Reiseimpressionen

Alles was "Off-Topic" ist oder die Märkte ganz allgemein betrifft. Hier findet Ihr Gelegenheit, euch in Form von Grundsatzdiskussionen, Glückwünschen, Streitereien oder Flirts auszutauschen.

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Beitragvon tibesti » 07.12.2010 18:04

Nach Abschluß unserer Fahrt durch die peruanischen Anden müssen wir uns auf dem Weg zu unserem eigentlichen diesjährigen Reise-Zielgebiet, den Guyana-Staaten etwas sputen, um dort nicht vollends in die Regenzeit zu geraten, die im Nordosten des Kontinents so ab Dezember einsetzt. So bleibt auf dem langen Reiseweg nicht viel Zeit für aufwendige Exkursionen oder länger andauernde Aufenthalte. Ecuador, Kolumbien und Venezuela sind Transitländer und es gibt von unterwegs deshalb relativ wenig zu berichten. Ich beschränke mich deshalb auf drei Erlebnisse, die aus dem sonstigen Reisealltag herausragen.

Reisekarte




1. Tatort Tumbes/Grenze Peru-Ecuador. Wir haben scheinbar eine Pechstraehne und sind nun doch etwas entnervt. Nach dem Zwischenfall mit einer eingeschlagenen Seitenscheibe vor wenigen Tagen hatten wir leider nur kurz darauf einen erneuten Zwischenfall der ernsteren Art: Wir kommen in der perunanischen Grenzstadt Tumbes gerade von einer Reparatur der vorderen Blattfedern unseres Lkw und wollen eigentlich schnell zur Grenze duesen, denn es ist bereits Nachmittag. Vorher wollen wir noch schnell im Internet ein paar Infos abrufen und parken in einer wirklich sehr belebten Strasse direkt vor dem Internet. Nach dem letzten Zwischenfall mitten in der belebten Zone einer Kleinstadt an der Küste sind wir mißtrauisch und suchen nach einem Internet-Laden, vor dem man günstig parken kann. Wir werden fündig ,parken direkt vor dem Laden, nur einen Meter vom Eingang entfernt. Nach einer Stunde gehen wir wieder raus zum Fahrzeug, ich geh auf die Fahrerseite und will die Tuer aufschliessen, auf einmal haut die Tuer mit voller Wucht auf und knallt mir frontal ins Gesicht. Da sitzt doch ein etwa 25-jähriger Typ in der Fahrerkabine und räumt in aller Seelenruhe mitten in der belebten Umgebung alles zusammen, was nicht niet- und nagelfest ist. Ich bin voellig überrumpelt worden, denn ich hatte naemlich niemand im Auto gesehen, weil der Täter sich wahrscheinlich schnell geduckt hat. Wie dem auch sei, jedenfalls haben wir ihn wohl ueberrascht; er wartet offenbar auf einen günstigen Moment zur Flucht, rammt mir die Tuer ins Gesicht und springt, während ich perplex zurückschrecke, aus dem Auto. Geistesgegwaertig pack ich ihn mit beiden Händen fest am T-Shirt, wir ringen mitten auif der Strasse, der Verkehr muss stoppen, alle gucken. Dann windet er sich geschickt aus seinem T-Shirt und rennt sofort los. Silvia ist just in diesem Moment ums Auto gebogen, um zu schauen, was eigentlich los ist, peilt die Lage blitzschnell und eh ich überhaupt reagieren kann, sprintet sie dem Ganoven sofort hinterher (Typisch Sportlehrerin, kann die Füße nicht still halten). Nach ein paar 100m und einige Seitenstrassen weiter hat sie ihn zusammen mit einer zufällig vorbeikommenden Polizei-Motorradstreife gestellt- die setzten sogar die Schusswaffen ein, 2 Warnschuesse) und ist wohl wie ein Furie auf ihn drauf und hat ihm mit einem Schluessel ordentlich den Ruecken zerkratzt. Der Typ wird verhaftet und wir muessen mit aufs Revier. Im Protokoll steht spaeter, dass die Streife zufaellig vorbeikam und eine europaeisch aussehende Frau hinter einem Peruaner herhetzen sah. Es stellt sich heraus, dass meine Oberlippe voll aufgeplatzt ist und ein ganzes Stueck von einem oberen Vorderzahn herausgebrochen ist. Das sieht nun nicht nur etwas unschön aus, sondern wird auch recht teuer werden, wenn ich das irgendwo machen lasse. Bei Besichtigung des Fuehrerhauses stellt sich heraus, dass eins von zwei GPS-Geraeten fehlt, das hat der Typ wohl in der Hand gehabt, als er aus dem Auto sprang (ist ein kleines, altes Geraet, mit dem er ueberhaupt nichts anfangen kann (keine Antenne, kein Stromkabel, kein separates Batteriefach).

Na toll; Stunden bringen wir auf der Polizei zu, ich muss zur Beweisaufnahme ins Krankenhaus (Fotos, Blutentnahmezum Vergleich mit den Blutspuren an der Autotuer). Der Verhaftete auf der Polizei gebaerdet sich sehr aggressiv, 2 inzwischen herbeigeeilte jüngere Frauen, die wohl zu ihm gehoeren sind hysterisch und im Lauf des Abends versammeln sich jede Menge Spezies von dem Typ vor der Polizei (Schauen alle sehr vertrauenerweckend aus...). Wir hängen über einen Tag fest, weil unbedingt ein Protokoll aufgenommen werden muss und dazu müssen sie erst mal einen deutschen Dolmetscher auftreiben. Denn da ich verletzt wurde, soll der Typ unbedingt verknackt werden. Das ist mir ehrlich gesagt wurscht, den einzigen Wunsch, den ich verspuere, ist, dem Typ mal so ordentlich die Fresse zu polieren- wuerde aber auch nicht klappen, dafuer ist der viel zu muskuloes und kraeftig gebaut. Jetzt haben wir zusatzlich zu der provisorischen Seitenscheibe ausAcryl auf der Beifahrerseite das Problem, dass das Tuerschloss auf der Fahrerseite ruiniert ist, wo wir da Ersatz herkriegen sollen, keine Ahnung!! Ich hab uebrigens alle Hochachtung, wie Silvia als Sportlerin den Typ durchs halbe Viertel gejagt hat, das war zum Schluss vielleicht ein Menschenauflauf! Am Tag darauf wird dann überrasschend kein Protokoll aufgenommen, statt dessen erhalten wir gegen Mittag von einem Gerichtsboten direkt an unserer Autotür (wir parken die ganze Zeit vor der Polizeistation) eine Vorladung zu einer Schnellgerichtsverhandlung am frühen Nachmittag zusammen mit einer mehrseitigen kompletten Anklageschrift ausgehändigt. Der Anklagevertreter (in etwa sowas wie ein Staatsanwalt ist ganz happy, dass sie den Typen endlich fuer laengere Zeit einbuchten koennen, denn er ist wohl seit 2006 mit dicker Akte aktenkundig. Die Anklage lautet wegen der Verletzungen und unter Zuhilfenahme eines weiteren Gesezes, dass Uebergriffe auf Touristen als besonders schwerwiegend einstuft, auf besonders schweren Raub und daher ist sich der Anklagevertreter sicher, dass der Typ tatsaechlich fuer lange Zeit (Jahre) eingebuchtet werden wird. Verhandlung natuerlich in Spanisch. Silvia und ich als Zeugen; Lokalpresse ist anwesend und alles wird auf Video aufgezeichnet. Zum Uebersetzen haben sie extra eine junge Deutsche aufgetrieben, die sehr gut Spanisch spricht und hier ein freiwilliges soziales Jahr macht. Die fällt bei der Polizei erstmal aus allen Wolken, als sie erfährt, um was es geht und was man von ihr erwartet. Dann werden wir eingehend instruiert, dass unsere getrennten Aussagen keine Unstimmigkeiten aufweisen sollen, damit in der Verhandlung ja nichts schief geht. Ja so ist das hier in Peru, vieles ist moeglich, auch dass als Dolmetscher irgendeine Person von der Strasse angeheuert werden kann. Ein Freund von uns in Berlin, der in leitender Position in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel ist, wuerde wohl einen Koller kriegen. Mir ist das alles egal, denn der Zahn wird davon auch nicht wieder heil, wenn der Typ jetzt fuer 10 Jahre eingebuchtet wird, ich haette lieber eine iranische Verhandlung gekriegt, dann duerft ich dem anderen ebenfalls einen Zahn einschlagen. Und statt das Ende der recht langwierigen Verhandlung abzuwarten, kümmern wir uns nach unseren Aussagen lieber darum, einen Menschen aufzutreiben, der unser geknacktes Türschloss zumindest provisorisch wieder zu reparieren.

2. Cayambe/Ecuador. Wir überqueren mal wieder den Äquator, diesmal in Süd-Nord-Richtung. Auf dem Landweg ist dies in unserem langen Reiseleben nun das 4. Mal. Ausgerechnet ein Indio, der an der aufgestellten Äquatorsäule Informationsmaterial verkauft, muss uns als studierte Geographen auf einen weltweit einmaligen Aspekt hinweisen, der diesen Ort hier auszeichnet und der uns bisher selbst gar nicht bewußt war. Denn wenn man mal einen Globus in die Hand nimmt und mit dem Finger die Äqutorlinie verfolgt wird man folgendes feststellen:
Hier in Ecuador nahe des Staedtchens CAYAMBE ist die einzige Stelle auf dem ganzen Aequator, wo auf diesem Schnee bzw. Eis liegt, denn der Aequator verlaeuft ueber die schneebedeckte Schulter des Vulkans Cayambe!!! Und dieser Vulkan zeigte sich an dem Tag auch noch ohne Wolken in eisiger weisser Schoenheit!!!

Foto Die Äquator-Linie bei Cayambe:

http://www.tibesti-online.de/2010-11/022.jpg




3. San Augustin/Kolumbien. Nach unserer ersten Fahrt durch Kolumbien 2007 hat sich die Sicherheitslage in Bezug auf die Aktivitäten der diversen Guerillagruppen nochmals deutlich verbessert. So kann man jetzt erstmals mit der tagsüber vom Militär erlaubten Fahrt über die Berge von Popayan nach San Augustin ohne Riesenumwege eine archäologische Stätte ansteuern, die einmalig in ganz Lateinamerika ist. Denn Kolumbien besitzt zwar keine himmelhohen Tempel wie das Mayaland Guatemala und auch keine steineren Städte wie das ehemailge Inkaland Peru, aber dafür hinter den Bergipfeln von Tierredentro nicht nur ein uraltes Gräberfeld, sondern gleich ein ganze Landschaft voller alter Zeremonienhügel und von steineren Skulpturen bewachter Gräber. Welcher präkolumbischen Kultur die Funde von San Augustin zuzuordnen sind, ob die Anlage ein eigenständiges oder eine Art gemeinsames höchstes Heiligtum für verwandte Stämme der Umgebung war, darüber ist man sich bis heute nicht im Klaren. Es gilt in jedem Fall als gesichert, dass die Menschen ,die die einst von Erdhügeln bedeckten Megalithgräber, die steineren Sarkophage und vor allem die markanten Steinskulturen schufen, keinem komplexen Staat angehörten wie etwa die Maya und Inkas. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die Bestattungen in San Augustin möglicherweise etwa um 500 v.Chr.. und der Höhepunkt der Megalithkultur auf die Zeit zwischen 500-1500 n.Chr. festgelegt werden kann. Neueste Funde allerdings, die auf das Jahr 3000 v.Chr. zurückgehen, brachten diese Datierung wieder ins Wanken. Die Steinskulturen jedenfalls sind stilistisch recht einmalig: Überproportinal große Köpfe mit Kopf- und Nasenschmuck sitzen auf gedrungenen Körpern. Die Gesichter wirken mit ihren breiten Mündern und Nasen wie Zeremonialmasken.

Fotos San Augustin:

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Zuletzt geändert von tibesti am 11.02.2011 16:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon hura » 14.12.2010 13:51

Die Fotos sind wirklich toll. Leider war ich noch nie in Südamerika, aber ich würde da auch mal gerne hinfahren. Die Reiseroute schaut wirklich toll aus. Sowas würde ich echt gerne machen, aber ich glaube dafür braucht man halt wirklich eine menge Zeit und im Moment habe ich das leider nicht wirklich.
hura
 

Beitragvon Sturmspitze » 23.12.2010 12:09

@ tibesti & co.

für Eure Abenteuerberichte auch dieses Jahr ein G R O S S E S

D A N K E S C H Ö N

Herzliche Weihnachtsgrüsse Glück und Gesundheit auf all Euren Wegen

und einen guten Start ins NEUE JAHR 2011

wünscht

Sturmspitze
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Beitragvon tibesti » 27.12.2010 21:19

Wir wünschen allen Freunden, Bekannten und interessierten Mitlesern einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2011 und den Börsenexperten hier im Forum finanziell ein ebenso erfolgreiches neues Jahr wie (hoffentlich) 2010.

Zum-Jahreswechsel




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P.S.

Die Reise ist etwas "aus dem Tritt" gekommen, weil ich mich mit meinen Zähnen "rumplage", denn mitten in der Pampa ist mir ein Backenzahn voll durchgebrochen. Ich konnte mich mit Schmerzen noch 2 Wochen bis über den Amazonas nach Sao Luis in Nordbrasilien retten, wo aktuell großere "zahntechnische Oprationen" (Implatat) durchgeführt werden. Die etwas schmerzhaften letzten Wochen haben deshalb zu einer deutlichen Verzögerung der Berichterstattung unserer spannenden Reise durch die Guyana-Staaten geführt. Ich hoffe, den Bericht in Kürze nachliefern zu können.
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Beitragvon potter » 27.12.2010 23:06

Hallo Tibesti,
die langen Jahre, die wir uns "kennen" begleiten dich immer mit einem gewissen Neid, weil du das tust, was richtig ist! Es war auch richtig dem Typen keins auf die Fresse zu hauen :lol: . Ich wünsche Dir ein glückliches 2011, in dem du die Anlagerendite in Reiseerlebnis ummünzen kannst!
Herzliche Grüße auch an deine bessere Hälfte
Harry the Potter
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Beitragvon tibesti » 06.01.2011 23:44

Ein Hallo aus Nordostbrasilien an alle Leser

Nach langen Mühen ist es endlich geschafft. Der erste Teil des Reiseberichtes unserer Fahrt durch die Guyana-Länder ist fertig. Es geht darin zunächst um die ehemalige britische Kolonie Guyana

Bild

Es ist wieder ein Word-Dokument aus Text und vielen Bildern und kann hier runtergeladen werden (32 Seiten, 18 MB)

Reisebericht 5

Viel Spaß beim Lesen
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Beitragvon tibesti » 26.01.2011 20:18

Als Nachtrag zum Guyana-Reisebericht gibt es jetzt mal wieder eine Fotoshow zum Anschauen. Teil 2 des Reiseberichts durch die Guyanas und der Schiffahrt durchs Amazonasdelta kommt dann in Kuerze.

Guckst du hier:

Fotoshow Guyana
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Beitragvon tibesti » 10.02.2011 22:15

Es isr soweit! Teil 2 unseres Berichts ueber unsere Reise durch die Guiana-Staaten ist fertig.

Es geht diesmal um SURINAME

Bild

Mal ganz ehrlich: Wer ausser absoluten Fussballfans, die sich noch an die niederlaendischen Weltklasse-Nationalspieler surinamischer Abstammung erinnern, weiss sonst etwas ueber dieses kleine Land in der nordoestlichsten Ecke Suedamerikas? Wir jedenfalls bis zu dieser Reise auch nicht. Inspiriert durch das Erlebte haben wir in der Nachberarbeitung des Suriname-Erlebnisses jede Menge Literatur-Recherche betrieben.

Herausgekommen ist nun hoffentlich etwas, dass reichlich ueber einen stinknormalen Reisebericht mit den ach so vielen austauschbaren Belanglosigkeiten hinausgeht. Wir haben das Ganze denn auch wie folgt uebertitelt:

Suriname - Versuch einer landeskundlichen Annaeherung

Wer Lust hat, sich nachtraeglich mit uns auf diese Reise zu begeben, der klickt hier:

Reisebericht-6

(17 MB, Word-Dokument mit vielen Fotos)
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Beitragvon k9 » 11.02.2011 11:39

Toller Bericht, traumhafte Bilder - beneidenswert.

Danke und Gruß
k-9
Nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiß.
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Beitragvon tibesti » 11.02.2011 16:39

Danke fuer das schoene Kompliment!

:)

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Zum Reisebericht zu Suriname gibt es uebrigens einen aktuellen Nachtrag, auf den ich im Bericht nicht mehr eingehen wollte:

Der im Reisebericht erwaehnte ehemalige Militaermachthaber von Suriname Desi Bouterse, dem das immer noch nicht aufgeklaerte Massaker an der Zivilbevoelkerung in Moiwana 1986 angelastet wird und der in den Niederlanden inzwischen wegen Drogenschmuggel in Abwesenheit zu 11 Jahren Haft verurteilt wurde und mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, ist im Juli 2010 tatsaechlich erneut zum Praesidenten von Suriname gewaehlt worden!! Auch sein ehemaliger Kontrahent Brunswijk schiebt in der Politik wieder eine grosse Kugel!

Fazit: Die menschliche Dummheit ist unausrottbar. Wir gut, dass das Land so klein und unbedeutend ist, sonst haetten wir schon den naechsten Krisenherd in der Welt............

Wens interssiert hier der Link zu einem Zeitungsartikel>

Ein-Moerder-als-Praesident

Und in einem offenen Brief an Mitglieder ihrer Gemeinde schreibt eine fuer die evangelische Herrnhutergemeinde in Suriname arbeitende Hollaenderin ueber ihre Beobachtungen der letzten Monate:

"Ich möchte mit der politischen Situation beginnen. Aus den Wahlen im vergangnen Mai ist die Einheitspartei von Dési Bouterse als Sieger hervorgegangen. Um im neuen Parlament eine Zweidrittel-Mehrheit für die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen, ist er ein Bündnis eingegangen mit zwei anderen Parteien: mit der »Volksallianz«, einem javanischen Parteienbündnis, und der »Kombination«, einem Bündnis von Gruppen aus dem Binnenland unter Führung von Ronnie Brunswijk. Dank der so zustande gekommenen Zweidrittel-Mehrheit im Parlament konnte Dési Bouterse zum neuen Präsidenten von Suriname gewählt werden. Im vergangenen August fand der Machtwechsel statt. Ronald Venetiaan, der das Land 15 Jahre lang regiert hatte, machte Platz für Dési Bouterse, den Initiator des Militärputsches von 1980, dessen Name noch immer in Zusammenhang gebracht wird mit den so genannten »Dezember-Morden« von 1982, deren gerichtliche Aufklärung sich höchst mühsam dahinschleppt.
Die neue Regierung ist nun vier Monate im Amt. Bisher hat sie vor allem viele Worte gemacht, denen (noch) keine Taten gefolgt sind. Sie wettert mächtig gegen die vorherige Regierung. Und sie hat alle möglichen Leute auf Schlüsselpositionen in Ministerien und staatlichen Unternehmen (aus der alten politischen Garde) ersetzt durch ihre Gefolgsleute. Fehlentwicklungen und Irrtümer werden durchweg der früheren Regierung angelastet. Und über viele Dinge wird der Mantel des Schweigens gebreitet, so dass nicht in Erfahrung zu bringen ist, wie es um den Staat steht. Dési Bouterse hat mit mehreren Personen, die 1980 am Militärputsch und 1982 an den Dezember-Morden beteiligt waren, ein »Präsidial-Kabinett« gebildet. Er redet davon, für »Normen und Werte« und den »gesellschaftlichen Zusammenhalt« einzutreten, aber das ist nichts weiter als Gerede. Dési Bouterse sagt gern: »Auf der einen Seite steht die Regierungskoalition, auf der anderen Seite stehen die Staatsfeinde«. Solche Worte sind nicht gerade das richtige Rezept für Zusammenhalt und Vertauen. Kürzlich übernahm der Sohn von Dési Bouterse, gegen den wegen Drogendelikten ermittelt wird, die Leitung einer Anti-Terror-Einheit. Es werden gewaltigePläne gemacht: eine Brücke über die Marowijne nach Französisch Guyana; eine Brücke über den Corantijn nach Guyana; eine befestigte Straße und sogar eine Eisenbahnlinie durch den Urwald nach Brasilien. Drüber hinaus sollen die Renten erheblich steigen und 8.000 neue Häuser gebaut werden. Die Frage ist nur, wer das alles bezahlen soll. Überall gibt es Gerüchte und Spekulationen. In der Politik werden neue Allianzen gebildet bzw. bestehende Allianzen gestärkt, zum Beispiel mit China, Brasilien und Venezuela, dessen Präsident Hugo Chávez unlängst hier in Paramaribo zu Besuch war und dessen Hubschrauben auf dem Rückweg unser Haus ganz tief überflog. Die politische Zusammenarbeit mit den Niederlanden ist schwierig geworden. Man hat hier das sichere Gefühl, die Abhängigkeit von den Niederlanden solle verringert werden. Stattdessen wolle man mehr auf eigenen Beinen stehen, was mir richtig zu sein scheint. Alles in allem aber läuft die politische Entwicklung in keinen gute Richtung. Die Kluft zwischen Worten und Taten ist riesengroß. Es gibt auf Regierungsebene keinerlei Anzeichen dafür, dass die Beziehungen zwischen Suriname und den Niederlanden sich verbessern.¨
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Beitragvon tibesti » 09.03.2011 15:56

So, jetzt ist es mal wieder passiert! Unser gerade mal 10 Monate alter neuer Laptop hat den Geist aufgegeben (Bildschirm), was bedeutet, auf auf alle Daten seit der letzten Sicherung Anfang Januar zur Zeit kein Zugriff mehr möglich ist. In den nächsen Tagen müssen wir mal versuchen, in einem Internetcafe einen externen Bildschirm an den Laptop anzuschließen, um herauszukriegen, was eventuell kaputt gegangen sein könnte und um vielleicht die noch nicht gesicherten Daten auf eine externe Festplatte zu kopieren.



Bis dahin gibt es jedoch erst mal keinen Reisebericht über Französisch-Guiana, denn der war erst halb fertig und jetzt noch mal von vorne anfangen, haben wir auch keine Lust.



Doch zum Glück hatten wir ja bereits eine Fotoshow über unsere 2-tägige Fahrt mit einer kleinen Balsa durch das Mündungsdelta des Amazonas von Macapa nach Belem fertig und auf einen Server hochgeladen.



Dieser Teil unser Reise, der die Fahrt durch die Guyana-Staaten quasi abschloß, war mal wieder ein echter Höhepunkt. Zum besseren Verständnis der Fotoshow möchte ich einige allgemeine „geografische“ Bemerkungen vorausschicken.



Das Mündungsdelta des Amazonas muss man sich folgendermassen vorstellen:


Das Amazonasdelta 1


Das Amazonasdelta 2



Es wird im Norden bei der Stadt Macapa durch die eigentliche Mündung des Amazonas in den Atlantik und im Süden durch den Rio Tocantins begrenzt, der an der Mündung in den Atlantik bei Belem allerdings Rio Para genannt wird.

Zwischen den Mündungsgebieten dieser beiden Flüsse liegt wie ein Pfropfen eine der größten Flussinseln der Welt, die Ilha do Marajó,. Dazwischen wird der Inselarchipel von einem Netz kanalartiger Gezeitengewässer wechselnder Fließrichtung begrenzt (Rio de Breves, Furo dos Macacos, Rio Jacaré, Baia do Vieira Grande, sowie zahlreiche Nebenläufe). Über diese Gewässer erreicht in Hochwasserphasen auch Wasser des nördlichen Amazonas den südlichen Río Pará. Das eigentlich Ausmaß dieses Labyrinths von Wasserwegen zwischen den beiden großen Flußsystemen Amazonas und Rio Para/Tocatins wird recht schön anhand folgender Karte deutlich:


Karte



Auf der Insel Marajó, die mit 50.000 qkm etwa so groß wie die Schweiz ist, leben nur etwa 250.000 Menschen und die wiederum fast ausschließlich an den Ufern der vielen kleinen Wasserwege, Flüsse und Kanäle. Das Innere der Insel ist nahezu menschenleer, wird im Osten von Savanne und im Westen von Regenwald bedeckt und wird während der Regenzeit fast vollständig überschwemmt, ideale Lebenswelt für bis zu 3 Millionen!! Domestizierte Wasserbüffel, die hier leben.



Die überwiegende Mehrheit der an den Kanälen lebenden Menschen, deren Siedlungen und Häuser wegen der regelmässigen Überschwemmungen zumeist auf Stelzen gebaut sind, sind ein besonderer Menschenschlag: Es sind Caboclos,. So bezeichnet man in Brasilien Mischlinge , die aus den Verbindungen von Europäer und Indios hervorgegangen sind (sichtbarstes Zeichen dieser Vermischung sind die hellblonden Haare vieler hier lebender Kinder). Die soziale Stellung der Caboclos in der brasilianischen Gesellschaft ist – gelinde gesagt – unterste Schublade, was allein schon daraus hervorgeht, dass man in der brasilianischen Sprache „Caboclo“ auch als Schmpfwort im Sinne von „Penner“ oder für wenig vertrauenswürdige oder betrügerische Menschen gebraucht.



