hoffen, dass alles gut geht und wir nicht in Schlamassel geraten und vielleicht sogar umkehren muessen.

Heute haben wir erstmal wieder westlichen Standard genossen und in Brasileira gross im Supermarkt eingekauft- nach knapp 3 Wochen Mangelversorgung in Bolivien: kein Diesel, keine Geldautomaten, keine Supermaerkte, selbst Brot muss man lange suchen und dann ists haeufig abgepackt und suess- Folge: wir haben in drei Wochen, ziehtr man die Kosten fuer Strassenbenutzungsgebuehren, Faehren (teuer) ab, gerade mal knapp ueber 100 Euro ausgeben koennen...., zumal unsere Route zu weiten Teilen abseits aller normalen Touristenpfade und der damit verbundenen gewohnten Versorgung war.....


Die_Bilder
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Reiseroute1
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Reiseroute-Uebersicht
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Beitragvon tibesti » 11.09.2006 02:14

Nachtrag:

Jetzt sind wir kaum einen Tag im brasilianischen Brasileia angekommen und prompt faengts bei tropischer schwuele und 34 Grad zu regnen an; und auch die Wetterkarte fuers peruanische Amazonastiefland liest sich fuer die naechsten Tage eher durchwachsen. Zusaetzlich haben wir heute im Netz einen Reisebericht vom letzten Jahr ueber die geplante Reiseroute entdeckt, der eher erschreckt als Mut macht: Die Strecke ins Andenhochland muss wirklich eine einzige Katastrophe sein!!!

Und so sitzen wir da und diskutieren ueber das Fuer und Wider der geplanten Route und einen Alternativplan. Wir sind uns beide einig, dass wir uns nach den vielen Sahara-Sahel-Afrika-Alleinfahten unseres reiselebens eigentlich nichts mehr beweisen muessen und es stellt sich die Frage, ob der kurze Adrenalin-Abenteuerkick auf der landschaftlich wahrscheinlich sehr beeindruckenden Route zum einen das Risiko wert ist, schwerwiegendere technische Defekte am Fahrzeug zu riskieren (immerhin sind wir auf einer Langzeitreise und keinem Kurztrip), zum anderen wieder etliche schlaflose Naechte zu riskieren, sollten wir echte Probleme bekommen (die im Falle staerkerer regenfaelle wohl sicher sein duerften). Wie gut hab ich diese Naechte noch aus den Jahren 2002 und 2003 in Erinnerung, wenn wir in Schraeglage in einen Schlammloch steckten und im Dauerregen uebernachten mussten und wir die ganze Nacht Zeit hatten, statt zu schlafen darueber zu gruebeln, wie wir aus dieser Passage allein je wieder heil rauskommen wollen...).

So kommt ein Alternativplan in Sicht, der den ganzen Ausflug in den Norden zu einer Art Rundreise macht und wieder am Andenrand in Bolivien endet. Nachteil dieser Variante ist, das wir einen Teil der Stecke in Gegenrichtung zurueckfahren muessten, Vorteil waere, dass wir noch ein paar Schmankerl auf der Strecke sehen koennten (etwa die ehemalige "Dschungelmetropole" des Kautschukkoenigs Suarez aus der Zeit des Kautschukbooms Anfang des 19. Jahrhunderts mit eigenem Opernhaus und luxurioesem Krankenhaus mit fuer damalige Verhaeltnisse absolutem Topniveau, heute alles wieder vom Dschungel zurueckerobert...) und auch fuer die Fahrt in die Anden einen nicht alltaeglichen und ungewoehnlichen Tip bekommen haben.

AlternativReiseroute

Waehrend wir das Ganze heute abend bei eigen Bierchen ausdiskutieren werden, gibts an dieser stelle mal wieder einen Link mit bolivianischer Musik, die so gar nicht ins Klischee von Bolivien als Andenstaat passt, weils sie wieder Gaucho-inspiriert aus dem Tiefland stammt und dieses Tiefland mehr als 60% der Landesflaeche ausmacht:

MP3-Song1
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MP3-Song2
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Beitragvon tibesti » 17.09.2006 21:38

Auf den Spuren des Kautschuk-Königs Nicolas Suarez

Rurrenabaque,17.9.06

Nach knapp 14 Tagen sind wir wieder am Ausgangspunkt unserer Tieflandreise in den weiten, leeren und ursprünglichen Norden Boliviens zurückgekehrt. Es bedurfte eigentlich keine grosse Überlegung mehr, die kurzfristig ins Spiel gebrachte Variante der Weiterfahrt nach Peru wieder schnell zu beerdigen: Zum einen wäre es schade gewesen, die –fahrtechnisch gesehen - noch günstige Jahreszeit (Trockenperiode) nicht zur weiteren Erkundung des Amazonas-Tieflandes zu nutzen, zum anderen wollten wir –abgesehen von den möglichen fahrtechnischen Risiken der Strecke – auch nicht unbedingt ausgerechnet in diesem touristisch ueberlaufenen Cusco mit seinem Inka-MachuPicho-Tourismus als Zielort landen. Was für Viele offenbar nach wie vor der „Traum einer Südamerikareise“ zu sein scheint, ist für uns nach wie vor eher von nachrangiger Bedeutung und uninteressant. Statt dessen bewegten wir uns weiter abseits der üblichen Touristenpfade auf der Suche den Zeugnissen eines der einst mächtigsten Maenner Boliviens, des Kautschuk-Barons Nicolas Suarez und dem ehemaligen Zentrum seines Firmenimperiums, dem heutigen Urwaldkaff Cachuels Esperanza nahe der bolivianisch-brasilianischen Grenze und lernten nebenbei zusätzlich noch so einiges über die Geschichte der legendären und heute aufgegebenen Urwaldeisenbahnstrecke von Porto Velho nach Guajara-Mirim kennen.

Zu den 3 Schwerpunkten, der Person Suarez, „seiner“ Stadt Cachuela Esperanza und der gescheiterten Eisenbahn-Vision muss man folgende Geschichten kennen, die jede für sich spannend ist:

a) Die Geschichte von Nicalos Suarez:

Nicolas Suarez (1851-1940) war der bolivianische Kautschukkönig, eine Figur von bizarren Ausmaßen und einer ungeheuren Machtfülle. Groß geworden war er mit dem Kautschukboom, der ihn – wie viele andere Händler im Eldorado des Regenwaldes – nach oben spülte. Doch Nicals Suarez überlebte sie alle, die Spieler Fitzgerald und Vaca Diez genauso wie den Potentaten von Iquitos (Peru)Julio Cesar Arana, der bettelarm zugrunde ging. Denn keiner verstand es so gur wie der disziplinierte Cruzeno mit dem Kaiser Wilhelm Bart, Allianzen zu knüpfen, Geschäftskontakte auszunutzen und seinen politischen Einfluss in die Waagschale zu werfen..
Die Familie Suarez stammte aus Santa Cruz. Es waren Händler und Geldverleiher, die ihre Geschäfte um 1870 in die bolivianische Stadt Trinidad verlegten. Nicolas Suarez und seine Brüder gründeten mit dem Kautschukpionier Vaca Diez die Firma The Orton Rubber Company. Diese Gesellschaft besass die Kautschukgebiete vom Beni bis zum Acrefluss und kontrollierte einen grossen Teil des internationalen Gummihandels. Vaca Diez ertrank 1897 gemeinsam mit Fitzgerrald auf der Adolfito. Das kleine Dampfschiff sollte eine Alternativroute nach Manaus erkunden und war auf der Fahrt vom Madre de Dios im Urumbafluss auf Stromschnellen aufgelaufen und gesunken. Nach dem Tod von Vaca Diez war Nicolas Suarez seine Konkurrenten los und vergrösserte kontinuierlich sein Firmenvermögen.
Nichrs schien ihn aus der Bahn zu werfen, weder der Zusammenbruch der Handelshäuser in Manaus und Iquitos nach Einführung des synthetischen Gummis noch die Weltwirtschaftskrise von 1929. Auch persönliche Schicksalsschläge konnten ihm nur wenig anhaben. Seine erste Frau ertrank bei einem Schiffsunglück, Lieblingsbruder Gregorio wurde von Indianern getötet. Währenddessen wuchs seine Erfindung Cachuela Esperanza, die er zu einer Bastion der Moderne inmitten des Dschungels ausbaute. Nicolas Suarez war auf dem besten Wege, den Zinnbaronen im Altiplano den Rang abzulaufen.
Mit Paranüssen und Viehzucht schuf er sich ein zweites wirtschaftliches Standbein. Nach seinem Tod 1940 allerdings begann der schnelle Zerfall seines Imperiums. Schwiegersohn Napoleon, der das Handelshaus übernahm, entpuppte sich als Hallodri und verprasste mit seiner Frau in wenigen Jahren das Vermögen. Die verbliebenen Güter fielen der Verstaatlichung des Großgrundbesitzes 1952 zum Opfer. Schließlich machten von Geldgier getriebene Militärs seine ehemalige Villa in Cachuela Esperanza auf der Suche nach einem vermuteten verborgenen Schatz dem Erdboden gleich.

b) die Geschichte von Cachuels Esperanza

Cachuela Esperanza ist die Schöpfung eines Mannes, der die Natur bezwingen wollte. Es war das Zentrum des Handelsimperiums von Nicolas Suarez.
Der nordamerikanische Arzt und Forschungsreisende Edwin Heath entdeckte 1880 die Stromschnellen am Unterlauf des Rio Beni und nannte sie Cachuela Esperanza. Heath hatte das Flusshindernis mit den Worten überwunden, „Vorwärts Leute, es gibt immer die Hoffnung, es zu schaffen.“
Nicolas Suarez traf auf Heath nach dessen Rückkehr in Reyes und ließ sich von reichen Kautschukvorkommen und neuen Transportwegen berichten. Er verschiffte 2 Jahre später eine Ladung Gummi auf Flößen stromabwärts. In den Stromschnellen verlor er einen Teil seiner Ladung und beschloss, sein Firmenimperium an diese Stelle zu verlegen. Mit enormer Willenskraft verwandelte er das Nichts des grünen Urwalds in wenigen Jahren in die modernste und reichste Stadt Boliviens und in ein Zentrum Südamerikas. Es entstanden ein Theater und Tennisplätze, ein Luxushotel mit Blick auf die Stromschnellen und ein Restaurant mit Haute Cuisine. Mehrere Zeitungen und selbst ein Modemagazin wurden gedruckt. Das Krankenhaus des Prominentenarztes Dr. Schweizer benutzte die ersten Röntgenapparate des Landes. Zur Behandlung reisten die Millionäre aus Rio und Sao Paulo an. Der Hydro-Avion der Lloyd Aero Boliviano mit dem Namen des Firmendirektors wasserte einmal die Woche vor der Haustür. Eine kleine Rangierlok, die die Leute die „Milchkuh von Don Nicolas“ nannten, fuhr um die Stromschnellen herum und verband die beiden Pontonhäfen rechts und links des Wasserhindernisses.
Die Siedlung war streng organisiert. Um 6 Uhr morgens ertönte die Sirene zum ersten Mal. Mit dem zweiten Klingeln um 6 Uhr 30 begann der Arbeitstag. Pünktlich um 11 Uhr fuhr der Direktor von der Villa ins Büro, um die Korrespondenz zu erledigen. Die staatliche Justiz war weit weg. Vergehen wurden vor Ort selbst drakonisch geahndet. Für Lügen setzte es 50 Peitschenhiebe, bei Diebstählen wurde Dunkelhaft angeordnet. Die Generalklausel der Kriminalitätsbekämpfung hieß im Volksmud „Artikel 44“ und bezeichnete die Kalibergröße der Winchester. Der Zerfall der künstlichen Dschungelstadt begann mit dem Tod des Firmenchefsw. Die MNR-Revolution von 1952 besiegelte das Ende. Heute hat der Vandalismus zwar vieles zerstört, andererseits ist noch erstaunlich viel erhalten. Der Geist von N.Suarez beherrscht weiterhin die Atmosphäre des weniger als 1000 Einwohner zählenden Urwalddorfs. Seine Büste steht im Zentrum vor der Flusskulisse mit den Stromschnellen. Die Villa wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Aber das Teatro Gral Pando, viele Lagerhäuser und die alte Nussfabrik stehen noch. Zum Wahrzeichen des Ortes wurde die kleine Holzkapelle aus kanadischer Pinie, die auf einem Felsen gebaut ist.

c) die Geschichte einer gescheiterten Eisenbahn-Vision

Obwohl der Kautschuk-Boom zwischen 1908 und 1910 im brasilanischen Manaus bereits seinen Höhepunkt erreicht hatte und malasyischer Kautschuk billiger war, wurde 1912 die 365 KM lange Eisenbahnstrecke entlang den Flüssen Madeira und Mamore eröffnet. Die Bahn sollte die Stromschnellen des oberen Madeira umgehen und war ursprünglich vom bolivianischen Riberalta bis zum brasilianischen Porto Velho geplant. Damit wollte Bolivien über den Amazonas Zugang zum Atlantk bekommen und trat als Gegenleistung seine Provinz Acre an Brasilien ab. Baubeginn der Eisenbahn war 1907. Das gewagte Projekt führte durch eines der dichtesten und lebensfeindlichsten Urwaldgebiete der Erde. Nach 5 Jahren wurde die brasilianische Grenzstadt zu Bolivien Guajara-Mirim am Rio Mamore erreicht. Unter schwierigsten Bedingungen waren dafür 6000 Arbeiter, insbesondere an Tropenkrankheiten gestorben (darunter viele deutsche Handwerker, die bereits beim Bau des Panama-Kanals mitgewirkt hatten). Deshalb wurde die Bahnstrecke auch Via de Diablo (Strasse er Hölle) genannt.
1912 brach dann der Welt-Kautschukmarkt zusammen. Ein Engländer hatte es geschafft, Kautschuksamen aus Brasilien zu schmuggeln. Neue Plantagen in Südostasien produzierten die wertvolle Gummimilch wesentlich preiswerter. Die Eisenbahnlinie wurde das letzte Stück nach Riberalta in Bolivien nie zu Ende gebaut.
Am meisten verspekuliert hatten sich die beiden Kautschuk-Könige Boliviens Nicolas Suarez und Arana, die in den Eisenbahnbau hohe Summen investiert hatten. (Suarez war mit 8 Millionen Hektar Grundbesitz (das ist etwa 2mal die Grösse der Schweiz) der reichste Mann Amazoniens, die Orte Riberalta, Cachuela Esperanza und Villa Bella gehörten ihm, er allein hatte das Recht Schiffstranporte auf dem Rio Madeira vorzunehmen.
Die Eisenbahnlinie war bis 1972 in Betrieb, ehe der Bau der Strasse zur Stillegung führte. Im brasilianischen Grenzort Guajara-Mirin stehen noch 2 Loks auf dem Abstellgleis, Lok Nr.20 aus dem Jahr 1936 stammt aus den Werken der Berliner Maschinenbau-Aktiengesellschaft.


Soviel zu den Hintergründen.

Wir fahren zunächst in Brasilien entlang der bolivianischen Grenze von Brasileia über Rio Branco nach Guajara-Mirim (ca.500 KM). Heutzutage kann man sich als Autofahrer das Abenteuer und Elend des Eisenbahnbaus der damaligen Zeit nur noch schwer vorstellen. Zwar plagen uns tägliche 37 Grad und sehr hohe Luftfeuchtigkeit in Verbindung mit jeder Menge Stech- und Beißinsekten, aber das „wahre“ Brasilien lernt man entlang der – im Norden nur wenigen- Verbindungsstrassen kaum noch kennen. Denn Strassen, egal ob Pisten oder Asphaltstrassen sind zugleich Siedlungsachsen, und damit Rodungsflächen. Der Wald verschwindet zu weiten Teilen entlang der Strasse und weicht grossraäumigen weideflächen für extensive Viehzucht. Es ist eigentlich verrückt: Du schaust auf die Karte und siehst fast kaum Orte, geschweige denn Strassen, alles weitgehend unberührte Natur, entlang der Strassen selbst jedoch stellt sich dieses „Urwaldfeeling“ nur sehr selten ein. Am ehesten noch in des Ortschaften, vo vor allem im Bundesstaat Rondonia das Leben vieler Menschen sehr improvisiert wirkt. Manche Orte wirken wie Wildwest-Städte aus einem Western, improvisiert aus vielen Holzhütten bestehend. Am spannendsten ist es nach wie vor, sich am Abend in eine brasilianische Bar zu setzen, ein paar kalte Bier zu trinken und dem Treiben der Leue zuzuschauen, die spontan, offen und herzlich sind. Man fühlt sich wohl unter Brasilianern....

In der schmuddeligen Grenzstadt Guarjara-Mirim müssen wir mit der Fähre über den Rio Mamore, der hier die Grenze zu Bolvien bildet. Exotisch wirkt das Leben am Fluss, es sind Bilder, wie man sie erwartet, wenn man an „Amazonien“ und seine Landschaft denkt. Erstaunt sehen wir, wie in Sichtweite des Zolls billiger bolivianischer Treibstoff bedenkenlos nach Brasilien verfrachtet wie, wo er fast das Doppelte kostet. Das da tatsächlich Schmuggel stattfindet wird uns später von „kompetenter“ Seite bestätigt. So wird der kostbare Treibstoff aus einem Land verfrachtet, wo er staatlich subventioniert wird und sehr knapp ist. Eigentlich unglaublich das Ganze, wenn man bedenkt, dass die ganze Versorgung in den Norden vom 1200 KM entfernten Laz in altersschwachen Tanklastzügen auf nur bedingt wetterfesten Pisten erfolgt, nur damit ein Teil der Ladung dann in irgenwelchen dunklen Kanälen versickert. Wie sagte uns ein seit 20 Jahren in Bolivien lebender ehemaliger schweizer Bauingenieur: „Wenn man in Bolivien gegen die Korruption vorgehen will, muss man die halbe Bevölkerung verhaften“.

Zurück in Bolivien steuern wie das ehemalige Firmenzentrum von Nicolas Suarez, seine Schöpfung Cachuela Esperanza an. Wir sind gespannt. Nach einer Fahrt durch noch weitgehend intakten Regenwald erreichen wir den Ort, der malerisch an den Stromschnellen des Rio Beni liegt. Wir haben Trockenzeit und der Wasserstand ist sehr niedirig, aber man bekommt eine ungefähre Vorstellung von der Wucht der Wassermassen, wenn der Fluss seine volle Breite erreicht. Ein paar hundert Menschen leben heute hier in der Abgeschiedenheit, begegnen uns unglaublich freundlich und sind wohl auch erstaunt, hier mal wieder westliche Touristen anzutreffen. Der örtliche Polizist, bei dem wir uns melden müssen, ist krass erstaunt, als Silvia ihm in einem über 10 Jahre alten Reiseführer eine Lageskizze der ehemaligen Bauten des Firmenimperiums von Nicolas Suarez zeigt. Er will gar nicht glauben, dass so etwas in einem „deutschen“ Buch steht.....

Uns gefällt diese Reise in die Vergangenheit, das „Nachspüren der Zeitgeschichte“ ausnehmend gut, es müssen nicht die tausend Jahre alten bedeutungsschwangeren Ruinenreste einer vergangenen Hochkultur sein, um unser Interesse zu wecken. Was uns weniger gut gefällt, ist das extrem unangenehme tropische Klima und die wirklich üblen Beißinsekten vor allem in Flussnähe, die auch bei den Bolivianern einen sehr schlechten Ruf haben. Nahezu 14 Tage haben wir kaum noch trockene Klamotten am Körper, alles ist in Minuten durchgeschwitzt und vor allem Silvia leidet doch sehr unter den Stichen/Bissen, die bei ihr jedesmal kleine allergische Reaktionen auslösen.