Der Reiz einer Flussfahrt durch diese Inselwelt liegt in seinem Abwechslungsreichtum. Sie beginnt im Norden bei Macapa und endet im Süden bei Belem auf zwei Flüssen, die hier so breit sind, dass man die gegenseitigen Ufer kaum sieht und man fast das Gefühl hat, auf dem Meer zu schippern. Dazwischen dann taucht man ein in die faszinierende Welt der Kanäle und kleinen Wasserarme, die die Ilha do Marajo durchschneiden. Die Balsa fährt praktisch ständig dicht an den Ufern entlang, so dass man einen tollen Eindruck von der Lebenswelt der hier lebenden Menschen bekommt, für die der Wasserweg nach wie vor die einzie Verbindung zur Aussenwelt ist. . Auch wenn inzwischen längst Stromgenerator, Satellitenschüsseln und Fernseher Einzug in diesen Teil der Amazonaswelt gehalten haben, bleibt diese Welt für uns Reisende nach wie vor faszinierend, fremdartig und geheimnisvoll.


Soviel als einleitende Bemerkung zur anschließenden Fotoshow, die mit folgendem Link gestartet werden kann:


Fotoshow



Und damit das Ganze auch etwas audivisuell wird, gibt es etwas musikalische Untermalung nachgereicht: "Sertaneja" - die brasilianische Variante der Country-Musik


Musik1


Musik2


Musik3


Musik4


Und etwas Allgemeinbildung zum Schluß kann ja auch nicht schaden!!

Hier nocxh ein paar Fakten über diesen gewaltigen Fluß namens Amazonas:

Er ist in Bezug auf sein Einzugsgebiet, die Anzahl der Nebenflüsse, die Abflussmenge der größte Strom der Welt und mit einer Länge von etwa 6500 Kilometern nach dem Nil der zweitlängste Fluss. Sein Einzugsgebiet umfasst mehr als sieben Mio. km², von denen etwa die Hälfte in Brasilien liegt, während der Rest auf Peru, Ecuador, Bolivien und Venezuela verteilt ist. Der Wasserabfluss des Amazonas beträgt zwischen 34 und 121Liter pro Sekunde. Ein Fünftel des Süßwassers, das in die Weltmeere fließt, stammt aus dem Amazonas.Die größten Quellflüsse des Amazonas, der Río Ucayali und der Río Marañón, entspringen in den Hochanden und fließen parallel zueinander nach Norden, bis sie sich bei Nauta in Peru vereinigen. Von dieser Stelle an fließt der Hauptstrom des Amazonas in östlicher Richtung zum Atlantik; bis zur Mündung des Rio Negro bei Manaus nennt man ihn in Brasilien Rio Solimões. Der Amazonas mündet mit einer etwa 250 Kilometer breiten Trichtermündung in den Atlantik. Dort lagert er seine Sedimente (täglich durchschnittlich 3 Mio. t) ab, die ein Labyrinth von Inseln bilden, wodurch der Fluss in einzelne Arme aufgeteilt wird. Allein die Mündung des Hauptstromes, der Rio Pará, ist 80 Kilometer breit. Bei Neu- oder Vollmond bewegt sich eine Flutwelle, die vom Meer kommt, mit einer Geschwindigkeit von mehr als 65 Kilometer pro Stunde etwa 650 Kilometer flussaufwärts. Dabei entstehen oft Wellen mit einer Höhe bis zu fünf Metern.

Das gewaltige Einzugsgebiet des Amazonas unser seiner Nebenflüsse wird erst so richtig deutlich, wenn man es etwa mit dem Einzugsgebiet unserer heimischen Elbe vergleicht. Das ist schon deutlich mehr als David gegen Goliath: Mehr als 10.000 Nebenflüsse münden in den Amazonas, von denen 17 länger als 1600 Kilometer sind (zum Vergleich: der Rhein ist 1200 Kilometer lang.

Vergleich Einzugsgebiet Amazonas-Elbe
Zuletzt geändert von tibesti am 08.05.2013 21:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon potter » 09.03.2011 22:37

Hi Lothar,
schön von dir zu hören, deine Musikauswahl gefällt mir auch immer! Als PC-Dilletant schaffe ich es nicht , die Musik auf der festplatte zu speichern, gibts da nen Kniff?
schöne Grüße
Harry
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Beitragvon tibesti » 05.08.2011 18:34

Kinder, mir reichts.....Nach knapp 3 Monaten Deutschland-Aufenthalt schmerzen mir allmählich die Ohren vom medialen Dauersperrfeuer über Eurokrise, Dollarkrise, Griechenlandkrise, Spanien-,Portugal und sonstige Krisen. Mir geht es inzwischen so wie dem Weygand Harald von Godmode oder dem Steffens vom Steffens Daily: Immer wenn die im Urlaub sind crasht es nach ihren Aussagen an den Börsen. Analog hierzu muss ich feststellen: Immer wenn ich auf Heimaturlaub bin, entwickeln die Finanzmärkte einen Hang zum Trauerspiel. Da zudem das diesjährige Sommerwetter hier in Deutschland auch kaum seinen Namen verdient, wird es allmählich Zeit, mal wieder die Siebenmeilenstiefel zu schnüren und in ein neues Reisejahr zu starten.

So machen wir uns in den nächsten Tagen mal wieder auf die Socken via Buenos-Aires, haben wir doch nach langen unschlüssigen Diskussionen beschlossen, dem südamerikanischen Kontinent treuzublieben, denn nirgendwo sonst auf der Welt haben wir einen so optimalen Mix an Möglichkeiten gefunden, unser nomadisches Reiseleben abwechslungsreich zu gestalten: von den atem(be)raubenden und (aus Autofahrersicht) teils halsbrecherischen Touren durch die Anden über die schweißtreibenden Trips im Amazonastiefland und durch das endlosen Buschland des Chaco bis zu den langen Caipirinha-Abenden an den wunderbaren brasilianischen Tropenstränden, alles ist möglich und kombinierbar. Und da die südamerikanischen Staaten für Europäer keine restriktiven Visabestimmungen vorsehen, kann man die Vielfältigkeit des Kontinents ganz spontan geniessen, ohne beim Länderhopping aufwendige bürokratische Visabeschaffungsmaßnahmen in Angriff nehmen zu müssen. Nicht zuletzt ist dann noch die spontane Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen zu nennen, die uns überall, wo wir hingekommen sind, auf Schritt und Tritt begegnet ist, um unseren Entschluss zum Bleiben mit einem weiteren Argument zu untermauern-

Immer wieder ein Highlight in Südamerika: Die Herzlichkeit der Menschen

Bild
Spontane Fete in der Werkstatt (Patagonien/Argentinien]

Bild
nächtliche Begegnung mit Viehtruckern im Chaco/Paraguay





Klar ist, dass wir nach 5 Reisejahren in Südamerika und über 200.000 gefahrenen Kilometern den Kontinent "großräumig" für uns längst erschlossen haben. Unsere Aufmerksamkeit wird sich deshalb jetzt mehr auf kleinräumige Spezialitäten richten, die wir noch nicht kennengelernt haben. Doch in diesem Stadium der Reise gehen wir nunmehr ganz spontan an die Dinge heran und machen keine großartige Vorabplanung mehr. Wir werden uns treiben lassen und von Fall zu Fall spontan entscheiden. Wer weiß, vielleicht gelingt uns ja endlich auch einmal die Besteigung eines Berges der 6000er-Kategorie, ein Projekt, dass wir zwar jedes Jahr immer wieder in der Planung haben, aber dann doch aus Sorge vor zu großen Höhenanpassungsproblemen dann doch immer wieder in die Schublade gepackt haben.

Bestimmt wird uns unsere Fahrt aber irgendwie wieder auf die adrenalinfördernden Strecken der bolivianischen Yungas führen (Ein paar eigene Filmaufnahmen hab ich mal auf Youtube hochgeladen):

auf abenteuerlichen Yunga-Strecken unterwegs

Es ist nun keineswegs so, dass wir solcherart Nervenkitzel unbedingt suchen, aber die wirklich schönen Ecken der Yungas sind oftmals nur auf solch abenteuerlichen Strecken zu erreichen. Schweißnasse Hände gehören bei mir beim Befahren dieser Routen immer mit dazu und nicht umsonst gehören die Yunga-Routen aus fahrtechnischer Sicht mit zu den gefährlichsten Strecken der Welt, auf denen jedes Jahr weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit dutzende Fahrer mit ihren Fahrzeuge aus den unterschiedlichsten Gründen (schlechter technischer Zustand der Fahrzeuge, Übermüdung und Unachtsamkeit, häufige Nachtfahrten, gefährliche Nässe bei Regen etc.) tödlich verunglücken. Folgenden kleinen Film eines Mitschnitts einer TV-Nachrichtensendung über einen tödlichen Unfall auf solch einer Strecke hab ich zufällig auf Youtube gefunden. Allein schon beim Anblick des schräg hängenden Trucks stockt mir der Atem, was der Fahrer danach allerdings veranstaltet verschlägt einem dann vollends die Sprache.....


tödlicher Unfall in den Yungas


Doch zum Glück ist ja nicht alles auf unseren Reisen immer nur Nervenkitzel.
So ist etwa unsere emotionale Verbundenheit mit dem bolivianischen Amazonastiefland mit seinem geografischen Kontrast zur Bergwelt der Anden und seiner gänzlich anderen Kultur als der der bolivainschen Hochlandindios seit 4 Jahren eng verknüpft mit einer unscheinbaren Szene in einer staubigen Straßenbar eines kleinen bolivianischen Tieflandstädtchens. Wir saßen damals bei über 30 Grad abends um 22 Uhr bei einem kühlen Bier auf den klapprigen Plastikstühlen der Bar, umringt von lauter ziemlich verwegen aussehenden,nicht mehr ganz nüchternen bolivianischen Viehirten (Gauchos), als die voluminöse Musikbox mit angeschlossenenem Fernsehschirm ein Musikvideo abspielte, das uns schnell in seinen Bann zog. Es ist eine Liebeserklärung an das raue Landleben der Viehhirten des Tieflandes, fast könnte man sagen eine Art Nationalhymne der Tieflandbewohner. Und es dauerte nur wenige Takte, als einige der männlichen Gäste um uns herum einen wilden Tanz auf der staubigen Straße aufführten: Alles zusammen, der Drive der Musik, die Magie der Bilder des Videos und der Tanz der Leute um uns herum, hat sich seither tief in unsere Gedächtnis eingeprägt und zieht uns von Zeit zu Zeit immer wieder in diese Region zurück. Lange habe ich im Netz vergeblich nach diesem Musikvideo gesucht, doch jetzt hat sich endlich ein gnädiger Zeitgenosse erbarmt, das Musikvideo in einer guten Qualität auf Youtube zur Verfügung zu stellen...

Costumbres a mi tierra


Ja und dann ist da natürlich immer wieder Brasilien zu nennen, ein Land, an dem sich die Reisegeister scheiden, in das wir uns aber ziemlich verliebt haben....
Was hören wir nicht immer wieder für Horrorstories über die Gefährlichkeit von Reisen in diesem Land, meist von Leuten, die selbst keinen Schritt dorthin gesetzt haben, sondern sich schon zuvor von all den gehörten Geschichten haben abschrecken lassen. Andere Reisende wiederum finden Brasilien landschaftlich nur langweilig oder können mit der Spontaneität und direkten Offenheit der Menschen nichts anfangen. Und wer immer nur auf der Suche nach den einsamen Traumstränden ist, ist in diesem Land eigentlich am völlig falschen Platz. Dabei gibt es natürlich gerade in Brasilien mit seiner 8000 Km langen Küste einsame Strände zuhauf, doch wer Brasilien wirklich erleben will, muss sich auch für das Leben der Brasilianer begeistern können. Und Brasilianer sind nun mal sehr gesellige Menschen, die das Bad in der Menge suchen: Unkonentionell und laut geht es in der Regel auch zu, Brasilianer und das einsame Naturerlebnis in unberührter Natur, das ist ein Widerspruch in sich.
Doch diese Zwiespältigkeit, mit der viele Reisende auf das Wort Brasilien reagieren, hat für uns Verliebte natürlich auch seine positiven Seiten. Denn während sich schätzungsweise 90% aller Autoreisenden fast ausschließlich auf den ausgetretenen Trampelpfaden der vermeintlichen Traumstraße der Welt, der Pan-Americana tummeln und es zum Kult erklärt haben, sich an Silvester mit hunderten anderer gleichgesinnter Autoreisender in Ushuaia auf Feuerland zu treffen, erleben wir Südamerika mit unserer Art des Reisens über weite Strecken noch in relativer Unberührtheit vom Massentourismius und seinen negativen Begleiterscheinungen.

Der besondere Reiz, den Brasilien ausstrahlt, verkörpert sich nicht zuletzt in seiner unglaublich vielfältigen Musik. Hier sind die Geschmäcker natürlich sehr verschieden, doch eins kann man feststellen: Die brasilianische Musik besteht aus viel mehr als nur dem obligatorischen Samba, dutzende Stile und Richtungen buhlen um die Gunst der Leute. Uns hat es vor allem die brasilianische Abart der Country-Musik - Sertaneja- genannt, angetan, nicht zuletzt deshalb, weil wir eine solche Musikrichtung in Brasiliewn nie und nimmer vermutet hätten, ist sie doch hierzulande in den diversen Multikulti-Musiksendungen praktisch nicht existent.

Doch welcher Richtung man nun auch anhängt, nirgendwo sonst drückt sich die spontane Lebenslust der Brasilianer so aus wie bei der Musik. Hier ein paar Live-Beispiele, gefunden auf Youtube:

Jorge e Mateus

Luan Santana

Fernando e Sorocaba

viel Herz und Schmerz, aber nichtsdestotrotz eine tolle Sängerperformance, eine wunderschöne Frau und ein einprägsamer Ohrwurm:

Amar no pecado Luan Santana

oder wie wäre es mit einer der typischen öffentlichen Capoeira/Samba-Übungssession, die man immer wieder überall in Brasilien antreffen kann:

Capoeira/Samba



Fazit: Es gibt wieder viel zu erleben, packen wir es an!!


"Viel zu spät begreifen viele
die versäumten Lebensziele:

Freude, Schönheit der Natur,
Gesundheit, Reisen und Kultur,

darum Mensch, sei zeitig weise!
Höchste Zeit ist`s!
Reise, reise!"

Wilhelm Busch

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Ein Blick zurück in die Welt der analogen Papierfotowelt....

Über 35 gemeinsame Reisejahre sind es nun, wir werden alt!!!!

1978 mit VW-Bus im Tal von Bamyan/Afghanistan:

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1995: mit Hanomag (Baujahr 1954) in der Libyschen Wüste

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1999: mit Mercedes 1017A (unser jetziges Fahrzeug) auf Jungfernfahrt in Libyen:

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2004: Während der Regenzeit durch das Grenzgebiet von Mauretanien und Mali

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tibesti
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Beitragvon tibesti » 20.09.2011 00:48

Reisetagebuch 2011/12 - 1

Unerwartet schnell erreichen wir den Ausgangspunkt für unsere erste Abenteuer-Tour im neuen Reisejahr, denn.....das Wetter macht uns einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Nach unserer Ankunft in Buenos Aires am Mitte August ist es regnerisch und auch für argentinische Winterverhältnisse auf der Höhe von Buenos Aires (das ja auf der Nordhalbkugel immerhin südlich von Kairo gelegen wäre) recht kalt. Nach einem Blick in die Internet-Wetterkarte beerdigen wir ziemlich schnell die vage Absicht, vielleicht zunächst einen kleinen Schlenker Richtung Süden und Patagonien zu machen, um den Walen auf der Halbinsel Valdes einen Besuch abzustatten, die jetzt um diese Jahreszeit hier ihre Hochtzeitsreviere aufsuchen. Warum sollen wir weiter in die Kälte vordringen, wenn schon auf der Höhe von Buenos Aires das Wetter recht lausig ist: Nachts leichter Frost und tagsüber Temperaturen deutlich unter 10 Grad plus.
Nein danke, das muß nicht sein! Also brechen wir nach 4 Tagen Buenos Aires, die mit Reisevorbereitungen aussgefüllt sind, schnurstracks Richtung Nordwesten auf. Endlos zieht sich die Straße durch topfebene Pampa-Landschaft, das Wetter bleibt unerquicklich und als wir mit der Gebirgslandschaft südlich der Millionenstadt Cordoba endlich etwas landschaftliche Abwechslung fürs Auge bekommen könnten, sind die Berge wolkenverhangen und es regnet mal wieder ununterbrochen. Da lohnen sich keine Abstecher in höhere Lagen. Wir sind etwas frustriert. Dann hab ich hab eine Idee: Wenn wir schnurstracks weiter nach Westen fahren, gelangen wir nach wenigen 100 Kilometern nach Mendoza am Fuß der Anden. Vielleicht haben wir ja Glück und können die Anden mal so richtig im Schnee bewundern und einige nette Offroad- Erkundungen rund ums Aconcagua-Massiv(dem höchsten Berg der Anden) machen - wenn, ja wenn das Wetter mitspielt und das verheißt für die nächsten Tage in dieser Region laut Wetterkarte Sonne pur. Gesagt, getan -es ist ja nur noch ein Katzensprung von wenigen Stunden Autofahrt.

Und als wir am nächsten Morgen auf einer Tankstelle kurz vor Mendoza, wo wir übernachten, aus dem Fenster schauen, sieht doch alles schon viel freundlicher aus.Zwar bleibt es lausig kalt, aber die Sonne lacht vom wolkenlosen Himmel und als endlich die erste Andenkette am Horizont auftaucht, müssen wir erst zweimal genau hinschauen, um es zu glauben: Nein, das sind nicht schon wieder Wolken am Horizont, das ist tatsächlich Schnee - und zwar in Massen bis herunter auf 1000 Meter. Doch der ersten Euphorie angesichts der Pracht fürs Auge folgt rasch eine gewisse Ernüchterung. Denn was die vielen brasilianischen LKW, die scheinbar tatenlos an den Tankstellen rechts und links der Straße parken, bereits andeuten, bestätigt sich rasch: Es ist so viel Schnee gefallen, dass selbst der wichtigste Paß von Argentinien nach Chile derzeit gesperrt ist - Und das wird sich auch weiter nach Norden so fortsetzen: Paso San Francisco, Paso de Socmba, Paso des Sica - alle zu. Und selbst der nördlichste Andenpaß von Argentinischen nach Chile, der Paso de Jama, ebenfalls eigentlich ganzjährig geöffnet, ist für kurze Zeit nicht passierbar, wie wir später von anderen Reisenden erfahren werden.
Diese Sperrungen treffen uns jetzt zwar nicht sonderlich, denn wir haben derzeit ja noch nicht vor, über die Anden nach Chile zu fahren. Allerdings macht der viele Schnee in der Bergregion hinter Mendoza gleichzeitig unsere vagen Pläne zunichte: Bei dem vielen Schnee macht es wenig Sinn, hier in dieser Region in Höhen über 3000 Metern zu fahren, um dort irgendwelche Pistenstrecken zu versuchen.

Also bleiben wir unten am Andenfuß und spulen weiter Kilometer um Kilometer Richtung Norden ab. Zwar scheint nun die Sonne und die Landschaft ist eigentlich wunderschön, zumal mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund, doch wir kennen diese Strecke ja schon von früher. Es kommt uns alles etwas wie ein schnöder Sonntagsausflug vor, so plätschert das Ganze dahin. Vor allem die Temperaturen machen überhaupt keine Freude. Kaum geht die Sonne unter, sinken die Temperaturen auf Null Grad und draunter und auch tagsüber bleibt es deutlich unter 10 Grad. Was wir auf großen Höhen als naturgegeben akzeptieren, nervt hier am Gebirgsfuß doch schon ziemlich. Wir sind einfach keine Winter- und Kältetypen. Und so erreichen wir wie schon oben angedeutet, bereits nach 8 Tagen und damit schneller als geplant, den kleinen Ort Fiambala - den Ausgangsort unseres ersten wirklichen Reiseabenteuers im neuen Reisejahr.

Fiambala ist eigentlich der Ausgangspunkt für eine Fahrt über einen der großen Andenpässe nach Chile, den 4750m hohen Paso San Francisco, der Argentinien mit dem chilenischen Ort Copiapo verbindet. Doch diese Strecke, die wir inzwischen schon zweimal gefahren sind, zuletzt 2010, sie ist diesmal nicht unser Ziel. Wir bleiben auf der argentinischen Seite der Anden und wollen von hier aus auf möglichst abgelegenen, einsamen Pisten die nördliche anschließende Andenhochfläche, die über 4000m hoch gelegene sogenannte Puna (die auf bolivianischer Seite ihre Fortsetzung im Altiplano findet) genauer erkunden.

Es ist nur ein kleiner dünner Strich, der die Ortschaft Fiambala mit dem 250 km entfernten El Penon auf der Hochfläche verbindet; und dieser Strich ist noch nicht einmal in allen Karten als Verbindungsstrecke verzeichnet. In den Karten, wo er existiert, wird er als "Huella" klassifiziert - das ist die unterste fahrbare Kategorie. Ich muss zunächst erst mal im Wörterbuch nachschauen, um die Wortbedeutung zu verstehen: "Spur" heißt es da! Aha, das kann ja nun alles mögliche heißen und ob diese "Spur" auch tatsächlich existiert und dann auch noch mit einem LKW befahrbar ist, das ist hier die große Frage.

Doch zunächst erholen wir uns etwas vom monotonen Fahrstreß der letzten Tage und steuern die Thermalquellen von Fiambala an. Ich muß zugeben, dass Silvia für diesen kleinen Abstecher alle Überredungskünste aufbieten musste, denn wir beide sind eigentlich nicht unbedingt die großen "Thermalfreunde vor dem Herrn" und ich nun schon mal gar nicht (hat für mich immer etwas den Flair von Senioren-Kuren in Bad Salzuffel). Doch ich muss ehrlich zugeben, Silvias Beharrlichkeit hat sich in diesem Fall wirklich ausgezahlt. Denn allein schon die Lage diese warmen Thermalquellen in einem schmalen wüstenhaften Felseinschnitt in 1800m Höhe lohnt schon die Anfahrt. Umgeben von schroffen nackten Felswänden plätschert heißes Thermalwasser aus dem Erdinnern und ergießt sich in kleinen Wasserfällen durch etwa zehn künstlich angelegte Wassserbecken ins Tal. Wobei das Raffinierte darin besteht, das es den Erbauern dieser Therme gelungen ist, die Wassertemperatur in jedem Becken unterschiedlich hoch zu halten. Man fängt im untersten Becken mit 25 Grad an und steigert sich dann von Becken zu Becken über 28, 30, 32, 35, 38, 40 bis schließlich 45 Grad. Sehr beeindruckend und auf jeden Fall einen Abstecher wert.

Während wir also in den unterschiedlichen Becken entspannen, fiebern wir allmählich dem ersten Reisehöhepunkt entgegen, von dem wir nicht wissen, wie er ausgeht. Gibt es die Piste überhaupt? Ist sie überhaupt befahrbar? Ist sie breit genug für einen LKW? Fragen über Fragen. Alles ist möglich - bis zum Worst Case-Fall, dass wir auf halber Strecke umkehren müssen - es wäre ja nicht das erste Mal. Das wir diese Fahrt angesichts meiner vorherigen Bemerkungen über den vielen Schnee überhaupt in Erwägung ziehen, bedarf natürlich einer zusätzlichen Erläuterung. Zum einen sind wir mit zunehmender Fahrt nach Norden entlang des Andenrandes - ausgehend von Mendoza - immer weiter in den nordwestargentinischen Trockengürtel und damit in wärmere und niederschlagsärmere Regionen vorgestossen. Eingegrenzt von den hohen Andengipfeln im Westen und mehrerer den eigentlichen Anden vorgerlagerter Gebirgsketten im Osten haben sich hier mehrere in Nord-Süd-Richtung sich erstreckende wüstenhafte Becken und Längstäler gebildet, die ganzjährig kaum Niederschläge abbekommen, da sie im Regensxchatten liegen. Und auch die eigentliche Andenhochfläche, die Puna, die ja unser Ziel ist, ist eine solche Trockenzone. Eingerahmt von der westlichen und östlichen Andenkordillere mit ihren bis zu 6900m hohen Gipfeln liegt sie quasi im Regenschatten, der großen Kordilleren, so dass man hier trotz Höhen von über 4000m im Normalfall mit keinen großen Schneemassen rechnen muss.

Gegen Mittag brechen wir in Fiambala auf, nachdem wir an der kleinen Tankstelle sicherheitshalber noch eine zusätzliche Tankreserve zum unerhörten Preis von 0,90 Euro-Cent (Normal sind in Argentinien inzwischen 0,70 Eurocent) bunkern. Denn je nach Pistenzustand und Höhenlage kann unser Dieselverbrauch zwischen 18 und 45 Litern auf 100 Kilometern schwanken un d ist damit nur schwer kalkulierbar.

Zunächst geht es noch auf guter Asfaltstraße ohne jeden Verkehr schnurstracks nach Norden bis zum 35 Kilometer entfernten Dorf Palo Blanco. Dort geht der Asfalt in eine breite Piste über, der wir aber nicht lange folgen dürfen, denn die Piste endet nach weiteren 20 Kilometern auf der anderen Talseite in einer weiteren Ortschaft. Irgendwo hier muss besagter "Huella" abzweigen, der uns auf die Andenhochfläche führen soll. Doch wo? Die vagen Angaben der einen Karte stimmen schon einmal überhaupt nicht. Wir finden der Einstieg nicht. Unser Glück naht in Form einen Pickups, den wir stoppen und dessen Fahrer uns den Pistenbeginn erklärt. Er liegt weitere 2 Kilometer voraus. Dort zweigt ohne weiteres Hinweisschild eine schmale Spur in die Büsche ab. Ohne Ortskenntnis würde man an dieser Stelle sehr schnell achtlos vorbeifahren.