Über das nachfolgende Schliessen unseres Rundfahrkreises und die anschliessene Rückfahrt auf derselben Strecke wie Hin gibt es dann nur wenig zu berichten. In Riberalta steht noch ein altes Dampfschiff von Nicolas Suarez als "national-patriotisches Denkmal", das in zwei Kriegen Bolivien, im Acre-Krieg um 1900 und im Chaco-Krieg um 1940 eingesetzt wurde. Es ist ueberhaupt nicht schwer: Du stehst vor der "African Queen" und projezierst spielend leicht Humphrey und Katrin Hepburn an Bord, wie sie gerade die gefaehrlichen Stromschnellen meistern.
Am naechsten Morgen kann ich nach dem Vorfall in Uruguay zum zweiten Mal erfolgreich den Diebstahl meiner Schuhe vereiteln, als ich rechtzeitig den Griff des jugendlichen Langfingers in die Eingangstür unseres Wohnkoffers bemerke und ihn anschliessend ein bisschen zur Abschreckung durch die Strassen jage. „Dabei hat der doch super Turnschuhe an“ denke ich mir, wobei Silvia anschliessend trocken bemerkt, „Wahrscheinlich ist das sein Business, Klauen von Schuhen.“.....
Dabei fühlen wir uns auf der bisherigen Reise bisher sehr wohl und sicher und haben zur Übernachtung bisher auch noch nie einen Campground (sowieso nirgends vorhanden) oder sonst irgendein abgeschlossenes Gelände aufgesucht. Wir meiden die wirklich grossen – und auch uninteressanten Städte – und schlafen entweder irgendwo in der Pampa oder auch häufig einfach irgendwo in den Orten an Stellen, die wir vorher im Hellen ausgeguckt haben, wenn wir abends noch ein Bier trinken wollen; und das wollen wir häufig....
Schliesslich gabs auch noch eine Tierbegegnung der besonderen Art:
Nach der unglaublichen Begegnung mit einem Ameisenbär auf der Hinfahrt sagt uns auf der Rückfahrt eine giftgrüne Schlange Hallo, die wirklich ungesund aussieht.

Jetzt erholen wir uns wieder in Rurrenabaque am Fuss der Anden von der Tour und stehen wieder auf dem „Mirador del Gringo“, wo uns Jorge, ein 57jähriger Schweizer eingeladen hat, der hier seit knapp 20 Jahren lebt und uns unglaublich viele Hintergrundinfos über Bolivien geben kann, etwa zu Fragen wie: Warum brennen die jedes Jahr riesige Flächen der Pampa ab, wieso lohnt sich der Bau von Asphaltstrassen zur Erschliessung des Tieflandes für Bolivien aus rein finanzpoiltischer Sicht nicht (er war Strassenbau-Ingenieur und nennt konkrete Zahlen, die schon erschrecken und vieles begeiflich machen), ab welcher Grösse ist die Viehzucht in Bolivien rentabel( ab 1000 Stück; er kennt einen bolivianischen Haziendero in der Umgebung, der besizt 90.000 Rinder, 5000 Hektar Land, verarbeitet sein Fleisch direkt vor Ort und transportiert es anschliessend tiefgekühlt nach LaPaz).

Was bleibt abschliessend noch zu sagen ? Die politische Lage in Bolivien verschärft sich wieder. Der größte Teil der Tieflandbewohner der Privinzen Beni,Pandu und Santa Cruz lehnen den Indio-Hochlandpräsidenten und seine Politik ab. Es gibt zunehmend Streiks und Strassenblockaden. Rurrenabaque, sagt Jorge, liegt leider mitten im Konfliktgebiet; obwohl noch im Tiefland in der Provinz Beni gelegen, leben hier inzwischen auch viele aus dem Hochland zugezogene Indios und die Bevölkerung ist in ihrer Haltung somit gespalten und nicht eindeutig einem Lager zuzuordnen. Das verschlimmert die Situation: Am letzten Freitag gabs in Rurre eine Massenschlägerei, als einem Streikaufruf der Provinzregierungen von Beni und Pandu nicht alle Geschäftsinhaber folgten und ihe Geschäfte trotzdem öffneten. Der Bürgermeister, ein Parteigänger der Provinzregierung, hatte dies erwartet und schon im Vorfeld bezahlte Schläger bestellt, die dann im Ort gegen die Streikbrecher gewaltsam vorgegangen sei........

Damit ist das Abenteuer Amazonas-Tiefland fuer dieses Jahr zunächst abgeschlossen. in den naechsten Tagen werden wir uns auf kleinen Schleichwegen auf den Weg ins Hochland machen und ein neues Kapitel unserer reise eroeffnen....

Bis demnaechst

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Beitragvon tibesti » 25.09.2006 15:32

La Paz, 25.9.06

Wir hatten Pech! Nachdem wir die ersten Vorberge der Ostanden auf mittelmässiger Piste in einem ständigen Auf und Ab zwischen 1500 und 500 m Höhe geschafft haben und am Kreuzungspunkt der Strecke, in Caranavi auf 600 m Höhe ankommen, fängt es wolkenbruchartig an zu regnen und hört auch den ganzen nächsten Tag kaum auf. Wahre Wassermassen kommen herunter. Damit ist klar, dass wir uns die geplante Nebenroute in die Anden über einige Goldgräbersiedlungen abschminken können, da wegen einer Flussdurchquerung und des schlechten Pistenzustandes auf einem Teilstück auf jeden Fall Allrad benötigt wird. Das erscheunt uns bei diesem Wetter zu heikel.
Also beschliessen wir, die Hauptstrecke vom Tiefland in die Anden zu fahren und kommen so in Genuss, eine der berühmt-berüchtigsten Strassen der Welt zu befahren – gerade noch rechtzeitig, bevor in naher Zukunft mit der Freigabe einer noch nicht ganz fertiggestellten 40 km langen Asphaltstrasse, die außer Sichtweite der alten Strecke auf der anderen Seite des Berges verläuft und den gefährlichsten Teil der Strecke entschärfen soll, der Nervenkitzel ein Ende haben wird.,
So wird die Streckenbeschreibung, die wir lesen, bald nur noch Geschichte sein:

„..Die Strasse von La Paz in die feuchtheißen Yungas (Andenostabhänge zwischen 1000 und 2000m) nach Coroico gehört zu den spektakulärsten Routen der Erde. Die Statistik erhebt diese Strasse offiziell in den Rang der gefährlichsten Strasse der Welt (Inter-American-Development Bank) und fordert Jahr für Jahr 26 tödliche Unfalle, also alle 2 Wochen einen. Das schrecklichste Ereignis fand am 24.7.1983 statt, als der Camionfahrer Carlos Pizarrosso Inde sich und mehr als 100 Passagiere hunderte Meter in den Tod stürzte. Rein statistisch stirbt jeden Tag ein Mensch auf dieser Strecke. Auf dem Grund der 800m tiefen Schluchten liegt so manches Autowrack. Die aufgestellten Kreuze sind stumme Zeugen der letzten Reise. Immer wieder fallen LKW über die Böschung, wenn sie nach langer Fahrt durchs Amazonasgebiet die letzte Etappe nach La Paz zumeist nachts angehen. La Cumbre auf knapp 4700 m ist von La Paz kommend der Scheitelpunkt der Strecke. Die Strasse verengt sich zur Sand/Steinpiste, kaum breiter als der Radstand eines LKW. Ununterbrochen geht es 3000m nur bergab, die Strassenführung ist spektakulär, die Aussicht grandios. Nach 46 km wird Unduavi mit einigen Essbuden und Kneipen erreicht. Der dann folgende, wildeste Abschnitt der ganzen Strecke ist nichts für Leute mit schwachen Nerven. Hunderte von Meter fällt der Berg fast senkrecht ab und die Piste ist zeitweise nur so breit wie ein Wagen. Über die (Todes)Kreuze an der Streckenkante muss man hinwegsehen. Die Strasse kennt ihre eigenen Regeln. Hier gilt Linksverkehr. Wer von oben kommt, muss aussen fahren. Das macht insofern Sinn, als das Risiko demzufolge diejenigen Fahrer tragen, die jeweils die bestmögliche Sicht haben. Man kann die 98 km fürchten oder geniessen. Wer einen besonderen Kick braucht, sucht sich einen Platz aussen auf der offenen Pritsche eines Camions, denn dies ist ein Gefühl wie “Fliegen mit Bodenhaftung“. Es sind 98 km pures Adrenalin. Das Experiment im Jahr 1999, den Verkehr zu entschärfen, indem morgens die abwärts und abends die aufwärts fahrenden Fahrzeuge die Strecke befahren durften, wurde nach Protesten der anliegenden Bewohner, die Verluste bei ihren Geschäften befürchteten, wieder eingestellt. Die Wassermassen, die vor allem in den Monaten Dezember bis März vom Himmel stürzen, lassen oft ganze Berghänge abrutschen und führen zu Geröllawinen und Strassenblockaden. Dem Autofahrer verlangt die vor allem nach Regen rutschige Lehmpiste ohnehin ihre ganze Aufmerksamkeit ab, wenn sie an den wenigen Ausweichstellen und immer nah am Abgrund um jeden Zentimeter Platz kämpfen....“


Die Straße macht ihrem Namen alle Ehre. Bereits im unteren Teil sind einige Passagen für LKW so schmal, dass weder Fahrer noch Beifahrer aussteigen könnten. Das nasse Wetter erhöht den Kitzel. Teilweise mit 10-15 KM/h schleichen wir auf der glitschigen Schmierseife entlang. Zum Glück fahren wir aufwärts und haben Vorfahrt. So ist der Gegenverkehr dafür verantwortlich, an den vielen Engstellen rechtzeitig eine Ausweichstelle anzusteuern oder – falls dies zu spät ist, so weit rückwärts zu rangieren, bis wieder zwei Fahrzeuge aneinander vorbei passen. Wir haben jedoch das Pech, dass gleich 2 Erdrutsche die Strasse für mehrere Stunden blockieren, zu einem erheblichen Rückstau an Fahrzeugen führen und nach Beseitigung der Blockade das Problem schaffen, die beiden Fahrzeugschlangen irgendwie aneinander vorbeizuschleussen.....
Wahrlich spektakulär dann der mittlere Teil der Strecke. An mehreren hunderte von Metern langen superschmalen Engstellen, fällt der Berg senkrecht zum Teil bis zu 800 m nach unten. An besonders kritischen, schlecht einsehbaren Stellen sind Streckenposten mit grünen oder roten Schildern postiert, deren wichtige Aufgabe darin besteht, dafür zu sorgen, dass sich nicht zwei Fahrzeuge an einer Engstelle begegnen.
Ich muss schon sagen: Vor allem weil die Piste wegen der Nässe zum Teil sehr rutschig ist, sitze ich teilweise mit einem mulmigen Gefühl am Steuer. Zum Glück sitz ich allerdings rechts und der Abgrund ist immer links, so dass sich meine Augen lieber an die ebenfalls senkrecht aufragende Wand auf der Fahrerseite klammern. Silvia allerdings darf den vollen Nervenkitzel auskosten, zum Teil 30 cm neben ihr geht’s senkrecht runter, sie guckt quasi in die Leere.An manchen Stellen ists so schmal, dass weder ich noch sie aus dem Auto aussteigen können. Ich würd die Tür wegen der Felswand nicht aufmachen können und sie hätte so gut wie keine Trittfläche. Schade ist es aus fotografischer Sicht, dass man an den besonders kitzligen Stellen nicht anhalten und aussteigen kann, um ein Foto zu machen; aber auch auf den paar gelungenen Fotos wird der Nerventhrill glaube ich ganz gut dokumentiert. Im oberen Teil der Strecke oberhalb 3200 m geht die Piste dann in die neue Asphaltstrasse über, führt durch ein Hochteil und erreicht mit 4691 m den höchsten Punkt. Der bolivianische Altiplano liegt vor uns und nach weiteren 25 Km ist La Paz erreicht.


Es ist eine verrückte Stadt, die tief in einem Kessel liegt und sich die steilen Hänge von 3100 m bis auf über 4000 m Meter Höhe hochschraubt. Äusserst ungewöhnlich und einmalig wohl auf der Welt auch: Wer sich’s finanziell leisten kann und zu den Reichen zählt, zieht nicht wie in anderen Motropolen in die Höhe, nein die begehrten Wohnplätze liegen hier tief im Tal auf 3200-3300 m wegen der höheren Temperaturen und der nicht so dünnen Luft. Oben auf der Hochebene dagegen breitet sich der Armengürtel von La Paz aus, wo mit der selbständigen 400000 Einwohner-Stadt El Alto das Auffangbecken aller Landflüchtlinge entstanden ist. Die haben nun zwar kein Geld und ein hartes Leben, dafür aber eine grandiose Aussicht auf die Stadt und die umliegende Bergwelt der 6000er.

Eigentlich wollen wir die Stadt nur zum Einkaufen aufsuchen; nach insgesamt über 1 Monat im Tiefland mit essensmässig aufgezwungener asketischer Lebensweise wollen wir endlich mal wieder „Luxus“-Lebensmittel wie gescheites Brot, Butter, Käse, Wurst und – Schokolade kaufen. Die geplante Weiterfahrt in bolivianische Hochland müssen wir jedoch nach 30 Km und einer Nacht auf 4000 m Höhe wegen erheblicher Höhenprobleme erst mal unterbrechen. Mich plagen starke Kopfschmerzen und ein erhöhter Druck in den Augen, ich fühl mich insgesamt saumässig. Offensichtlich war der Anstieg doch zu schnell: 1 Nacht auf 600m, eine auf 1700m, eine auf 3000m und jetzt auf 4000m war nicht ausreichend. So kehren wir erst mal wieder in den Talkessel nach LaPaz zurück, um uns 1 oder 2 Tage besser zu akklimatisieren.

Die politische Situation in Bolivien ist insgesamt sehr angespannt und brisant. Der 57-jährige Schweizer in Rurrenabaque, bei dem wir eingeladen waren und der nach 19 Jahren in Bolivien als wohlhabender einflussreicher Europäer mit Kontakten in höchste Kreise wirklich beste Insider-Kenntnisse hat, ist extrem beunruhigt. Viele schon länger in Bolivien lebende Europäer sagen, dass es seit 30 Jahren keine so gefährliche Situation mehr gegeben habe wie jetzt, es könne tatsächlich zum Bürgerkrieg kommen.
Die Konfliktfelder sind mannigfaltig:
a) Evo Morales als linker Präsident, der zudem den Koka-Anbau als "kulturelles" Gut verteidigt und mit Venezuelas antiamerikanischem Staatschef Chavez paktiert, ist zum einen den Amerikanern ein Dorn im Auge.
b) Die beschlossene Verstaatlichung der Erdgas-Industrie hat die ausländischen Konzerne und hier insbesondere die brasilianisvche Petrobras vergrätzt und die brasilianische Regierung aufgebracht.
c) Die geplante neue Landreform ist zwar als Gesetz noch nicht durch, aber allein die Absicht bietet schon reichlich Spenstoff: Es ist geplant, alles unproduktive und zur Zeit nicht genutzte Land zu verstaatlichen und an arme Landbewohner zu verteilen. Hierbei geht es ausschliesslich um Land im Tiefland und selbstverständlich gehört dieses Land wohlhabenden Großgrundbesitzern, die ein solches Vorhaben natürlich nicht kampflos akzeptieren werden. Der uralte Konflikt Tiefland-Hochland droht wieder auszubechen, die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tiefländer werden wieder aktuell. Es wird zudem gemunkelt, daß im Krisenfall das Tiefland mit finanzieller Unterstützung der Brasilianer rechnen könne und inwieweit nicht sogar schon die US-Amerikaner im Geheimen wieder subversiv im Lande tätig sind, kann nur vermutet werden. Vor einigen Tagen gab es eine grosse Strassenblockade der wichtigen Strassenverbindung La Laz in die Tiefland-Metropole Santa Cruz. Wir haben im Fernsehen selbst mitverfolgen können, wie ein Sprecher der Tieflandprovinz-Regierung unverhohlen mit "Konsequenzen drohte. Ob die tagelange Blockade noch besteht, wissen wir aktuell nicht wie man überhaupt sagen muss, dass man als Tourist von diesen Spannungen eigentlich nichts mitbekommt, es sei denn man hat das Pech, in eine Strassenblockade zu kommen. Jedenfalls werden wir vorsichtshalber zunächst noch das bolivanische Hochland in einer Rundfahrt bereisen. Sicher ist sicher - Sollte sich die Lage weiter zuspitzen, kann man Bolivien zum Glück bei der weiteren Reiseplanung umgehen.
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Beitragvon tibesti » 08.10.2006 02:02

Hallo Leser und Freunde
eigentlich wollte ich nach dieser grandiosen Tour ja ueberwiegend die Fotos in Form einer umfangreichen Diashow sprechen lassen, aber die miserable Internet-Verbindung mit UpLoad-Raten von 2,5 KB lassen alle Hoffnungen auf ein erfolgreiches Upload scheitern. Deshalb folgt an dieser stelle nur ein Reisebericht und die Bilder werde ich hoffentlich in den naechsten Tagen noch woanders on Chile auf den Server hochladen koennen, denn Chile ist fuer uns nur Transitland, da unsere 30-taegige Aufenthaltsdauer fuer Bolivien wioeder abgelaufen war und wir ausreisen mussten. In den naechsten Tagen gehts zurueck nach Bolivien, um die restlichen Landesteile zu besuchen, dann siehts mit Internet erst mal wieder mau aus...
Also bezueglich der Fotos Daumen druecken, es lohnt sich diesmal wirklich, das versprech ich...

Zumindest die Karte mit der Reiseoute konnt ich nach 15 Minuten Wartezeit hochladen:
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die-Reiseroute

Petro de Atacama/Chile 7.10.06

Ein zweiwöchiger Reisetraum ist vorläufig beendet, der sicherlich in den Analen unseres langen Reiselebens einen der oberen Plätze einnehmen wird. Bolivien-Was für ein tolles Reiseland, kann ich nur sagen! Nach den endlosen tropischen Tieflandebenen und dem steilen Anstieg auf die Hochebenen über die Yungas lauten die Schlagworte jetzt: einsame und wunderschöne Halb-und Vollwüstenlandschaften - schöner als die Sahara, da abwechslungsreicher: Sanddünen vor schneebedeckten Berge, weite Ebenen und Hochtäler mit interessanter Hochgebirgsvegetation, Wasser und Seen in allen Farben, salzkrustenbedeckte Tonebenen und Salzseen,traumhafte Wolkenstimmungen und Sonnenuntergänge, verlassene Gehöfte und armselige Ortschaften ohne nennenswerte Infrastruktur, schauderhafte Pisten mit häufigem Umherirren auf der Suche nach dem richtigen Weg, klimatische Extreme mit Schwankungen zwischen +20 am Tag und –15 in der Nacht und Höhen zwischen 3700 und 5050 m!!...und und und...