Jetzt geht es los. Schon nach den ersten Kilometern ist klar, das ist tatsächlich ein "huella", die Fahrspur windet sich durch die Trockenbüsche eines zunächst breiten, dann rasch immer schmaler werdenden Flußtales nach Norden und ist zumeist so schmal, dass wir mit unserer LKW-Breite von 2,50 Metern zum Teil unsere liebe Mühe haben. Schon schnell regen sich in mir ernsthafte Zweifel, ob das ganze Vorhaben nicht ein ziemlicher Blödsinn ist, denn irgendwann müssen wir ja vom Flußtal weg die Berge hoch und wenn der Weg jetzt schon so schmal ist, dann kann das ja wirklich lustig werden. Insgeheim stell mich jedenfalls schon mal aufs Scheitern ein und hoffe nur inbrünstig, dass das mögliche Scheitern wenigstens an einer Stelle stattfindet, an der wir gefahrlos wenden können, denn rückwärts auf einer superschmalen kurvigen Piste am Abgrund wieder hunderte Meter bis zu einer potentiellen Wendemöglichkeit zurück, ist für mich der gedankliche Albtraum, den ich kurz denke, um ihn dann schnell wieder in der Kommodenschublade einzuschließen. Bloss nicht dran denken.

Wir hoppeln zumeist im Schritt-Tempo Meter um Meter vorwärts. Nach wenigen Kilometern mündet die Fahrspur in ein schmales Tal, dass sich immer mehr zur Schlucht verengt und an manchen Stellen kaum breiter als vielleicht 10 Meter ist. Das Flüßchen in der Schlucht führt ordentlich Wasser und ab jetzt heißt es alle paar Meter Traversieren durchs Wasser mal auf die rechte, dann wieder auf die linke Seite des Gewässers. Und dann wieder ist alles so eng, dass der Weg einfach längs im Fluss verläuft. Das Ganze ist fahrtechnsisch auf Dauer sehr anstrengend, gleichzeitig aber sind wir beeindruckt von der Wildheit und Unberührtheit um uns herum. Laut Karte folgt der Weg dem Flußtal auf etwa 50 Kilometern Länge, um dann nach rechts abzubiegen und vermutlich steil in die Berge zu führen und um schließlich nach weiter 150 Kilometern den Ort Antofagasta auf der Hochfläche der Anden zu erreichen . Hier dürfte dann die Schlüsselstelle sein, wo sich entscheidet, ob wir umdrehen müssen und die ganze Hoppelei in umgekehrter Richtung noch einmal machen dürfen. Wir schaffen es an diesem Tag jedenfalls nicht bis zu dieser Schlüsselstelle und übernachten mitten in der Schlucht. Die Suche eines Standplatzes für die Nacht erübrigt sich, es ist eh kein Platz rechts und links und mit Verkehr ist auch nicht zu rechnen. In der ruhigen Nacht, in der ausser dem Rauschen des Wassers kein Geräusch die Ruhe stört, werden wir auf einmal mit einem unerwarteten Wärmeeinbruch überrascht. Obwohl wir inzwischen auf etwa knapp 2000 Metern Höhe angekommen sind, sinkt das Thermometer nachts nicht unter 11 Grad, was angesichts der bisherigen Tageshöchsttemperaturen von höchstens 10 Grad fast schon einem tropischen Wärmeeinbruch gleichkommt. Eine Art Fönwind machts möglich.


Zusammen mit der Weiterfahrt am nächsten Morgen beschäftigt uns diese erste Talpassage gute 6 Stunden -nicht schlecht für eine Strecke von etwas mehr als 50 Kilometern - das ist ja mehr als Schritt-Tempo!! Jetzt wird es richtig spannend. Die Schlucht weitet sich zu einem breiteren Tal und dort, wo der Fahrweg das Tal nach rechts in die Berge verlässt, stehen überraschenderweise ein paar Häuser und vor einem dieser Häuser parkt sogar ein Geländewagen. Wenn das kein Glück ist, was dann! Vielleicht erhalten wir ja hier wichtige Informationen über die weitere Strecke. Wir erregen natürlich sofort Aufmerksamkeit bei den wenigen Leuten, die hier wohnen; insbesondere der Fahrer des Pickups kommt uns sofort entgegen mit der Frage nach dem Woher und Wohin.

"Buenas Dias. Que tal?"
"Wir sind Touristen aus Alemania, kommen von Fiambala und möchten in die Berge nach Antofagasta! Können sie uns etwas über den Zustand der Strecke sagen? Ist die Strecke für unseren LKW machbar?"

Unser argentinischer Gesprächspartner, dem das indianische Blut so richtig ins Gesicht geschrieben steht, kommt ins Grübeln. Er hat eine dicke Backe und ein dünner brauner Speichel läuft ihm aus dem Mundwinkel. Aha, obwohl noch gut 1500 Kilometer Luftlinie von Bolivien entfernt, sind wir bereits wieder in der Region der Coca-Blätter kauenden Männer angekommen!

"Es muy angosto" - "der Weg ist sehr schmal", sagt der Coca-Kauer mit Blick auf unser Fahrzeug. "Habt ihr denn auf dem bisherigen Weg hierher schon Probleme gehabt?" will er wissen.

Wir verneinen und schauen den Mann mit bangem Blick an. Wie wird er sich entscheiden? Doch denkste, er entscheidet sich gar nicht.

"Ihr könnt es ja mal versuchen. Wenn ihr nicht weiterkommt, dreht ihr halt einfach um!"

Ja, du Pfeifenkopp, denk ich mir, das ist ja mal wieder eine dolle Ansage, hilft uns ungemein weiter und ich seh uns schon wieder an einer finalen Engstelle stehen, wo es nach vorne nicht mehr weiter geht, aber auch der Rückweg mangels geeigneter Wendemöglichkeit zum Alptraum gerät. Wir bohren weiter und erhalten dann doch noch ein paar nützliche Informationen (wobei das mit der Verständigung jetzt so problemlos klingt, war es aber nicht, denn red mal mit einem Argentinier, der Castellano nur im Dialekt und dann auch noch "rapido" spricht).

"Es sind etwa 65-70 Kilometer bis oben auf die Hochfläche, Bis dorthin hat es 3 bis 4 recht kritische Passagen". Doch genau über diese Stellen will er in Bezug auf unser Fahrzeug keine Auzssage treffen.
"Wenn ihr erstmal oben seid, ist alles ganz harmlos - endlose Weite und Ebenen".
Ja, das wissen wir selbst, denn da oben waren wir schon.

Und was machen wir nun mit diesen Informationen? Wir stehen unschlüssig da und wissen nicht so recht, wie wir uns entscheiden sollen. Einerseits ist die Vorstellung, den ganzen Weg durchs Flusstal wieder zurückzufahren, wenig prickelnd, doch auch die Vorstellung, angesichts des bisherigen Pistenzustands weiterzufahren, bereitet uns einige Magenschmerzen.

Letztlich siegt die Abenteuerlust. Wir wagen es. Das wäre doch gelacht, so einfach schon vorab den Schwanz einzuziehen! Wir bedanken uns bei unserem Gesprächspartner und verabschieden uns. Mit reichlich nervösen Händen starte ich den Truck, ein letztes Mal müssen wir über den Fluss und dann gehts gleich steil den Hang hinauf. Es sind bestimmt 10% Steigung und es ist wie erwartet sehr schmal; doch das kenn ich ja schon: Bloß nicht runtergucken, einfach den Blick stur auf die Fahrspur richten! Nach den ersten paar hundert Metern steilem Anstieg wird es dann zunächst etwas flacher und dann........ist die Fahrt auf einmal urplötzlich auch schon zu Ende. Es sieht auf den ersten Blick so harmlos aus; der Fahrweg macht eine leichte Biegung um einen hervorstehenden Felshang herum und, was soll ich sagen? Ich komm nicht rum!! Ich glaub es nicht, wir sind doch gerade erst losgefahren und ich komm da nicht rum! Ich setz ein paar Meter zurück und hol etwas weiter aus (wobei das gar nicht so einfach ist, weiter auszuholen, wo kein Platz zum Ausholen da ist) und wieder nix. Wenn ich weiterfahre, ramme ich mit dem Koffer den Fels! Das ist ein Ding! Wir sind noch in Sichtweite der Häuser, die ein paar hundert Meter unter uns auf der anderen Talseite in der Sonne stehen. 'Das ist für die Menschen da unten jetzt bestimmt ein Festtag', denke ich spontan, endlich ist mal was los, endlich ist mal Kino mit echten Gringos und noch dazu ganz kostenlos; die stehen jetzt bestimmt alle da unten und schauen sich dieses Spektakel der Extraklasse an'. Jetzt fühl ich mich an der Ehre gepackt und will mich für die da unten nicht zum Affen machen. Also noch ein Versuch. Zurück und neuer Anlauf - wieder nix.

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Blick von der Engstelle ins Tal: Wir machen das große Kino für die Leute im Dörfchen
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Allmählich dämmert mir auch die Konsquenz unseres möglichen frühen Scheitern: Dann müssen wir nämlich rückwärts die paar hundert Meter wieder runter und das bei dieser Steigung. Wir steigen zunächst mal vorsichtig aus dem Fahrzeug (was bei dieser Enge ja allein schon nicht so einfach ist) und inspizieren den Engpaß zu Fuß. Dann beschliessen wir, das einer von uns beiden paar hundert Meter weiter bis zur ersten Kehre läuft und nachschaut, ob wir diese Kehre mit unserem Truck überhaupt schaffen. Silvia übernimmt diesen Part und kehrt nach einiger Zeit mit der Information zurück, dass die Kehre zwar eng und nicht in einem Anlauf zu schaffen sei, dass wir aber ausreichend Platz zum Rangieren hätten. Also versuchen wir es noch einmal. Diesmal plaziert sich Silvia vor unserem Fahrzeug und versucht mich mit Handzeichen zu dirigieren. Ich setz erneut ein paar Meter vorsichtig zurück, hau den Allrad, den ersten Gang und Untersetzung rein und mach einen neuen Anlauf. Wir haben nur eine Chance, wenn ich es schaffe, meine Angst zu überwinden und mit dem vorderen Reifen ganz nah an den Abgrund zu manövrieren, um dann in der Kurve beim Einschlagen des Lenkrads den Hintern, sprich den Koffer um den Fels herumzubugsieren. Auch die nächsten drei Mal scheitere ich kläglich, ich schaff es einfach nicht, meine Angst so zu überwinden, dass ich das maximal Mögliche an Platz herausholen kann. Es geht letztlich um vielleicht 20 Zentimeter, die über Gelingen oder Scheitern entscheiden. Doch ich hab in der Vergangenheit so meine Erfahrung mit unbefestigten Pistenrändern gemacht, sei es in der Sahara beim Einbruch in einer Sebhka(Salzsee), als die schmale Fahrspur für den LKW um Zentimeter zu schmal war, sei es in den Anden, als ich dem nicht befestigten Pistenrand ein paar Zentimeter zu nah kam.


noch unvergessen.....die wirklich üble Erfahrung mit den nachgebenden Rändern von schmalen Pisten
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'Wenigsten sitz ich bergseitig im Auto', denke ich, der Abgrund ist auf der Beifahrerseite, wenn ich da jetzt runterfalle, kann ich immer noch schnell aus der Fahrerkabine rausspringen'!

Als mir nach dem 7.oder 8. vergeblichen Versuch Silvia signalisiert, dass ich immer noch nicht das maximal Mögliche an Platz ausgenutzt habe, starte ich schließlich noch einen letzten weiteren Versuch. Noch ein bißchen weiter nach außen, noch ein bißchen weiter die Nackenhaare aufgestellt und endlich, kaum zu glauben, komm ich mit dem Hintern rum! Mir fällt vor Erleichterung ein Stein vom Herzen, weil ich in diesem Moment nur die gemeisterte Passage im Kopf habe und nicht an das denke, was da möglicherweise noch auf uns lauert.
Doch jetzt gehts erst mal weiter, nach ein paar weiteren hundert Metern dann die erste Kehre, die wir natürlich nie und nimmer in einem Anlauf schaffen, doch das Rangiermanöver ist harmlos im Vergleich zu der gerade gemeisterten Engstelle. Und dann wird es auf mehreren Kilometern erstmal richtig entspannend, denn wenn man nach einer Fahrt auf einer superschmalen Fahrspur auf eine schmale Fahrspur wechselt, kommt es einem vor, als ob man auf einmal auf einer breiten Autobahn entlangfährt. Es ist halt alles relativ! Und jetzt kommt endlich auch mal der Fotoapparat zum Einsatz. Wie immer in solchen Situationen kommt natürlich keiner von uns auch nur ansatzweise auf die Idee, die wirklich kritischen Sachen mal im Bild festzuhalten, denn diese kritischen Situationen sind ja nun wirklich nicht harmlos, da steht einem der Kopf nach anderem als dem möglichst effektheischenden Sensationsbild.

Für eine handvoll Kilometer und einen Handschlag an Zeit geniessen wir die wirklich eindrucksvolle Gebirgslandschaft, dann mündet der Fahrweg in ein weiteres Tal, diesmal eine Etage und mehrere hundert Meter über dem ersten gelegen. Wir erreichen die 3000-Meter Höhengrenze. Und dann sieht es auf einmal erneut so aus, als ob unsere Weiterfahrt hier zuende ist. Während eine winzige Fahrzeugspur nach links in eine vielleicht 5-Meter breite Klamm abbiegt, zieht die Hauptspur, statt weiter dem Talboden zu folgen, auf einmal den Hang hinauf - und der ist völlig versandet. Oh weh, das sieht wirklich böse aus! Wir beschliessen, uns das Ganze erst mal zu Fuß anzusehen und kraxeln mühsam den Hang hinauf. Aus der Nähe sieht alles noch schlimmer aus als von weitem und schnell ist mir klar: Hier ist Endstation! Selbst wenn ich den Luftdruck auf Minimum reduziere und mit Allrad fahre kommen wir hier niemals hoch und wir würden zudem in einen wirklich gefährliche Situation geraten. Denn der Weg ist völlig von einer Art Düne verschüttet, die sich schräg über die Piste gelegt hat. Zudem ist Sand extrem weich, wir würden sehr schnell steckenbleiben und zwar in ziemlicher Schräglage mit der Gefahr, dass wir beim Versuch, den Truck wieder freiuzukriegen, wahrscheinlich immer weiter schräg abrutschen würden. Da es bezüglich einer Weiterfahrt angesichts der Sachlage keinen Diskussionsbedarf mehr gibt, steigen wir eigentlich nur proforma bis auf die Spitze des Hügels und sehen, wie die Fahrspur in ein weiteres Tal mündet und dort harmlos weiterläuft. Doch am Fuß des Hügels mündet gleichzeitig von links eine dünne Spur in den Hauptweg, die sehr stark der ähnelt, die vorhin so unscheinbar in die extrem schmale Schlucht abbog. Sollte das etwa eine Umfahrung sein? Es keimt wieder Hoffnung auf, das die Fahrt doch noch weiter gehen könnte. Und tatsächlich:
Die enge Klamm verbindet auf einer Länge von vielleicht 1 Kilometer die beiden Täler und die Spur führt einfach sehr holprig durch das Geröllbett der Schlucht . Auf die Idee, das man da her fahren könnte, muss man auch erst einmal kommen!
Aber immerhin! Wieder ist eine kritische Stelle passiert und der Kelch geht an uns vorüber, dass wir im Falle des Umdrehens ja noch einmal den wirklich schlimmen Enpaß ganz am Anfang der Strecke noch einmal passieren müssen.

Wie bisher beschrieben, so geht es auch im Folgenden weiter. Eine ganze Anzahl von Kilometern kommen wir ohne Schwierigkeiten voran, dann gibt es wieder ein Problem. Einmal ist es eine erneute Engstelle ähnlich der ersten, dann ist es über mehrere Kilometer auf einmal eine so schmale Fahrspur, dass wirklich kein Zentimeter mehr Luft auf beiden Seiten des Fahrzeuges bleibt und wir beide erneut reichlich angespannt die Passage mit weniger als Schritt-Tempo zu meistern versuchen. Dann endlich passieren wir nach etwa 60 Kilometern und 6 Stunden Fahrt die 4000-Meter Höhengrenze. Wir nähern uns immer mehr der Hochfläche. Und als wir schon glauben, es endlich geschafft zu haben, gibt es erneut plötzlich ein ernsthaftes Problem. Wir sind inzwischen in über 4300 Metern Höhe angelangt, die Paßhöhe ist zum Greifen nah, noch ein kleiner Anstieg, noch ein kleiner Berghang, doch.....der ist erneut stark versandet und hier gibt es jetzt keine Umfahrung mehr wie zuvor. Wieder so eine Stelle, wie ich sie "liebe": schmale Piste, Steigung, schräg versandet. Mir ist sofort klar: Wir müssen den Luftdruck in den Reifen reduzieren, was das Fahren im Sand für den Kenner ja bekanntlich enorm erleichtert. Doch dabei gibt es nur ein kleines Problem: Die "Außenarbeit" am Fahrzeug wird enorm erschwert durch die in dieser Höhe herrschende Kälte nahe an Null Grad und einen einen wirklich affenartigen Sturm, der von unten den sandigen Hang herauffegt und einen fast von den Füßen haut. Der Wind-Chill-Effekt läßt einem nicht nur fast das Blut in den Adern gefrieren, nein, was viel schlimmer ist, die Luft ist voller Sand, die einem wie kleine Geschosse um die Ohren und in die Augen fliegen. Der Aufenthalt ausserhalb des Fahrzeugs ist so unangenehm, dass ich den Prozeß des Luftablassens aus den Reifen so schnell wie möglich bei 3 Atü beende, in der blödsinnigen Hoffnung, dass das für die vielleicht 100 Meter Sandstrecke schon reichen wird. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich schnell herausstellt. Trotz Allrad ist die Fahrt bereits nach wenigen 10er-Metern beendet und ausgerechnet an der Stelle, wo der Weg am schrägsten mit Sand verschüttet ist. Wir hängen ordentlich fest - und das in Schräglage am Hang und das bei diesen Witterungsbedingungen. Wenigsten ist es erst 16 Uhr und uns bleiben noch reichlich 2 einhalb Stunden, um das Fahrzeug bis zum Einbruch der Dunkelheit aus dieser mißlichen Lage zu befreien.

Doch jetzt steht das volle Programnm an: Luftdruck auf mindestens 1 Atü senken, Sand unter und vor den Rädern wegschaufeln und unsere 4 Sandbleche zum Einsatz bringen - und zwar möglichst so, dass wir nicht zu sehr an den Pistenrand abschmieren, schließlich ist die Piste nicht gerade sehr breit. Während Silvia sich eingemummelt wie ein Eskimo kurz vor dem Erfrierungstod an das Freischaufeln der Räder macht, kümmere ich mich zusätzlich um das Ablassen der Luft und das richtige Plazieren der Sandbleche und versuche dabei meine Augen vor den umherschwirrenden Sandgeschossen mit einer Sport-Schwimmbrille zu schützen. Wir schuften bestimmt eine Stunde, ehe wir einen Befreiuungsversuch wagen, der uns zum Glück auch beim ersten Mal gelingt. Es ist immer wieder erstaunlich, welchen enormen Effekt die Reduzierung des Luftdrucks in den Reifen auf 1 Atü oder darunter hat. Das Fahrzeug meistert auf einmal den tiefgründigen Sand so mühelos, als ob da überhaupt kein Sand wäre. Diesen ganzen Ärger hätten wir uns bestimmt ersparen können, wenn ich bereits zu Beginn den widrigen Witterungsbedingungen mehr widerstanden hätte. Aber was solls, auf einen Adrenalinkick mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an.

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endlich befreit aus einer misslichen Lage

Das sandige Hindernis jedenfalls entpuppt sich kurz darauf tatsächlich als die letzte Hürde vor dem Gipfel. Nur wenige Kilometer weiter erreichen wir in einer Höhe von 4500 Meter die Paßhöhe und vor uns erstrecken sich die weiten Ebenen des Andenhochlanden, Wir sind umgeben von 5000er-Bergen zuhauf, die aufgrund unserer Basishöhe jedoch zumeist nur wie kleine Hügel wirken. Nichts desto trotz ist der Anblick dieser Kältewüste mit seinen schneegesprenkelten Pastellfarben und seiner menschenleeren Endlosigkeit immer wieder ein faszinierender Anblick. Nach einer längeren Fahrt über das oberste Niveau der Andenhochfläche geht die Landschaft allmählich in eine riesige schiefe Ebene über, die auf einer Länge von annähernd 70 Kilometer kontinuierlich bis auf eine Niveau von 3400 Metern abfällt. Weit schweift der Blick hinunter bis zu den Bergketten, die in über 100 Kilometer Entfernung den östlichen Rand der Andenhochfläche andeuten. Mit dem reduzierten Luftdruck von der Buddelaktion zuvor macht das Fahren über diese gigantische sandige Fläche richtig Spaß. Allmählich tauchen rechts sonderbare Felsformationen auf, die sich immer mehr verdichten und sich schließlich zu einem bizarren Felsenlabyrinth formen: Wir erreichen das sogenannte "Campo de Piedra Pomez". Es macht Spaß, abseits aller Fahrspuren durch diese Felsformationen zu kurven und auf Entdeckungstour zu gehen. Gegen Abend erreichen wir auf der schiefen Ebene allmählich ein akzeptables Übernachtungsniveau von etwa 3500 Metern und verbringen die Nacht in den Randausläufern des Felsenmeeres. In der Nacht fällt das Thermometer auf 10 Grad Minus und am nächsten Morgen braucht es etwas Geduld, ehe wir gegen 10 Uhr Morgens bei 5 Grad Plus einen Versuch starten können, den Motor zu starten. Doch dabei ereilt mich ein unangenehmer morgendlicher Schock, denn über Nacht haben wir uns 2 ernsthafte Autoprobleme eingehandelt. Zunächst macht das Kupplungspedal beim Durchdrücken vor dem Starten "Plopp" und fällt durch - wir haben offenbar einen defekten Kupplungszylinder, keine Hydraulikflüssigkeit mehr im System und damit keine funktionierende Kupplung mehr. Als der Motor dann endlich nach mehreren Versuchen läuft und wieder Druckluft im Bremsystem aufbaut dann der zweiter Schocker: Wir haben einen Riß im Bremsleitungssystem und kriegen nicht mehr genug Druckluft für eine funktionierende Bremse. Zudem blockiert jetzt die Handbremse die Hinterräder, da sie bei Unterschreiten eines bestimmten Bremsdrucks automatisch schliesst. Jetzt haben wir einen dieser Worst-Case-Fälle, mit denen man bei solchen Offroad-Touren ja immer rechnen muß, die man sich aber tunlichst nie wünscht. Wir stehen mitten im Niemandsland ohnre jeden Verkehr und die Einmündung in die Hauptverbindungspiste nach Antofagasta ist noch an die 50 Kilometer entfernt. Doch letztlich haben wir dann doch noch Glück: Die Kupplung repariert sich vorübergehend selbst; nachdem ich das System wieder mit Flüssigkeit gefüllt habe, läßt sich das Kuppplungssystem trotz Lecks im Kupplungszylinder vorübergehend wieder entlüften, so dass wir wieder die Gänge schalten können. Und nachdem ich die festsitzende Handbremse mechanisch mit dem Schraubenschlüssel in der Hand ausser Kraft gesetzt habe, können wir zumindest wieder fahren, wenn auch ohne Druckluftunterstützung und damit ohne wirkliche Bremskraft, aber zum Glück haben wir auf den letzten 50 Kilometern keine nennenswerten Gefällstrecken mehr zu passieren und mit Verkehr ist ohnehin nicht zu rrechnen. Dennoch wird mir ganz komisch bei der Vorstellung, dass dieses Problem bereits am Vortag in den steilen und schmalen An- und Abstiegen aufgetreten wäre - ohne ordnungsgemäß funktionierende Bremse hätten wir nie und nimmer weiterfahren können und wo hätten wir da Hilfe herholen sollen??? Insofern war uns der Schicksalsgott mal wieder gnädig gestimmt!!

Nach knapp 300 Kilometern seit Fiambala und guten 3 Tagen Fahrt erreichen wir schließlich den kleinen etwa 1000 Einwohner großen Ort Antofagasta, wo wir tatsächlich einen kompetenten Mechaniker auftreiben können, der unser Leck im Bremssystem abdichten und auch den defekten Kupplungszylinder gegen einen neuen, von uns als Ersatzteil mitgeführten austauschen kann.
Während der Wartezeit in der Werkstatt sprechen uns mehrmals verschiedene Einheimische an und interssieren sich nach dem Woher und wohin. Als sie hören, dass wir die Strecke von Fiambala gefahren sind, fragen sie alle zweimal nach, weil sie glauben, sich verhört zu haben.

"Daher seid ihr mit dem Camion gekommen? Das ist aber eine wilde und sehr enge Strecke!"
Und der Werkstattchef meint schmunzelnd: "Ja, die Strecke kenn ich, die bin ich schon mal mit einer Camionetta, einem Kleintransporter, lang gefahren. Das ist eine heiße Kiste und da gibt es ja eine Engstelle mit einem Felsvorsprung im Steilhang, die ist ja so was von schlimm.....!"

'Stimmt, wo er recht hat, hat er recht', denk ich, da können wir jetzt tatsächlich ein Wort mitreden, die Stelle kennen wir nun auch und mir wird nach den Aussagen der Leute klar, dass es schon eine recht durchgeknallte Idee war, diesen "Huella!" ausgerechnet mit einem Camion in Angriff genommen zu haben.

Jedenfalls zieht sich die Reparatur am Fahrzeug über mehrere Stunden bis in die Abendstunden hin, so dass wir die Nacht am der Straßenrand in Antofagasta verbringen; der Ort selbst hat nur wenig mehr als 1000 Einwohner und er ist über hunderte von Kilometern die einzige größere Ansiedlung in dieser exponierten Region. Er ist Verwaltungs- und Versorgungszentrum für die weit verstreut liegenden Minen und für die wenigen Menschen, die hier zumeist mit etwas Lamaviehzucht eine bescheidene Existenz fristen. Es gibt eine Tankstelle, eine Schule, eine Reparaturwerkstatt, einen Polizeiposten, ein Krankenhaus und einige Geschäfte; fast alle hier lebenden Menschen, so erfahren wir, sind in irgendeiner Form Angestellte der Gemeinde, so wie der junge englisch sprechende Arzt, den es nach Abschluß seiner Ausbildung in diese Einöde verschlagen hat. Das es hier oben in der wüstenhaften und wasserlosen Höhe überhaupt menschliche Besiedlungen und einige Pistenverbindungen gibt, ist einzig und allein der Existenz einer Anzahl von Rohstoff-Minen zu verdanken (u.a. die drittgrößte Boraxmine der Welt). Wir wollen auf der Weiterfahrt die Existenz einer solchen Pistenverbindung nutzen und das Hochland in einem großräumigen Bogen weiter erkunden. Da die vorhandenen Straßenkarten nur unzuverlässige und auch widersprüchliche Informationen bieten, sind wir dankbar, dass uns unser Werkstatt-Mechaniker nach getaner Arbeit mit einer Vielzahl guter und nützlicher Tips versorgt und uns sogar eine Art Verlaufkarte zeichnet mit den wichtigsten nicht ausgeschilderten Verzweigungen, den Minenstandorten und den 2 kleinen Ansiedlungen, die wir auf der etwa 300 Kilometer langen Strecke passieren werden.

"La ruta es muy linda"- "die Strecke ist wunderschön", bestärkt er uns in unserer Absicht und er hat wirklich recht, wie wir in den nächsten Tagen feststellen dürfen. Denn statt in Nord-Südrichtung relativ langweilig, weil monoton, auf der wichtigsten Hauptroute dem Verlauf der riesigen Hochebene zwischen den Bergketten zu folgen, passieren wir in nordwestlicher Richtung zwei dieser Bergketten, die das Hochland in Längsrichtung durchziehen und in mehrere unterschiedliche Teilbecken aufgliedern. Wir fahren durch weite Ebenen, steigen in der Sierra de Calaste von 3500 Meter auf über 4600 Meter Höhe hinauf, geniessen von der Paßhöhe einen traumhaften Blick auf den über 1000 Meter tiefer gelegenen Salzsee "Salar de Antofalla", müssen anschliessend von den Bergen bis dort hinunter, um den Salar an einer schmalen Stelle zu queren, nur um uns sofort wieder auf 4600 Meter Höhe hinaufzuquälen und eine weitere Bergkette zu passieren, bis wir schliesslich mit dem Salar de Arizao einen weiteren Salzsse erreichen, den wir auf einer endlosen 60 Kilometer langen knochharten und ruppigen Fahrspur überqueren müssen und hinter Tolar Grande den Endpunkt dieser tollen Strecke zu erreichen, die wirklich alles zu bieten hat, was das Herz begehrt: einsame menschenleere Landschaften, wunderschöne Salzseen, wüstenhafte Gegenden mit echtem Sahara-.Feeling (bis auf die Temperaturen) und bizarren Bergformationen, dazu schneebedeckte Berge im Hintergrund - und das ganze auf einer fahrtechnisch problemlosen Route ohne jeden Autoverkehr.

Der Rest des Abenteuers ist schnell erzählt. Leider scheitern unsere Pläne, einen der kleinen Andenpässe Paso de Socompa oder Paso de Sica zur Weiterfahrt nach Chile zu nutzen, denn sie sind wegen Schnee gesperrt. So müssen wir weit nach Norden ausholen und zum wiederholten Mal den normalerweise ganzjährig geöffneten Paso de Jama ansteuern, um unser Endziel auf chilenischer Seite für diesen Reiseabschnitt, Pedro de Atacama zu erreichen. Doch auch hier, so weit im Norden, zeugen auf Höhen von bis zu 4800 Meter noch immer die gewaltigen Schneeberge rechts und links der Strasse, die bei vorangegangenen Schneeräum-Aktionen angefallen sind, von dem ungewöhnlich schneereichen Winter, der sogar zur zeitweisen Schliessung dieses Passes geführt hat.

Dann ist unser Reise-Etappenziel erreicht: der kleine, ziemlich touristische Ort Pedro de Atacama in der chilenischen Atacama-Wüste. Wie oft waren wir jetzt schon da, dreimal- oder viermal? Allmählich kommen wir mit jedem neuen Reisejahr etwas durcheinander und müssen immer wieder scharf nachdenken. Zum ersten Mal auf dieser Reise geniessen wir tagsüber sommerlich warme Temperaturen und werden zugleich auf ungewöhnliche Weise begrüßt, als gleich an 2 Tagen hintereinander mehrmals eine Art festlicher Umzug zum Winterkehraus zu die staubigen Strassen des Ortes führte. Das kann uns nach der langen Kälte-Durststrecke ja nur recht sein,oder ??

Die Reisekarten zum Text:

Um diese Region geht es:
Bild

Karten im Detail:
http://www.tibesti-online.de/2011-12/karten/Karte1.jpg


http://www.tibesti-online.de/2011-12/karten/Karte2.jpg


http://www.tibesti-online.de/2011-12/karten/arg-puna1.jpg


Bild und Film-Material zum Text:

1. Fotos zu den ersten Reisetagen mkit der Anfahrt nvon Buenos Aires nach Fiambala:
http://www.tibesti-online.de/2011-12/01/001.html

2. ein kurzer Film-Mitschnitt (auf Youtube hochgeladen), um einen kleinen Eindruck von der ersten Passage zu vermitteln
(Hinweis-gilt auch für alle weiteren Film-Hinweise:
a) Alle Filme sind im HD-Format aufgenommen worden, zur Qualitätsverbesserung kann man am unteren rechten Rand des Youtube-Filmfensters die Einstellung von 360p auf HD ändern
b) Hier geht es nicht um künstlerische Ansprüche oder was auch immer, sondern nur um den Versuch, das Geschriebene wenigstens mit etwas Bildhaftem atmosphärisch zu untermauern)

Von Fiambala durch das Flußtal nach Norden:
http://www.youtube.com/watch?v=N39L13ueN6E&feature=related

3. Filmmitschnitt auf Youtube: Anstieg in die Berge:
http://www.youtube.com/watch?v=KvqLO5tX4tY&feature=related

4. Filmmitschnitt auf Youtube: Auf der Andenhochfläche:
http://www.youtube.com/watch?v=beZoOPj8LtY

5. Filmmitschnitt auf Youtube: Von Antofagasta Richtung Nordwest nach Tolar Grande:
http://www.youtube.com/watch?v=LEAKl9lTkwI

6. Längerer Filmmitschnitt auf Youtube mit Musikuntermalung über die Fahrt auf der Hochfläche des Altiplano: (Vermutlich ist dieser Film wegen der eingefügten Musik in Deutschland gesperrt!!)
http://www.youtube.com/watch?v=kGGaXvui9PQ

7. Filmmitschnitt Auf Youtube: Festumzug in San Pedro de Atacama
http://www.youtube.com/watch?v=6X_sPQjLa3I&feature=related

8. Schließlich gibt es noch ein eine nette Fotoshow mit Eindrücken von diesem außergewöhnlichen Reisetrip über die Hochfläche des argentinischen Altiplano:
http://www.tibesti-online.de/2011-12/02/MyPhotos01.html
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Beitragvon k9 » 20.09.2011 08:43

Immer wieder faszinierend und beeindruckend schön.

Danke.

Gruß k-9
Nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiß.
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Beitragvon tibesti » 10.11.2011 17:32

Reisetagebuch 2011/12 - 2



Das Fiasko - Chronolgie eines ungeplanten Abenteuers in Bolivien
Ein Krimi in 4 Akten.


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Vorab:
Die Fotos zu folgender Erzaehlung sind entsprechend der zeitlichen Reihenfolge der Ereignisse angeordnet und finden sich hier:

Fotos-zur-Geschichte



Der Reisebericht kann auch als Word-Dokument zwecks besserer Lesbarkeit heruntergeladen werden (120 KB)

Reisebericht-als-Word-Datei


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Es gibt Momente im Leben, da steuern die Ereignisse recht dramatisch auf einen unerwarteten Kulminationspunkt zu, an dem man in wenigen Tagen mehr über sich, seine Umwelt und vieles Andere lernt und erfährt als in Jahren davor und danach. Wir steuern ahnungslos auf einen solchen Punkt zu, als wir nach einer netten Rundtour durch das südliche Peru am Titicacasee die peruanisch-bolivianische Grenze passieren. Unser Ziel ist zum wiederholten Mal der riesige Salzsee im Südwesten des bolvianischen Andenhochlandes, der Salar de Ujuni, der für uns nach wie vor eines der großen Naturwunder auf diesem Planeten ist. Wir steuern unser Ziel relativ zügig an und steuern auf zunächst guter Asfaltstraße direkt Richtung Süden - vorbei an der quirligen Hauptstadt La Paz und der ärmlich wirkenden Bergarbeitermetropole Oruro, bis schließlich kurz hinter dem kleinen Städtchen Challapata der Asfalt endet.

1. Tag

Rumpel, Rumpel, Rumpel.....So geht das jetzt seit dem frühen Morgen schon seit Stunden. Mit maximal 25-30 km/h quälen wir uns über eine nervtötende Wellblechpiste, ohne das ein Ende in Sicht ist. Eigentlich sind es ja nur noch gut 200 Kilometer vom Ende der ausgebauten Asfaltstrasse bis zu dem kleinen Ort Salinas de Garcia-Mendez, wo wir auf den nördlichen Rand des Salar de Ujuni stoßen werden. Doch die ziehen sich wie Kaugummi, denn die Piste entpuppt sich als eine jener relativ neuen breit geschobenen Trassen, die vor Jahren mal für eine geplante Asfaltierung präpariert wurde, bis dann offenbar das Geld für den Abschluß der Arbeiten ausging und man die Fahrbahn sich selbst überließ und sie zu einer üblen, knochenharten Angelegenheit mit wirklich abgrundtief ausgeprägten Wellblech verkommen ließ. Das Befahren ist ziemlich grausam und zehrt bei der stundenlangen Rumpelei an den Nerven. Die bolivianischen Autofahrer haben, sofern sie nicht mit schweren Lastkraftwagen unterwegs sind, von solchen Segnungen der Moderne schon längst die Nase voll und deshalb, wo es nur geht, rechts und links der Haupttrasse Ausweichspuren ins halbwüstenhafte Gelände gefahren. Die sind zumeist zwar auch nicht sonderlich komfortabel zu befahren, aber alles ist besser als diese stundenlange Wellblechschüttelei. So nutzen auch wir jede sich uns bietende Gelegenheit, um vor dieser Mutter aller Straßen zu flüchten und uns statt dessen mäandrierend kreuz und quer durchs Gelände zu schlagen. Gute sechs Stunden gehen auf diese Weise ins Land und wir nähern uns am Nachmittag allmählich unserem Ausgangsziel. Vor einer Kurve um einen Berghang ist mal wieder so eine Stelle, wo wir nach links ins Gelände ausweichen können, als sich nach wenigen Metern und hinter der Biegung das Gelände auf einmal zu einer endlos weiten, riesigen Ebene weitet.
„Ups“,das sind ja schon die Ausläufer des Salars, an dessen Rand sich die Ausweichspuren entlangziehen; wollen wir da wirklich langfahren?“
Die Frage ist durchaus berechtigt und ernst gemeint, denn wir sind ja schon lange keine ahnungslosen Dilettanten mehr und wissen durchaus von den Risiken des Befahrens solcher abflußlosen Schwemmebenen, vor allem mit schweren Fahrzeugen. Doch beim blitzschnellen Überschlagen des Pro und Contra siegt schnell der Wunsch nach Bequemlichkeit, vor allem, weil alles doch recht harmlos aussieht. Zum einen wirkt der Rand dieser Schwemmebene, durch die sich eine Vielzahl von Spuren zieht, sturztrocken und zum anderen stellt die Ausweichstrecke auch eine erhebliche Abkürzung da, denn während die Hauptpiste wie bei einer Meeresbucht, einen großen Bogen immer am Berghang entlang macht, ziehen die Spuren quer über die Salarebene, ohne sich mehr als vielleicht 500 Meter vom Ufer zu entfernen. Zwar gehen wir beim Befahren der Salarpiste durchaus mit der notwendigen Vorsicht vor, immer darauf bedacht, bei der Vielzahl der verschiedenen Spuren und Verzweigungen immer die breitere und befahrener aussehende zu erwischen, doch bereits hier fange ich an, dem ersten einer ganzen Anzahl folgenschwerer Fehler zu machen. Fehler Nummer 1: Ich fahre nicht vorsorglich mit Allradantrieb und finde das vom Gefühl her auch überhaupt nicht notwendig. Mehrere Kilometer kommen wir zügig voran, als eine erneute Verzweigung der Fahrspur mich kurz zögern läßt: Rechts oder links lang? Die rechte Spur scheint etwas befahrener zu sein, weist aber offenbar ein paar tiefer ausgefahrene Staubstellen auf. Spontan zieh ich auf die linke Spur und begehe Fehler Nr. 2 und 3: Ich nehm die falsche Spur und bin jetzt außerdem wegen des kurzen Stops viel zu langsam. Nur wenige Meter weiter wird das Fahrzeug auf einmal spürbar langsamer und schon stecken wir hinten mit den hinteren Rädern fest.
„Was ist denn jetzt auf einmal los?“
Wir steigen aus und begutachten die Sache von außen. Auf einer Länge von vielleicht 10 Metern hat unser 9-Tonner eine immer tiefer werdende Furche in den ansonsten hart und fest wirkenden Untergrund gefräst- offenbar, so glauben wir zunächst, eine Stelle mit dem superfeinen trockenen Mehlstaub, zu dem dieser Boden zerfällt, wenn zu viele Reifen über ihn hinwegrollen. Während die Vorderreifen scheinbar schon wieder auf festem Grund stehen, haben die Hinterräder sich recht ordentlich in diesem Material festgefahren. Mit genügend Schwung oder eingeschaltetem Allradantrieb wär das vermutlich überhaupt kein Thema gewesen. Und auch jetzt sieht alles eigentlich doch noch recht harmlos aus. Ich schalte die Freilaufnaben an den Vorderrädern auf 4*4, schalte den Allradantrieb ein, setze ein paar Zentimeter zurück, gebe Gas und begehe damit prompt Fehler Nr. 4: Das Fahrzeug bewegt sich keinen Zentimeter nach vorne, statt dessen graben sich die Hinterräder jetzt erst recht in den Boden ein!! Allmählich dämmert uns, dass diese Sache weit weniger harmlos ist als sie aussieht!! Vor allem auf der Fahrerseite hängen wir schon ziemlich übel bis auf die Hinterachse fest. Da gibt es nur noch eine Lösung: Wir müssen versuchen, das Fahrzeug hinten mit dem Wagenheber soweit hochzuheben, das wir die Sandbleche, die wir für solche Fälle dabei haben, gut unter die Reifen kriegen. Da wir jedoch bereits recht tief eingesunken sind, bleibt nur eine einzige Möglichkeit zum Einsatz des Wagenhebers: Man muss ihn direkt am oberen Rand der hinteren Radfelge ansetzen und das Fahrzeug quasi direkt am Reifen anheben. Zur Stabilisierung und Verteilung des Gewichts auf dem Untergrund leg ich eine Lage Sandbleche unter den Wagenheber. Dann der Schock: Der Boden ist an dieser Stelle keineswegs so fest, wie es den Anschein hat, vielmehr ist er so instabil, dass der Wagenheber die fünf Tonnen auf der Hinterachse keinen Millimeter in die Höhe kriegt; statt dessen biegen sich die untergelegten Alu-Sandbleche einfach durch und versinken mit dem Wagenheber im Boden. Oh weh, das sieht überhaupt nicht gut aus! Im Umkreis von mehreren hundert Metern gibt es nichts, was man verwenden könnte, um eine stabile Unterlage unter die Räder zu bauen und zum Anheben des Fahrzeugs bräuchten wir jetzt lange und dicke Holzbohlen, um das Gewicht des Fahrzeugs, dass auf dem Wagenheber lastet, auf dem Boden zu verteilen - doch hier gibt es nichts, kein Holz und so gut wie keine Steine! Ich beginne zu ahnen, dass wir hier ohne fremde Hilfe so schnell kaum wieder rauskommen werden. Und die potentiellen Kandidaten - größere Lastwagen - die uns hier rausziehen könnten, fahren alle in mehreren hundert Metern Entfernung auf der Haupttrasse am Rand des Salars und oft ist stundenlang überhaupt kein Verkehrsaufkommen..
Wir fangen an, mit zwei Schaufeln den Untergrund vor den Rädern aufzubuddeln, um auf diese Weise vielleicht doch noch zwei Sandbleche unter die Räder zu kriegen und versuchen ausserdem, die Hinterachse wieder etwas freizulegen, was mühsam ist, da man nur liegend an die untere Fahrzeugmitte herankommt. Dabei stellen wir mit Entsetzen fest, dass die oberste knochenharte Betonschicht des Bodens an dieser Stelle nicht dicker ist als vielleicht 10 Zentimeter ist und direkt darunter unmittelbar in feuchten Lehm übergeht, der sich, je tiefer man kommt schnell in eine wasserdurchtränkte graue Masse verwandelt, die so aussieht, als ob man frischen Beton anrührt! Und dieser Untergrund scheint bodenlos zu sein! Das hat so alles wenig Zweck! Während ich mit wenig Überzeugung versuche, die Sandbleche irgendwie unter die Räder zu plazieren, fahren auf einmal kurz hintereinander mehrere Leute auf Motorrädern und sogar einige kleine Geländewagen nur wenige Meter neben uns auf einer Parallelspur vorbei. Wir erleben die nächste böse Überraschung: Die Leute drücken sich zwar die Nasen beim interessierten Gucken an den Fenstern platt, denken aber in keinster Weise daran, mal anzuhalten und zu fragen, ob wir vielleicht Hilfe brauchen - schlimmer noch: sie stoppen noch nicht einmal auf unser Handzeichen hin!
„Das glaub ich jetzt nicht! In was für einer Gegend sind wir denn hier gelandet?“
Kurze Zeit später sehen wir am Bergrand im Hintergrund gleich zwei Lastwagen kurz hintereinander, die schön brav am Rand des Salars auf der Haupttrasse dahinrumpeln. Während ich noch weiter mit den Sandblechen beschäftigt bin, legt Silvia einen Spurt auf dem Salar hin, um einen dieser Lkws abzufangen. Sie erreicht auch rechtzeitig die Hauptpiste, bevor der erste LKW die Stelle passiert und winkt aufgeregt und........die fahren ohne mit der Wimper zu zucken und trotz ihres energischen Winkens knallhart an ihr vorbei, sowohl der erste wie auch der Zweite und später, schon in der Dämmerung, dann noch ein Dritter! Wir sind fassungslos! Was sind das hier bloss für Ar....löcher? Ein solches Verhalten haben wir bisher noch nie auf unseren vielen Reisen erlebt, und da schimpft man immer wieder über die egoistische europäische Ellenbogengesellschaft. Doch was ist denn dann das hier? Während Silvia erschöpft vom Spurt in der großen Höhe von immerhin 3700 Metern frustiert zum Auto zurückläuft, unternehme ich einen verzweifelten Gewaltversuch, den Wagen mit voller Power auf die nur mässig plazierten Sandbleche zu bugsieren und begehe damit den nächsten Fehler: Der Lkw macht keinen Mucks vorwärts, statt dessen saugen die lehmverschmierten Reifen die Sandbleche einfach in den Boden ein und wir sitzen endgültig bis auf die Achse im Schlamassel!
Ratlosigkeit! Und nun? Immerhin ist der Adrenalinspiegel inzwischen so hoch, dass keine Zeit zum langen Grübeln und Nachdenken bleibt. Die Sonne beginnt bereits unterzugehen, wir stecken mitten in der Pampa im Dreck fest und haben nicht die richtigen Mittel dabei, um uns selbst aus dieser Lage zu befreien. Das sieht nach einer Zwangsübernachtung auf dem Salar aus. Da gibt es nur eins: Einer muss zum nächsten Ort Salinas, um dort irgendwie Hilfe zu organisieren. Laufen geht jetzt kaum, es wird bereits dämmerig und wir wissen noch nicht einmal genau, wie weit es bis zu dieser Siedlung überhaupt ist. Zum Glück sind um diese Zeit auf der Salarstrecke doch immer mal wieder ein paar Motociclistas, Mopedfahrer, unterwegs. Wir stoppen einen, der immerhin sogar anhält und sich bereit erklärt, mich mitzunehmen. Sechs Kilometer sollen es noch bis Salinas sein.
Im Ort angekommen, hab ich zunächst scheinbar Glück im Unglück. Denn direkt am Ortseingang des etwa 1000-Seelenkaffs befindet sich linkerhand in einer heruntergekommenen Bretterbude so etwas wie eine Landmaschinenschlosserei und davor steht ein Traktor mitsamt Fahrer. Nach einem kurzen Palaver erklärt der Fahrer sich erstaunlicherweise bereit, sofort mit seinem Traktor zusammen mit mir auf den Salar rauszufahren, obwohl es bereits dunkel wird. Das verwundert mich schon ziemlich, vermutlich locken ihn die 125 US-Dollar, die er für seine Soforthilfe verlangt und die möchte er sich nicht durch die Lappen gehen lassen -es ist für bilivianische Verhältnisse eine Menge Geld. Obwohl mir der Mensch irgendwie nicht sonderlich sympathisch ist, willige ich in seine Forderung ein, es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig. Im Schleichtempo rumpeln wir quälend langsam in die beginnende Nacht Richtung Salar, nicht ohne unterwegs noch ein paar grosse Steine hinten auf den Traktor zu laden. Als wir unser Fahrzeug erreichen, ist es bereits dunkel geworden und Silvia ist bestimmt erleichtert, dass ich doch recht schnell wieder zurück bin. Schnell wird unserem Helfer bei Ansicht unseres Fahrzeugs klar, dass ein oder zwei zusätzliche Helfer jetzt nicht schlecht wären und wir akzeptieren, dass er für weitere 25-US-Dollar Aufpreis einen zusätzlichen Mann telefonisch mit dem Handy anfordert. Ich bin ziemlich überrascht, dass hier draussen in der Pampa tatsächlich ein funktionierendes Mobilfunk-Netz existiert. Umso besser. Der zweite Helfer trifft nach einer weiteren halben Stunde mit dem Moped bei uns an und jetzt beginnt eine furchtbare Nacht. Zwei Leute schaufeln, tun und machen ohne Unterbrechung, allerdings nach unserem Gefühl ohne rechten Sinn und Verstand, während Silvia und ich lediglich mit 2 Taschenlampen ausgerüstet das gespenstische nächtliche Treiben nur notdürftig beleuchten. Eine bessere Ausleuchtung der Szenerie mit den Scheinwerfern von Traktor und Moped bei laufenden Motoren wird nach kurzer Zeit eingestellt, denn Treibstoff ist in dieser Region Boliviens kostbar und knapp. Zunächst wird versucht, die aufsitzende Hinterachse mit der Kardanwelle möglichst freizulegen, dann beginnen Ausschachtungsarbeiten an den Hinterrädern. Irgendwie muss es gelingen, das Fahrzeug hinten mit den Wagenhebern anzuheben, um grosse Steine unter die Räder zu plazieren. Doch der Erfolg dieser Aktion bleibt wie schon am Anfang bei mir mit den Sandblechen praktisch gleich Null. Ein wirklich grosser und schwerer Stein wird unmittelbar vor dem Reifen als Unterlage für den Wagenheber plaziert. Der Wagenheber wird am oberen Felgenrand des Reifens angesetzt und dann hochgebockt. Und das Ergebnis: Nicht der Reifen wird angehoben, sondern der unterlegte Stein verschwindet einfach im Boden, wird vom Gewicht der 5 Tonnen der Hinterachse einfach in den feuchten Boden gedrückt. Auf diese Weise gehen Stunden ins Land. Immer neue Steine werden auf den gerade eingedrückten Stein gelegt und sie alle verschwinden beim Versuch des Hochbockens im Morast. Der Untergrund scheint bodenlos zu sein. Allmählich gehen uns die mitgebrachten Steine aus. Wir lösen die beiden montierten Reservereifen, die hinten am Fahrzeug hängen. Zum einen entlastet das etwas das Gewicht des Fahrzeugs, zum anderen versuchen wir, eine stabilere Unterlage für den Wagenheber zu schaffen, indem wir einen Reservereifen samt Felge auf die versunkenen Steine in den Morast schmeissen. Wieder wird der Wagenheber angesetzt und wieder drückt das Gewicht nicht das Fahrzeug nach oben, sondern den Riesenreifen in den Boden. Es ist zum Verzweifeln. Also noch ein Stein, diesmal auf den Reifen drauf und....tatsächlich hebt sich diesmal die Achse etwas, zwar nicht viel, aber immerhin soweit, dass mit weiterer Schaufelei ein grosser Stein mehr schlecht als recht unter dem Reifen plaziert werden kann. Der nun sofort folgende Versuch, den Lkw mit dem Traktor als Zugmaschine und Eigenpower herauszuziehen, verweist sich im Nachhinein als reiflich unüberlegt und blödsinnig, denn wir kommen vielleicht 30 cm vorwärts, dann krachen wir vor dem untergelegten Stein wieder volle Kanne in den bodenlosen Morast. Also beginnt das ganze Spiel von vorne. Stunde um Stunde gehen ins Land, wir frieren uns bei Temperaturen um den Gefrierpunkt allmählich den Arsch ab und zwei weitere Befreiungsversuche scheitern kläglich. Schließlich erklären unsere Helfer, dass wir wohl nur mit einer grösseren Zugmaschine als einem Traktor hier wieder rauskämen, doch so etwas gebe es in dieser gottverlassenen Gegend des Altiplano im weiten Umkreis nicht, es müsste eine Zugmaschine aus dem 250 Kilometer entfernten Oruro angefordert werden und die würde wohl frühestens in 2-3 Tagen hier eintreffen. Nach einem letzten erfolglosen Versuch stellen die Bolivianer dann gegen halb 3 Uhr am Morgen ihre Arbeit ein, bestehen auf sofortiger Auszahlung des vereinbarten Honorars und machen Anstalten, sich auf den Heimweg zu machen.
„Ich schau dann mal morgen Nachmittag (Manana tarde) mal wieder vorbei“, verkündet der bolivianische Traktorfahrer.
Ich glaube, mich verhört zu haben. Diese Ankündigung klingt sehr vage, eher nach „Wenn ich morgen irgendwann Lust habe“. Zwar haben die 2 sich wirklich stundenlang bemüht, aber im Laufe der Nacht kam ich doch zunehmend zu der Überzeugung, dass die Herangehensweise ziemlich kopflos erfolgte und unsere Situation eher verschlimmert als verbessert hat. Nein, so hat das alles keinen Zweck! Wir beschliessen, das wir den Vorfall am nächsten Tag der Polizei in Salinas melden wollen, vielleicht können wir mit deren logistischer Unterstützung etwas mehr bewegen. Wir teilen deshalb den bolivianischen Helfern mit, dass wir am nächsten Tag zusätzlich die Polizei einschalten wollen. Das gefällt ihnen ziemlich offensichtlich nicht, doch schließlich verspricht der Mensch mit dem Traktor überraschend, mich am nächsten Morgen um acht in der Früh abzuholen und zur Polizei zu fahren. Wir lassen uns dieses Versprechen, um alle Mißverständnisse auszuschliessen, dreimal expliziet bestätigen, dann verschwinden die Leute in der Nacht. Nach wenigen Minuten kommt der eine Helfer mit dem Moped plötzlich noch mal zurück und stellt die Forderung, dass er morgen nur wieder kommen werde, wenn wir ihm zusätzlich 150 Bolivianos (17 Euro) Benzingeld geben. 17 Euro Benzingeld für ein Moped und eine Strecke von 6 Kilometern bei einem Preis von 0,5 Eurocent für den Liter -so was nenn ich klar klar Ausnutzen einer Notsituation. Notgedrungen willigen wir dennoch ein.
Völlig verfroren, denn inzwischen haben wir Temperaturen knapp unter Null Grad, kriechen wir mit einem emotionalen Gefühl in unser Auto, dass man man besten mit den Worten umschreibt: Ausnahmezustand! An Schlaf ist nicht zu denken: Mir gehen tausend Gedanken durch den Kopf: Warum haben wir uns nicht einfach weiter schön brav auf der Hauptpiste durchschütteln lassen, statt diese zweifelhafte Salarpiste zu nehmen, warum bin ich nicht vorsorglich mit Allradantrieb gefahren, warum habe ich nicht dies, warum habe ich nicht das und überhaupt...........Dies ganze Gedankenraserei im Kopf trägt in keinster Weise zur Entspannung bei, sondern verstärkt letztlich nur den Kloß, den ich schon seit Stunden im Magen verspüre.