Die Stationen:
Die Reise führt uns zunächst auf 200 KM guter Asphaltstrasse Richtung Westen und chilenische Grenze an den Rand des wunderschönen Nationalparks Sajama mit dem gleichnamigen höchsten Berg Boliviens (6542m), einem erloschenen Vulkan. Da wir den Nationalpark in Gegenrichtung zum offiziellen Eingang befahren wollen, wird der richtige Pisteneinstieg zu einer mehrstündigen Spurensuche.. Die Nationalparkroute führt auf 4200-4500m um den Berg herum durch eine wunderschöne Hochgebirgslandschaft vorbei an Lama- und Alpakaherden und seltenen Pflanzen wie den sonderbar aussehenden grünen Yareta-Polstern, die an mit Moos bedeckte Felsen erinnern oder die Kenua-Bäumchen, die hier bis 5200m als echte Baumsensation in Bonsaiform gedeihen. Schließlich bekommen wir sogar die selten gewordenen Vikunas zu sehen, die wegen ihres kurzen, extrem feinen Fells früher gnadenlos gejagt wurden und heute unter Artenschutz stehen. (Zur Inka-Zeit war das Tragen von Kleidern aus Vikunfell ausschließlch den Inka-Fürsten vorbehalten).Sogar der sehr selten gewordene Andenstrauß erweist uns für einen kurzen Augenblick die Ehre, ergreift beim Anblick des Fotoapparates allerdings schleunigst die Flucht – iihgitt Touristen!!.


Die Weiterfahrt vom Nationalpark entlang der Bolivianisch-chilenischen Grenze zum Salzsee Salar de Ujuni führte über ca. 500 KM über teilweise sehr schlechte Pisten durch eine wunderbare abwechslungsreiche Halbwüstenlandschaft. Später erfahren wir, dass diese Gegend eins der Armenhäuser Boliviens ist. Verfallene Gehöfte zeugen von der Landflucht, die wenigen Orte sind zwar pittoresk, aber trostlos und ohne jede nennenswerte Infrastruktur; zu kaufen gibt’s auf der ganzen Strecke so gut wie nichts...Die wunderschöne Gegend ist interessanterweise touristisch offenbar völlig uninteressant, denn in keinem der 4 Reiseführer über Bolivien findet sich auch nur ein Wort über diese Gegend – völlig zu unrecht! Wir kommen an 600 Jahre alten Chullpas vorbei – Begräbnistürmen der Adligen aus der Inkazeit im 15. Jh; Wir wähnen uns in Syrien angesichts der Bienenwabenhäuser der Chipayas – eine der ältestesten Bevölkerungsgruppen Boliviens, deren eigentlicher Ursprung noch nicht geklärt ist. Heute leben sie in trostloser Landschaft am Rande einer der grossen Salztonebenen.
Zunehmend wird die Navigation zur Qual, denn das verfügbare Kartenmaterial ist miserabel und extrem ungenau. Mehrmals irren wir durch die menschenleere Gegend auf der Suche nach dem richtigen Weg, landen auf katastrophalen Querverbindungen oder sind zu grösseren Umwegen gezwungen – belohnt werden wir dafür abends mit atemberaubend schönen Sonnenuntergängen, da stehst einfach nur da und bist sprachlos.... Die ganze Zeit bewegen wir uns ständig auf Höhen um 4000 m und je weiter wir nach Süden kommen, desto extremer werden die Tagesschwankungen der Temperatur. Schliesslich bekommen wir unsere ersten Frostnächte- von teilweise über 20 Grad Plus am Tag fällt das Thermometer in der Nacht auf bis zu Minus 12 Grad. Faszinierend die Beobachtung am Morgen: früh um halb 7 haben wir Minus 11 Grad, um kurz nach halb 8 steigt die Quecksibersäule auf 0 Grad und um 9 haben wir 8 Grad Plus. 19 Grad Differenz in zweieinhalb Stunden!! Endlich können wir auch einmal die Isolationswirkung unseres Kofferaufbaus in positiver Weise erleben. Bei Aussentemperaturen von –10 Grad haben wir im Inneren erträgliche plus 10 Grad – d.h. auf die Heizung können wir verzichten und sparen so eine Menge Gas (bei grosser Hitze ist die Isolationswirkung nachts leider genau umgekehrt, d.h. du kriegst die Tageshitze nachts nur schwer wieder aus dem Innern heraus.)...

Dann fällt die Hochebene langsam auf 3700 m ab und wir erreichen das touristische Highlight Boliviens: den Salar de Ujuni – den grössten Salzsee der Welt mit einer Ostwest Ausdehnung von 160 km und einer Nordsüd-Ausdehnung von 135 km. Ohne starke Sonnenbrille geht hier gar nix mehr: Endlos erstreckt sich eine grelle weisse Ebene, nur unterbrochen von den wenigen Fahrspuren, die in der Trockenzeit als Hauptverbindungswege den See auf festem Salzuntergrund überqueren. Doch die Sicherheit ist trügerisch, vor allem in Ufernähe und im Bereich der kleinen Berge, die sich wie Inseln aus dem Salz erheben, ist das Salz gefährlich brüchig und feucht. Aber auch mitten auf dem See können junterirdische Wasserläufe nahe an die Oberfläche treten und zur Gefahr für Autos werden. Obwohl wir jede Mnge (negative) Erfahrung mitbringen und entsprechend vorsichtig zu Werke gehen, siegt die Dummheit letztlich über jede Erfahrung- wir verlassen die Hauptfahrspur, um uns eine der Inseln näher anzuschauen und brechen prompt in Sekundenbruchteilen im Salz ein. Zum Glück erhalten wir nach kurzer Zeit zusätzliche Hilfe von einem vorbeifahrenden einheimischen Geländewagenfahrer und bekommen das Fahrzeug nach 2 Stunden wieder aus dem Modder raus. Um die Sandbleche unterlegen zu können, müssen wir die Räder zunächst freilegen- im Sand kein Problem, aber hier müssen wir mit der Axt zunächst die harte Salzkruste aufschlagen. Und siehe da: Die feste Kruste ist an dieser stelle vielleicht 5 cm dick, darunter kommt sofort ekliger feuchter Lehm, die vielleicht 40 cm tiefe Spur, die wir hinter den Rädern graben, füllt sich sofort mit Wasser und macht aus dem lehmigen Untergrund eine Masse ähnlich wie Wackelpudding – Der Bolivianer meint während des Graben: Hhmm lecker, Mantequilla – Butter....Später, als alles schon längst überstanden ist, ärgere ich mich noch Stunden über meine Dummheit, denn wir haben (mal wieder) Glück gehabt, in der Nähe einer befahrenen Hauptspur und nur auf einer Fahrzeugseite richtig eingebrochen zu sein. Mit etwas weniger Glück hätten wir das Fahrzeug ohne einen zweiten Lkw als Zugmaschine kaum allein aus diesem Schlamassel wieder rausgekriegt. Schliesslich erreichen wir das Highlight des Salars – wie eine Fata Morgana taucht unvermittelt eine Landmasse aus der weissen Ebene auf – die Isla de los Pescadores, dicht mit meterhohen Kakteen der Gattung Trichocereus bewachsen, die bis zu 1200 Jahre alt sind. Wie heißt es so schön im Reiseführer: „Auch wer schon viel gereist ist und viel gesehen hat, wird vom Anblick dieser ausserirdisch anmutenden Landschaft nicht unbeeindruckt bleiben“. Dem ist nichts hinzuzufügen – ausser: zum zweiten Mal nach Rurrenabaque mit seinem Urwald-Abenteuertourismus erfahren wir, dass Bolivien auch ein touristisches Reiseland ist. Die Isla wird täglich von Ujuni im Osten von organisierten Geländewagentouren angesteuert. Morgens um acht kommen die ersten, besetzt mit Fahrer, Köchin!! und bis zu acht zahlenden Touristen. Während die Touris auf den Felsen rumklettern, decken die Fahrer unten auf dem Salz die (aus Salzblöcken) angefertigten Tische und die Köchinnen bereiten das Essen.. So geht das den ganzen Tag, bis gegen 5 am Nachmittag die letzten Fahrzeuge verschwinden und man die gesamte Insel für sich allein hat.

Nach einem ganzen Tag auf dem Salar nehmen wir die letzte abenteuerliche Etappe in Angriff: Wir verzchten auf einen Besuch der Stadt Ujuni im Osten, verlassen den Salzsee direkt Richtung Süden und durchqueren den äussersten absolut menschenleeren Südwesten Boliviens Richtung Pedro de Atacama in Chile. Denn unsere 30 tägige Aufenthaltsberechtigung läuft ab und wir wollen auf diese Weise das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: Zum einen sind wir gespannt auf diese abgelegene Region, zum anderen wollen wir Chile als kurzfristiges Transitland ansteuern, um kurz darauf erneut nach Bolivien einzureisen und dann auf dem Weg nach Norden den östlichen Teil des bolivianischen Hochlandes anzuschauen.
Die Strecke erweist sich als absoluter Hit!!! Nach Verlassen des Salars fahren wir zunächst mal wieder so, wie es eigentlich nicht beschrieben ist, landen auf einer riesigen grossen Salztonebene und merken erst nach ca. 30 Km mitten auf der Ebene, dass dies wohl nicht die „normale“ Fahrspur ist. Nach dem noch frischen Erlebnis auf dem Salzsee fahren wir mit einem äussert unguten Gefühl die deutliche Fahrspur lang, die teilweise verdächtig feuchte Stellen passiert. Endlos zieht sich die Fahrspur dahin; ich bete, dass jetzt bloss keine kritische Passage kommt, denn Wenden wäre auch äusserst riskant. Nach ca. 50 Km ist endlich der Rand der Ebene erreicht und es geht steil in die Höhe.Wir bewegen uns ab jetzt ständig auf Höhen von über 4300 m, es geht über weite Hochtäler, umringt von teilweiise schneegekrönten Vulkanen, vorbei an mineralienreichen Seen, die in den verschiedensten Farben leuchten und auf denen verschiedene Flamingoarten leben, wir erleben das beindruckende Schauspiel der Geysire des Sol de Manana auf 4850 m und erreichen mit 5050m schliesslich den höchsten Punkt der Strecke. Das Erleben dieser reizvollen Landschaft muss allerdings schwer erarbeitet werden: Zum einen ist die Strecke fahrtechnisch eine einzige Katastrophe. Da es auf 250 Km keine Ortschaften gibt, gibt es auch null Verkehr mit Ausnahme der wenigen organisierten Geländewagenwagentouren, die 4-5 tägige Exkursionen von Ujuni aus in diese Region anbieten. Es geht in steilen Anstiegen über Geröllfelder und Steinplatten, auf den Hochflächen grösstenteils über schauderhaftes Wellblech und das ganze meist in tiefen Fahrrillen, die nicht die nötige Spurbreite für LKw aufweisen. Teilweise quälen wir uns mit 5-10 km/h hin....Zum anderen wird das Klima wirklich rau: am Ende haben wir tagsüber max. 8-10 Grad in der Sonne, wobei der starke Wind das Thermoter im Schatten kaum über lausige 5 Grad steigen lässt und in den Nächten wirds bitterkalt; kaum verschwindet die Sonne, sinkt die Temperatur unter 0 Grad und am nächsten Morgen erwärmt sich die Luft auch nur quälend langsam. Jeder Startversuch des Fahrzeugs am Morgen ist mühsam und begleitet von der Frage: springt er nun ohne Filterarbeiten an oder nicht?, nur mühsam kommt der Motor nach Minuten zum Laufen und das trotz extra beigefügtem Dieselzusatz ......
Nach 350 weiteren wunderbaren Kilometern und 4 Tagen erreichen wir letztendlich die chilenische Grenze. Ein tolles Abenteuer geht (vorläufig) zu Ende.....

P.S. Gestern übernachteten wir auf einer Anhöhe mit Blick auf Pedro de Atacama; mitten in der Nacht werden wir wach, weil das Auto eine ganze Zeitlang deutlich seitlich hin-und herschwankt, als ob jemand auf dem Dach rumturnt..... Wir erleben tatsächlich einen Mini-Erdstoss, wie er in dieser geologisch instabilen Zone wohl fast zur Tagesordenung gehört. Wie lesen wir: Du wachst in der Nacht von den deutlich spürbaren Erschütterungen auf, um dich am nächsten Morgen zu fragen, ob du das nicht alles nur geträumt hast.....

P.P.S. Man kann in Bolivien wirklich nur schwer Geld ausgeben, wenn man auf dem Land unterwegs ist; obwohl wir in La Paz im europäischen Supermarkt gross eingekauft hatten, liegt unser Tagesschnitt inclusive aller sonstigen Kosten bei ca. 18 Euro für 2 Personen, das sind unter 600 Euro im Monat, einfach unfassbar. Ich würd lieber ein bisschen mehr ausgeben zugunsten von etwas Genuss, aber wo nix ist, kann man auch nix geniessen (aus kulinarischer Sicht gesehen....)

P.P.P.S. Der Massentourismus hat uns eingeholt. Das 5000 Einwohner zählende Wüstendorf Pedro de Atacama (architektonisch eigentlich sehr reizvoll) quillt über von Touristen. Restaurants, Hotels und Souvenirshops reihen sich aneinander. Laut Reiseführer befindet sich der größte Teil der Gastronomie in den Händen europäischer Aussteiger. Und so wähnt man sich beim Anblick des Stils im Inneren dieser Einrichtungen teilweise eher in Berliner Szenebezirken als in einem südamerikanischen Wüstendorf. Ursprünglich hatten wir vor, uns einfach mal 1-2 Tage auf einem Campground zu regenerieren – da wollen die 25 Euro pro Nacht für einen Autostellplatz!!! Nee danke – da veress und vertrink ich das schöne Geld lieber als das solchen Abzockern in den Rachen zu stecken....Wie steht es so schön geschrieben: „Der bekannteste Wüstenort in Chile gehört zum Standardziel eines jeden Besuchers in Nordchile....Heute ist der Tourismus die größte Einnahmequelle des Ortes geworden.Das Klischee der abgeschiedenen Wüstenoase stimmt allenfalls außerhalb der Saison, auch darf der ausländische Besucher nicht unbedingt darauf hoffen, dass die einheimischen Bewohner von ihm begeistert sind. An vielen geht der Aufschwung durch den Tourismus vorbei. Hotels.Pensionen und Reiseunternehmen sind in den Händen von Ausländern oder reichen Leuten aus der Hauptstadt Santiago und wenig begeistert schauen manche alteingesessenen Bewohner auf die europäischen Aussteiger, die sich hier einfacher als sie selbst mit dem Ersparten aus Europa und dank ihrer Sprachkenntnisse eine neue Existenz aufbauen können. So gab es in jüngster Zeit vermehrt Auseinandersetzungen zwischen Atacamenos und Tourismus-Unternehmen..........“
Zuletzt geändert von tibesti am 10.10.2006 02:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Muskalowski » 09.10.2006 12:46

Danke für den Bericht.

Strassenmaut für eine Strasse die keine ist ???? hoffentlich nicht zu teuer ?


Gruß Muskalowski

die neue einnahmequelle der einheimischen oder hat das Sinn ?
Muskalowski
 

Beitragvon tibesti » 10.10.2006 02:55

zu den Strassenbenutzungsgebuehren:
Im gesamten westlichen Grenzgebiet haben sie die vergessen! Es gibt hier schlichtweg keine.....

Ansonsten:
Upload hat endlich geklappt, wir sind in Calama/Chile und bereiten uns auf die Rueckreise nach Bolivien vor....

hier gehts zu den Bildern:

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Beitragvon tibesti » 10.10.2006 22:15

Calama/Chile 10.10.06

Nachtrag1
es war ein Upload-Fehler im Bild 98, ist behoben...

Nachtrag2
Die-Reiseroute-im Ueberblick

Nachtrag3
Aktuell ist etwas die Luft bei uns raus.... die letzten Wochen waren so eindruecklich,intensiv und anstrengend, dass eine Regenerationsphase dringend erforderlich erscheint....

Nun gruebeln wir intensiv ueber die weitere Reiseroute nach, wobei als Alternativen die weitere Reise Richtung Norden (Peru,Ecuador,Kolumbien), die Orientierung nach Sueden (Patagonien) oder vielleicht was ganz anderes (wieder Brasilien ??, mich begeistern diese Menschen) in der Diskussion ist; Aktuell ist in dieser Hinsicht nix klar ausser: Wir wollen und muessen uns nach all den vielen ReiseJahren nix mehr beweisen, indem wir unbedingt einen hoechst eindrucksvollen Strich, wo wir ueberall schon gewesen sind, ziehen koennen. Zudem irritiert uns der Herdentrieb vieler Individualreisender, (von denen gibts in Suedamerika mehr als man denkt), die alle den "gleichen Trampelpfad der Sehenswuerdigkeiten beschreiten, die man gesehen haben muss".
Das ist irgendwie nicht mehr unser Weg und Ziel.....

So reift auch wieder mal die zunaechst zurueckgestellte Idee, ein paar Wochen sesshaft zu werden und in einem Sprachkurs intensiver Spanisch zu lernen, um endlich auch mal durch direktere Kontakte zu den Leuten etwas mehr hinter die Kulissen eines Landes schauen zu koennen. Die Zeit bei dem Schweizer Auswanderer in Rurrenabaque und seinem riesigen Backgroundwissen und seinen Kontakten war in dieser Hinsicht schon hochinteressant und hat uns so manches an den bolivianischen Verhaeltnissen verstaendlicher gemacht.

Das weitere Vorgehen ist somit etwas in der Schwebe. Das einzige was jetzt kurzfristig feststeht ist dass wir uns morgen zu einer Besichtigung der weltweit groessten Kupfermine Chiles (Tagebau mit einem 800m tiefen Loch) angemeldet haben und dann erstmal den Rueckweg nach Bolivien antreten.

Na da bin ich ja mal gespannt, was wir da in der naechsten Zeit auskaspern werden -zum Glueck haben wir ja Zeit und keine Eile....

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Beitragvon tibesti » 16.10.2006 18:21

Ujuni/Bolivien 16.10.06

Das war ja wieder so eine Geschichte aus der Telenovela- es gibt nix ,was es nicht gibt...-; wir fahren entspannt durch eine wunderschöne und einsame Andenlandschaft rund um die Salzlagune Salar de Carcote auf einer recht brauchbaren Nebenpiste ohne jeden Verkehr. Der Fahrweg schlängelt sich am Salar entlang, steigt dann etwa 10 m über den See an, als das Fahrzeug bei Tempo 30 auf einmal anfängt nach rechts zu driften; Alles geht blitzschnell: Gegenlenken unmöglich, wir steuern schnurstracks auf den steilen Pistenrand zu,die Kiste bricht rechts vorne und hinten ein und wir kommen haarscharf am am aufgeschütteten Pistenrand in unschöner Schräglage zum Stehen. Schock!! Ich bin mir im Gegensatz zum Ereignis auf dem Salar Ujuni, wo wir aus eigener Doofheit einbrachen, diesmal keiner Schuld bewusst, hatte ausreichend Abstand zum Pistenrand und trotzdem ists passiert. Der Hang ist so gut wie unbefestigt, Sand und feine Erde nur lose aufgeschüttet. Wir sind beide ernstlich beunruhigt, dass schlecht vorbereitete Befreiungsversuche nur zu einem weiteren Abrutschen des Hanges führen und wir vollends den Hang runterkugeln; also arbeiten wir konzentriert und sorgfältig und versuchen den Hang unter Einsatz sämtlicher Sandbleche und herbeigeschleppter Steine notdürftig zu befestigen. Nach längerer Buddelei starte ich dann mit zittriger Hand einen ersten Befreiungsversuch unter Einsatz von Allrad und aller Sperren, später einer zweiten und schliesslich stehen wir wieder auf festem Grund. Mann, war das knapp, mir schlottern die Knie und zu etlichen Blessuren an den Händen sind jetzt auch noch wunderschöne Schrammen an den Armen von der Schufterei hinzugekommen.......

Der Rest der Fahrt ist schnell erzählt. Wir geniessen in Calama/Chile nach Wochen mal wieder westlichen Komfort und decken uns in einem grossen Supermarkt endlich mal wieder richtig ein: Wurst,Käse,Schokolade, alles auf was wir längere Zeit verzichten mussten. Allerdings ist Chile ein sehr teures Reiseland mit Preisen wie zuhause, doch egal, was sein muss, muss einfach mal sein. Später besichtigen wir nach Voranmeldung die Kupfermine Chuquicamata der staatlichen Gesellschaft Codelco, die der größte Kupferlieferant der Welt ist. Das gebuddelte Loch im Tagebau ist wirklich eindrucksvoll mit einer Tiefe von inzwischen an die 900 m , die Transportfahrzeuge mit einem Fassungsvermögen von 170-350t wirken gigantisch. Täglich werden 100.000 t Gestein abtransportiert und später in einem aufwendigen Flotationsverfahren das Kupfer, welches im Gestein als Sulfat mit einem Gehalt von nur 1% enthalten ist, herausgefiltert. Das Endprodukt sind 175 Kg schwere dünne Kupferplatten mit einem Reinheitsgehalt von 99,8%, die zu über 95% an Lieferanten in Asien gehen. Einen Riesenreibach macht die Firma zur Zeit ausserdem mit dem Nebenabfallprodukt Molybdän-obwohl nur im Promillebereich gewonnen, lohnt sich die Gewinnung angesichts der derzeitigen astronomischen Preise. Die Mine produziert seit 1912 und wird auch die nächsten 90 Jahre noch weiterproduzieren. Was man bei der Führung nicht erfährt, ist die gewaltige Umweltverschmutzung, die von der Mine ausgeht: „Chuqui ist eine der grössten Dreckschleudern Chiles. Im klaren Wüstenhimmel ist der Rauch der Verhüttungsanlagen und der Staub der riesigen Lastwagen weit zu sehen, nicht zu sehen sind die giftigen Chemikalien, die beim Reinigen des Rohkupfers freigestzt werden. Schwefelsäure und Arsen darunter und Ökologen befürchten, dass inzwischen die gesamte Umgebung der Stadt Calama ( 16 km entfernt), sogar das Trinkwasser weiträumig mit diesen Stoffen belastet ist.....¨

Später treten wir die Rückfahrt nach Bolivien auf einer wieder atemberaubend schönen und einsamen Andenstrecke an, besichtigen die schöne Wehr-und Kolonialkirche Chiu Chiu, besteigen einen kleinen Vulkan in einer elenden Kletterschinderei auf losem Bimsgestein (ca. 300 sehr steile Höhenmeter in nahezu 4000m Höhe kletternd zu bewältigen ist wirklich lufttraubend, wenn mans nicht gewöhnt ist, ich fuehl mich luftschnappend wie ein Fisch an Land, einfach nur fuschbarr, aber die Aussicht lohnt die Plackerei), geniessen die herrliche Landschaft der grossen Salare Ascotan und Carcote , erleben im Grenzort Ollagüe zu Füssen des gleichnamigen aktiven Vulkans ein interessantes lokales Fest und müssen schliesslich in Bolivien auf dem Weg nach Ujuni wieder endlos sich hinziehende Salzlagunen durchqueren, was bei Silvia inzwischen zu einer automatisch angespannten Haltung führt in der ständigen Sorge, wir könnten mal wieder einbrechen (das lassen sich die früheren Erlebnisse etwa aus Libyen,der Türkei und dem jüngsten Salarerlebnis nur schwer verdrängen). Als ich sie an einer zweifelhaften Stelle frage- rechte spur oder linke, stellt sich raus, sie kann mir nicht helfen, weil sie die ganze Zeit schon die Augen zu hat....!!! Auf meinen Einwand, das waer doch nun ein bisserl viel Paranoia, kontert sie, das siehste mal wie ich dir blindlings vertraue....Tja, was willste da noch zu sagen...Nischt!!

Ansonsten sind inzwischen auch schon wieder annähernd 5 Monate seit Reisebeginn vergangen; in dieser Zeit haben wir 16000 KM zurückgelegt, was einem Schnitt von ca. 100 KM pro Tag entspricht. Seit unserer ersten Einreise nach Bolivien haben wir allerdings Asphaltstrassen nur noch in homöopathischen Kleinstrecken erlebt und die gefahrene KM-Anzahl auf größtenteils schlechten Erdpisten beläuft sich auf ca. 6000 KM . Das ist zwar fahrtechnisch alles sehr anstrengend, wird dafür aber auch belohnt durch das Erleben wunderschöner und abgeschiedener Landschaften. Ganz in unserem Sinne- nicht Quantität, sondern Qualität zu erleben. Dafuer muessen wir abends die Fensterrollos eigentlich gar nicht mehr zum Verdunkeln zuziehen, denn das gesamte Fahrzeug ist dermassen eingesaut, das man ohnehin nicht mehr aus dem Fenstern rausschauen kann....

Die bisherigen Reisekosten in Südamerika pendeln sich bei etwa 34 Euro am Tag (inclusive aller Zusatzkosten) ein, was deutlich unter unserer kalkulierten Höchstgrenze liegt, und das trotz der inzwischen deutlich gestiegenen Dieselpreise in manchen Ländern wie Uruguay, Brasilien und Chile mit ca. 0,70 Euro-Cent.

Nach wie vor schieben wir nun eine weitere Richtungsentscheidung vor uns her und koennen uns nicht so recht entscheiden
-nach Norden, da wuerd uns Ecuyador und auch Kolumbien interessieren, es stoert uns Peru aber sehr stark
- nach Sueden Richtung Patagonien, da wollen wir eigentlich fruehestens im Februar sein, denn wenn um die Jahreswende alle Welt darunter will und zudem noch Sommerferien in Chile und Argentinien sind, muss man nicht unbedingt zu dieser Zeit dort sein
-wieder nach Osten Richtung Brasilien und dann in den Nordosten Richtung Bahia, da kommt auf jeden Fall noch dran, wenn nicht jetzt, dann naechstes Jahr...
- oder vielleicht doch ein Spanischkurs in Bolivien- in der alten Kolonialstadt Sucre etwa -, um Land und Leute besser zu verstehen...

Alle Optionen sind nach wie vor gleichgewichtet akuell und eine Entscheidung faellt uns schwer, sie muss jetzt aber in den naechsten Tagen fallen

Adios


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Beitragvon tibesti » 28.10.2006 18:25

Camiri/ 28.10.06

Also langweilig waren die beiden letzten Wochen nun wahrlich nicht !!

Zunächst einmal ist – nach längerer Unentschlossenheit – eine vorläufige Richtungsentscheidung gefallen:
Wir haben den Blinker gesetzt Richtung Brasilien!! Nachdem das vage Vorhaben, in Sucre einen Spanischkurs zu belegen, an dem banalen Fakt gescheitert ist, dass es keinen gescheiten Standplatz gegeben hat, auf dem wir 2 Wochen in Ruhe hätten stehen und wohnen können (wir können ja nur schlecht so lange am Strassenrand campieren), hat sich die Richtungsentscheidung dann recht schnell ergeben getreu der alten Weisheit: Man soll die Party verlassen, wenn’s am schönsten ist! Die Intensität, mit der wir die bolivianische Bergwelt in den letzten Wochen erleben durften, dürfte sich vorerst nur schwer toppen lassen und es braucht Zeit, das Erlebte zu verarbeiten und sich setzen zu lassen....Da kommt Brasilien gerade recht: anderer Kulturkreis, andere Landschaft, andere Menschen; voraussichtlich ab Januar werden wir uns dann entlang der argentinischen Anden Richtung Patagonien und Feuerland aufmachen, wenn der Hauptreiserummel dorthin wieder abebbt.

Was ist in der Zwischenzeit sonst noch passiert ? Zunächst einmal liegen weitere mehr als 1000 Off-Road-Kilometer hinter uns, die getreu dem Motto verliefen: Wenn man nix Besonderes erwartet, wird es häufig umso schöner. Die Strecke von Uyuni nach Sucre erweist sich als „Traumstraße“, wir haben selten eine solche Vielfalt an wechselnden Landschaftsformen auf Reisen erlebt, das ist eine Orgie an Felsformen und Farben, wir kommen kaum aus dem Staunen raus. Unterwegs passieren wir eine Schlucht: Vorbei an wunderlich geformten Felsen schlängelt sich ein rauschender Bach mit glasklarem Wasser- Spontan fällt die Entscheidung , hier bleiben wir einfach 2 Tage stehen; wir faulenzen, nutzen das viele Wasser für eine Wäsche, klettern in den Felsen rum und erleben mal wieder ein atemberaubendes Sonnenuntergangs- und Wolkenspektakel....Hinter Potosi erfolgt dann in Etappen der sukzessive Abstieg ins Tiefland, von 4000m geht es in Stufen allmählich runter bis auf 600 m; das eigentliche Highlight findet erst ziemlich weit unten statt. In den Vorbergen der Anden auf Höhen um die 1100-1500m windet sich die teilweise wieder haarsträubend enge Piste durch eine subtropische Dschungellandschaft, passiert enge und tiefe Schluchten und führt in einem ständigen Auf- und Ab durch eine tief zertalte, einsame und herrliche Landschaft. Manche Ausblicke erinnern uns an Bilder aus einem südostasiatischen Dschungelgebiet, hier sind sie überraschend und unerwartet.

Dann ein weiteres Highlight. Wir passieren eine Abzweigung, an der einige Bolivianer gerade ein neuen großes und repräsentatives Haziendaschild montieren; interessiert halten wir und schauen – und werden prompt vom selbst anwesenden Besitzer eingeladen. Welch ein Glücksfall: Wir treffen auf einen der wirklich großen Hazienderos Boliviens. 63 Jahre alt, Eltern aus Dänemark, geboren in USA (Montana), als Peace-Corps-Jüngling nach Bolivien gekommen und dort seit 40 Jahren hängengeblieben. Jetzt lebt er in der Tiefland-Boomtown Santa Cruz, von wo aus er seine 2 Haziendas verwaltet. Und die Hiesige ist schon ein gewaltiges Teil: Auf 15.000 Hektar betreibt er Rinderzucht mit Spezialgebiet Kälberproduktion, besitzt knapp 10.000 Rinder und produziert Mais (Popcorn) für den heimischen Markt und zum Export. Wir besichtigen das beeindruckende Herrenhaus, erbaut im Jahr 1860, blicken von seiner Grillveranda über das Land, wo die entfernten hohen Bergspitzen das eine Ende seines Besitzes markieren. Seine Angestellten wohnen mit ihren Familien auf dem weitläufigen Besitz, er ernährt insgesamt 200 Menschen, hat eine eigene Schule bauen lassen, beschäftigt zwei überdurchschnittlich bezahlte Lehrer (statt 80 US-Dollar im Monat verdienen beide 150) und die nach Vorbild aus Deutschland erbaute kleine Steinkirche wird zweimal wöchentlich von einem Baptistenpfarrer versorgt. Lustig war die Antwort auf die Konfessionsfrage, als er antwortet, der Pfarrer, den er angeworben habe, sei Baptist, also seien seine Leute jetzt Baptisten.....“.

Ansonsten ist der gesamte Besitz ein riesiger Freilandzoo: Wasserbüffel suhlen sich im nahen Tümpel, Nandus stolzieren umher ,wunderschöne Papageien und Tukans sitzen in einem Vogelgehege, Gürteltiere liegen faul in ihrem Verschlag, Enten und Gänse stolzieren umher, ein Reh (!) eäugt uns , ausgemusterte Rennpferde (des Besitzes Hobby) stehen auf der weitläufigen Weide und und und.... Ein wahrhaftes Idyll in weiter wunderschöner Landschaft....

Später sitzen wir auf der Veranda und unterhalten uns auf englisch über die brisante politische Situation in Bolivien, während ein putzmunteres Äffchen auf unseren Schultern und Köpfen rumturnt: Auch er ist beunruhigt und empört über den plötzlichen Richtungswechsel in der Politik, der innerhalb eines halben Jahres das gesamte Land in Aufruhr versetzt. Er erzählt, dass viele Tiefland-Hazienderos sich bewaffnen, er selbst hat eine Truppe Indios angeheuert, die in Bolivien zu den Outlaws zählen: Grobschlächtig und hochgewachsen vom Körperbau, werden sie –obwohl selbst Indios- von den Hochlandindios verachtet; jetzt leben sie in Zelten auf seinem Gelände, um im Fall der Fälle aktiv zu werden. Auf meine Frage, was denn dieser Fall der Fälle sei, meint er: Na wenn erst 200 bis 300 Leute hier eindringen und versuchen das Land zu besetzen, ist`s bereits zu spät, da muss man (mit einer Schlägertruppe) gewappnet sein.....

Tief beeindruckt vom Erlebten und in dem Bewusstsein, einen wirklich nicht alltäglichen Einblick in das Leben auf einer großen Hazienda erhalten zu haben, treten wir die Weiterreise an. Ausgerüstet mit seiner Telefon-Nr und Emailadresse (und seiner Bitte, uns weiter von unserer Reise per Email zu berichten) kennen wir nun schon zwei alteingesessene Adressen in Bolivien (und selbstverständlich kennt unserer Haziendero Ron Larsen auch unsere Schweizer Bekanntschaft Jörg aus Rurrenabaque, denn die Welt der einflussreichen und erfolgreichen Emigranten in Bolivien ist klein und überschaubar...).

Weniger schön ist allerdings die Mitteilung, dass gleich zwei große –politisch motivierte – Straßenblockaden unsere Weiterfahrt blockieren. Wir beschließen, die erste Blockade, in einem weiten Bogen zu umfahren, indem wir noch vor die erste Andenkette ins Tiefland Richtung nach Norden/Santa Cruz ausweichen, und dann weiter östlich eine Strecke im Tiefland wieder nach Süden fahren. Das bedeutet einen Umweg von 250 weiteren Pistenkilometern und der hatte es in sich, wie sich am folgenden Tag zeigen sollte. Die Strecke führt durch eine hochinteressante subtropische Landschaft in Nord-Süd-Richtung entlang der allerersten Andenvorkette, eine steil und von Straßen nicht überwindbare Schichtrippenkette.. Die Piste ist eine miserable Sand- und Lehmpiste, führt in steilen An- und Abstiegen entlang furchterregend tiefer Erosionsrinnen durch die Vorberge. Obwohl ich Hunger habe und Lust auf eine Pause, mahnt mich mein sorgenvoller Blick zum Himmel zur Weiterfahrt, um wenigsten die 70 KM entfernte Kleinstadt Charagua zu erreichen, - an sich keine Entfernung, doch bei Durchschnittstempo 15 bis 20 eine zeitraubende Angelegenheit. Und schließlich kam es, wie es kommen musste: Es fing an zu regnen und in Fahrtrichtung voraus ging ein Gewitter nieder. In Minuten verwandelte sich der Lehm in eine hochriskante Schmierseife und schließlich ging gar nichts mehr: tiefe Gräben rechts und links der Piste mit der Gefahr des Abrutschens verhindern eine Weiterfahrt. Also ist warten angesagt. Nach etwas über einer Stunde dann kämpft sich eine Jeep von vorne heran, deren 4 Insassen uns verstehen geben, dass die weitere Strecke nicht besser werde, weil es sehr stark geregnet habe: Am besten sei es, ein erstes Abtrocknen des Lehms abzuwarten, um nicht in einen der räben zu rutschen. Ansonsten könnten wir die restlichen 30 KM bis Charagua mit gaaaannnz langsamer Fahrweise in etwa 4 Stunden schaffen. Und so war es dann auch: mit Allrad, Untersetzung und eingeschalteten Sperren schliechen wir im Schrittempo voran und erreichten nach über 4 Stunden nach Einbruch der Dunkelheit die Kleinstadt Charagua.

Der Ort entpuppt sich als malerisches Tiefland-Juwel, ursprünglich und beschaulich, so recht nach unserem Geschmack. Von einer über 70jährigen kolumbianischen Missionsschwester vom aussterbenden aufopferungsvollen Mutter-Theresa-Typ erfahren wir, dass wir das Siedlungsgebiet der Guarani-Indianer durchqueren. Aus Dankbarkeit dafür, dass wir sie das Innere unseres Wohnmobils besichtigen lassen, führt sie uns durch das geschlossene Museum mit Kunsthandwerk der Guaranis und historischen Fotos und Gegenständen aus dem bolivianisch-paraguayanischen Chaco-Krieg und schenkt uns schliesslich eine Teppichwebstück der Guaranis......Das Umland der Stadt ist offensichtlich auch Siedlungsgebiet konservativere Mennoniten: Mehrmals sehen wir die altertümlich gekleideten Menschen in ihren urigen Pferdefuhrwerken vom Typ der Amish-People in der Stadt herumfahren. Als eines der Fuhrwerke vor uns in die Weite des Chaco entschwindet, fällt mir spontan der satz ein: Das fahren sie nun hin ins Mittelalter.....

Der rest der Geschichte wäre schnell erzählt. Am nächsten Tag sind die Wege wieder trocken und die restlichen 100 KM nach Camiri eigentlich schnell abgehakt, wenn.....ja wenn da nicht diese lange Brücke über einen breiten Fluss gewesen wäre.

Wir biegen um eine Ecke und stellen ueberrascht fest, dass die Fahrspur in einen Eisenbahnschienenstrang muendet, um nach wenigen Metern gemeinsam mit den Schienen ueber eine laaange, schmaaale und hohe Bruecke ueber einen Fluss zu fuehren - ohne Gelaender oder sonstige Seitenbegrenzung. Ich Denk noch, das mus ein Irrtum sein, ist aber keiner.Wir fahren zu den naechsten Haeusern zurueck, um zu fragen: Nix da, hat alles seine Richtigkeit, da fahren auch Lkw rueber, man muesse halt ganz tranquillo bleiben, ne Ecke Coka zum Kauen in den Mund schieben und duerfe halt blossd nicht lenken....Lenken waer gaaaanz schlecht! Das ist ja alles schoen und gut, wenn es da nicht ein kleines Problem gaebe: Ich bin zwar insgesamt recht risikobereit, aber ich hab ein psychologisches Hoehenproblem und kann steile Abgruende, speziell ohne Absicherung ueberhaupt nicht ab.... Mir wird sofort seeehr mulmig und spontan sag ich, da komm ich nie lebend rueber, ich verkrampf ja schon beim blossen Anblick dieser Sche...ssbruecke. Doch die Alternative waere, den gaaanzen langen Hinfahrtweg zurueckzufahren, denn eine Umfahrung gibt es nicht. Also werd ich wohl doch rueberfahren oder ? Wir beschliessen, erstmal eine genaue Ortsbesichtigung vorzunehmen, fahren auf die Schienen bis an den Brueckenrand: da liegt sie vor mir: bestimmt 200 m lang, tief und wirklich und ungelogen extrem schmal. Silvia misst aus: Der Lkw hat 10 Fuss Breite von Reifenaussenseite zu Reifenaussenseite, die Bruecke hat 11 einhalb FrauenFuss Breite. Bleiben ca. 15 cm Luft auf jeder Seite. Um mich Pschychologisch zu unterstuetzen, geht Silvia rueckwaerts voraus und gibt Handzeichen, ich schleich buchsteblich mit Allrad und Untersetzung hinterher. Es zieht sich endlos, die versuch mich nur auf die Handzeichen zu konzentrieren und denk noch, im Notfall hilft bei der Hoehe ja noch nicht mal Abspringen was.... Zu allem Ueberfluss ist das schon laenger angeschlgene Lenkungsspiel des Lenkgetriebes bei der vielen Pistenfahrerei auch nicht gerade kleiner geworden und ein praezises Lenken kaum moeglich. Schliesslich bin ich dann doch gluecklich drueben angekommen! Waeren irgendwelche einheimische Zaungaeste in der Naehe gewesen, sie haetten sich vermutlioch scheckig gelacht bei dem Getue, was wir da veranstaltet haben. Mir jedoch musste man erst mal das Lenkrad erhitzen, um meine Finger wieder von dem Lenkrad zu loesen, so sehr waren meine Finger mit dem Plastik verschmolzen. Und schliesslich- ich gebs ehrlich zu, musst ich vor Erleichterung erstmal heulen; was zuviel war, war zuviel.........