Der 2. Tag

Als ich am nächsten Morgen gegen 6 Uhr mit den ersten Sonnenstrahlen aus dem Fahrzeug steige, gleicht die Szenerie rund um unser Reisefahrzeug einem Schlachtfeld und man sieht erst jetzt im Hellen, was sich da unter der vermeintlich sehr trockenen und knüppelharten Salaroberfläche in Wirklichkeitr verbirgt: Ein bodenloser, von Feuchtigkeit durchtränkter Morast aus Lehm und Wasser. Während dieser Lehmboden im wasserdurchtränkten Zustand eine hellgraue Farbe annimmt und die Konsistenz von frisch angerührtem flüssigen Beton annimmt, wechselt er an der Oberfläche unter dem Einfluss der Sonnenstrahlen und der sehr trockenen Luft allmählich seine Konsistenz und wird erst zu einer dunklen, zähplastischen schweren Lehmmasse und - nach einigen Tagen - schließlich zu einem knochenharten Beton. Letztlich bestimmt die Dicke und Festigkeit dieser obersten ausgetrockneten Bodenschicht, ob ein Salar an dieser Stelle befahren werden kann oder nicht. Je näher die unterirdischen Wasserschichten an die Oberfläche gelangen, desto dünner ist die tragfähige Salaroberfläche. Auf dem eigentlichen Salar de Ujuni wird diese oberste Bodenschicht von einer stellenweise bis zu 30 Meter dicken harten Salzkruste gebildet, die sich im Laufe der Jahrtausende als Wechselspiel von periodischer Überflutung während der kurzen Regenzeit und der nachfolgenden Verdunstung des Wasser durch hohe Sonneneinstrahlung gebildet hat. In den Randbereichen des Salars bzw. in Ufernähe dünnt diese Salzkruste immer mehr aus bzw. verschwindet vollständig und der eigentliche Salaruntergrund tritt an die Oberfläche: Schwemmsande und andere verwitterte feine Schwemm-Materialien, die von den höher gelegen Lagen rings herum im Laufe langer geologischer Zeiträume in den Salar geschwemmt wurden.
Es ist erst 7 Uhr, als ich das ganze Drama nicht mehr tatenlos anschauen kann und es nicht mehr aushalte. Felsenfest davon überzeugt, dass der Bolivianer nicht wie versprochen am frühen Morgen bei uns auftaucht, beschliesse ich, mich zu Fuß auf den Weg nach Salinas zu machen. Ausgerüstet mit einer 2-Liter-Wasserflasche mache ich mich auf den 6 Kilometer langen Weg, um über die Poilzei hoffentlich etwas professionellere Hilfe organisieren zu können.
„Vielleicht hab ich ja Glück und es kommt wieder ein Moped vorbei, dass mich mit nimmt. Und falls der Bolivianer sein Versprechen doch einhält, müsste er mir mir ja unterwegs entgegenkommen“. Ich habe tatsächlich Glück und muss nur etwa knapp 30 Minuten über den Salar marschieren, als von hinten ein Motorradfahrer naht und mich mitnimmt.
Das Polizeigebäude von Salinas ist ein winziges Häuschen direkt am Ortseingang. Die Tür ist offen, drinnen ist niemand zu sehen.
“Hola! Esta aqui alguem?”. Hinter einer halb offenen Tür macht sich ein Lebenszeichen bemerkbar und ich erhasche eine Blick auf eine Bettliege und einen Menschen in Unterhose, der hektisch seine Kleider zusammensucht. 10 Minuten später sitze ich am Schreibtisch vor 2 Dorfpolizisten, die - so mein Gefühl - vor einem unerwartet auftauchenden ausländischen Touristen viel heiße Luft produzieren und enorm wichtig tun. Ich erzähle mein Geschichtlein und sogleich wird hektisch ein Protokoll aufgesetzt.
„Quanto mortos - Wieviele Tote?“ lautet irgendwann eine der Fragen. Na, wir wollen die Kirche doch mal im Dorf lassen, wir sind zwar psychisch gestern Nacht schon mehrere Tode gestorben, aber ansonsten geht es uns (noch) gut. Ich zweifle schon wieder an meinen Spanisch-Künsten. „Wir sind Touristen aus Alemania, sind mit einem eigenen Camion auf Reise durch Bolivien, haben unvorsichtigerweise die Salarpiste genommen und sind 6 Kilometer vor Salinas in den Salar so stark eingebrochen, dass wir allein nicht mehr da rauskommen. Gestern Nacht haben zwei Bolivianer aus Salinas mit einem Traktor vergeblich versucht, uns wieder aus dem Salar zu bergen. Jetzt brauchen wir vernünftige Hilfe, vielleicht eine starke Zugmaschine, auch ein paar Steine und Helfer wären nicht schlecht. Wir fahren einen Camion mit geschlossenem Koffer hinten drauf, Typ Mercedes-Benz, 9-Tonnen schwer. „
Ah ja, das ist ja alles hochinteressant. So einen Fall hatten wir hier noch nicht, das muss erst mal ordentlich protokolliert und dann unterschrieben werden. Dann endlich haben wir das Formale erledigt und können hoffentlich zur Tat schreiten. Es beginnt eine zweistündige Rumrennerei von hier nach da, von da nach hier. Die beiden Polizisten sprechen überall auf der Strasse Männer an, man kennt sich und palavert. Ich verstehe nichts von dem, was da gesprochen wird, bis mein Polizistenführer sich bei jedem dieser Gespräche irgendwann stets an mich wendet:
„Was ist da jetzt genau passiert? Wann ist das passiert? Wo ist das passiert? Wieviele Personen sitzen im Fahrzeug? Ist jemand verletzt worden? Welche Fracht transportieren Sie? Was ist das für eine Automarke? Wie schwer ist der Camion? "
Beim sechsten oder siebten dieser sich stereotyp wiederholenden Frage- und Antwortspiele sinkt meine hoffnungsfrohe Laune auf rasche Hilfe so rapide, wie die Sonne die kalte Andenluft am Vormittag erwärmt. Was ist das jetzt? Ist dieses umständliche Rumpalavern Bestandteil eines typischen bolivianischen Gesprächsrituals, dessen Regeln ich nicht durchschaue oder hat mein Begleiter Alzheimer im Anfangsstadium, dass er mich immer wieder aufs Neue mit denselben Fragen quält? Zumindest eines wird mir klar: Wir sind ganz offenbar auf der Suche nach einem Menschen, der entweder einen Traktor oder sonst eine schwere Zugmaschine hat und der bereit ist, gegen Bezahlung auf dem Salar tätig zu werden. Doch alle, die wir fragen, winken sehr schnell ab, wobei die Gründe mir stets verborgen bleiben. Was mir sofort auffällt, ist immerhin, dass die Freundlichkeit der befragten Menschen sich doch - vorsichtig ausgedrückt - sehr stark in Grenzen hält. So vergeht viel kostbare Zeit, während der Silvia untätig und ahnungslos bei unserem Fahrzeug ausharren muss. Doch dann! Endlich! Der Dorfpolizist winkt mich zu dem Fahrer eines LKW mit leerer Pritsche und signalisiert mir, dort einzusteigen. 300 US-Dollar will der Fahrer für seine Hilfe. Natürlich akzeptiere ich sofort, denn wir müssen ja schließlich irgendwie aus diesem verdammten Salar rauskommen. Allerdings wundere ich mich schon etwas, denn der neue vermeintliche Helfer hat eine Frau, offenbar seine Ehefrau, mit im Auto sitzen. Es ist eine dieser typisch aussehenden Hochlandindigena-Frauen: Mit dem kurzen Faltenröckchen, der obligatorischen Melone auf dem Kopf und den fehlenden Zähnen im Mund könnte sie sowohl 35 wie 60 Jahre alt sein. Während der ganzen Fahrt hält sie ihrem vermutlichen Ehegemahl folgsam ein geöffnetes Säckchen so hin, dass er mit einer Hand problemlos hinein greifen kann. Ununterbrochen bedient er sich daraus und schiebt sich die zerkleinerten Coca-Blätter in die Backe, bis diese aussieht, als ob er einen Tennisball verschluckt hätte. „Als Frau würde ich ja eine Krise kriegen, wenn mein Alter ständig mit diesem grotesk aussehenden Mund vor meiner Nase rumlaufen würde“, denk ich im Stillen.
Aber dicke Backe hin, dicke Backe her, mein Fahrer tut in den nächsten Minuten einige nützliche Dinge: Unterwegs halten wir an einem Grundstück, von dem wir lange dicke Holzbohlen holen und auf die Ladepritsche schieben. Kurz vor Erreichen des Salars deutet der Fahrer dann auf einen Traktor, der in 100 Metern Entfernung auf einem Feld steht. „Das ist meiner“, signalisiert er mir freudestrahlend, entschwindet zu Fuß flugs im Gelände und läßt mich mit Seniora allein in der Führerkabine zurück, die daraufhin vor Erleichterung in Sekunden mit lautem Schnarchen in Tiefschlaf verfällt. Plötzlich klingelt ein Handy. Im Bruchteil einer Sekunde ist die Werteste wieder mitten im vollen Leben, palavert mit jemandem auf der Gegenseite im Aymara-Indiodialekt, um nach Beendigung des Gesprächs ebenso wieder blitzschnell wegzudösen. Das ist wahre Lebenskunst!
In der Zweischenzeit hat meine Fahrer den Traktor samt Zusatzfahrer startklar gemacht, wir laden zu dritt erneut Steine direkt vom Pistenrand auf die Ladefläche des LKw, dann steuern wir mit beiden Fahrzeugen über eine letzte Anhöhe, bevor wir den Salarrand erreichen und die sichere Piste verlassen. Schon von hier aus kann man in mehreren Kilometern Entfernung als winzigen Punkt unseren eingebrochenen LKW auf der endlos weiten leeren Salarebene erkennen. Ein unangenehmer und bizarrer Anblick!
Silvia blickt uns auf dem Salar erwartungsvoll entgegen: Ein LKW, 1 Traktor und die zwei Polizisten auf ihrem 100 ccm-Motorrad kommen ihr entgegen. Mehr als 4 Stunden sind seit meinem Aufbruch am Morgen vergangen. Es geht auf Mittag.
„Na, geht es dir einigermassen?“, frage ich.
„Muss ja!“, erwidert sie. „Der Typ von gestern nacht ist übrigens, wie wir schon befürchtet haben, nicht wie versprochen heute morgen hier aufgetaucht. Dafür ist vorhin ist ein Auto vorbeigefahren und der Fahrer hat sich die Bescherung angeschaut und hat versucht, mich zu trösten. Geben Sie die Hoffnung nicht auf, das wird schon wieder. Mein Bruder hat vor kurzen mit seinem Auto ebenfalls im Salar gesteckt und 7 Tage gebraucht, um allein da wieder raus zu kommen. Aber er hat es geschafft!“
Hoffnung hin, Hoffnung her! Jedenfalls wird unsere Hoffnung auf rasche Hilfe sehr rasch begraben. Der bolivianischer LKW-Fahrer hat seinen Truck vorsichtshalber in einiger Entfernung von unserer Einbruchstelle angehalten. Ihm ist das Terrain nicht ganz geheuer und er möchte unsere Lage zunächst zu Fuß in Augenschein nehmen. Seine Besichtigung führt zu folgenden wichtigen Erkenntnissen:
1. Endlich mal einer, der wirklich kompetent ist und weiß, was zu tun ist, denn er hat solche Situationen wohl selbst schon häufiger erlebt.
2. Er kann uns nicht helfen, denn er dachte, das der Befreiuungsversuch des Fahrzeugs aus dem Salar relativ zügig und rasch erfolgen könne. Doch dem ist nicht so und er hat nicht sehr viel Zeit, denn er ist geschäftlich auf dem Weg nach Oruro.