Inzwischen ist auch dieses Abenteuer wieder Geschichte, mal sehen, was als naechstes ansteht......

Adios

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Beitragvon tibesti » 08.11.2006 00:21

Hola, vorab: Bericht erfolgt zunaechst ohne Bilder, weil die Upload-Geschwindigkeit mal wieder keine groesseren Datenmengen zulaesst; ausserdem bin ich gesundheitlich nicht so ganz auf dem Dampfer und moag net so lang vor der Glotze haengen...

Die Bilder werden in Kuerze nachgeliefert.



6.11.06 Ponta Pora/Brasilien,Pedro Juan Caballero/Paraguay

Brasilien hat uns wieder! Die ersten Biere in einer subtropisch-schwülen typisch brasilianischen Samstagabend-StrassenPartynacht sind getrunken, das erste Rodizio in einer Churasceria (Grillfleisch vom Spiess essen bis zum Umfallen zum Festpreis) ist verspeist. Nach ca. 3 Monaten schliesst sich mit dem erneuten Erreichen der brasilianisch-paraguayanischen Freihandelszone Ponta Pora/Pedro Juan Caballero eine erste südamerikanische Reiseschleife - randvoll mit Erlebnissen und Abenteuern.

Den Abschluss bildete die Durchquerung des einsamen sog. Chaco-Tieflandes, welches sich vom östlichen Bolivien bis weit nach Paraguay hinein erstreckt.

Der „Chaco“ (ein Wort aus der Indio-Sprache, was „Jagdfeld“ bedeutend) umfasst etwa 60% der Fläche Paraguays und ist damit so gross wie die alte Bundesrepublik. Extrem dünn besiedelt, leben in der Region nicht einmal 100.000 Menschen und das Gebiet war bis weit ins 20. Jahrhundert reines Indianergebiet. Das Landschaftsbild im Chaco ändert sich, je weiter man sich von der Hauptstadt Asuncion nach Nordwesten entfernt. Sind zunächst Palmensavannen mit grossen Viehestancias vorherrschend, weil der Boden aufgrund ausgedehnter Sümpfe nur so zu nutzen ist, wird im mittleren Teil viel Ackerbau betrieben. In der Gegend um Filadelfia ist das Hauptsiedlungsgebiet der deutschstämmigen Mennoniten, die ausschliesslich von der Landwirtschaft leben. Weiter nordwestlich Richtung Bolivien beginnt dann der undurchdringliche Teil des Chaco mit Hartholzgewächsen und Dornenbüschen. Jegliche Oberflächengewässer fehlen und es fällt nur noch wenig Regen.

Die sehr einsame Gegend wird nur von wenigen Erdstrassen durchzogen, die weit auseinander liegende Militärposten und einsam gelegene Estancias verbinden und während der Regenzeit nahezu unpassierbar werden. Nur eine einzige Asphaltstrasse führt von der Hauptstadt Asuncion Richtung Nordwesten als schnurgerades Band in den Chaco hinein und endet nach 650 KM 100 KM vor der bolivianischen Grenze; allerdings passiert nach der leidvollen kriegerischen Vorgeschichte zwischen Bolivien und Paraguay um den Chaco aktuell etwas geradezu “ Weltbewegendes“, als beide Länder tatsächlich erstmals in ihrer Geschichte durch den begonnenen Bau einer von La Patria nach Villa Montes führenden neuen Verbindungsstrasse
in spätestens 2 Jahren durch eine durchgehende Asphaltstrasse miteinander verbunden sein werden.

Beschäftigt man sich als Reisender genauer mit diesem Gebiet, so wird man
Vor allem mit zwei Ereignissen konfrontiert, die die jüngere Geschichte des Chaco geprägt haben: Zum einen der katastrophale Chaco-Krieg ums Erdöl, ein übles Lehrstück über Imperialismus, zum anderen die Besiedlung und weite agrarische Nutzbarmachung des Chacos durch deutschstämmige mennonitische Einwanderer um 1930.

a) Der Chaco-Krieg ums Erdöl:
„...Die politischen Verhältnisse in Paraguay blieben auch nach 1900 instabil. Korruption, Vetternwirtschaft und eine mehr oder weniger abgemilderte Form der Diktatur waren die jeweiligen Regierungsprinzipien, häufig Militärs die Präsidenten, Gewalt die Form der politischen Auseinandersetzung, Bürgerrechte Fehlanzeige.
Standard Oil of New Jersey und Royal Dutch Shell hießen die eigentlichen Gegner und Drahtzieher im Chaco-Krieg, der stellvertretend für die beiden Ölkonzerne 1932-35 von Bolivien und Paraguay geführt wurde. Die Vorgeschichte ist kompliziert: Bolivien war nach dem verlorenen Krieg mit Chile (1879-83) vom Meer abgeschnitten worden. Später hatten Vertreter der Standard Oil im Osten Boliviens grosse Erdöllager gefunden. Doch was nützt das Öl, wenn man es nicht transportieren kann, und die nächsten Häfen lagen im Osten am Rio Paraguay auf paraguayanischem Boden. Um diese zu erreichen, hätte man eine Pipeline durch den Gran Chaco bauen müssen. Dort wiederum suchte aber auch die Konkurrenz von Royal Dutch Shell ebenfalls nach Erdöl. Die beiden Konzerne schürten nun den Konflikt, wobei es ihnen zugute kam, dass die Grenze zwischen Bolivien und Paraguay nicht genau definiert war. 1934, mitten im Krieg, deckte der US-amerikanische Senator von Louisiana Huey Long, die Machenschaften der Standard Oil auf. Sie habe das bolivianische Heer finanziell unterstützt, damit dieses den paraguayanischen Chaco erobere. Er sparte nicht mit harten Worten: „Die Verbrecher sind dorthin gegangen und haben sich Mörder gedungen“.
Die bolivianische Regierung wollte vor allem von innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken und glaubte, den vermeintlich schwächeren Gegner leicht in die Knie zwingen zu können.
Mit der Kriegserklärung des überfallenen Paraguay an das militärisch überlegene Bolivien am 10.5.1933 begann ein grauenhafter Irrsinn. Mitten in der grünen Hölle des Chaco, wo das Überleben an sich schon schwierig genug ist, wo Nahrung und Wasser fehlen, schlug man aufeinander ein, beschoss sich bis zur letzten Patrone und kämpfte danach mit Messern weiter: fernab von Nachschub und Medikamenten und vor allem auch von Wasser – ganze Regimenter verdursteten einfach, als sie sich in der Ödnis des Chaco verirrten. Die militärische Auseinandersetzung führte auf Seiten der Bolivianer zunächst der deutschstämmige General Hans Kundt. Mit seiner Strategie des Vormarsches ohne Sicherung der Nachschubwege trieb er die bolivianische Armee immer weiter nach Süden und damit ins Verderben. Das unterlegene Paraguay gewann den Krieg, es behielt den Teil des menschenleeren Landes, der ihm eh schon gehörte. 130.000 Menschen verloren ihr Leben, davon allein 80.000 auf bolivianischer Seite. Erdöl wird im Chaco bis heute nicht gefördert, eine Pipeline von Bolivien aus gibt es auch nicht.......“

b) Geschichte der Mennoniten
„...Der Umstand, dass sie keinen Kriegsdienst leisten und keine Eide schwören, war der Hauptgrund, warum die mehrere hundert Jahre alte Geschichte der Mennoniten lange eine der Vertreibung bzw. der frei gewählten Abschottung von anderen war. Begonnen hat sie während der Reformation in Europa: Der Theologe Menno Simons schloss sich 1536 einer Gruppe von Täufern an. Diese lehnten – wie Mennoniten heute – die Kindstaufe ab. Menno Simons wirkte in Groningen und Emden und wurde zum Begründer der Mennoniten. Diese waren weder von protestantischen noch von katholischen Herrschern wohl gelitten. So mussten sie immer wieder umsiedeln, und sie gingen dabei vorwiegend in menschenleere Gegenden, wo sie das Land urbar machten und als Bauern und Handwerker lebten. Sie zogen nach Ostpreußen, nach Russland, Kanada, in die USA, nach Uruguay und eben auch nach Paraguay – überall dorthin, wo man ihnen zusagte, ihre Lebensweise anzuerkennen. Denn immer wieder entzündete sich der Konflikt mit dem Gastgeberland an denselben Punkten: Mennoniten lehnen aufgrund ihrer Religion den Staat, damit den Eid auf ihn und den Kriegsdienst ab. Sie sind Pazifisten und haben den Anspruch, ihre Kinder selbst, im mennonitischen Glauben und auf Deutsch zu erziehen. Deutsch ist nämlich die Sprache der Mennoniten, niederländisches Plattdeutsch im Alltag, Hochdeutsch im Gottesdienst und in der Schule.
Die ersten Mennoniten kamen 1926/27 in den paraguayanischen Chaco, die zweite Gruppe 1930/32 und die letzte 1947. Gemeinsam ist diesen 3 Gruppen, dass sie ursprünglich alle aus Russland stammen, wohin sie gegen Ende des 18. Jh. gegangen waren. Ende des 19. Jh. wanderten einige nach Kanada aus. Deren Nachfolger zogen 1926/27 nach Paraguay. Denn die kanadische Regierung hatte den Mennoniten nach dem 1. Weltkrieg den Schulunterricht in deutscher Sprache verboten. Die zweite Gruppe kam 1930/32 direkt aus Russland über den Umweg Deutschland, wobei der damalige Reichspräsident Hindenburg sich maßgeblich für ihre Ausreisemöglichkeit aus Russland einsetzte (weshalb die heutige Hauptstrasse auch ihm zu Ehren Avenida Hindenburg heisst); die letzte Gruppe kam schliesslich 1947 unten grössten Mühen ebenfalls direkt aus Russland.

Der paraguayanische Staat war schon vor dem Chaco-Krieg interessiert an Siedlern im unzugänglichen Westen des Landes. Er versprach den Mennoniten weitreichende Privilegien: die Befreiung vom Militärdienst, ein eigenständiges Schulrecht, die zollfreie Wareneinfuhr, ein eigenes Grundbuchsystem und Erbrecht, autonome Rechtsprechung und die absolute Religionsfreiheit, also de facto nahezu einen Staat im Staate. Damit waren die formalen Bedingungen für die Mennonitenkolonien geschaffen worden, aber die Existenz der Siedlungen noch nicht gesichert. Das Land musste bearbeitet und aus dem unfruchtbaren Buschland ein fruchtbares Landwirtschaftssystem gemacht werden.
Dabei kauften die Mennoniten das Land nicht – wie häufig geschrieben – vom paraguayanischen Staat direkt. Vielmehr erfuhren wir auf Nachfrage, warum die Kolonie ausgerechnet an dieser Stelle entstanden sei, das just zur Gründungszeit ein riesiger Landstrich um das heutige Filadelfia zum Verkauf stand – angeboten von nordamerikanischen Bodenspekulanten, die diesen Landstrich Jahre zuvor wiederum von einem argentinischen Großkonzern erwarben. Heute geht es den Kolonien gut, auch wenn die wirtschaftlichen Globalisierungstendenzen auch den Mennoniten zusetzen. Das ganze Land ist Genossenschaftseigentum, genossenschaftlich wird produziert und vermarktet, jedes Haus hat eine Zisterne, es gibt überall Elektrizität, dazu ein Krankenhaus und eine Zahnklinik. Als die Mennoniten das Land erwarben, war dieses jedoch nicht vollständig unbewohnt. Verschiedene Indianervölker, teilweise mit nomadischer Lebensweise als Jäger und Sammler, lebten dort. Es folgte der wohl unvermeidliche Prozess. Heute wohnen viele Indianer als Tagelöhner oder Lohnarbeiter am Rande oder in den Mennonitenkolonien, sie sind zumeist wirtschaftlich vollständig von diesen abhängig (was angesichts der wirtschaftlichen Probleme vieler Staaten Südamerikas nicht unbedingt die schlechteste Lösung sein muss.....)

Soviel zu den Hintergründen einer auch im 21.Jh.. noch abgelegenen Region, die
auch als klimatisches Hitzezentrum Südamerika bezeichnet wird, wenn die Temperaturen im Sommer auf weit über 45 Grad steigen können.

Der Zeitpunkt für unsere Chaco-Durchquerung ist nicht günstig gewählt, denn seit 14 Tagen hat die Regenzeit voll eingesetzt; wir schaffen das problematische nicht asphaltierte 200 KM-Chaco-Stück zwar ohne grössere Probleme, sind anschliessend in unserem Bewegungsspielraum aber stark eingeschränkt, während uns zusätzlich die Hitze (35-40 Grad) und Schwüle in Verbindung mit einer unglaublichen Plage frisch geschlüpfter Moskitos zu schaffen macht. – ganz zu schweigen über gesundheitliche Anpassungsprobleme durch den Klimawechsel von kühlem Hochland zu heißem Tiefland mit Halsschmerzen, Husten, Fieber. Im Umland von Filadelfia, wo eine Woche zuvor die Regenzeit mit einer Sintflut von 185 mm Niederschlag eingesetzt hat (das ist nahezu die gesamte Menge von Oktober und November zusammen), steht die Landschaft vielerorts unter Wasser. Riesenglück haben wir, als wir am späten Nachmittag zu einem kurzen 30 KM-Ausflug in den Busch zu einer verlassenen Festung aus dem Chaco-Krieg aufbrechen. Als wir eine Stunde vor Einbrechen der Dunkelheit kurz vor Erreichen des Ziels ein überflutetes Stück Sumpfland auf einem zweifelhaft schmalen und schlammigen Weg passieren müssen und gleichzeitig selbst beim Fahren im Schritttempo von Tausenden aggressiver Moskitos attackiert werden, während zusätzlich gewaltige Gewitterwolken sich ringsherum über den Horizont erstrecken, erscheint uns der Sinn dieses Unterfangens zu so vorgerückter Zeit doch sehr fraglich und wir beschliessen die Rückfahrt nach Filadelfia. Welch weise Entscheidung, muss man im Nachhinein sagen. Denn kurz darauf brach ein heftiges Gewitter los und der Regen dauerte bis weit in den nächsten Tag an. Wären wir bis zur Festung weitergefahren und hätten dort übernachtet, hätten wir uns in jedem Fall den Rückweg für längere Zeit abgeschnitten und zusätzlich in einer sehr unangenehmen Moskitofalle gesessen. Nee Nee welch unangenehmer Gedanke....!! So beschränkt sich unser Aufenthalt im Mennonitengebiet auf die Stadt Filadelfia und die unmittelbar angrenzenden Gemeinden. Der Orte an sich lohnt kaum den Besuch, es ist ein modern und westlich wirkendes (sieht man mal vo n den staubigen Erdstrassen ab, die sich im Regen in einen ekelhaften Schlamm verwandeln) reines Versorgungszentrum für die verstreut im Umland wohnenden Menschen, ohne gewachsenes historisches Zentrum. Das Interessante an einem Besuch sind zweifellos die Menschen und ihre ungewöhnliche Geschichte, überall wird deutsch gesprochen und im Vorbeigehen an Leuten wähnt man sich in Holland angesichts des niederländischen Plattdeutsch, was rings um einen. Wir besichtigen das örtliche Museum zur Ortsgeschichte und führen ein sehr langes hochinformatives Gespräch mit dem Museumsleiter.
Wir lernen, dass Filadelfia „Bruderliebe“ bedeutet, wir erfahren etwas über die Schwierigkeiten der Trinkwassergewinnung im Chaco und die Methoden, das häufig salzhaltige Grundwasser zu filtrieren, wir hören von den Hintergründen, wie es gerade zur Ansiedlung an dieser Stelle kam und wir lernen schliesslich etwas darüber, warum es innerhalb der mennonitischen Glaubensgemeinschaft so viele unterschiedliche Ausrichtungen gibt von fortschrittlich-modern (wie in Filadelfia) bis zu ultrakonservativ und sich der Moderne total verweigernd (wie in Teilen Boliviens). Denn die eigentlichen Kernprinzipien des mennonitischen Glaubens (Ablehnung der Kindstaufe, Verweigerung von Kriegsdienst und Eiden, Anspruch auf eigene Ausbildung der Kinder) lassen hierüber keinerlei Aufschlüsse zu. Die extrem konservativen Ausprägungen innerhalb des Mennonitentums hängen vielmehr indirekt mit der jahrhundertealten Vertreibung ihrer Anhänger zusammen und dem daraus resultierenden Bestreben, sich in immer abgelegeneren menschenleeren Regionen wie etwa früher Russland anzusiedeln. So kam es vielfach zur Ausprägung lokaler extrem konservativer und die Moderne völlig ablehnender Lebensweisen einzelner Gemeinden. Der Leiter des Museums meinte hierzu schliesslich: Häufig ist es in den mennonitischen Gemeinden so, dass der Wunsch nach Neuerungen und die Erkenntnis fortschrittlicherer Mitglieder, dass die Zeit für moderate Anpassungen an die Entwicklung der Moderne notwenig seien (etwa im Bereich von Bildung und Erziehung) zu Konflikten innerhalb der Gemeinden und letztlich häufig zum erneuten Wanderungsaufbruch stark konservativer Familien führe, die – anpassungsunwillig – die Gemeinden verlassen und noch ein Stück weiter in die Abgeschiedenheit ziehen, um ihre extremen Wertvorstellungen aufrechterhalten zu können.......
So lernen wir schliesslich, dass es innerhalb des Mennonitentums Ausprägungen gibt, die unterschiedlicher und extremer kaum sein könnten; über das Alltagsleben ultrakonservativer Mennoniten können wir nachlesen: „Der Mennoniten-Alltag ist asketisch. Alkohol,Musik und Tanz sind verpönt, nur Kirchenlieder sind gestattet. Es gibt weder Autos noch Elektrizität, oft noch nicht einmal fliessendes Wasser. Bis auf Kaffe,Zucker,Salz und Kleiderstoffe stellt jede Familie alles selbst her, was sie zum Leben benötigt. Früher lehnten die Mennoniten auch Maschinen in der Landwirtschaft und Elektrizität ab. In der bolivianischen Colonia 42 haben die Traktoren auch heute noch immer keine Gummibereifung, damit sie auch wirklich nur für Arbeiten in der Landwirtschaft eingesetzt werden können Alle Arbeiten sind streng nach Geschlechtern getrennt. Die Frauen arbeiten im Haus und auf dem Hof, die Männer auf dem Feld und sie erledigen die Einkäufe. Viele Männer sind hochgewachsen und hager, tragen grüne oder schwarze Latzhosen und einen Westernhut als Kopfbedeckung. Die Frauen tragen knielange geblümte Kleider und ein buntes Schultertuch mit Fransen. Auf dem Kopf haben sie einen breitkrempigen Sonnenhut oder ein Kopftuch.... Ehen zwischen mennonitischen Einwanderern und Latinos werden kaum geschlossen, denn sie bedeuten den Ausschluss aus den Gemeinden....“

Letztlich trennen das Alltagsleben ultrakonservativer Mennoniten (die wir nur aus der Ferne in ihren Pferdefuhrwerken beobachten konnten) und solcher wie wir sie in Uruguay bzw. im paraguayanischen Filadelfia kennenlernen konnten, mehr als nur eine Welt......