„Was ihr braucht, ist keine Zugmaschine, kein Lkw und auch kein Traktor zum Rausziehen. Was ihr braucht, sind drei Dinge: Erstens braucht ihr viele, viele Steine, um einen stabilen Untergrund zu schaffen, zweitens braucht ihr viele Arbeitskräfte, die sich des Problems annehmen und drittens braucht ihr viel Zeit. Ohne diese drei Dinge werdet ihr hier nicht rauskommen.“
Er demonstriert das Problem, indem er eine lange Stange nimmt und an der Stelle, wo wir mit den Hinterräder bereits einen Meter eingebrochen sind, im Morast herumstochert. Selbst in dem gebuddelten Loch von gut einem Meter Tiefe verschwindet die Stange überall nochmals tief im Boden, als ob man sie durch weiche Butter stößt. Erst nach einem weiteren Meter stößt sie endlich auf scheinbaren Widerstand, also erst in knapp 2 Metern Tiefe befindet sich so etwas wie fester Untergrund. Aber so richtig sicher ist das auch nicht! Eine Katastrophe!
„Ihr müsst folgendes machen: Rund um die eingebrochenen Hinterreifen müsst ihr im Halbkreis vor den Reifen den Morast um einen weiteren Meter wegschaufeln, bis ihr auf festen Grund kommt. Und dann: Steine aufschichten, so viele Steine, bis ihr ein festes Fundament geschaffen habt , um den Wagenheber stabil an den Felgen ansetzen zu können. Dann muss der Wagen Zentimeter für Zentimeter angehoben werden und der Morast unter den Reifen selbst durch ein solides Fundament aus Steinen ersetzt werden. Selbstverständilch muss auch die Hinterachse mit dem Differential komplett freigelegt werden und dann müsst ihr nach vorne eine stabile Rampe aus Steinen bauen, auf der ihr das Fahrzeug langsam wieder aus diesemr instabilen Salarbereich rausbugsieren könnt. Aber bloss nicht mit Gewalt und mit Vollgas. Nein, langsam, sehr langsam. Ein Fundament an das andere bauen und so Meter für Meter langsam vorwärts arbeiten. Habt ihr das verstanden? Ihr seht, das schafft ihr nicht alleine. Ihr braucht ein Fahrzeug, das euch vom Salarrand viele Steine heranschaftt und ihr braucht jede Menge Leute, die dann die Rampe bauen. Am besten wendet Ihr Euch an das Militär in Salinas und bittet um ein paar Soldaten zu Unterstützung.“
Ich werde hellhörig. Was, in diesem trostlosen Kaff Salinas gibt es Soldaten?
„Ja, hier gibt es eine Aussenstelle der Garnison von Oruro. Wendet Euch an den Kommandanten!“
Dann verabschiedet sich unser Helfer, sehr zu meinem Leidwesen, beordert seinen Traktorfahrer samt Traktor zurück nach Salinas und entschwindet mit seinem Lkw auf dem Salar unseren Blicken. Als ich Anstalten mache, mit auf den Traktor zu steigen, um nach Salinas zurückzukehren, wollen die beiden Polizisten, die das ganze Gespräch ja mitverfolgt haben, mich davon abhalten.
„Bleiben Sie hier beim Fahrzeug! Es ist nicht notwendig, dass Sie mit uns extra nach Salinas zurückfahren! Wir kümmern uns um alles Weitere“.
Doch ich habe keine Lust, die Kontrolle über den weiteren organisatorischen Ablauf des Geschehens aus der Hand zu geben und hier in der menschenleeren Pampa tatenlos darauf zu warten, dass irgendwann ein paar Hilfskräfte eintrudeln - oder auch nicht. Nein, mit den Militärs will ich lieber selbst verhandeln! Also hoppel ich in wahrhaft unbequemer Sitzposition mehr oder minder im Schrittempo auf dem Notsitz des Traktors wieder zurück Richtung Salinas.
Eine Stunde später stehe ich vor dem Tor der kleinen Garnison und erkläre dem verdutzt dreinschauenden jungen Wachsoldaten in schlechtem Spanisch mein Anliegen und das ich dem Kommandanten zu sprechen wünsche. Na hoffentlich verstehen die mich auch richtig!, denke ich, während ich vor dem Tor warten muss. Doch als etwa 5 Minuten später El Comandante persönlich in Erscheinung tritt, geht alles ganz schnell. Er ist ein gebidet wirkender, sympathischer Mitvierziger, dem es nicht schwer fällt, aus meinem Kauderwelch-Spanisch die wichtigen Informationen zu filtern.
„Ich stelle Ihnen 8 Mann zur Verfügung! Ist das in Ordnung? Warten Sie 10 Minuten, dann kann es losgehen“.
Mir fällt ein Zentner Steine vom Herzen. Halleluja, diese Hürde ist geschafft!
„Hat sich die eigentlich die Polizei inzwischen bei Ihnen gemeldet? Die sind über den Vorfall informiert und wollten mit Ihnen reden.“
El Comandante verneint. Dachte ichs mir doch. Wenn ich nicht darauf bestanden hätte, selbst aktiv zu werden, würden wir uns jetzt auf dem Salar Löchen in den Bauch warten. Gleichzeitig wäre es jetzt aber wichtig, dass diese beiden Polizisten selbst noch mit dem Kommandanten reden würden, bevor wir losfahren. Sie waren heute morgen schließlich mit auf dem Salar, sind über die Lage informiert und auch darüber, was am besten zu tun ist. Das können Sie dem Kommandanten auf Spanisch tausendmal besser erklären, als ich in meinem schlechten Kauderwelch-Spanisch.
„Tut mir leid! Ich kann die Polizei von hier aus nicht anrufen und ich weiss auch gar nicht, wo die überhaupt ihre Dienststelle haben“, erklärt mir El Comandante, als ich ihn bitte, zwecks Informationsaustausch mit der Polizei telefonisch Kontakt aufzunehmen.
Ich bin echt verdutzt. Wie bitte? In diesem kleinen Kaff weiß die eine Ordnungsmacht nichts von der Anderen? Das ist jedenfalls höchst sonderbar. Also verabrede ich mit dem Kommandanten, dass ich vorab zu Fuß noch mal zur Polizei laufe und einen der beiden Polizisten bitten werde, mit mir zur Garnison zu fahren, um mit dem Kommandanten persönlich zu reden, bevor wir auf den Salar aufbrechen. In spätestens einer halben Stunde wollen wir uns wieder vor der Garnison treffen.
Erneuter Fußmarsch durch das ganze Dorf, denn Polizei und Militär sind an den entgegengesetzten Enden des Dorfes untergebracht. Auf dem Weg kommt mir plötzlich ein Mann auf einem Moped entgegen, das neben mir hält. Ich kann es nicht glauben: Es ist unser Helfer von letzter Nacht, der uns heute morgen versetzt hat, angezogen in sauberer Freizeitkleidung.
Er will wissen, was ich hier im Dorf mache.
„Na, was wohl? Hilfe organisieren, damit wir unser Camion wieder flottkriegen. Ich hab das Militär eingeschaltet, das uns mit einigen Soldaten unterstützen wird.“
Der Mann ist über diese Entwicklung der Dinge überhaupt nicht erbaut, das sieht man ihm deutlich an, vor allem, als ich vorsichtig andeute, dass ich seine Bemühungen in der letzten Nacht im Nachhinein inzwischen ziemlich kritisch sehen würde. Er widerspricht energisch, doch ich lasse mich nicht beirren, verabschiede mich höflich von ihm und lass ihn stehen. Zehn Minuten später treffe ich bei der Polizei ein. Die beiden Polizisten sitzen seelenruhig vor ihrem Gebäude und plaudern mit ein paar einheimischen Männern. Aaah! So sieht also das Organisieren von Hilfe auf bolivianlisch aus. Wir würden vermutlich den ganzen Tag auf dem Salar schmoren, ohne dass irgend etwas passieren würde. Doch Aufregen hilft jetzt natürlich überhaupt nichts. Wir sind nun einmal in Südamerika und da haben die Leute bekanntermassen ganz andere Vorstellungen vom Zeitbegriff als wir Europäer. Ich kann wenigstens einen der beiden Polizisten überreden, mit mir auf seinem Motorrad zum Militär zu fahren. Noch bevor wir losfahren können, taucht auf seinem Moped wieder unser letzter Helfer auf und versucht erneut lautstark zu verhindern, was er nicht mehr verhindern kann. Ich lass ihn einfach stehen.
Zurück am Tor der Garnison. Die Chefs der beiden Ordnungskräfte, Militär und Polizei tauschen sich höflich über unsere Notlage aus, dann endlich kann es losgehen. Es ist gegen 13 Uhr, 6 Stunden bin ich jetzt schon ununterbrochen beim Hin- und Herwuseln. In zwei privaten PKW steuern wir auf den Salar zu: 8 Soldaten und ein Offizier.
Lagebesichtigung und - besprechnung! Die Soldaten sind sichtlich beindruckt von den tausend Maulwürfen, die letzte Nacht das Gelände rings um unser Auto in einen offenen Tagebau verwandelt haben. Offizier (Teniente) Perez fackelt nicht lange und beordert spontan über das Handy acht weitere Soldaten zur Unterstützung zur Unglückstelle. Eine halbe Stunde später haben wir sage und schreibe 16 Soldaten vor Ort angeheuert, das muss doch jetzt klappen oder?
Denn wenn 16 Soldaten loslegen, schaffen sie man schon eine Menge in kurzer Zeit. Ein paar Soldaten werden zum Steine holen abkommandiert und fahren in einem der Autos (Typ Minivan) an den felsigen Salarrand. Die anderen wechseln sich ab, während die eine Hälfte arbeitet, erholt sich die andere von der anstrengenden Arbeit. Ich spreche Teniente Perez auf die Möglichkeit an, einen Traktor oder eine andere Art von Zugmaschine zur Unterstützung zu organisieren, doch seine Antwort überrascht mich negativ:
„Tut mir leid, aber da kann ich Ihnen auch nicht wirklich weiterhelfen. Das Militär in Salinas besitzt überhaupt keine schweren Fahrzeuge, auch nicht die Hauptgarnison im 200 Kilometer entfernten Oruro. Wir sind hier stationiert, um den ausufernden Schmuggel von PKW vom chilenischen Zollfreihafen Iquique über die Salare nach Bolivien zu unterbinden. Unser ganzer Fuhrpark besteht aus geschmuggelten PKW, die wir in auf den Salaren aufgebracht und konfisziert haben. Auch die Gemeindeverwaltung in Salinas besitzt nach meinem Kenntnisstand keine Traktoren und zur lokalen Bevölkerung hat das Militär so gut wie keinen Kontakt.“
Trotzdem bietet mir der Offizier an, zusammen in den Ort zu fahren und sich im Ort mal nach Möglichkeiten umzuhören. Nachdem er seinen Soldaten noch genaue Arbeitsanweisungen gegeben hat, brechen wir mit einem der mitgebrachten PKW auf. Wir steuern die zentrale Plaza an, wo uns als Erstes ausgerechnet unser erster Helfer begegnet, der sich dort mit mehreren Männern unterhält. Es ist mir zwar etwas unangenehm, ausgerechnet diesen Menschen, den ich noch am Morgen habe abblitzen lassen, anzusprechen. Doch letztlich kann ein Versuch ja nicht schaden. Er läßt mich mit meiner Bitte, ob er uns vielleicht am Abend gegen Bezahlung noch einmal seinen Traktor zur Verfügung stellen könnte, eiskalt abblitzen.
„Wie kommen Sie darauf, dass ich einen Traktor besitze? Ich hab noch nie einen besessen."
So lautet übersetzt ungefähr der Sinn seiner Aussage. Spöttisch, fast verächtlich grinst er mich an. Es geht ihm ganz offenbar stark gegen den Strich, dass ihm heute eine weitere Runde an Dollarsegen durch die Lappen gegangen ist und ich auch noch mit dem Militär kollaboriere. Das nimmt er mir ziemlich übel.
Doch auch ich bin jetzt nicht mehr bester Laune und fühle mich durch sein Verhalten provoziert.
„Was war eigentlich mit Ihrem gestrigen Versprechen, mich heute Morgen abzuholen, damit ich die Polizei in Salinas informieren kann?“, frag ich ihn.
„Wieso sollte ich denn vorbeikommen, Sie sind ja selbst in den Ort gekommen. Da war das für mich ja nicht mehr nötig“, lautet seine unverschämte Antwort.
Mir platzt der Kragen. „Aber 150 Dollar für diese mißlungene Arbeit kassieren, das ist in Ordnung oder?“
Er schaut mich böse an, die umstehenden Männer grinsen hämisch und mein Begleiter Teniente Perez, der merkt, das die Situation ungemütlich zu werden droht, signalisiert mir, dass wir jetzt besser gehen.
Wir laufen die engen und staubigen Dorfstrassen ab auf der Suche nach weiteren Leuten mit Traktoren. Und wir werden auch fündig, doch bei einem Traktor geht auf einmal der Anlasser nicht, der andere hat defekte Batterien und der dritte angeblich keinen Diesel mehr. Wir unternehmen einen letzten Versuch auf dem Bürgermeisteramt. Tatsächlich treffen wir dort auf einen gepflegt gekleideten Mitarbeiter, der einen Traktor besitzt. Wir machen höflichen Small-Talk, in dessen Verlauf dieser Mann uns verspricht, gegen Abend, also in ca. 2 Stunden mit seinem Traktor auf den Salar herauszukommen. Wir vereinbaren einen Preis von 150 Bolivianos, das sind ca. 16 Euro, für einmal Ziehen.
Auf dem Weg mit dem Auto zurück auf den Salar versuche ich Teniente Perez in ein Gespräch zu verwicken und schildere ihm unseren zwiespältigen Eindruck, den wir bisher von einigen Leuten hier gewonnen haben, angefangen von dem Umstand, dass die meisten der vorbeifahrenden Autofahrer trotz Handzeichen unsererseits es nicht für nötig befunden hat, wenigstens einmal kurz anzuhalten bis hin zur mangelhaften Hilfsbereitsschaft oder auch abweisenden Haltung anderer.
„Wir haben den Eindruck, dass der Begriff Gastfreundschaft hier wohl nicht besonders geläufig ist, oder täuscht dieser Eindruck?“.
„Keineswegs, das sehen sie vollkommen richtig“, bestätigt mich Senior Perez. „Die Leute hier in dieser abgelegenen Grenzregion Boliviens sind recht sonderbar. Sie sind sehr individualistisch, abweisend gegen Außenstehende und sie lehnen staatliche Institutionen wie etwa das Militär strikt ab. Wir selbst haben kaum Kontakt zu den Leuten im Ort. Vermutlich ist so mancher der Einwohner in den Schmuggel von Waren über die chilenisch-bolivianische Grenze verstrickt. Da sind staatliche Ordnungsorgane nur störend für den reibungslosen Fluss ihrer Geschäfte. Dabei geht es den Leuten wirtschaftlich gar nicht mal schlecht, auch wenn der Ort und die Häuser recht ärmlich aussehen. Die meisten Bewohner sind Bauern und in ein staatliches Förderprogramm zum Anbau von Quinoa eingebunden. Das ist ein hochwertiges Edelgetreide, welches auf dem Weltmarkt gute Preise erzielt. Jetzt stehen wir vor der nur kurzen Regenzeit, die im Dezember/Januar beginnt und etwa 2 Monate dauert. Es regnet zwar nicht viel in dieser wüstenhaften Hochebene, aber der Regen reicht für eine befriedigende Ernte, für die sie dank der Exportmöglichkeiten gute Preise erzielen. Die meisten Leute sind jetzt auf den weit in der Landschaft verstreut liegenden Feldern und bereiten die Aussaat mit Pflügen des Bodens vor. Das macht das Organisieren eines Traktors noch schwieriger.“
Zurück auf dem Salar. Die Soldaten haben inzwischen eine ganze Menge geschafft. Die Hinterräder stehen auf einem Podest aus Steinen und nach vorne hat man bis zu den Vorderrädern eine Art schiefe Rampe gebaut und mit Steinen ausgelegt. Trotzdem bin ich skeptisch, was die Haltbarkeit der Konstruktion auf dem instabilen Untergrund angeht, das Fundament aus Steinen sieht nicht unbedingt vertrauenerweckend stabil aus. Sowohl Silvia als auch ich teilen Teniente Perez abwechselnd unsere Bedenken mit, doch er ignoriert unsere Einwände und ist optimistisch, dass das alles so funktioniert, wie er sich das ausgedacht hat. Wir insistieren nicht weiter, wollen wir es uns doch nicht noch mit diesem hilfsbereiten Offizier verscherzen, er ist hier schließlich der Oberbefehlshaber im Ring und das respektieren wir. Fehlt nur noch der Traktor, der uns zusätzliche Schubkraft verleihen soll, dann könnten wir einen Befreiuungsversuch starten. Plötzlich klingelt das Handy von Senior Perez - es ist kurz vor 18 Uhr, als sich unser Traktorfahrer aus dem Bürgermeisteramt meldet: Er könne leider nun doch nicht kommen, denn sein Traktor springe nicht mehr an, vermutlich der Anlasser...... Senior Perez zuckt mit den Schultern und wirft mir einen Blick zu, der wohl heissen soll: „Ich habe es ja gesagt, auf die Leute hier kann man nicht zählen“. Statt des versprochenen Traktors taucht auf einmal der Militärkommandant in einem kleinen Allrad-Geländewagen auf, um sich persönlich nach dem Stand der Arbeiten zu erkundigen.
Nach einer kurzen Besprechung steht fest: Wir versuchen es! Statt des fehlenden Traktors spannt der Kommandant seinen Wagen ins Geschirr vor unseren Truck - das dient bei einer 9-Tonnenlast, die im Schlamm steckt, wohl eher der moralischen Unterstützung als einer wirklich sinnvollen Hilfe. Außerdem muss unbedingt noch ein Erinnerungsfoto geschossen werden, denn so einen Auftrag wird die Garnison so schnell wohl nicht mehr erhalten: Also Aufstellen zum Rapport respektive Gruppenfoto. Dann erteilt Teniente Perez schließlich den Befehl: Alle Mann nach hinten zum Schieben! Auf mein Handzeichen gehts los!“
Und wie es losgeht....Das Startzeichen erfolgt, ich gebe Gas, der Kommandant gibt Gas, alle Mann schieben und wir kommen genau einen halben Meter weit, dann rollen die Hinterreifen von dem errichteten Fundament auf die ersten Steine der schiefen Rampe und die....krachen unter dem Gewicht der 9-Tonnen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Mit einem ordentlichen Scheppern stecken wir wieder bis auf die Achse im bodenlosen Morast, zwar eine Radlänge weiter vorne, aber dafür noch etwas mehr in Schieflage als vorher!
Betretenes und frustriertes Schweigen ringsherum! Alles war umsonst, ausser der Erkenntnis: So wird das Nichts! Während der Kommandant mit den Worten: „Positiv denken“ beruhigend auf mich einzureden versucht, gibt Teniente Perez das Signal zum Abmarsch.
„Morgen müssen wir es halt von Neuem versuchen. Wir sind gegen sieben am Morgen wieder zur Stelle. Brauchen Sie morgen etwas aus dem Ort, vielleicht Essen oder was zu trinken, was ich mitbringen soll? Nein? Also dann bis Morgen und Buenas Noches!“
Buenas Noches - Gute Nacht....hat er uns tatsächlich gewünscht. Wohl aus Höflichkeit. Denn in unserer Situation ist auch die zweite Nacht auf dem Salar alles andere als gut zu nennen, zumal die jetzt noch deutlicher ausgeprägte Schieflage des Fahrzeugs den Aufenthalt im Wohnkoffer nicht unbedingt komfortabel gestaltet. Die Frage von Teniente Perez, ob wir etwas aus dem Ort brauchen, hat mich schlagartig daran erinnert, dass ich seit unserem Einbruch am gestrigen Tag bis jetzt nichts mehr gegessen habe und Tage später werde ich feststellen, dass ich bis dann sage und schreibe 4 Kilo abgenommen habe - streßbedingt! Und ich habe auch jetzt keinen Hunger. Den ganzen Tag war ich ohne Unterbrechung unterwegs und abgelenkt, doch jetzt, in der Stille und Einsamkeit der Salarnacht, drängt sich im Kopf das ganze Ausmaß des Fiaskos erst so richtig ins Bewußtsein. Ich bin mit den Nerven fix und fertig. Die Gedanken rasen im Kopf und machen einen erholsamen Schlaf unmöglich. Es kommt erstmals der beunruhigende Gedanke auf, das wir das Fahrzeug möglicherweise aufgeben müssen. Der Gedanke klingt absurd, verfestigt sich jedoch angesichts der äusseren Umstände im Kopf. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge? Wir stecken an einer Stelle fest, wo der morastige Untergrund scheinbar bodenlos ist. Wir haben es mit einer sehr unkooperativen und zum Teil abweisenden Bevölkerung zu tun. Wir bekommen, wenn es denn wirklich sein muss, nirgendwo schweres Gerät zur Unterstützung her, wir haben zwar eine Menge Soldaten zur Verfügung, die jedoch nur schlecht ausgerüstet sind, ausser ein paar Schaufeln, zwei langen Brechstangen und unseren zwei eigenen Wagenhebern haben wir keine nennenswerten Werkzeuge zur Verfügung, selbst große Steine sind im Umkreis des Fahrzeugs nirgends zu finden und müssen mühsam aus größerer Entfernung mit dem Auto herbeigeschafft werden; und auch das geht nur schleppend, denn wir besitzen kein ausreichend großes Fahrzeug, um einen großen Schub an Steinen auf einmal zu transportieren; und schließlich haben wir zwar zum Glück sehr hilfsbereite Soldaten zur Verfügung, doch die sind im Notfall ebenfalls auf sich selbst gestellt und können auf keine große logistische Unterstützung zurückgreifen, sondern sind in der lokalen Bevölkerung selbst isoliert. Das ist alles schon echt extrem und es ist schwer, in dieser Situation kühlen Kopf zu bewahren. Plötzlich fällt mir unser Schweizer Freund Jürg ein, der ja schon seit langer Zeit in Bolivien lebt und den wir später ja ohnehin in Rurrenabaque im Tiefland mal wieder besuchen wollen. Der hat doch die vielfältigsten Kontakte in Bolivien und könnte uns im Extremfall, wenn es denn gaz schlimm kommen sollte, vielleicht weiterhelfen. Wir beschliessen, Teniente Perez morgen zu bitten, ob wir den Schweizer vielleicht über sein Handy telefonisch kontaktieren dürfen, seine Telefonnummer haben wir ja.

3. Tag

Bereits um halb acht tigere ich ruhelos auf dem Salar rings um das Fahrzeug herum. Ich bin nervös. Hoffentlich ist das Militär nicht ähnlich unzuverlässig wie viele Bolivianer und versetzt uns ganz einfach. Nach dem 7-Uhr-Versprechen beschliesse ich, den Leuten Zeit bis gegen 9 Uhr Zeit zu geben, ehe ich anfange, mir Sorgen zu machen, ob sie denn überhaupt auftauchen.
Wie üblich auf dem Altiplano in 3700 Metern Höhe erwärmt die aufgehende Sonne die Umgebung sehr schnell und die Temperaturen steigen rasch von 0 auf knappe zehn Grad Plus.
Kurz vor acht kündigt dann eine Staubwolke das Herannahen unserer Helfer an. Morgenappell in Hab-Acht-Stellung vor unserem Fahrzeug, kurze Ansprache des Offiziers an die 16 Soldaten und gegen halb neun legen alle mit der Arbeit los, die erneut bis 18 Uhr am Abend dauern wird, denn da die Standposition unseres Fahrzeugs nach dem mißglückten Versuch vom Vortag jetzt leicht nach vorne verschoben ist, muss die ganze Arbeit an Fundament und Rampe von vorne beginnen und wir brauchen auch wieder jede Menge weiterer Steine.
Ich erzähle Teniente Perez von unserem Schweizer Freund Jürg in Rurrenabaque und ob wir ihn über sein Handy telefonisch kontaktieren dürfen. Er willigt spontan ein und kurz darauf haben wir den Schweizer an der Strippe. Großes Hallo, Jürg freut sich aufrichtig, von uns zu hören, schließlich haben wir ihn seit 2006 schon dreimal besucht. Ich erkläre ihm mit kurzen Worten unsere Notlage und das wir uns Sorgen machen, das Fahrzeug nicht wieder flott zu bekommen.
„Da macht ihr Euch völlig unnötig Sorgen. Die Kiste kriegt ihr wieder raus, denn der Salar ist so nah am Rand nicht bodenlos. Wie weit steht ihr vom Ufer weg? Über 500 Meter? Das ist schlecht, denn Ihr braucht Steine, mehrere Kubikmeter, die könnt ihr nicht zu Fuß schleppen. Habt Ihr ein grosses Fahrzeug zum Herantransport zur Verfügung? Nein? Das ist genauso schlecht, das müsst ihr irgendwie organisieren. Und dann müsst ihr bis zum Salargrund ein Fundament bauen und..und...und. Aber macht Euch bloss keine Sorgen. Die Situation ist zwar unangenehm und alles dauert seine Zeit. Aber Ihr kommt da raus; da bin ich mir sicher. Ich hab selbst schon zweimal im Salar Ujuni und im Salar Coipasa gesteckt und musste dort übernachten....Ach ja, eh ich es vergesse, macht euer Fahrzeug leichter, vielleicht indem ihr den Diesel ablasst oder ein paar Sachen ausräumt".
Jürgs aufmunternde Worte beruhigen mich gleich ungemein. An dieser Stelle muss man vielleicht erklärend hinzufügen, dass er mit seinen inzwischen 63 Jahren ein typisches männliches Alfa-Tier ist. Als Ingenieur ist er seit jungen Jahren im Auftrag der Schweizer Regierung und im Privatauftrag kreuz und quer durch die Welt getigert und hat Brücken, Strassen und Brunnen in Nigeria, Südafrika, Nepal, Kolumbien, Bolivien und sonstwo auf der Welt gebaut. Zudem war er früher Extremsportler (Gleitschirmflieger, Bergsteiger). Wo andere Probleme sehen, sieht er allenfalls eine kleine Unannehmlichkeit. „Das ist doch alles kein Problem, du musst das nur positiv sehen“, könnte ein Standardspruch von ihm lauten und so lautet sein abschliessender Rat an mich denn auch: „Das ist jetzt zwar eine unangenehme Situation für Euch, aber Ihr weret sehen: Mit Zeit und Geduld kommt ihr da wieder raus und dann habt ihr eine neue Erfahrung gemacht, die wirklich nicht jeder vorweisen kann. Das ist doch auch was, oder?“. Typisch Jürg. Voll von Selbstvertrauen und unerschütterlich optimistisch. Er möchte abschliessend noch Teniente Perez sprechen, um ihm selbst noch ein paar Tips für die Bergungsaktion zu geben.
Mit der physischen Unterstützung durch die Soldaten und der moralischen und fachlichen durch unseren Schweizer Freund spüre ich tatsächlich endlich so etwas wie eine leichte Entspannung meiner Nerven.
Im Verlaufe des weiteren Vormittags erkunden Silvia und ich etwas die nähere Umgebung des Fahrzeugs und entdecken Erstaunliches. Wir sind ganz offensichtlich an einer Stelle eingebrochen, wo eine unterirdische Wasserschicht sehr nah unter der harten Kruste der obersten Bodenschicht herfließt. Über Hunderte von Metern findet man etliche kleine Bodenerhebungen, die sich vom felsigen Uferrand fast wie an einer Perlenschnur aufgereiht weit in den Salar hinziehen. Wie kleine Plattformen sehen diese Bodenerhebungen aus, die die Salarebene zwar nur höchsten einen halben Meter, aber doch deutlich überragen. Überall auf diesen zum Teil mit Salzkrusten überzogenen Erhöhungen befinden sich kreisrunde offene Wasserlöcher, die zum Teil sogar wie kleine Vulkankrater geformt sind und aus denen von Zeit zu Zeit kleine Luft- oder Gasblasen aufsteigen, ein deutlicher Hinweis auf die unterirdische Tätigkeit der Vulkane, die uns umgeben. Es ist eine bizarre Naturerscheinung, die zudem drastisch verdeutlicht, wie gefährlich das Fahren auf diesen oftmals so harmlos aussehenden Schwemmebenen sein kann.
Doch zurück zur eigentlichen Arbeit, die heute gut voran kommt, denn die jungen Soldaten haben recht schnell einige Kniffe und Tricks herausgefunden, mit denen man das notwendige Steinfundament recht zügig unter den Reifen aufbauen kann. Auch beim Bau einer neuen Rampe wird diesmal viel mehr Sorgfalt auf die Stabilität gelegt. Folge: Der Erd- und Morasthaufen, der mit Schaufeln mühsam ausgehoben werden muss, wächst rings ums Fahrzeug immer mehr an. Zusätzlich werden Zwei Soldaten mit dem Minvan zurück nach Salinas geschickt und tauchen kurz darauf mit fünf leeren 60-Liter-Kanistern wieder auf. So können wir wenigsten einen Teil unserer Dieseltanks umfüllen und das Fahrzeug somit etwas vom Gewicht befreien.
Irgendwann im Laufe des Tages fällt uns auf, dass die Soldaten alle fast kein Wasser und kaum etwas zu Essen dabei haben; und es wird auch keine gemeinsame Pause eingelegt. Pause ist dann, wenn eine Schicht an Soldaten die andere ablöst. Silvia spricht Teniente Perez auf das Essen und Trinken an, doch der winkt nur ab: Das ist alles kein Problem, das sind die Jungs so gewöhnt. Wir argwöhnen, dass die ganze Hilfsaktion aus Sicht der Militätführung als willkommener Abhärtungstest, so eine Art Manöver unter realen Bedingungen, gesehen wird. Etwas später unterhält sich Silvia noch mit einigen der Soldaten, die gerade pausieren. Diese erzählen ihr, dass sie in ihrer einjährigen Grundwehrpflichtzeit eigentlich permanent Hunger hätten, weil es nie genug zu essen gäbe. Wochen später wird uns unser Schweizer Freund Jürg in Rurrenabaque erzählen, dass die miserable Versorgungslage beim Militär in Bezug auf die Verpflegung eine Folge der überall vorherrschenden Korruption sei. Denn von den Geldern, die vom Staat für die Sicherstellung der Verpflegung der Soldaten bereitgestellt werde, verschwinde stets ein beträchtlicher Teil in dunklen Kanälen. Wir haben bei der ganzen Sache kein gutes Gefühl, doch unsere Vorräte an frischem Essen und Wasser sind auch nicht so üppig, dass wir einen ganzen Trupp von 15 Leuten über Tage davon versorgen könnten. Zudem hängen wir selbst auf unbestimmte Zeit im Salar fest und müssen mit den Vorräten haushalten. Also halten wir gegenüber Teniente Perez unseren Mund und machen gute Miene zum fraghwürdigen Spiel.
Ein paar Stunden später. Es ist füher Nachmittag, als Teniente Perez uns plötzlich vorschlägt, mit uns in Salinas doch noch einmal auf die Suche nach einem Traktor zu gehen, damit der uns beim nächsten Befreiuungsversuch des Fahrzeugs als Zugmaschine unterstützen könne.
„Am besten wären sogar 2 Traktoren und wenn es geht, diese mit Allradantrieb.“
Ganz offensichtlich hat ihm der kläglich gescheiterte Versuch vom Vortag doch sehr zu denken gegeben und diesmal möchte er auf Nummer Sicher gehen. Also fahren Silvia und ich gemeinsam mit dem Offizier nach Salinas. Es wird erneut eine mühsame Suche und Rumfragerei. Doch dann können wir immerhin tatsächlich zwei Leute mit Allrad-Traktoren auftreiben, die für jeweils 150 Bolivianos bereit sind, am späten Nachmittag gegen 17 Uhr auf den Salar hinauszukommen. Der Deal wird mit Handschlag besiegelt. Wir sind happy und erleichtert, heute scheint doch alles hervorragend zu klappen!
Es geht auf 17 Uhr zu. Die Arbeit am Fahrzeug ist praktisch beendet und gemeinsam inspizieren wir Fundament und Rampe. Ich hab ein gutes Gefühl, das sieht doch alles recht gelungen aus, da müssten wir doch jetzt eigentlich rauskommen! Dieser Meinung ist auch unser Chef im Ring, der möchte nämlich, dass ich gleich jetzt sofort einen Versuch wage, ohne auf die Traktoren zu warten. Doch diesmal bremsen Silvia und ich ihn aus und erinnern ihn an das Fiasko vom Vortag. Warum den gleichen Fehler noch einmal machen und vorschnell und ohne Not möglicherweise die ganze Arbeit wieder unnötig zu gefährden. Wir möchten lieber auf das Eintreffen der Traktoren warten. Herr Perez hat ein Einsehen; also warten wir.
Kurz darauf kommt auf einmal ein Bolivianer auf einem Motorad vorbei und hält bei uns an.
„Ihr fahrt ja einen Mercedes aus Deutschland. Ich hab auch einen Traktor aus Deutschland. Bei so was muss man doch zusammenhalten, ich hole meinen Traktor und zieh euch raus.“
Bei diesem großzügigen Angebot verschlägt es mir fast die Sprache, das ist ja eine ganz neue Erfahrung, wenn ich an all das Negative der letzten Tage denke. Doch leider muss ich dankend ablehnen:
„Tut mir leid, vielen Dank für Ihr großzügiges Angebot, doch ich kann das nicht annehmen, denn wir haben bereits eine Vereinbarung mit gleich zwei Traktorfahrern aus Salinas, die müssten eigentlich jeden Augenblick hier eintreffen“.
„Das macht nichts! Dann komme ich gegen halb sieben kurz vor dem Dunkelwerden mit dem Motorrad noch einmal rausgefahren. Solltet ihr dann immer noch drinstecken, dann zieh ich Euch halt morgen früh raus“.
Mit diesen Worten verabschiedet sich der Mensch und läßt mich verwundert zurück.
Wir warten. Die Soldaten haben sich mittlereweile in die zwei mitgebrachten Fahrzeuge zurückgezogen und sind deutlich erkennbar ziemlich erschöpft. Wir opfern spontan unsere zwei letzten 300 Gramm-Tafeln Schokolade aus Chile und spendieren sie den Jungen, jedem Fahrzeug eine. Die Freude ist riesengroß, sowas haben die Jungs offenbar schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Leider begehe ich beim Verteilen einen logistischen Fehler, denn während in dem kleineren PKW 7 Soldaten sitzen, wird der etwas größere Minivan von 9 Leuten besetzt. Das ist in Anbetracht der beiden gleich großen Tafeln eine höchst ungerechte Verteilung und sofort versuchen die Insassen des Vans diesen Verteilungsfehler zu korrigieren, indem sie einen der Ihren vor die Tür setzen und auffordern, in den benachbarten PKW zu steigen. Doch da haben sie die Rechnung ohne die Konkurrenz im Nachbarauto gemacht, die den unerwünschten Konkurrenten unter lautem Protestgeschrei einfach aussperrt und die Autotüren verriegelt. Wo Hunger herrscht, gibt es keine Solidarität!
Halb sechs ist vorbei, dann viertel vor sechs. Teniente Perez zuckt mit den Schultern. "Ich habe es ja geahnt", soll diese Geste wohl bedeuten. Wir beschliessen, noch bis 6 zu warten, dann werden wir es ohne Traktor versuchen. Es ist kaum zu glauben, aber schon wieder sind wir offensichtlich eiskalt versetzt worden - und das gleich doppelt. Was sind das bloß für Leute hier, geht es mir durch den Kopf. Zwei weitere Fahrzeuge kommen vorbei und halten. Es sind gebildete und offenbar wohlhabende Leute, die da aussteigen, das merkt am gleich an ihrer Kleidung und am Auftreten. Sie schauen sich die Baugrube an und drängen ebenfalls zum Alleinversuch.

"Wir schieben und du fährst mit Allrad. Aber nicht volle Power, sondern schön vorsichtig!".

Also gut, ich versuche es und starte den Motor, damit er - unter enormer Qualmentwicklung aufgrund der großen Höhe - warmlaufen kann, während Silvia den Fotoapparat zückt. Ich selbst hab ein gutes Gefühl und Silvia signalisiert: "Ich drück ganz fest die Daumen!".