Mal von den ultraorthodoxen Richtungen im Mennonitentums abgesehen, beeindruckt mich die Überlebensgeschichte dieser Menschen sehr stark, dieser Wille und die Fähigkeit, unter widrigsten äusseren Umständen immer wieder aufs Neue ein neues Leben aufzubauen und das in teilweise bis dahin unzugänglichen unwirtschaftlichen Gegenden. Wenn ich da an unsere deutsche Jammergesellschaft denke.........

Der Rest der Reisegeschichte ist rasch erzählt. Relativ zügig durchqueren wir den östlichen Chaco, wo Palmensaqvannen und die Viehwirtschaft grosser Estancias das Bild bestimmen, überqueren bei der Kleinstadt Conception erneut den Rio Paraguay und schliessen den Reisekreis schliesslich in der brasilianisch-paraguayanischen Freihandelszone Ponta Pora/ Pedro Juan Caballero, zwei verrückten Städten, deren Grenze eine breite Einkaufsstrasse bildet, die man jederzeit und ohne jegliche Zollkontrollen in beiden Richtungen passieren kann.
Auf der einen Seite liegt das ärmlich wirkende paraguayanische P.C.Caballero, wo Ladengeschäfte jeden Tag die Brasilianer zum zollfreien Einkauf mit 20%-Rabatt auf die brasilianischen Preise locken und Lebensmittel wesentlich günstiger sind, auf der anderen Seite befindet sich das moderne und wohlhabende brasilianische Ponta Pora, wo allabendlich, vor allem aber an den Wochenenden die typische brasilianische Nachtparty startet. Auf einer kurzen Länge von vielleicht 500 m befindet sich Bar an Bar, Restaurant an Restaurant und die vierspurige Strasse mit Mittelstreifen wird zum Autokorso-Laufsteg. Abends ab 10/11 ist dann die Hölle los, die Stühle der Bars stehen bis an die Strasse, aus den Videoboxen dröhnen die neuesten Hits der brasilianischen Musica Populeira, alles ist rappelvoll mit Menschen aller Altersgruppen. Während in den bolivianischen Tieflandstädten die zentrale Plaza zusätzlch zum Autoscooter-Laufsteg wird, auf dem immer im Kreis in einem endlosen Korso die Leute in ihren Fahrzeugen spazieren fahren, ist es hier in Ponta Pora die langestreckte 500m lange Strasse, die zum Jahrmarkt der Eitelkeiten, des Sehen und Gesehenwerdens wird. Ein schwerer Pickup-Geländewagen reiht sich an den anderen, von der Ladefläche eines jeden Zweiten dröhnt in voller 1000W-Lautstärke die Lieblingsmusik, die sich zusammen mit der Musik aus den Videoboxen der Bars zu einem Klangbrei wie auf einem Jahrmarkt verdichtet. Man hat das Gefühl, dass die Menschen in ihren Vortortvillen und Häusern allabendlich ein Zwang überkommt, einen Beweis dafür zu erhalten, dass sie auch tatsächlich leben und diesen Beweis holt man sich dann mit dem Bad in der Menge. Wer übrigens in den Bars keinen Platz bekommt oder des Autofahrens müde ist, der macht seine Abendparty dann einfach am Strassenrand. Alle paar Meter parken Autos voll bepackt mit jungen Leuten, der Kofferraum ist weit geöffnet, um die Musik zur vollen Wirkung zu bringen, Plastikstühle sind schnell aufgestellt und die Getränke hat man ebenfalls dabei. Wer in Brasilien unterwegs ist, darf sich an Lautstärke nicht stören, sie gehört zum Lebenselexier der Brasilianer wie die Wurst aufs Brot. Wie überhaupt Brasilianer das Leben in der Öffentlichkeit zu lieben scheinen. Selbst wer einen grossen Vorgarten sein eigen nennt, stellt seine Stühle oftmals lieber draussen auf den Gehweg und geniesst die angenehme Kühle des Abends und den Schwatz mit dem Nachbarn; andere wiederum sitzen zwar draussen auf dem Gehweg, haben den Blick aber nach drinnen gerichtet – denn ists im Wohnzimmer zu warm, so wird der Fernseher einfach so gerückt, dass man vom Gehweg aus durch die Haustür bequem die abendliche Telenovela schauen kann.

Am ersten Abend werden wir auf dem Weg zu einer Bar prompt von einem hier lebenden Franzosen wegen unseres auffälligen Fahrzeugs angesprochen, der uns spontan nach Hause auf ein Bier und einen Whisky einlädt. Er hat unser Auto gesehen und ist uns mit seiner Frau extra hinterhergefahren. Es ist wieder die vertraute Geschichte: Er, 63, Chemiker von Beruf, ist vor 20 Jahren in Südamerika hängengeblieben, mit einer „deutlich“ jüngeren Paraguayanerin verheiratet, lebt in der brasilianischen Grenzstadt Ponta Pora, besitzt aber 60 KM entfernt in Paraguay eine grosse Farm, auf der er „Aromastoffe – Productos aromaticos“ für den Export herstellt.

Diese Offenheit der Menschen ist eine der grossen Faszinationen in Südamerika, überall begegnest du herzlichen Menschen ohne Neid und Missgunst, die dich einfach aus Neugier und Interesse ansprechen – oder wo passiert dir das in Mitteleuropa, dass du als ausländischer Tourist von einem Einheimischen spontan auf der Strasse angesprochen und eingeladen wirst; und das ganze auch noch ohne irgendwelche Hintergedanken materieller Art wie etwa in weiten Teilen Schwarzafrikas. Einfach nur schön. Und letztlich beschleicht uns das Gefühl, das jeder nur halbwegs engagierte Mensch mit einer zündenden Idee und etwas Startkapital in Südamerika immer noch zu ziemlichem Wohlstand kommen kann, eher jedenfalls als in dem bürokratisch überfrachteten Europa mit seinen Gesetzen und Hemmnissen…

So das wars erst mal. Eigentlich müsst ich ja noch was zu den brasilianischen Mädels schreiben....Jaaa diese Mädels... aber das lass ich lieber mal, sonst krieg ich wieder eins auf die Mütze.......

Wir werden in den folgenden Wochen nach den Anstrengungen der langen Bolivienreise eine gemütliche Südbrasilientour in Angriff nehmen und uns die Küstenregion zwischen Sao Paulo im Norden und Porto Alegre im Süden näher anschauen und uns dann anschliessend via Uruguay und Argentinien wieder Richtung Anden, Pazifik und Patagonien aufmachen. Den riesigen Norden und Nordwesten Brasiliens heben wir uns für später auf., denn wir wollen ja keine Kilometer abreißen und wir haben noch viel Zeit....

Hasta Luego

P.S. jetzt hats mit den Bildern doch noch geklappt!!!

die-Reiseroute
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Beitragvon oegeat » 08.11.2006 00:46

na dann baldige besserung !
interessant was du schreibst ... lehrreich
danke
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon tibesti » 23.11.2006 16:57

Florianopolis/Canaveiras/Ilha Catarina 23./24.11.06

nur ein kurzes Lebenszeichen; der naechste ausfuerhliche Reisebericht dauert noch einige Zeit, ich nehm mal eine kreative Auszeit, denn die Gestaltung der Fotoshows ist doch recht aufwendig.
Wir setzen gegenwaertig unser Vorhaben in die Tat um, nach monatenlangen recht anstrengenden Reiseabenteuern eine Phase der Geruhsamkeit zwischenzuschalten und tasten uns gemuetlich die brasilianische Suedkueste entlang Richtung Sueden.
Nach anfangs etwas durchwachsenen Wetterverhaeltnissen mit etlichen Regenfaellen lauten die Highlights bei jetzt sonnigen knapp 30 Grad (ein Traumwetter- endlich mal weg vom deutschen Winteralltag):
wie unternehmen laengere Strandspaziergaenge (waehrend Silvia zusaetzlich ihrer Sportler-Leben mit laengeren Jogging-Aktivitaeten wieder aktiviert), geniessen abends bei einigen Bierchen das Treiben der Leute auf der Strasse, besichtigen alte Kolonialstaedte, wandeln im Kuestenhinterland auf den Spuren der deutschen Einwanderer, geniessen die Atmosphaere des atlantisches Regenwaldes in den kuestennahen Gebirgen, kriechen mit Fuehrer, Taschenlampe und Helm durch Tropfsteinhoehlen, erleben anlaeslich Silvias Geburtstag nach einem Fleischspiess-Rodizio zum ersten mal ein italienisches Rodizio zum Festpreis von ca. 5 Euro: 60 Pizzas!! und 20 Pastas!! lustwandeln zur Auswahlan unserem Tisch vorbei - ein Anschlag der besonderen Art auf Magen und Sinne.
Ansonsten stehen wir ueberall, wo wir mit unserem Almanha-Auto auftauchen, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und werden eigentlich ununterbrochen angesprochen. Unglaublich!

Fazit: Wir geniessen die Tage eines Aussteigerlebens! Adios bis zum naechsten ausfuehrlichen Bericht dieses Reiseabschnitts

Nachtrag:
2 wunderbare Sommertage gehen zuende.
Heute gabs mal wieder ein Highlight der besonderen Art: Uns spricht ein Brasilianer auf Englisch an, er ist Redakteur des brasilianischen Trucker-Magazins CAMINHONEIRO und will unbedingt einen Bericht ueber uns in einem der naechsten Hefte bringen. Es folgt ein ausfuerhliches Interviev mit Fragen ueber uns, unser Auto und unsere Reise....Dann die obligatorische Fotoshow mit uns vor und im Auto. Die Aufmerksamkeit, die uns hier in Brasilien entgegengebracht wird, bricht wirklich alle Rekorde und macht uns leicht fassungslos (Vor einer Woche trommelte ein bras. Lokalpolitiker am spaeten Abend seinen halben Bekanntenkreis telefonisch zusammen, damit alle die Sensation der deutschen Touristen in der brasilianischen Provinz fotografisch festhalten koennen. Das steht man nur noch sprachlos da und wundert sich).

Ansonsten ist unsere Stimung zur Zeit wirklich blendend. Um ein bisserl von der Stimmung ueber den Teich schwappen zu lassen, hier zwei kleine Schmankerl,
einmal in Form eines Fotos vom gestrigen Geburtsnachmittages Silvias

http://www.tibesti-online.de/Bra5/08.jpg

und das ganze musikalisch untermalt von einem typischen Hit der MPB (Mp3-Song), der Musik Popular Brasileira von Gino&Gino; hierzu rockt die brasilianische Jugend und wer zu dieser Musik keine gute Laune kriegt, ist selber Schuld.....(die MPB ist fuer uns neben der Gaucho-Musik eine der grossen Entdeckungen der Reise)

Gino&Gino

So, jetzt ist Schluss und wir stuerzen uns ins Nachtleben.....

die-Reiseroute1
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Beitragvon Muskalowski » 23.11.2006 17:57

Deutscher winteralltag na ja,freu mich schon auf nächste Fotos,genießt die Schönheit des Landes.

Gruß Muskalowski
Muskalowski
 

Beitragvon tibesti » 03.12.2006 01:48

Rio Grande/Seebad Cassino 2.12.06

Wieder ist ein Monat rum. Wir haben unser Vorhaben in die Tat umgesetzt, uns als „Kontrastprogramm“ zu den grandiosen kühlen bolivianisch/chilenischen Anden und dem heißen bolivianisch/brasilianischen Tiefland etwas Erholung zu gönnen und abseits der sonst üblichen touristischen „Hauptrouten“ das südbrasilianischen Küstenland mit seinen europäischen Wurzeln zu erkunden. Ein Kontrastprogramm ist diese Routenwahl in vielerlei Hinsicht:
-klimatisch in Bezug auf das Risiko wechselhafteren Wetters ( was dann auch voll eintraf)
-entwicklungspolitisch in Bezug auf die ökonomische Entwicklung: als industrielles Schwellenland bietet Brasilien – trotz aller extremen sozialen Gegensätze – in Bezug auf die Infrastruktur einen ganz anderen touristischen Reisekomfort als Länder wie Bolivien, Peru oder Paraguay.
-demografisch in Bezug auf die Besiedlungsdichte; statt menschenleerer tropischer Tiefländer und Hochgebirge bereist man einen dicht besiedelten Raum: Immerhin leben von 175 Millionen Brasilianern 75% an der Küste oder nicht weiter als 100 KM von der Küste entfernt
-schließlich geographisch in Bezug auf die Landschaft: statt spektakulärer Hochgebirge oder exotisch anmutender tropischer Tiefländer erwartet man im südlichen Brasilien eher unspektakulär anmutende Mittelgebirgslandschaften oder eher langweilig erscheinende Tiefebenen im südlichöstlichsten Teil des Landes.

Um es vorweg zu nehmen: Von den meisten Reisenden aus Europa wird diese Region eher als „uninteressant“ links liegengelassen- völlig zu unrecht wie wir meinen. Zwar erwarten den Besucher tatsächlich mitteleuropäisch anmutende fast idyllisch wirkende Hügel- und Mittelgebirgslandschaften, aber eben im Bereich der Küstengebirge wie der Sierra do Mar südlich von Sao Paulo, der Sierra do Rio Rasto bei Florianopolis oder der Sierra Gaucho nördlich von Porto Alegre auch wahrlich spektakuläre –unerwartete- Landschaften mit tiefen Canyons, subtropisch urwüchsigem Regenwald und schönen Araukarienwäldern (Mata Atlantica) und etlichen wunderbaren Tropfsteinhöhlen. Ganz im Süden zwischen Porto Alegre und Rio Grande geht die Landschaft in die weiten Ebenen der Viehzuchtgebiete über – traditionelles Gaucholand, bietet hier aber entlang der Küste auf der schmalen, nur wenige Kilometer breiten und 300 KM langen Landzunge eine nur dünn besiedelte wunderschöne Natur- und Kulturlandschaft mit einem menschenleeren Dünen- und Sandstrand. begrenzt vom Atlantik auf der einen und der „Lagoa da Patos“ auf der anderen Seite. Nur wenige Fischersiedlungen stören diese Idylle.Neben der wenige KM im Hinterland verlaufenden Hauptstrasse sind diese Minisiedlungen auch durch eine Strandpiste miteinander direkt verbunden. Wer schon mal in Mauretanien war und die berühmt-berüchtigte Strandpiste zwischen Nouadhibou in der Hauptstadt Nouakchott gefahren ist, wird sich hier wie in der Westsahara fühlen, echtes Sahara-Feeling vom Feinsten.....
An der nördlich anschliessenden Küste der Bundesstaaten Sao Paulo und Santa Catarina sind dann etliche kleine Küstenstädtchen mit ihrer Kolonialarchtiktur einen Besuch wert wie etwa Iguape, die älteste Stadt im Bundesstaat Sao Paulo, Sao Francesco do Sul und Governado Celso Ramos; einige wirken zum Teil reichlich verschlafen, als ob sie ihre besten Tage schon längst hinter sich hätten. Nicht alle sind wirklich unbedingt einen Besuch wert, ein paar kolonialbauten hier, ein netter Strand da, man muss schon eine Städtefreak sein, um sie alle zu würdigen. Vor allem bei schlechtem Regenwetter sitzen wir in einigen Orten doch etwas gelangweilt und ratlos im Auto. Dafür ist ein Besuch der Insel Ilha Santa Catarina bei Florianopolis einen echten Besuch wert- zwar touristisch voll erschlossen und in der Hochsaison völlig überlaufen, aber zu dieser Vorsaison-Jahreszeit allemal einen Besuch wert mit seinen wunderschönen Stränden und seiner hervorragenden Infrastruktur mit Strandbars und Restaurants.
Last but not least bedeutet ein Besuch dieser Region Brasiliens schliesslich unweigerlich eine Beschäftigung mit seiner - europäischen –Besiedlungsgeschichte. Im Reisefuehrer heisst es:
„Wenn der Nordosten Brasiliens aufgrund seiner Menschen Klein-Afrika ist, dann ist der Süden so etwas wie Mini-Europa. In kaum einer anderen Region des Landes werden die „tropischen“ Brasilien-Klischees so wenig bestätigt wie hier. Es entbehrt nicht einer gewissen Skurrilität, in Blumenau auf deutsche Fachwerkarchitektur zu stoßen, in Gramado Schweizer Käsefondue zu essen oder in Pomerode auf der Strasse deutsch zu hören. Auf Brasilianer wirkt das exotisch, ebenso wie das klima und die hügelige Landschaft mit manchmal – in Höhenlagen über 1000m winterlichen Temperaturen."

Die Besiedlungsgeschichte Südbrasiliens durch europäische und asiatische Einwanderer wird sehr schoen von Carl Goerdeler beschrieben:

„.....Vom Himmel hoch, da komm ich her....“ altdeutsche Weihnachtlieder klingen ausc der Halle, während draussen das Thermometer auf 30 Grad klettert und die Grillen ihr Weihnachtskonzert anstimmen. Wer zur Weihnachtszeit in den Süden Brasiliens reist, wird solchen Kontrasten häufig begegnen. Blumenau, die heimliche Hauptstadt der Provinz Santa Catarina, ist den Brasilianern allerdings weniger wegen der Weihnachtsbräuche als der Trinksitten halber bekannt. Das „Oktoberfest“ der Stadt gilt als das weltweit zweitgrößte. Aber Bayern haben in Blumenau nie gelebt. Die Gründungsväter waren waschechte Preußen. Sie kamen aus Sachsen, der Pfalz, dem Hunsrück und Pommern, anno 1848 und die Obrigkeit steckte sie in grünen Drillich, „Grünbäuche“ heissen sie noch heute.

Der Apotheker Dr. Hermann Blumenau ruderte mit seinem Freund Ferdinand Hackrath den Itajai-Fluss hinauf. Sie halten sich dicht am Ufer, denn der Fluss strömt reissend zwischen Urwaldriesen dahin. Die beiden Deutschen stossen in en südbrasilianischen Dschungel vor, um eine neue Heimat für ihe Landsleute zu suchen. Als ein Wasserfall die Weiterfahrt versperrt gehen sie an Land. Sie schlagen Pflöcke in die Erde und beschliessen, bei der kaiserlichen Regierung Brasiliens eine Konzession für die „Gesellschaft zum Schutz der deutschen Auswanderung“ zu beantragen. Zwei Jahre später, am 2.9.1850, stehen an gleicher Stelle neben Blumenau und Hackrath siebzehn erschöpfte Personen mit Hab und Gut im „Kühlen Grund“ und wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen.
Der grosse Treck der Hungerleider aus Europa hatte Anfang des 19. Jahrhunderts eingesetzt. Die Gemahlin des ersten brasilianischen Kaisers, Leopoldine von Habsburg, förderte die Ansiedlung ihrer Landsleute im Süden des Landes. Staatspolitisch ging es darum, die Grenze zu den spanischsprechenden Nachbarn zu sichern. Jede Einwandererfamilie, so versprach Kaiser Pedro I., sollte 1 Quadratkilometer Land erhalten und 10 Jahre lang Steuerfreiheit geniessen.Kleinbauern und Handwerker waren besonders willkomen, denn Plantagenherren und Viehbarone hatte man schon genug.
Mit der Brigg „Anna Luisa“ segelten die ersten Auswanderer ins gelobte Land. Am 25.7.1824 gründeten sie ein Dorf und nannten es zu Ehren der Kaiserin Sao Leopoldo. Der 25. Juli wird in den Vereinen Südbrasiliens auch heute noch gebührend gefeiert. Die bettelarmen Emigranten aus deutschen Landen hatte damals weniger Grund zur Freude: „Für die Eltern der Tod, für die Kinder die Not, für die Enkel das Brot“, hieß es.

Bis zur Jahrhundertwende hatten sich bereits viele tausend Teutonen in Südbrasilien angesiedelt. In manchen Tälern wurde nur Deutsch gesprochen. Die Deutschen stellten neben den Italienern und Polen die meisten Einwanderer in den Südprovinzen. Deutsche Traditionen wurden mit Inbrunst gepflegt – leider auch zur Nazi-Zeit: „Am Sonntag, 7. November 1937, veranstaltet die hiesige Ortsgruppe der NSDAP im Wilhelm-Gustloff-Heim ab 6 Uhr abends das 1. Eintopf-Essen im Winterhilfswerk 1937/38. Alle Volksgenossen werden hierzu herzlich eingeladen-NSDAP-Ortsgruppe Blumenau.“ Die Brasilianer übten Geduld mit ihren deutschtümelnden Neubürgern. Bis ihnen das Treiben zu bunt wurde und sie mit den SA gegen die „Achse“ in den Krieg gingen. Deutsch wurde einfach verboten.

Die Wasser des Itajai sind längst darüber hinweggezogen. Deutsch ist wieder „in“ in der Provinz Santa Catarina. Wer Klöße schätzt und frisches Bier, der schlendert an der „Loreley“ vorbei zur Ausflugsschänke „Frohsinn“. Im Vestibül der rustikalen Jause hängen die Fotografien dreier Staatsbesuche: vom „Grafen Zeppelin“, von Karl Carstens und Helmut Kohl 1992. Der Blick schweift von der Terrasse übers enge Tal:
„Aus blauen Wogen steigt ein Land
an Schönheit, Glanz und Armut reich
der Urwald ist sein Prachtgewand
auf erden ist kein Land ihm gleich
aus en Orangenhainen heraus
schaut hier mein liebes Vaterhaus
hier fand des Nordens blauer Sohn
ein neues Heim auf grüner Flur
hier spenndet ihm verdienten Lohn
die ewig schaffende Natur“ (deutsch-brasilianischer Heimatkalender 1966).

Dr.Blumenau und die deutschen Kolonisten kämpften zäh ums Überleben. Die kleine deutsche Siedlung wurde häufig von Epedemien und Überschwemmungen heimgesucht. Indianerüberfälle „stellte man schnell ab“. Die Gemeinde bezahlte Friedrich Deeke als „Burgerjäger“, der die indianischen Botokuden vertreiben sollte. 1877 fing er ein „zahmes Botokuden-Mädchen“ ein, das der Direktor des Kolonialvereins „Hammonia“ aufnahm und „zivilisierte" – eine damals viel beachtete philanthropische Geste.

In Blumenau blieb man unter sich. Aber die Stadt mauserte sich allmählich zu einem wichtigen Industriestandort. Hermann und Bruno Hering kamen aus Chemnitz und brachten ihre Webstühle mit. Sächsischer Fleiss paarte sich mit brasilianischer Baumwolle. Das Geschäft lief glänzend. Aus Blumenau wurde sozusagen Heringsdorf. Noch heute übt die „Companhia Hering“ grossen Einfluss auf die Stadt aus, die inzwischen weit über 200.000 Einwohner, 65000 Autos, 1000 Fabriken, 73 Schulen und 33 Schützenvereine zählt. Im Club Tabajara treffen sich die Honoratioren aus den Sippen der Herings, Zadroznys und Fritsches zur Gipfelpolitik. In Blumenau mucken keine aufmüpfigen Gewerkschaften auf, weil die Firmenpatriarchen klug genug waren, dem Wohlergehen und der beruflichen Bildung ihrer Belegschaften grosse Aufmerksamkeit zu schenken – eine für Brasilien ungewöhnliche Unternehmerphilosophie.
Die Deutschen aus dem Süden werden in Brasilien als zuverlässig und tüchtig geschätzt -doch nicht unbedingt geliebt. Dazu sind sie zu „chato“, zu steif und holzköpfig. Aber wenn das Bier fliesst oder die Männerchöre Weihnachtslieder anstimmen, bemerken die angereisten Touristen aus Rio oder Sao Paulo, dass ihre deutschstämmigen Landsleute nicht nur zu arbeiten verstehen, sondern dass sie auch feiern können. Um das zu entdecken, muss man gelegentlich gewisse Härten in Kauf nehmen: Schmuddelwetter, so wie im Hamburger November; es nieselt grau vom Himmel bei 8 Grad, hinter beschlagenen Autoscheiben ziehen die Wohnblocks von Novo Hamburgo vorbei – und das im Juli und 30 Breitengrade südlich des Äquators. Ob die ersten deutschen Einwanderer mit solchem Winterwetter gerechnet hatten? Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür- aber deswegen kommen die Touristen in die Sierra, um die Sensation der Kälte zu verspüren. Das Fernsehen meldet neue Rekorde: Auf 0 Grad soll das Thermometer fallen! In Rio friert man schon bei 20 Grad. Hier unten im Süden aber, in Gramado, rieselt fast jedes Jahr einmal der Schnee – wenn auch nur für wenige Minuten.Beste Gelegenheit, die eingemotteten Pelze und gestrickten Pullover herauszuholen – Handschuhe nicht vergessen. Bei „Tante Nilda“ wird die Kälte mit „Cafe Colonial“ besiegt: ein stundenlanger kulinarischer Kampf gegen den Magen. Wilhelm, der Ober, trägt nach der Bestellung erst einmal Eisbein, Würstchen und Sauerkraut auf. Daran schliesst sich eine kalte Wurt- und Käseplatte an. Mit Toast und Kräckern wird der Übergang zur süssen Seite vollzogen. Nun kommt ein Tablett mit Dutzenden ausgemachter Marmeladen und Gelees. Gebäck und Kuchen folgen.“Gewässert" wird mit Milchkaffee und einer Kanne heisser Schokolade – der stopfende Kakao soll das Platzen der Gäste verhindern. Für diese Art der Körperverletzung sind pro Person umgerechnet 5 US-Dollar zu zahlen.“Hat es Ihnen nicht geschmeckt?“ fragt Wilhelm betroffen, weil die Ananastorte nicht angerührt wurde.....

In manchen Gegenden könnte man glauben, durch deutsche Dörfer zu fahren, sogar die Milchkannen auf den Holzböcken fehlen nicht. Die Orte tragen Namen wie „Leopoldina“, „Allesgut“ und „Teutonia“. Teutonia, 6000 Einwohner machte Schlagzeilen in der brasilianischen Presse: ein Ort ohne Obdachlose, schrieben die Zeitungen. Der Bürgermeister ist darauf besonders stolz. Allerdings sorgen die Dorfschulzen auch dafür, dass es so bleibt: Die Teutonen wollen unter sich bleiben – selbst wenn sie nur noch „Hundsbuckeldeutsch“ radebrechen und das Brotbacken längst verlernt haben.....“.
Das Stadttor von Pomerode schließlich weist zwei spitze Giebel und jede Menge Fachwerk auf. Etwas mehr als 21.000 Menschen leben hier und in der unmittelbaren Umgebung, davon sind mehr als zwei Drittel deutschstämmig.. Wie der Name schon vermuten läßt, wurde der Ort einst von Siedlern aus Pommern gegründet. Ab 1861 siedelten die ersten Pommerer am Rio do Testo und gründeten Bauernhöfe. Weidewirtschaft ermöglichte die Produktion von Fleisch, Wurst, Milch und Käse, die auch an die umliegenden Siedlungen verkauft wurden. Mit der Herstellung von Ziegelsteinen, Vasen und Tellern begann die Industrialisierung. Erste Manufaktur war die Porzellanfabruk Schmidt, mit der die Stadt berühmt wurde. Sie ist heute die größte Porzellanfabrik Brasiliens. Viele der heutigen Einwohner sind noch heute blond und blauäugig, an der Schule wird neben Portgiesisch und Englisch Deutsch gelehrt. Die meisten ihrer Großeltern kommunizieren bis heute untereinander auf Deutsch mit pommerschem Akzent, viele sind Mitglieder im Schützenverein und feiern im Januar die „Festa Pomerana“ mit deutschem Brauchtum......“

Aber nicht nur Deutsche liessen sich im 19. Jahrhundert in Südbrasilien nieder. Hoch in den Bergen der Sierra tragen manche die Dörfer italienische Namen. Bauern aus den Abruzzen und Winzer aus Venetien ließen sich im 19. Jh. Ihier nieder. So blühen in Rio Grande do Sul Milchwirtschaft und Weinkultur, Industrie und Handwerk einträchtig nebeneinander, feiern die Leute Kermes und Carnevale, singen deutsche und italienische Lieder und sind doch selbstbewusste Brasilianer. Die Rebenfelder der weinbauern bedecken nur einen kleinen Teil des Berglandes, 60.000 Hektar im Lande. Meist handelt es sich um kleine Areale, mitten aus dem Busch gehauen. Die Weinbauern haben kaum das nötige Kapital, größere Felder zu bewirtschaften. Ihre Holzhütten stehen gleich neben den Rebenstöcken und den Maisfeldern, Kühe, Hühner und Schafe gehören dazu. Jeder macht seinen eigenen Wein, aber der größte Teil der ernte geht an die Kooperative. Den brasilianischen Winzern fehlt die Behäbigkeit süddeutscher weingüter oder die Eleganz französicher Chateaus. Die weinbauern in Rio Grande do Sul sind immer noch Pioniere, die ihre ernte dem Dschungel abtrotzen.


Schließlich kamen sogar einige Österreicher. Im Gefolge der Weltwirtschaftskrise von 1930 entstand der Ort Treze Tilias im zentralen Hinterland von Santa Catarina. Gegründet wurde der Ort von gerade einmal 12 Vorarlberger Immigranten im Jahr 1930 unter dem Namen „Dreizehnlinden“. Der aber musste unter Präsident Vargas ins Portugiesische übersetzt werden. Den ersten Wachstumsschub erlebte die winzige alpenländische Enklave erst nach 1933: Der vollbärtige Landwirt Andreas Thaler war von seinem Amt als österreichischer Land- und Forstwirtschaftsminister zurückgetreten, da er sich angesichts der massenhaften Verelendung der Tiroler Bergbauern hinfort ausschließlich der Kolonisierungsarbeit widmen wollte. Am 13. Oktober 1933 trafen unter seiner Führung 85 Einwanderer, darunter auch ein Pfarrer, im späteren Treze Tilias ein. Der über 450 KM von Florianopolis und der Küste entfernte Ort und seine Umgebung gefielen den Tirolern von Anfang an. Das Gebiet liegt 1000 m über dem Meeresspiegel und weist ein gemäßigtes subtropisches Klima auf. Ihren Baustil behielten die Tiroler bei. In Treze Tilias bestimmen alpin gestaltete Häuser mit flachen Giebeln, Ziegeldächern und Geranien-Balkonen das Ortsbild. In den stilechten Wirtshäusern servieren die Bedienungen im Dirndl. Denkt man sich die Palmen neben den schmucken Tirolerhäusern weg, man könnte glatt vergessen, dass man sich in Brasilien aufhält.

Wie stark die Kraft Brasiliens ist, jeden Neuankömmling binnen zweier oder dreier Generationen einzugemeinden, sieht man bestens an den Japanern, die in den 1920er Jahren zur Zeit der damaligen Hungernnöte in Scharen kamen und als billige Kaffepflücker eingesetzt wurden. Das ist natürlich Geschichte. Aber wer im Telefonbuch Sao Paulos blättert, wird auf Hunderte von Yamasakis und Iguchis stoßen. 4 oder 5 Millionen Menschen ist die japanische Gemeinde groß, in Sao Paulo kann man mehrere nippo-brasilianische Tageszeitungen kaufen. An den Universitäten sind die nisseis (Japaner der zweiten Generation) wegen ihrer Bildungswut gefürchtet. Viele junge nisseis haben versucht, in ihrer alten Heimat wieder Fuß zu fassen – man ließ sie nicht oder sie waren schon so verwestlicht, dass sie sich in die starre japanische Gesellschaft nicht mehr einzufügen vermochten. Schließlich wird der Brasilien Besucher auch verblüfft sein, wie viele arabische Imbisse es in Brasilien gibt, es gibt sogar eine orientalische Fast-Food-Kette namens Habibs. Die nahöstlichen Einwanderer – zumeist aus dem Libanon – unschwer an ihren Namen zu erkennen, halten noch eher zusammen und heiraten untereinander.....“


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Kleiner Exkurs:
Cafe Colonial

Das ist eine regionale Spezialität, für die großer Hunger empfehlenswert ist. Gemeint ist ein riesiges Buffet, unter dem sich die Tische biegen. Es besteht zumeist aus mehr aus 50 verschiedenen süssen und herzhaften Leckereien, an denen man sich einen ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein zu einem Pauschalpreis zwischen 6-8 euro p.P. laben kann. Die Speisen erinnern z.T. an deutsche Küche, aber auch die Italiener sollen ihren teil dazu beigetragen haben. Typisch sind: Kuchen, Torten,Marmelade, gefüllte TeigtaschenWwaffeln,Wurst,Käse, Fleischbällchen, Nudeln,Hähnchen......und und und......
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Uns hat es insgesamt sehr viel Spaß gemacht, den Wurzeln der deutschen Einwanderer nachzuspüren, sei es nun auf dem Immigrantenfriedhof in Joinville mit Gräbern zum Teil aus dem letzten Jahrhundert, sei es in Pomerode, der „deutschesten Stadt“ Brasilien, Gramado, dem Sankt Moritz Brasiliens oder auch in Novo Petropolis, deren Einwohner -auch wenn der Name anderes vermuten lässt, zu 95% deutscher Abstammung sind. Blumenau haben wir uns geschenkt, es ist eine typische Großstadt mit 300.000 Einwohnern. Die Orte liegen zum Teil in einer aeusserst romantischen Mittelgebirgslandschaft, die allerdings nur auf den ersten Blick europaeisch anmutet. Schaut man genauer, so wird die Faszination, die das Ganze teilweise ausstrahlt anhand der Vegetation schnell sichtbar. Die verstreut liegenden Bauernhoefe liegen haeufig umgeben von subtropischer Urwaldvegetation, die unmittelbar hinter den Feldern beginnt; deutsche Gemuesebeete sind umgeben von riesigen Bananenstauden. Alles strahlt eine unglaubliche Ordnung und Sauberkeit aus, typisch deutsch eben.. In den groesseren Orten wirkt die Architektur allerdings grossenteils doch sehr bemueht, die Gegend ist ein Touristenziel fuer Brasilianer aus den Kuestenmetropoelen und denen versucht man eben etwas zu bieten und sei es auch nur ein Abklatsch alpenlaendischer Bauformen, wo Fachwerk bei neueren Gebaeuden oft nur aufgeklebte Fassade ist. Die schon extreme Ordnung wirkt auf uns irgendwie antiseptisch und steril, es fehlt die Lockerheit, das leicht Chaotische des sonstigen Brasilien und wie es sich gehoert, werden die Buergersteige spaetestens um 8 hochgeklappt, spaetestens dann herrscht Ruh und Ordnung. Natuerlich werden wir wie ueberall in Brasilien schnell angesprochen, hier allerdings auf deutsch.
Allen Orten dieser Gegend ist um diese Jahreszeit (1.Advent)eins gemeinsam: Es wird ueberall geweihnachtet, was das Zeug haelt. Die naechtliche Weihnachtbestrahlung braucht deutsche Vergleiche nicht zu scheuen, wobei der Nobelort Gramado in dieser Hinsicht den Vogel abschiesst. Und die Leute tun dabei mit den Lichtern nicht nur was fuers Auge, nein Gott bewahr, ein richtiger Brasilianer will auch ohrenmaessig beschallt werden... Und so ertoenen aus oeffentlichen Lautsprechern an markanten Plaetzen weihnachtliche Klaenge...wo`st hischaust... Hoamat ! Letztlich stoert nur, dass neben der festlichen Weihnachtsbeleuchtung die Baeume ringsum bei angenehmen 26 Grad in uppiger Fruehlingspracht bluehen.....

Was bleibt neben der deutschen Spurensuche noch zu erwaehnen? Wir verbringen auf der Ilha Santa Catarina eine traumhaft schoene Woche in Canaveiras, einem zur Hochsaison ueberfuellten Badeort mit wunderschoenen Badestrand. Jetzt ist alles noch angenehm beschaulich.Die 10 Euro pro Nacht fuer den nahen Campingplatz schenken wir uns, sehen statt dessen im Ort direkt am Strand, unternehmen lange Strandspaziergaenge und geniessen die abendliche (Strand)barbesuche, die wir nicht mehr missen moechten. Nach spaetestens 3 Tagen kennt uns ueber das Auto nahezu jeder.......

Ueberhaupt hat sich unsere Strategie des Meidens der grossen Staedte und des Vorziehens kleiner Nebenstrassen und Pisten voll bezahlt gemacht. Wir fuehlen uns im „laendlichen“ Raum und in den mittelgrossen Staedten sehr wohl und sicher, ohne unvorsichtig zu werden, lernen ueberall nette Menschen kennen und erleben den Kontinent weitgehend abseits vom grossen Touristenrummel urspruenglich, so wie er wirklich ist. Es sind haeufig gerade die „kleinen Dinge“, die besonders im Gedaechtnis haften bleiben, sei es der traumhafte Blick ins Pantanal von der Steilstufe der Chapatas bei Cuiaba, die phantastische Stimmung in der bolivianischen Jesuitenkirche Conception, die kuriosen naechtliche Partys in einigen Tieflandstaedten Boliviens mit ihren Autokorsos rund um die Plaza oder auch nur der Besuch einer Strassenbar wie im nordbrasilianischen Brasileia oder in Ponta Pora. Im Gegensatz zu frueheren Reisen meiden wir die Orte nicht mehr zum Uebernachten, sondern suchen sie sogar extra auf, denn ein abendliches Bier mitten unterm Volk ist allemal interessanter als ein langweiliges Hocken im oder ums Auto.
Einziger Wermutstropfen der 4-woechigen Brasilienreise: Zweimal hat uns das Wetter uebel mitgespielt und mit jeweils 2 Tagen Dauerregen, Nebel in den Bergen bzw. sogar an der Kueste das Leben ziemlich vermiest. Es ist halt auch in Brasilien beim Wetter nicht alles so, wie es das Klischee-Bild des Tropenlandes vermitteln will. Nach Aussage von Einheimischen wird der letzte viel zu warme und zu trockene Winter jetzt im Fruehling mit haeufigen Schlechtwetterperioden bestraft. Das war schon eine Ueberraschung fuer uns, das statt der erwarteten kurzen Gewitterfronten echte langdauernde Tiefdruck-Schlechtwetterfronten mit Hamburger Pieselwetter das Geschehen praegen koennen. Da sitzt dann dumm im Auto, studierst im Internet die sich staendig aendernden Wetterprognosen und raetselst, wie lange du dem Geschehen nun tatenlos zusehen sollst, bevor man mit einer gewalt-Autotour dem Schrecken ein Ende setzen. Letztlich haben wir beim zweiten Mal den Kampfg verloren und aufgegeben. Nachdem wir in Gramado in den Wolken und alles durchnaessendem Dauerniesel der Weihnachtsatmosphaere auf der Spur war, verzichteten wir anschliessenden auf die Besichtigung der grossartigen Canyionlandschaft in den Sierra Gauchos. Man kanns schliesslich auch positiv sehen: Inclusive der jetzigen 4 Regentage hatten wir bisher insgesamt maximal 7 schlechte Tage, da kann man nicht meckern- und ausserdem: man muss sich ja auch noch einige Highlights fuer den naechsten Besuch aufheben....