15 Minuten vergehen, dann hat der Motor Betriebstemperatur, es kann losgehen. Freilaufnaben und Allrad sind zugeschaltet, erster Gang ist drin, auf Kommando geb ich Gas, das Fahrzeug macht einen kleichen Hupfer und der Motor geht aus. Herrje, was ist denn das jetzt? Ich starte erneut den Motor, die Draussenstehenden geben alle ein positives Signal: Es klappt, es klappt, ich geb erneut Gas, erneut hupft der Wagen ein Stück vorwärts und dann leicht zur Seite und geht wieder aus.

Während ich die Welt nicht mehr verstehe und in Hektik alle Instrumente im Fahrzeug kontrolliere, trifft mich auf einmal der Schlag der Erkenntnis. Ich hab ja seit geraumer Zeit Probleme mit der Dichtigkeit der Druckluftanlage der Bremsen; wenn ich das Fahrzeug über Nacht ohne Handbremse parke, ist am nächsten Morgen die komplette Druckluft aus den Vorratsspeichern entwichen, mit angezogener Handbremse dagegen hält die Anlage einen grossen Teil der Luft. Deshalb hab ich es mir angewöhnt, über Nacht auf jeden Fall immer die Handbremse anzuziehen. So auch diesmal, wo das normalerweise überhaupt nicht notwendig wäre. Und bei meiner Nervosität hab ich völlig übersehen, dass die Handbremse noch nicht gelöst war und boshafterweise hat auch die Kontrollanzeige nicht rot aufgeleuchtet und mich gewarnt. Normalerweise wäre jetzt überhaupt nichts passiert, die Handbremse hat ja die Hinterräder blockiert. Doch mit zugeschaltetem Allradantrieb bewegt sich das Fahrzeug eben doch ein Stückchen vorwärts und ist dabei wegen der blockierenden Hinterräder leicht seitlich von der optimalen Rampenspur abgedriftet.
Ich krieg echt die Krise, spring vor Wut aus der Fahrerkabine und schrei mehrmals lauthals durch die Gegend: "Ich bin vielleicht ein Idiot, nein, ich bin nicht ein Idiot, ich bin der letzte Volltrottel".
Die gesamte schiebende Mannschaft steht ratlos und verblüfft da und schaut mich entgeistert an. Sie verstehen zunächst nichts, bis ich ihnen meine ganze Dummheit beichte:

"Ich hab vergessen, die Handbremse - freno de mano - zu lösen, ich Trottel".

Jetzt bricht der Sturm erst richtig los.

"Oh Mann, das darf doch nicht wahr sein, ist der Gringo blöd, weiss nicht wo die Handbremse ist und wir schieben und schieben für nix......"

Dann kriegen sich alle wieder ein, noch ist nicht alles verloren, wir stehen noch halbwegs solide auf dem Steinsockel.

"Versuch bitte rückwärts wieder die paar Zentimeter in die Ausgangsposition zu gelangen", schlägt Teniente Perez vor, "dann versuchen wir es noch einmal".

Ein paar Minuten später wagen wir einen neuen Versuch, allerdings sind die Ausgangsbedingungen aufgrund des seitlichen Rutschers nicht mehr ganz optimal, es besteht die Gefahr, dass ich seitlich von der gelegten Steinrampe abrutsche. Auf Kommando legen sich alle noch einmal mächtig ins Zeug, der Wagen kommt deutlich voran und fast scheine ich es geschafft zu haben. Auf einmal scheppert es ganz mächtig und mit einem lauten Rumps bricht der Wagen mit der rechten hinteren Seite wieder voll weg. Teniente Perez rennt aufgeregt ums Fahrzeug und signalisiert dann:
"Du kannst den Wagen wieder ausmachen. Nichts geht mehr. Alles war umsonst!".


Fortsetzung folgt.....
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Beitragvon tibesti » 10.11.2011 17:43

Fortsetzung..........


Ich begutachte selbst unsere Lage und stelle fest: Das sieht wieder genauso übel aus wie zuvor. Zwar sind wir gute zwei Meter vorangekommen, aber dann ist die Rampe bei Erreichen der oberen Kante wieder komplett in sich zusammengebrochen, ob durch seitliches Abschmieren des Fahrzeugs von der Rampe, ob durch Zusammenbrechen des Steinfundaments auf dem butterweichen Untergrund oder ob durch beides gleichzeitig, lässt sich nur schwer beurteilen, ist letztlich aber auch egal. Wir sind erneut gescheitert und werden eine weitere Nacht auf dem Salar verbringen müssen. Der Kommandant kommt wie schon gestern wieder persönlich angefahren, um sich über den neuesten Stand zu informieren. Ich übernehme sofort die volle Verantwortung für den heutigen Fehlschlag, denn der dämliche Fehler mit der Handbremse hat die wirklich sehr guten Erfolgsaussichten schon sehr stark beeinträchtigt. Senior Comandante nimmts gelassen und verabschiedet sich wieder mit aufmunternden Worten, während Teniente Perez uns mit den beschwörenden Worten verlässt: "Spätestens morgen nachmittag haben wir das Auto draussen". Ich will es gerne glauben, als der Trupp in der anbrechenden Nacht entschwindet. Kurze Zeit später ist wieder stockfinstere Nacht und das Fazit für diesen Tag fällt ernüchternd aus. Ausserdem muss ich mit Bedauern feststellen, dass sich nicht nur die beiden Traktorfahrer nicht an die gemachte Vereinbarung gehalten haben; nein, auch der Bursche mit seinem "deutschen" Traktor und seinem freiwilligen Hilfsangebot hat nicht wie angekündigt noch einmal vorbeigeschaut. Versprechen oder Vereinbarungen sind in Bolivien offenbar nicht den Handschlag wert, mit dem sie großspurig gegeben werden.


4. Tag

Es ist noch früh am Vormittag, seit über zwei Stunden sind die Soldaten schon wieder am Bau einer neuen Rampe, der nunmehr dritten. Nach wie vor ist Teniente Perez sehr zuversichtlich, dass das Fahrzeug heute geborgen werden kann. 13 Uhr setzt er als Termin fest und treibt seine Leute damit an. Mich beeindruckt seine ruhige Art, mit der er seine Untergegebenen anspornt, da fällt kein lautes Wort, statt dessen verteilt er immer wieder aufmunternde Worte. Und seine Jungs sind in den letzten Tagen richtig gut geworden. Es hat sich ein harter Kern von fünf bis sechs Soldaten herauskristallisiert, die sehr intelligent, geschickt und zielstrebig zu Werk gehen, der Rest der Truppe ist eher vom Typ Mitläufer und verrichtet zumeist Handlangerdienste. Während ich mch mit Teniente Perez unterhalte, taucht auf einmal einer der beiden Polizisten auf seinem Motorrad auf, steigt ab und geht auf uns zu. Während er den Offizier freundlich mit Handschlag begrüßt, würdigt er mich keines Blickes. Statt dessen fängt er an, mit dem Offizier zu reden. Ich schaue ungläubig drein: Welcher Film läuft denn hier ab? Auf einmal wendet er sich mir zu und bafft mich in unfreundlichem Ton an, zu ihm hinten auf das Motorrad zu steigen und jetzt endlich gefälligst mal etwas zu essen und zu trinken für die Soldaten zu besorgen. Ich bin sprachlos, auf dieses Thema hatten wir ja schon ausgiebig am Vortag Teniente Perez angesprochen. Was läuft denn da im Dorf für ein Tratsch über uns ab? Besteht da eine "kollektive Verschwörung" der Dorfbewohner, uns zu sabotieren und zu ärgern? Hat der verprellte Ersthelfer, den ich um weitere sicher geglaubte Einnahmen gebracht habe, Stimmung gegen uns im Dorf gemacht und ist das möglicherweise der Grund, warum uns die Leute reihenweise versetzt bzw.schamlos angelogen haben? Ich weiss es nicht und kann nur spekulieren. Um meinen spontan hochkochenden Zorn zu unterdrücken, gehe ich erstmal zu unserem Fahrzeug, um Silvia, die noch im Wohnkoffer rumwerkelt, über den Vorfall zu informieren.

"Kannst du bitte mal rauskommen? Da läuft gerade eine sehr merkwürdige Geschichte ab!"

Während ich auf Silvia warte, drehe ich mich wieder um und sehe, wie der Polizist mich aus drei Metern Entfernung unfreundlich taxiert. Da macht es bei mir 'plong' und der Deckel meines inneren Dampfkochtopfes fliegt mit lautem Knall davon. Ich reiss mir meine dicke Daunenjacke herunter und werfe sie wutentbrannt in Richtung des Polizisten. In einem wahren Kauderwlsch aus Deutsch und Spanisch falte ich ihn zusammen, der ganze Frust der letzten Tage bricht sich Bahn.

"Du gottverdammtes Arsc....ch! Was bildest du dir eigentlich ein? Bringst noch nicht einmal die Mindestanstandsregeln an Höflichkeit auf, mich morgens zu grüssen und glaubst statt dessen mich, auf diese Weise anmachen zu können. Glaubst du im Ernst, wir hätten das Thema Verpflegung nicht schon längst selbst angesprochen. Wie sollen wir den Einkauf deiner Meinung nach hier auf dem Salar denn bewerkstelligen? Sollen wir zu Fuß nach Salinas laufen und das Zeug herbeischleppen? Und überhaupt, was seid ihr eigentlich für ein eingebildetes arrogantes Pack hier in dieser Gegend. Nennt ihr das, was ihr hier treibt, etwa Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft? Was ihr hier veranstaltet, ist mir noch nirgends auf der Welt passiert. Da fahren die Leute vor 3 Tagen reihenweise an uns vorbei und keiner hält mal an und fragt mal, ob wir vielleicht Hilfe brauchen! Da kassiert einer eurer Bauern 150 US-Dollar und liefert dann einfach nur Pfuscharbeit ab, da halten die Leute im Dorf reihenweise gemachte Vereinbarungen nicht ein! Und jetzt kommst du daher und glaubst uns ans Bein pinkeln zu können? So nicht, mein Freund, so nicht!!"

Ich bin wirklich sehr, sehr sauer und das sieht man mir auch an. Während meines Wutausbruchs schrumpft der Uniformträger immer mehr zusammen und entfernt sich Meter für Meter von mir. Alle Arbeit ruht, alle schauen verblüfft, denn die meisten Soldaten haben die Vorgeschichte überhaupt nicht mitbekommen und wissen nicht, was eigentlich los ist. In diesem Moment klingelt das Handy von Teniente Perez. Der Schweizer Jürg ist am Apparat und will sich über den Stand der Arbeiten informieren. Der Offizier reicht das Handy an mich weiter.

"Du Jürg, wir stecken leider immer noch im Salar und hier sind in der Zwischenzeit einige unschöne Dinge abgelaufen!" Ich erzähle ihm vom gestrigen Tag, von unserem gescheiterten Bergungsversuch, den Traktorfahrern, die uns zum wiederholten Mal versetzt haben und auch von dem aktuellen Vorfall mit dem Polizisten."

"Das kannst du so nicht machen", erwidert Jürg, "du musst viel diplomatischer vorgehen und darfst die Bolivianer nicht in aller Öffentlichkeit bloßstellen. Gib mir mal Teniente Perez".

Ich reich das Handy wieder zurück. Wochen später wird uns Jürg erzählen, dass er in dem Moment versucht habe, die Situation zu deeskalieren. Wir seien nun mal typische Deutsche, sehr direkt und wenig diplomatisch. Dafür müsse man als Bolivianer Verständnis haben. Doch Senior Perez habe keinerlei Verständnis gehabt, allerdings nicht auf mich bezogen, sondern auf das Verhalten des Polizisten. Er könne mich sehr gut verstehen und habe vollstes Verständnis für meine Reaktion. Da Verhalten vieler Leute hier vor Ort sei wirklich nicht akzeptabel.

Als mir Jürg dies Wochen später erzählt, bin ich erleichtert und dankbar, dass es durchaus auch Bolivianer gibt, die die Geschehnisse so gesehen haben wie wir.

Trotzdem beschliessen Silvia und ich, die Stimmung nicht noch weiter anzuheizen. Silvia wird mit dem Polizisten auf dem Motorrad nach Salinas fahren und etwas Trink- und Essbares für die Truppe kaufen. Teniente Perez ist davon überhaupt nicht sehr angetan und wir rätseln im Stillen, ob er seine Erziehungsaufgabe für die Truppe gefährdet sieht.
"Maximal zwei Flaschen Coca-Cola für alle, das muss reichen."
Als Silvia nach einer Stunde wieder zurückkommt, hat sie 8 Flaschen Cola und Unmengen von Bananen im Gepäck dabei. Während die Sachen verteilt werden, Frag ich Silvia:

"Und wie war es mit dem Polizisten in Salinas".
"Du, der war plötzlich auf einmal die ganze Zeit sehr zuvorkommend und sehr höflich zu mir", antwortet sie daraufhin.

Kurze Zeit später taucht plötzlich auf seinem Motorrad wieder der Bolivianer mit dem vermeintlich "deutschen Traktor" auf, der uns gestern abend so unvermittelt seine Hilfe angeboten hatte, um dann doch nicht wie selbst angeboten nochmal am Abend vorbei zu schauen.

"Ihr steckt ja immer noch im Salar! Ich fahr jetzt auf mein Campo (Feld), wenn ich heute abend zurückkomme und ihr immer noch drin steckt, zieh ich Euch mit meinem Traktor raus".

Dann tuckert er davon. "Ja, du Träumer, erzähl nur weiter Märchen von Hänsel und Gretel", denke ich und schaue ihm nachdenklich hinterher. "Euch Bolivianern glaub ich inzwischen gar nichts mehr!".

Obwohl Teniente Perez die Soldaten unermüdlich antreibt, dauert es bis gegen 14 Uhr, als wir einen neuen Bergungsversuch wagen können. Diesmal haben sich alle wirklich große Mühe beim Bau von Fundament und Rampe gegeben und nichts dem Zufall überlassen. Das sieht jetzt wirklich sehr vielversprechend aus, muss ich bei der Begutachtung neidlos anerkennen.

Es folgt das gleiche Spiel wie die Tage zuvor, ich fahre und die anderen schieben von hinten. Langsam geb ich Gas, das Fahrzeug kommt gut vom Basisfundament auf die diesmal mehrschichtige Steinrampe; plötzlich fängt es an zu ruckeln und zu krachen, der Wagen gibt hinten wieder spürbar nach, ich schalte instinktiv auf volles Risiko und gebe Vollgas. Noch einmal sackt das Hinterteil weg und dann...ist das Fahrzeug draussen. Es ist kaum zu glauben, aber das Fahrzeug ist tatsächlich aus dem Loch heraus und steht wieder mit allen vier Rädern ebenerdig. Allgemeines vielstimmiges Jubelgeschrei ertönt, während ich sicherheitshalber noch ein paar Meter bis zu einer vorher ferstgelegten Markierung rolle, ab der der Salarboden wieder bedenklich brüchig wird. Jetzt gilt es nur noch, von dieser gefährlichen Spur auf die etwa 5 bis 10 Meter parallel verlaufende Nebenspur zu wechseln, ohne dazwischen wieder irgendwo einzubrechen. Überall wird der Boden im Umkreis mit einer Stange abgetastet, um zu testen, ob sie leicht in den Boden gebohrt werden kann oder nicht. Ein paar Soldaten stellen sich zur Markierung der gedachten Fahrspur an den Schlüsselstellen auf und ich wechlse mit dem Fahrzeug vorsichtig auf die andere Seite. Geschafft!!

Der Rest ist schnell erzählt. Es beginnt das große Einräumen: Die 300 Liter Diesel müssen wieder in die Tanks gefüllt, die Reservereifen wieder hinten am Fahrzeug befestigt und das Werkzeug zusammengesucht und eingeräumt werden. Wir bedanken uns bei jedem einzelnen Soldaten persönlich und schütteln jedem die Hand. Selbstverständlich müssen Erinnerungsfotos geschossen werden, einige Soldaten haben hierzu extra kleine Digicams mitgebracht. Und zum Schluß besichtigen wir noch ein letztes Mal das große Loch, das uns in den letzten Tagen so schwer zu schaffen gemacht hat. Die mühsam präparierte Rampe hat wirklich nur mit Ach und Krach gehalten, es hätte nicht viel gefehlt und sie wäre unter dem Gewicht des Fahrzeugs wieder zusammengebrochen. Ein wirklich grausamer Untergrund ist das hier, denke ich, mache noch ein paar Fotos und wende mich dann schnell ab. Wir fahren alle gemeinsam im Konvoi nach Salinas, wo wir uns auf der zentralen Plasza endgültig von der Truppe verabschieden. Ich rufe zum letzten Mal unseren Freund Jürg an, um ihm die Erfolgsmeldung mitzuteilen.

"Ich hab übrigens mit Teniente Perez über eine mögliche Bezahlung für die Hilfsaktion gesprochen", teilt mir Jürg mit. "Der Perez will kein Geld, er hätte aber gern ein von Euch verfasstes offizielles Dankesschreiben, in dem Ihr Euch für seine großzügige Hilfe bedankt. Ich habe dem Perez versprochen, dass ich mit Euch zusammen, wenn Ihr nach Rurrenabaque kommt, ein solches Schreiben auf Spanisch verfasse. Zudem bin ich mit dem Militärchef der Garnison in Rurrenabaque befreundet, der hilft uns bestimmt, das Schreiben an die richtigen offiziellen Stellen zu schicken, so dass Teniente Perez den größtmöglichen Nutzen davon hat".

Wir bedanken uns nochmals herzlich bei Teniente Perez, versprechen ihm, uns um das gewünschte Schreiben zu kümmern und schenken ihm als kleinen Ausgleich für seine Hilfe 100 US-Dollar. Für die 16 Soldaten geben wir ihm 500 Bolivianos, das sind lächerliche 70 Dollar, aber mehr will der Chef der Truppe nicht akzeptieren.

"Die sind schließlich alle erst 18 Jahre alt, für dieses Alter ist das mehr als ausreichend".

Und hiermit endet die Geschichte eigentlich, wenn es nicht noch zwei unschöne Vorfälle zu erwähnen gäbe, die sich nahtlos in das zwiespältige Bild fügen, dass wir in den letzten Tagen von den Menschen in Salinas gewonnen haben.

Während wir uns am Rand der kleinen zentralen Plaza von den Soldaten verabschieden, taucht plötzlich ein älterer Mann auf, der sich kleidungsmässig sehr in Schale geworfen hat, denn es ist Sonntag: Cowboyhut, Cowboystiefel und auch Hose und Weste im Westernlook, alles pikobello sauber. Allerdings ist er nicht mehr ganz nüchtern, ein geläufiger Anblick bei bolivianischen Männern am Wochenende oder am Abend. Plötzlich gibt es einen lauten Wortwechsel zwischen Teniente Perez und diesem Menschen, der daraufhin plötzlich völlig ausrastet und sich agressiv auf den Offizier stürzen will, um eine Schlägerei anzuzetteln. Nur mit Mühe kann er von anderen Passanten zurückgehalten und aus unserem Blickfeld geschoben werden. Ich stehe nur wenige Meter vom Geschehen entfernt und versteh nicht, was jetzt eigentlich vorgefallen ist und frage den Offizier:

"Der fühlte sich vom Anblick eures grossen Auto hier auf der Plaza in seiner Sonntagsruhe belästigt und hat deshalb Stunk gemacht, einfach nur mal so...."

Kurz darauf verlassen wir endgültig Salinas Garcia-Mendoza und suchen durch die engen Gassen unseren Weg aus dem Dorf. Wir erwischen eine Spur, die am Ortsrand über den staubigen Fußballplatz führt. Dieser Weg ist jetzt versperrt, weil gerade ein Fußballspiel stattfindet, hochoffiziell mit Mannschaften in Trikots, Schieds- und Linienrichtern und sogar ein paar wenigen Zusachauern. Wir müssen am Rand des Spielfeldes den Platz umfahren und ich schnappe mir spontan die Kamera, um aus dem Auto ein Bild von dieser pittoresken Szenerie zu schiessen. Doch kaum habe ich die Kamera gezückt, werden gleich mehrere Spieler darauf aufmerksam, denn das Spiel ist gerade wegen Einwurfs unterbrochen. Sofort rudern sie erregt mit den Armen und fordern mich lautstark und agressiv auf, das Fotografieren zu unterlassen. Nun bin ich ja generell ein sehr zurückhaltender Mensch, wenn es darum geht, Menschen ungefragt zu fotografieren. Aber das ein Foto von ballkickenden Spielern in einem ordinären Fußballmatch als Provokation verstanden werden könnte, übersteigt meinen Horizont!
"Leute, auf welchem Planeten lebt ihr eigentlich, ihr habt ja nicht mehr alle Tassen im Schrank", denk ich mir und mach das Foto trotzdem. Jetzt erst recht....!
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Beitragvon tibesti » 24.11.2011 21:48

Reisetagebuch 2011/12 - 3




Wie heißt es doch so schön: Auf Regen folgt auch wieder Sonnenschein..Diese an sich banale Lebensweisheit bestätigt sich im Zusammenhang mit unserem unerwarteten Salar-Abenteuer auf eindrucksvolle Weise:, denn hätten wir auf dem Salar nicht buchstäblich im Regen (bzw. im Morast) gestanden, wären wir auch nicht dem Kommandanten der kleinen Garnison von Salinas und seinem Offizier Perez begegnet; Und ohne die Gespräche mit diesen beiden Offizieren hätten wir somit auch niemals etwas von jener außergewöhnlichen archäologischen Stätte erfahren, die in keinem Reiseführer erwähnt wird und über die man selbst im Internet praktisch keine Informationen findet.

So erzählten uns die beiden Offiziere von einem Ausflug, den sie mit ihren Soldaten gemacht hatten, um ihnen Geschichte und Kultur ihrer Heimat näherzubringen. Da existiere nicht weit von dem Ort Salinas die archäologischen Fundstätte einer uralten südamerikanischen Hochkultur aus vorchristlicher Zeit, die wir unbedingt besuchen sollten, weil sie sehr sehenswert sei.
So machten wir uns unmittelbar nach der Bergung unseres Fahrzeugs aus dem Salar auf den Weg zu diesem Ort; normalerweise wären wir aus Unkenntnis daran vorbei gefahren und hätten so einen wirklichen Reise-Höhepunkt auf dem bolivianischen Altiplano verpaßt.

Folgender kleine Bericht stammt ausnahmsweise mal von Silvia:

In dieser abgelegenen Ecke des Altiplanos, weit weg von den Durchgangsrouten des Tourismus, steht am Rand der kleinen Piste ein unscheinbares Hinweisschild auf den "Archäologischen Park" mit den Logos für Hotel, Ruinen und Trekking.. Sehen kann man hinter der Abzweigung nur ein paar mehr oder weniger verlassen wirkende Häuser und das Weiß einer der typischen kleinen, putzigen Kirchen des Altiplanos in ca. 1km Entfernung. Vor Ort gibt es dann einen großen Torbogen, der auf das Gelände des "Hotels" führt - fest verschlossene kleine Häuser, eine leere Administration und ein paar Hinweistafeln, dass der "Parque" einen Weg entlang in 2 Kilometer Distanz wäre.
Ich bin natuerlich gleich begeistert - ein schoener Nachmittagsspaziergang in den "Huegeln" bei strahlendem Sonnenschein und "kurze Aermel-Temperaturen" und bestimmt gibt es da wirklich was Interessantes zu entdecken. Lothar ist etwas weniger erfreut, denn seine Bewegungslust hält sich aufgrund der großen Höhe von über etwa 3700m Hoehe und nach dem erst unmittelbar vorher überstandenen Streß im Salar eher in Grenzen. Trotzdem stiefelt er bereitwillig mit mir die 2km bis zum Fuss einer Huegelkette durch das Taelchen ( Huegel natuerlich nur in Relation zur Salarhochflaeche, die ja schon auf 3700m liegt und die Berge sind insgesamt wohl 4000-4200m hoch ) . Als dann ein erneutes Hinweisschild unmissverstaendlich klarmacht, dass die archaeologischen Funde 300 und mehr Meter hoeher auf dem Bergkamm sind, muss ich dann doch etwas laenger motivierend auf ihn einreden. Es ist natuerlich wirklich unguenstig fuer solche gemeinsamen Unternehmungen, wenn die eine offenbar nicht unbedingt vom Affen abstammt, sondern eher Vicunas in der Reihe ihrer Vorfahren gehabt hat ( weil ich mich in der Hoehe so leicht und generell fasziniert bewege ), fuer den Anderen aber wegen der duennen Luft jede Anstrengung zu koerperlichen Problemen fuehrt. Aber - Ehre ,wem Ehre gebuehrt - Lothar kaempft sich tapfer den wirklich recht steilen Hang empor. Oben eroeffnet sich uns dann der Blick auf die uralte Stadt, deren unzaehlige Gebaeude sich ueber den ganzen Kamm und auch noch weiter den Berg hochziehen. Die Behausungen haben die Form von runden Kegeln ( mit Dach) bzw. Rohren, wenn das Dach eingestuerzt ist,ca. 2-3m hoch, 2,5-3 m im Durchmesser und gebaut aus nicht gerade dicht an dicht aufgeschichteten Steinen, so dass der Wind durchpfeifen kann.
Da wir außer den Aussagen der beiden Offiziere und einiger allgemeiner Angaben über die Besiedlungsanfänge des bolvianischen Altiplano keine weiteren Informationen besitzen,müssen wir uns auf das Gehörte beziehen: Danach soll die Stadt ein Alter von ca. 2-3000 Jahre vor Christus bzw. der Jetztzeit haben; wir definieren ihr Alter ironisch auf jene Zeitepoche, als die Menschen noch nicht die Tuer erfunden hatten, denn die Gebaeude, die wir vorfinden, haben nur einen Zugang fuer Licht und Bewohner und der entspricht im modernen Sinn dem Fenster!!