Bleibt zum Abschluss noch eins zu erwaehnen:



Neben all diesen genannten „touristischen“ Punkten ist eine Reise nach Brasilien, egal wohin, immer auch eine Begegnung mit den Menschen und ihrer spontanen, offenen und sehr direkten Art des Umgangs miteinander, die uns häufig überrascht und angenehm berührt.
Wir haben viel gelesen über die „besondere Mentalität“ der Brasilianer, manches wirkt beim Lesen oft stereotyp und stark verallgemeinernd und doch erkennt man viele der Beschreibungen in vielen Alltagssitautionen als zutreffend wieder, je länger man im Land ist, umso mehr. Man könnte Romane über die vielen Anekdoten schreiben, was den Rahmen dieses Berichtes weit sprengen würde. Deshalb hier exemplarisch nur einige wenige Aspekte, etwa das Verständnis vieler Brasilianer über die restliche Welt,ihr Zeitverständnis oder ihre Neigung zur Geselligkeit:

.......Kaum sind wir aus dem Auto ausgestiegen, spricht uns prompt wieder ein neugieriger Brasilianer an. Obwohl wir des Portugisischen nicht mächtig sind, können wir die gestellten Fragen inzwischen ansatzweise verstehen, vor allem wenn es um Inhalte wie woher,wohin und warum geht. Wieder einmal klingt die Frage, so wie sie gestellt wird, irgendwie recht sonderbar, etwa in der Art, „ auf welcher Strasse“ wir denn von Deutschland nach Brasilien gereist seien. Anfangs waren wir immer etwas verwundert, klingt daraus doch irgendwie eine ziemliche Unkenntnis von Geographie und räumlichen Gegebenheiten heraus. Doch letztlich bestätigt sich in diesem Fall nur ein offensichtlich weitverbreitetes Phänomen, welcher sehr anschaulich auch in der Literatur beschrieben wird.

„Brasilianer wissen, dass sie Bürger eines grossen Landes sind, dass südlich des Äquators kein Land grösser ist als Brasilien, die Nummer 5 weltweit. Und weil das Land so groß ist, liegt die Außenwelt weit entfernt. Von allem, was sich außerhalb Brasiliens befindet, macht man sich kaum einen Begriff. Es ist kein Witz, wenn der Fremde tief in der Provinz schon mal staunend gefragt wird, wie lange es denn aus Europa mit dem Bus gebraucht hat, um in dieses Zentrum der Welt zu gelangen. Dass man auch etwas anderes als Portugisisch spricht auf diesem Globus, will vielen Brasilianern nicht so recht einleuchten. Sich überhaupt mit fremden Kulturen abzugeben, fällt selbst vielen gebildeten Brasilianern nicht leicht. Von innen gesehen, erscheint Brasilien riesig. Tem de tudo – es gibt doch alles, heißt es oft – und damit wurde auch die Abholzung des Regenwaldes geduldet. Selbst brasilianische Journalisten sind ausgesprochen ueberrascht, wenn man ihnen erzählt, dass Brasilien zwar riesig sein mag, aber im Welthandel (und Welttourismus) nur eine marginale Rolle spielt (nur ca. 1% des Welthandels entfällt auf Brasilien), und das ökonomische Riesen in Brasilien von draußen gesehen nur Zwerge sind....“

Inzwischen beherrschen wir ein Standardrepertoire an Wörtern, mit denen wir solche Fragen radebrechend beantworten können und meist huscht auch ein aufflackerndes Verständnis über das Gesicht des Fragestellers, wenn er erfährt, dass wir mit dem Frachtschiff (Barko) von Deutschland nach Argentinien geschippert sind. Aha, auf der Strasse von Buenos Aires nach Braslien-das leuchtet ein und damit ist auch gut der Fragerei, wo es doch so viel wichtigere Dinge zu erledigen gibt...nämlich das Auto mit der kleinen Digicam oder noch besser mit dem Foto-Handy abzulichten, um anschliessend sofort allen Freunden und Bekannten von der sensationellen Begebenheit zu berichtet ...... Sind wir anfangs noch etwas irritiert über diese extreme Art der Aufmerksamkeit, die man uns entgegenbringt, wo immer wir auch auftauchen, so haben wir uns inzwischen doch schnell an diese direkte und offene Art der Menschen gewöhnt, nicht zuletzt, weil sie sehr herzlich wirkt. Da verwundert dann noch nicht mal mehr eine Begegnung der extremen Art, wo ein brasilianischer Lokalpolitiker (er nannte als Berufsbezeichnung „politischer Funktionär“) mit seiner Familie nachts um halb elf seinen Freundeskreis antelefonierte, um ihnen von der unerhörten Sensation seiner Begegnung zu berichten, worauf diese dann in Minuten mit dem Auto ebenfalls zum gemeinsamen Fotoshooting anreisten und ca. 10 Personen anschliessend in wechselnder Besetzung vor unserem Auto zur Fotodokumentation posierten!
Wie steht es so schön geschrieben: „ Fotos,aber ja! Bitte nicht mit dem Teleobjektiv. Die Brasilianer wollen ins Bild. Sie müssen nah ran, Weitwinkel ist angesagt. In Brasilien gibt’s kein Bildverbot, ganz im Gegenteil. Fotografieren aber heißt, den Leuten in die Augen zu schauen. Jede Oma, jedes Kind und jede Schönheit ist selig, auf die Platte zu kommen. Es ist eine Show! Aber jetzt sind sie als Regisseur gefordert. Nicht jeder kann das. Denn sie müssen mit ihren Schauspielern arbeiten, reden, sprechen, gestikulieren. Ein Schnappschuss wird das nie, sondern-. viel besser – eine dokumentierte menschliche Begegnung.“

Internet und Fotohandy sind für die kontaktfreudigen und fotosüchtigen Brasilianer, sofern sie sich beides leisten können., dabei ein wahrer Segen des Fortschritts und der Zivilisation. Seinen Freundeskreis per Internet chattend pflegen und ausbauen und dabei noch per Digicam und Fotohandy online die neuesten Schnappschüüse austauschen – das ist Kult in Brasilien, wie wir selbst bei unzähligen Besuchen in – zumeist vollen- Internetcafes beobachten konnten und dies ist vor allem auf einen einzigen Menschen namens Orkut Buyukkokten zurückzuführen.... „Wer Freundschaft mit einem jungen Brasilianer oder einer Brasilianerin schliesst, wird heutzutage in der Regel nach vier Dingen gefragt: Email, Chat-Adresse, Telefonnummer und „Orkut“. „Bist du im Orkut?“. Wo bitte schön bin ich? Orkut ist eine Internet-Community, eine „Freundschaftsplattform, an der man nur auf Einladung eines Mitgliedes teilnehmen kann. Der Benutzer sieht seine Freunde hübsch mit Bildchen auf dem Monitor und neben vielen anderen Funktionen kann er ihnen kurze Nachrichten hinterlassen oder in unzähligen Themenforen über Gott und die welt diskutieren. Kurzum: Ein Medium des 21. Jahrhunderts zur Freundesverwaltung. Wie geschaffen für die nach Harmonie strebenden Brasilianer, wo die Anzahl der Freunde ein Statussymbol ist. Ersonnen hat das erfolgreiche Modell ein Google-Programmierer armenischer Herkunft namens Orkut Buyukkokten. Nicht erwartet hatte er wohl, wie begeistert Orkut von den Brasilianern aufgenommen werden würde. Von den über 3,5 Millionen Nutzern im März 2005 stammten 75% aus Brasilien. Als erste Sprache wurde die Webseite vom Englischen ins Portugisische übersetzt, inzwischen gibt es sie auch auf Deutsch. Die Brasilianer lieben Orkut und wer heute sozial mithalte4n möchte, ist auf eine Orkut-Präsentation fast angewiesen. Das „Sammeln“ von Freunden erscheint dabei teilweise wie ein Leistungssport: Weniger als 100 Freunde nennt kaum jemand sein eigen. Ab 500 Freunden darf angenommen werden, dass jemand sehr beliebt ist oder DJ. In jedem Fall verfügt er über viel freizeit. In Büros und Geschäften sind viele Mitarbeiter über MSN und Orkut permanent online, da stört der Kunde beim Chatten oft nur –Untersuchungen über die Folgen von Orkut für die brasilianische Volkswirtschaft stehen noch aus....“

Aber wer mag sich schon gern mit solch langweilige Themen beschäftigen. Schliesslich „dimensioniert die Grösse des geografischen Raumes indierekt auch das Denken der Menschen, die in diesem grossen Land leben. Brasilianer sind großzügig und erwarten diese Großzügigkeit auch von Fremden –übrigens auch Großzügigkeit im Umgang mit der Zeit.“ So hat der amerikanische Psychologe Levine in seiner „Landkarte der Zeit“ festgestellt, dass Brasilien zu den langsamsten Ländern auf der Welt zählt (neben Indonesien und Mexiko) und zwar anhand von Kriterien wie der durchschnittlichen Gehgeschwindigkeit, dem Trab des Amtsschimmels, der Schneckenpost der Bürokratie, der Schnelligkeit, mit der man in Geschäften bedient wird und und und... . Gerade in Bezug auf den letzten Punkt, der Bedienung in Geschäften und Kneipen, können wir aus eigener mannigfacher Erfahrung bestätigen, dass Levine mit seiner Landkarte so falsch nicht liegen kann: mal ist es die Bedienung an der Kasse, der scheinbar die Finger beim Tippen an der Tastatur festkleben, ein anderes Mal ist es die weibliche Bedienung in einer Bar, die ein schon fast provozierend wirkendes Desinteresse an den Tag legt, ein anderes Mal die erschreckend ahnungslosen Verkäuferinnen in so mancher Apotheke (in Brasilien immer auch Drogerien), die uns im extremsten Beispiel auf die Frage nach Medikamenten zur Malaria-Phrophylaxe zu einer Gelbfieber-impfung rieten....Man sollte hier als „Westler“ allerdings nicht zu pingelig an die Sache rangehen und auch nicht verallgemeinern. Der Service in Restaurants ist in der Regel super und was vor allem die grossen Tankstellen Brasiliens an Serviceleistungen rund ums Auto, etwa dem sofortigen Ölwechsel und Abschmierservice direkt an der Zapfsäule (über einer Grube) oder auch mit den angeschlossenen hervorragende Churrasceria-Restaurants und kostenlose Duschen für die Trucker bieten, erinnert schmerzlich an selige Filmzeiten a la „ Die 3 von der Tankstelle“.

Schließlich:. Die extremste Form des „kulturbedingten Zeitbegriffs“ der Brasilianer dokumentiert sich übrigensan der profanen Frage: „Wo darf man wie viel zu spät kommen. Gar nicht zu einer Verabredung zu erscheinen und nach brasilianischem Verständnis einfach ein extremer Fall von Verspätung und durchaus akzeptabel...“.

Irgendwie ist diese Lebenseinstellung durchaus verständlich, denn Brasilianer sind gesellige Menschen; warum sollte man unbedingt länger arbeiten als nötig, wenn doch der Abend in fröhlicher Runde mit Freunden lockt. Ich hab schon mehrmals von der bemerkenswerten abendlichen Party-Stimmung berichtet, die uns in manchen Städten begegnet ist und die man wirklich einmal erlebt haben muss. In gewisser Weise hat diese Stimmung uns schon ein bisschen angesteckt, denn wir suchen mehr als früher statt einsamer Übernachtungsplätze in der Natur abends lieber die Orte zum Übernachten auf , übernachten entweder an der zentralen Plaza oder einer anderen geeigneten Stelle im Ort, um die abendliche Stimmung in einer Bar mit ein paar Bieren.

„...Zugegeben, nicht überall ist Strand in Brasilien. Aber Fast! Denn erstens leben fast 2 Drittel aller 170 Mio. Brasilianer in höchstens 100 KM Entfernung zum Atlantik mit seinen fast 8000 KM ! Küstenlinie, zweitens spielt das Badevergnügen auch in Amazonien eine zentrale Rolle, und drittens braucht der Strand keinen Sand zu haben. Genau genommen ist die Praia- der strand überall dort, wo sich Leute treffen, ratschen und Bier trinken. „Ich ging im Walde so still für mich hin“ oder „Wenn der Berg ruft“, das rührt an die tiefsten Seelensaiten nordischer Menschen. Kein Brasilianer käme auf die Idee, die Küste aufzusuchen, um ein Zwiegespräch mit der Natur zu führen. Beileibe nicht. Mit einsamen Stränden mag man sonnenhungrige Europäer locken, den Brasilianern sind sie zuwider. Sie suchen nicht die Natur, sondern die Geselligkeit. Gewiss, man darf auch ins Wasser gehen und schwimmen (die wenigsten können es), aber das sind wirklich nur Nebensächlichkeiten. Strandkörbe, diese geflochtenen Nester der Stubenhocker oder strandburgen, sorgsam abgegrenzte Reviere, die mit Ingrimm vor den Femden verteidigt werden – das müsste man den Brasilianern erst erklären, und sie verstünden es dann immer noch nicht. Ein kühles Bier, einen Churrasco auf dem Grill, Koffer- oder Autoradio voll aufgedreht- das ist es, was Brasilianer lieben....“

Im übrigen trifft das natürlich in keinster Weise auf sämtliche Orte in Brasilien zu: manche Land- und Küstenstädtchen sind abends nicht weniger verschlafen als in Deutschland und je weiter man nach Süden in die „Kerngebiete“ deutscher Besiedlung vordringt, desto trostloser wird das Nachtleben. Die Deutschstämmigen sind eben halt „chato“ – steif und holzköpfig.
Uns fehlt jetzt natürlich die Begenung mit der Kultur des afrikanisch geprägten großen Nordostens Brasiliens, die Wiege von Samba, Forro und Aixe-Musikdeshalb sind wir natürlich auch gespannt auf diese Region bei der nächsten Brasilientour....

Bis zum naechsten Mal aus Uruguay zum Zweiten - wo wir diesmal echt gespannt sind, obs uns auch diesmal noch so begeistert wie beim ersten Mal. Anschliessend gehts via Argentinien wieder Richtung Westen und Anden bzw. Pazifik...

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Exkurs 2 zum suedlichen Gaucho-Brasilien
Der Mate/Chimarrao-Kult
Es ist eines der ersten Dinge, die auffallen in Porto Alegre und Rio Grande do Sul. Vom Arbeiter bis zum Anzugträger und quer durch alle Generationen: jeder hält in der Hand ein bauchiges Gefäß mit Metall-Trinkröhrchen, in der anderen eine Thermoskanne mit heißem Wasser. Ein Gaucho ohne Chimarrao wäre wie ein Bayer ohne seine Maß Bier. Gesünder ist allerdings der Chimarrao, jener grüne Mate-Tee, den schon die guarani-Indianer tranken. Ihn zuzubereiten ist eine hohe Kunst.
Das Gefäß heißt bCuia, ein ausgehöhlter und getrockneter Flaschenkürbis. Das Röhrchen, aus dem man trinkt, ist die Bomba. Die feingehackten Mate-Teeblätter werden liebevoll in die Cuia eingefüllt. Das Wasser kann sehr oft nachgegossen werden. Man rinkt immer, bis das charakteristische schlürfgeräusch ertönt. Danach wird zum Nachbarn weitergereicht. Folgende 5 Tipps vermeiden Peinlichkeiten beim unerfahrenen Chimarrao-Trinker:
1. Chimarrao trinken ist ein gemeinschaftliches Ritual, alleine ist es nur halb so schön.
2. Manchem mag das trinken so vieler Leute aus em gleichen Röhrchen unhygienisch scheinen. Denken darf man es, sagen nicht!
3. Das gleiche gilt für die Temperatur des Tees. Wer ihn zu heiß findet, behält das besser für sich!
4. Der tee ist bitter. Auf die Idee, ihn mit Zucker zu trinken, kommen allerdings nur Gringos.
5. Niemals eine halbe Cuia trinken! Da muß jeder ganz durch. Bis zum Schlürfgeräusch.
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Mate-Geniesser



Adios bis zum naechsten Mal

die meisten Zitate stammen aus:
Carl Goerdeler Kulturschock Braslien



die-Bildergeschichte-zum-Text
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die-Reiseroute1
die-Reiseroute2
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Die Musik zur Story:
Diesmal die Spannbreite von MPB Tradicao, ueber den typischen Forro des Nordostens bis zum eher melancholisch angehauchten Gaucho-Sound aus dem suedlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul

Traditionell
Traditionell2
Rio-Grande-Sound
Forro-Sound


Nachtrag vom 4.12.
Unser letzter Tag in Brasilien im Kuestenort Cassino bei Rio Grande:
Alle welt bevoelkert am Wochenende die Hauptstrasse des Ortes und okkupiert den Mittelstreifen, aus den umliegenden Haeusern kommen die Leute und stellen ihre Campingstuehle auf, kein Mensch verbringt den Tag zuhause:
Foto1
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Foto2
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Wichtigstes Kleidungsstueck der Brasilianer: Badelatschen!!! ansonsten zeigt man, was man hat, bloss raus aus beengenden Kleidern; uebrigens sahen wir nur wenige Minuten nach diesen Aufnahmen eine arabisch (vermutlich libanesische Familie in ihrem Mercedes vorbeifahren; die Frauen im Auto trugen Maentel und Kopftuch; diese islamische religion und traditionelle wertevorstellungen wirken sogar im so freizuegigen, lebenslustigen Brasilien weiter; fuer mich bei allem Verstaendnis fuer kulturelle werte irgendwie nicht mehr so recht nachvollziehbar):
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Foto3

am nahen Strand dagegen herrscht am Wochenende US-amerikanische Daytona-Beach-Stimmung; es ist sprichwoertlich die Wutz los:
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Beitragvon tibesti » 09.12.2006 23:15

Punto Diablo/Uruguay

Kurzbericht:
Uruguay hat uns seit einigen Tagen wieder und es gefaellt uns wie beim ersten Mal ausnehmend gut: die wunderschoenen Straende, die weiten menschenleeren Landschaften, der geringe Verkehr und last but not least die wunderbaren Menschen, wo im Strassenverkehr des leeren Landes jeder jeden gruesst.
Alles verlaeuft ohne grosse Aufregung.
Wir verbringen die Tage mit langen Strandspaziergaengen und geniessen das Jetzt des Augenblicks im vollen Bewusstsein eines einmaligen Privilegs.
So werden wir die Tage noch bis kurz vor Weihnachten entlang der Kueste verbringen, bevor dann hier der Massenansturm der Urlauber vor allem aus Argentinien einsetzt und es Zeit wird, zu gehen und wir uns auf den Weg Richtung argentinische Anden, Patagonien und Feuerland aufmachen.

Hasta luego

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