Wir spazieren fasziniert durch die mehr oder weniger gut erhaltenen Ruinen und geniessen zudem die schoenen Ausblicke auf die tiefergelegene und einsame Landschaft, denn im Unterschied etwa zum berühmten "Machu Pichu der Inkas in Peru, wo täglich Heerscharen von Touristen in einer Art Massenpilgerfahrt und zu überteuerten Preisen gleichzeitig einfallen, haben wir diesen Ort für uns komplett allein. Ich habe allerdings so eine kleine "Macke": Ich will bei solchen Gelegenheiten immer alles gesehen haben und am liebsten auch noch das entdecken, was hinter dem naechsten Bergkamm oder der naechsten Wegbiegung liegt oder zumindestens liegen koennte...
Also lasse ich Lothar auf dem Hauptniveau des Berges in Ruhe weiter herumschweifen und Fotos machen und mache mich selbst an den weiteren Aufstieg, schliesslich haben wir unten vom Talboden aus sonderbare helle Vierecke zwischen den Felsen leuchten gesehen, da muss ich doch mal schauen, was das ist! Der Weg fuehrt mich zwischen den Behausungen der damaligen Menschen langsam immer hoeher hinauf, ich sehe an flachen Stellen die Ummauerungen von kleinen Terrassenfeldern und viele weitere Gebauede an den steileren Stellen. Ganz oben dann ein ebener Platz, der - einem Hinweisschild nach - als Zeremonienplatz fuer religioese Taenze zu einem Pumagott - diente. Daneben ein kleiner Rastpavillon von heute, der einen schoenen Rundumblick bietet. Ich folge dem kleinen Fusspfad weiter ,der auf der anderen Seite ganz offensicbhtlich wieder hinunter auf die Hauptebene fuehrt .Tja und da stehe ich ploetzlich wirklich total perplex und voellig von den Socken vor einem dieser hellen Rahmen, die ich von unten schon gesehen hatte: Absolute Sensation, denn hinter dem Holzrahmen mit dem Maschendraht - liegen zwei Mumien!!! Zwei in Hockstellung begrabene ehemalige Bewohner dieser uralten Staette - einfach so an der freien Luft, deren extreme Trockenheit diese erstaunliche Erhaltung der Koerper moeglich macht! Und es ist nicht nur eine dieser Begraebnis-Hoehlungen, sondern auf dem Weg bergab entdecke ich immer neue Mumien hinter Maschendraht, besonders eindrucksvoll finde ich die Skelette von Kleinkindern, die in inzwischen zerbrochenen Tonkruegen beerdigt worden waren. Daneben auch noch uralte Stoffreste und Keramiken!! Ich bin wirklich total platt und als ich in Rufweite zu Lothar hinabgestiegen bin, rufe und winke ich ihm zu, damit er - duenne Luft hin oder her - ebenfalls diese sensationellen Mumienfunde in der Abgelegenheit des Altiplanos bestauenen kann. Und er gibt auch begeistert zu, dass dieses Erlebnis die Anstrengung wirklich wert gewesen ist!

Später finden wir nach längerer Suche im Internet dann doch noch einen kleinen Hinweis zur Erläuterung des Gesehenen: Demach haben die jetzigen Bewohner der 2 Kilometer entfernten kleinen Siedlung die ursprünglich verschlossenen oberflächennahen unterirdisxchen Felsgräber geöffnet und die Mumien für Besucher zugänglich gemacht. Und gemäß ihrer uralten Tradition ehren die heutigen Bewohner der Umgebung ihre Mumien-Ahnen mehrmals im Jahr mit Geschenken in Form von "Flowers, Alcohol and streamers".

Wirklich erstaunt hat uns in diesem Zusammenhang, dass die sensationellen Funde nur durch eine einfache Absperrung in Form eines dünnen Holzrahmens, der mit Maschendraht bespannt ist sowie einem einfachen Vorhaengeschloss geschuetzt sind - und dass sie trotzdem noch da sind und nicht schon längst irgendwelchen Grabräubern zum Opfer gefallen sind. !!! Damit das so bleibt und der Ort auch weiterhin seinen wirklich mystischen Reiz behält, haben wir beschlossen, auf genaue Ortsangaben zu verzichten.

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Hier geht es zu den Fotos:

Fotos

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Nachzutragen bleibt abschließend noch:

Nachdem wir in unserer tiefsten Salar-Depression ja den "heiligen Schwur" tätigten, dass wir bis auf weiteres keinerlei abwegige Offroad-Abenteuer mehr unternehmen würden, müssen wir im Nachhinein eingestehen, dass dieser Schwur weniger als einem Tag überdauer hat. Selbstverständlich sind wir wie geplant natürlich trotzdem den Salar zunächst wie geplant bis zu zu seinem westlichen Ende bei Llica auf einer abenteuerlichen Dammpiste entlanggefahren. Die bot auf seinen über 100 Kilometern zwar einige faszinierende Ausblicke, war aber unangenehmerweise und völlig überraschend an manchen Stellen bereits wieder adrenalinfördernd. Denn aufgrund unerwartet häufiger Niederschläge einige Wochen zuvor (in einer Zeit, wo es eigentlich nie regnet), war der Damm stellenweise unterspült und in seinem Untergrund unangenehm brüchig und feucht. Unser Fazit danach: Uns ist halt doch nicht mehr zu helfen und so kriegt jeder halt das, was er verdient!

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Auf einer miesen Dammpiste immer entlang des Salars Ujuni
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Schließlich haben wir von Llica aus nun schon zum 5. Mal auf unserer mehrjährigen Reise mal wieder den Salar Ujuni überquert: Das sind 155 Kilometer Faszination pur und die Faszination dieser endlosen Salzebene wird auch beim wiederholten Besuch nicht kleiner. Ganz im Gegenteil: Da wir ja nun schon hunderte von Fotos vom salar in unserem riesigen Fotoarchiv haben, können wir den Salar diesmal ganz ohne den notorischen Drang des Touristen, alles und Jedes ablichten zu müssen, gniessen. Die Kamera bleibt nämlich weggepackt - fast! Jediglich auf der traumhaften Insel mitten im Salar - der Isla Incahuasi - mit seinen riesigen zum Teil bis zu tausend Jahre alten Kakteen stellen wir fest, dass es eigentlich mal wieder an der Zeit ist, diesen traumhaften Moment mit einem Foto festzuhalten, auf dem wir endlich auch mal wieder zusammen zu sehen sind. Und so turnen wir eine halbe Stunde auf der Spitze der Isla hoch über dem Salar herum, bis endlich ein gescheites gemeinsames Foto mittels Selbstauslöser zustandekommt, denn andere Touristen, die wir für ein Foto hätten fragen können, waren zu dieser frühen Stunde Fehlanzeige. Wir hatten den Salar mal wieder für uns ganz allein.......
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Und auch wenn wir auf dem Salar diesmal keine neuen Fotos geschossen haben, muss der Leser an dieser Stelle nicht auf ein paar faszinierende Eindrücke verzichten, denn ich habe aus dem riesigen Fotoarchiv als Wiederholung einfach noch einmal ein paar Fotos zusammengestellt:

Fotos
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Beitragvon tibesti » 25.12.2011 14:07

Wir wünschen allen Mitlesern einen Schönen Jahresausklang und ein erfolgreiches Jahr 2012.

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Wir selbst treiben uns seit 2 Monaten wieder kreuz und quer in Brasilien herum, fast könnte man meinen, wir seien die einzigen Touristen, die hier zur Zeit mit dem Auto unterwegs sind, denn andere Reisende sind uns zwischen Amazonien und Atlantik wie in den Jahren zuvor wieder nicht begegnet, dafür aber etliche Trucker, die uns signalisieren, dass sie uns bzw. unser Fahrzeug doch schon früher mal irgendwo in Brasilien gesehen haben. Und dabei freuen sie sich und zeigen mit dem ausgestreckten Daumen nach oben: Tudo bem!! Nach so vielen Reisen und Kilometern kreuz und quer durchs Land kennen wir Brasilien inzwischen mit ziemlicher Sicherheit besser als die meisten Brasilianer selbst und wir könnten inzische ganze Bücher füllen über unsere Erfahrungen in diesem Land so voller Kontraste und schreiender Widersprüche, doch das ist am heutigen Tag nicht unsere Intention. Brasilien ist für uns auf jeden Fall ein emotionales Lebensgefühl, das wir nirgendwo sonst auf der Welt auf unseren vielen Reisen verspürt haben.

Und so hab ich zum Jahresausklang aus unserem riesigen Fotoarchiv mal eine kleine Fotoshow zusammengestellt, die unter dem Titel Menschen und Gesichter Brasiliens diesem Lebensgefühl nachspürt:

Menschen und Gesichter Brasiliens

Zur akustischen Untermalung gibt wieder etwas Musik:
Musik 1
Musik 1

Dem Thema Lebensgefühl kann man übrigens hervorragend bei Live-Musikkonzerten nachspüren. 2 kleine Beispiele hab ich mal ausgewählt und auf Youtube hochgeladen.

a) Banda Calypso. Die Band wurde Ende der 1990er Jahre von dem Gitarristen und Produzenten Chimbinha und seiner Sängerin und Ehefrau Joelma gegründet und ist vor allem im Norden und Nordosten Brailiens sehr populär. Das Besondere an dieser Band ist, dass sie ihre CDs und Dvds ausschließlich unabhängig von den grossen Plattenlabels im Eigenverlag produziert und damit für arme Leute erschwinglich macht.

Interessanterweise hatte die Gruppe ausgerechnet im Dezember 2010 einen Autritt in Hamburg, über den eine Besucherin enttäuscht schrieb, das die Band ihr Programm zwar routiniert, aber eher lustlos vor tausend frierenden Zuschauern heruntergespult habe, ohne dass der Funke auf das Publikum übergesprungen sei. Dazu kann ich nur anmerken: Wie kann man eine Band aus dem tropischen Nordosten Brasiliens ausgerechnet im Winter bei Minusgraden nach Deutschland verpflichten und dann noch erwarten, dass es ihnen gelingt, den kümmerlichen 1000 Zuschauern so etwas wie brasilianisches Lebensgefühl zu vermitteln, wo die Band in Brasilien locker ganze Stadien mit 50.000 Zuschauern fühlt. Nein, wie das mit dem "Überspringen" des Funkens auf das Publikum funktioniert, kann man sich eher hier anschauen:

Banda Calypso


b) Margareth Menezes. Fast könnte man bei so viel Energie denken, eine brasilianische Tina Turner vor sich zu haben, wie sie auf dem "Festival do Verao" in Salvador/Bahia das Publikum in einen emotionalen Rausch versetzt:

Margareth Menezes

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Beitragvon Sturmspitze » 07.01.2012 20:53

an Tibesti und Co.



ein ewiger Lebensquell für mich diesen Reisebericht zu lesen .

Ich bin schon süchtig und abhängig von den Reportagen und den

sensationellen Bildern.

Vielen Dank und ein guten Start in das Jahr 2012 .

Einen Gruss an die Abenteurer

von einem Bewunderer

aus der Nähe von Frankfurt
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Beitragvon tibesti » 28.03.2013 19:26

EIN WORT ZUM ABSCHIED
Ein Jahr ist inzwischen vergangen, seitdem ich den Thread Reiseimpressionen sanft habe einschlafen lassen. Angesichts der nach wie vor recht konstanten Klickraten (durch andere Reisende?) ist vielleicht jetzt ein guter Zeitpunkt gekommen, das Thema zumindest mit einem Schlußwort zu einem vernünftigen Ende zu bringen. Um es vorweg zu nehmen: Uns hat weder der Schlag getroffen, noch sind wir der Reisemüdigkeit anheimgefallen. Wir sind immer noch in Südamerika unterwegs, aber unsere Reiseperspektive hat sich naturgemäß nach den vielen Reisejahren stark verändert. In einem anderen Reiseforum hat jemand einmal zwei schöne Satz geschrieben

In den 90er Jahren habe ich nach vielen Reisen meine Fotoausrüstung nicht mehr erneuert und aufgehört Anekdoten zu sammeln und bin auch vom 4WD auf Motorrad, Kajak, Kanu und Kamel umgestiegen. Aber selbst diese Fortbewegung war mir noch zu oberflächlich........Erst jenseits aller Worte erschließt sich ein Land.......

In fast 7 Jahre haben wir jetzt den Kontinent in nahezu jeder nur erdenklichen Himmelsrichtung durchquert und dabei keine Mühen und Risiken gescheut, auch abgelegene und fahrtechnisch nicht ganz ungefährliche Strecken abseits des Mainstream zu erkunden. Teilweise waren das mit die Höhepunkte dieser langen Südamerikareise, denn ein gewisser Adrenalinkick des Ungewissen schärft die Sinne für ein in Angriff genommenes Projekt in besonderer Weise. Doch mit der Zeit und mit jedem der inzwischen 250.000 in Südamerika zurück gelegten Kilometer hat dieser Abenteuerdrang allmählich nachgelassen und auch die Prioritäten haben sich allmählich immer mehr verschoben. Denn: Inzwischen reisen wir nicht mehr nur durch Südamerika, sondern wir leben die überwiegende Zeit des Jahres praktisch hier. Allerdings eben nicht als Dauersesshafte auf ihrer Finca/Datscha. sondern nomadisierend hin- und herpendelnd zwischen den unterschiedlichsten persönlichen Wohlfühlorten, die weit verstreut über den Kontinent verteilt sind. Und je länger und häufiger wir die einzelnen Länder des Kontinents besuchen, umso mehr verlagert sich das Interesse weg von den rein touristischen „Bedürfnissen“, die verschiedenen Sehenswürdigkeiten abzuklappern und fotografisch festzuhalten, hin zur Beschäftigung mit den Lebensverhältnissen der Menschen in den von von besuchten Ländern, den politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und Entwicklungen. Und genau hier ist dann der Punkt erreicht, wo der Rahmen eines solcher Reisebeitrags überschritten wird.

Deshalb soll dies ein vorläufiger Schlusspunkt unter unsere Reiseberichterstattung sein, zumal auch bei uns in den nächsten maximal 2 Jahren ein "Change of Life" stattfinden wird. Denn Silvia wird noch einmal das Experiment wagen nach 7 Jahren in den Schuldienst zurückzukehren. Die Überlegung zu diesem wie erwähnt auf maximal 2 Jahre befristeten Experiment fußt weniger auf finanziellen Erwägungen (dank des kontinuierlichen und weitgehend "engmaschig" verfolgten Engagements an den Aktienmärkten ist unsere finanzielle Basis auch in Zukunft gesichert), es geht ihr vielmehr um die Herausforderung, ob nach so einer langen Zeit ein Leben als Gymnasiallehrer und vor Schülern in Berlin noch möglich ist. Ich unterstütze sie natürlich voll bei diesem Wunsch, doch da ich persönlich keinesfalls noch einmal einen Winter in Deutschland bzw. Mitteleuropa verbringen möchte, werde ich ab Herbst allein in Südamerika unterwegs sein und die Zeit hoffentlich nutzen, endlich richtig gut Spanisch und Portugisiesch zu lernen. Darüber hinaus sollen diese maximal 2 Jahre auch eine Zeit der Besinnung werden, uns darüber klar zu werden, in welche Richtung wir uns in Zukunft entwickeln wollen, vielleicht erfinden wir uns ja auch neu und machen nochmal was ganz anderes, was dann vielleicht auch wieder berichtenswert ist........

Und so schliesse ich hiermit (etwas "verspätet") die Berichterstattung in diesem Thread.

Doch ganz so trocken soll es auch nicht enden und so bringe ich zum Abschluss noch etwas zur vielfältigen musikalischen Kultur in Südamerika. Vor einigen Wochen hatten wir im nordchilenischen Iquique das Glück, uns das alljährlich stattfindende 3-tägige Folklore-Tanzfestival Danzamerica 2013 mit Tanzgruppen aus 7 verschiedenen südamerikanischen Ländern anschauen zu können. Es bot einen schönen Überblick über die vielfältige Kultur des Kontinents mit einigen wirklich bemerkenswert professionellen Darbietungen. Einen kleinen Teil davon habe ich versucht auf Film zu bannen und auf Youtube hochgeladen.(Videos sind in HD-Qualität, können also auf Youtube auf maximale Qualität eingestellt werden)


1) Wie wär es zum Beispiel mit Chacarera aus Argentinien und Bolivien?

Was ist Chacarera?

Chacarera ist ein sehr fröhlicher traditioneller, argentinischer Volkstanz, der als Paar oder in einer Gruppe getanzt wird. Der spanische Einfluss ist in der Chacarera nicht zu übersehen.Er ist ein stark rhythmischer Tanz. Getanzt wird in Paaren, aber ohne Handfassung. Tänzer und Tänzerin tanzen innerhalb eines imaginären Rechteckes und führen dabei verschiedene Bilder aus. Elemente des Tanzes sind der Grundschritt (paso basico), das rhythmische Fingerschnippen (castagnettas), Händeklatschen (palmas), Steppen (zapateo) in erster Linie des Mannes und Röckeschwingen (zarandeo) der Frau. Ähnlich wie bei den Sevillanas wechseln sich Beinarbeit und Röcke-Schwingen mit Positionswechseln ab. Während der ersten Hochblüte des Tango (ca. von 1920 bis 1955) fristete die Chacarera in der Hauptstadt ein Hintergrunddasein, jedoch stieg die Popularität der Chacarera in den 60er Jahren mit dem Wiederaufflammen der argentinischen Folklore, die auch mit dem Verbot des Tangos zusammenhängt, der von der Militärregierung ausging. Im Landesinneren hat die Chacarera jedoch niemals ihren Platz als wichtigster Tanz des Volkes verloren.  In den letzten Jahren wurde die Chacarera sowohl in Bolivien als auch in Argentinien wieder sehr populär. Vor allem progressiv eingestellte, besser gebildete junge Erwachsene aus der Stadt hören sie. Sie ist Teil einer Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Wurzeln. Die meisten Lieder erzählen vom Land und seinen Menschen und der unermesslichen Liebe der Menschen zu ihrer Heimat. 
Viele Lieder erzählen vom Heimweh, das der Santiagueño (nach dem Ursprungsort Santiago del Estero) empfindet, der seine Heimat verlassen musste: „Als ich von Santiago wegging, weinte ich auf dem ganzen Weg.Ich habe geweint, ich weiss es nicht warum.Ich kann sagen dass ich stark bin, aber diesen Tag bin ich schwacher geworden. Ich verließ die geliebte Erde und das Rancho, wo ich geboren wurde, wo ich fröhlich lebte und zufrieden sang.“ Außerhalb seiner Heimat fühlt sich der Santiagueño wie „eine Wildpflanze, die außerhalb ihrer Salzwüste stirbt.“ 
So ergeht es sehr vielen vor allem jungen Menschen, die entweder als Saisonarbeiter auf den Feldern in der Pampa arbeiten oder in der Hoffnung, Arbeit zu finden, nach Buenos Aires auswandern und oft nie wieder zurückkehren weil sie das nötige Geld dazu nicht aufbringen können.
Die Referenzen des Landes sind „der Honig und der Sand, ein Hof und ein Algarrobo und Lieder vom Vollmond“. Was Santiago ausmacht ist also der Zauber der Einfachheit und des Ursprünglichen. Dieser erwächst unter anderem aus einem Leben in und mit der Natur die den Menschen ernährt: „Der Himmel hat Fenster durch die uns die Sonne aufweckt und des Abends hängen sich lebendige Mondstrählchen auf die Feigenkakteen wie um die Kaktusfeige zu zerdrücken um Gelee daraus zu kochen und der Wind galoppiert vorbei wenn die Nacht reift.“ „Das Fest im Algarrobenhain gibt goldene Schoten zurück der Baum wird Brot“.
„Meine Erde ist eine Sängerin die die Chacarera singt“. Auch die Stille ist eine Sängerin mit einer Stimme voller Kobolden die ein Sänger nur stören darf wenn seine Lieder auch etwas aussagen.
Die Musik ist ein wichtiger Teil des Lebens. Das ganze Land ist Musik, selbst der Stille wird eine Stimme zugesprochen. Eine Sage erzählt von der Salamanca, einem geisterhaften Ort, wo man jede Kunst erlernen kann die man beherrschen möchte. Wer in der Siesta durch den „Monte“ geht kann, so sagt man, eine wunderbare Musik hören. Diese kommt von denjenigen die in der Salamanca das Musizieren lernen. Es klingt „als ob es das Orchester unserer Ahnen wäre die im Weggehen die Harmonie dieser Erde zurückließen“. Außer seinem Rancho mit einem Vordach, um zu singen, um zu tanzen, hat der Sänger einen Lehmofen, einen Mörser und eine Feuerstelle sowie seine schwarzhaarige Geliebte die es versteht Mate zu trinken - wozu mehr... Der Santiageño ist also mit dem Wenigen was er besitzt zufrieden und glücklich. Die Santiageños schenken eine Freundschaft, die man weder kauft noch verkauft, man gibt sie nur, wenn das Herz sie empfindet. Ihre Hände sindbgebrochenes Brot und eingeschenkter Mate. Diese Freundschaft ist Gold. Sie ist also mehr wert als alle materiellen Güter.


Chacarera aus Argentinien 1

(Anmerkung: Die akrobatisch eingesetzten Kugeln in der Show sind BOLA-Kugeln, die sowohl bei den Steppenvölkern der Innuit und Tschuktschen als auch bei den südamerikanischen Gauchos als Wurfkugeln zum Einfangen von Rindern oder Erlegen von Wild verwendet werden)

Chacarera aus Argentinien 2

Chacarera aus Bolivien 1

Chacarera aus Bolivien 2


2) Der Säbeltanz - ein Gaucho-Tanz aus Südbrasilien, dessen europäische Wurzeln nur unschwer zu erkennen sind, denn der bayrische Schuhplattler läßt grüssen.

Säbeltanz aus Rio Grande do Sul/Südbrasilien


3) Besonders bemerkenswert in seiner Dynamik fanden wir auch die Darbietungen einer indigenen Tanzgruppe aus dem nördlichen Ecuador:

Indigena-Gruppe aus Nord-Ecuador 1

Indigena-Gruppe aus Nord-Ecuador 2



Und natürlich sollen auch ein paar Fotos aus unserem letzten Reisejahr nicht fehlen. Hier sind sie:



1) südliches Pantanal/Brasilien:

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2) Riesenseerosen und Flußdelfine im bolivianbischen Amazonastiefland hinter Trinidad

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3) auf staubigen Pisten durchs bolivianische Tiefland

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4) der Talkessel von La Paz

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5) auf dem bolivianischen Altiplano

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6) über den Andenpaß Pircas Negras zwischen Argentinien und Chile

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7) zum Paso de Sico an der Grenze Nordchile und Argentinien

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8) Paso San Francisco zwischen Argentinien und Chile

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9) Entlang der Chilenisch-Bolivianischen Grenze (Nationalpark Isluga und Lauca)

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10) In den südperuanischen Anden zwischen Tacna und Arequipa

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11) Inka-Terassen im Heiligen Tal bei Cuzco und Pistenführung auf dem Weg ins Amazonastiefland

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12) In der endlosen Weite der patagonischen Steppe Südargentiniens

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Und wer mag, bekommt hier noch ein paar Links zu in meinen Augen sehr schönen Beispielen der Musik Südamerikas, von den Andenländern bis zur Leichtigkeit des brasilianischen Lebensgefühls:

(1) Peru: LOS APUS DEL PERU

Los Apus del Peru

(2) Bolivien: ORLANDO POZO

Orlando Pozo

(3) Bolivien: LOS KJARKAS

LOS Kjarkas

4) Brasilien: GUSTTAVO LIMA

GUSTTAVO LIMA

5) Brasilien: FRED & GUSTAVO

Fred & Gustavo


Und damit bin ich definitiv am Schluß angelangt.



Machts Gut! Adios! Ate Logo!


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Beitragvon oegeat » 28.03.2013 19:35

DANKE für die atemberaubenden Bilder
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon k9 » 28.03.2013 19:39

oegeat hat geschrieben:DANKE für die atemberaubenden Bilder


DANKE auch von mir - außerirdisch schön.
...... und immer lesenswert deine Berichte.

Gruß k9
Nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiß.
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Beitragvon potter » 10.04.2013 11:52

auch von mir vielen Dank und herzliche Grüße,
schön, daß du uns an deinem Traum teilhaben lässt...!

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Beitragvon Kato » 10.04.2013 12:02

die bilder ein hammer, zu beneiden

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Beitragvon tibesti » 05.05.2013 19:00

Nachspann

Für Alle, denen es auf Dauer zu fad wird, das hier bis auf weiteres keine Neuigkeiten mehr zu lesen sind, biete ich als "Entzugstherapie" und zur Entspannung in den folgenden Wochen eine kleine Auflistung derjenigen Orte an, die uns auf unserer langen Reise besonders im Gedächtnis geblieben sind;
unsere persönlichen Top 100 sozusagen.

Das Ganze wird in kleinen Häppchen erfolgen und ohne langschweifige Texte auskommen. Ich lass ganz einfach die Fotos sprechen.
Dabei fange ich im Süden des riesigen Kontinents an und arbeite mich so langsam nach Norden vor.

Also denn, auf die Plätze, fertig, los........
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Beitragvon tibesti » 05.05.2013 19:51

1) ARGENTINIEN

Das Bergmassiv des Cerro Torre und des Fitz Roy in Patagonien

Der Cerro Torre ist ein 3.128 Meter hoher Granitberg, der sich am Rand des großen südlichen Eisfeldes an der argentinisch-chilenischen Grenze befindet (blauer Punkt in der Karte). Der Cerro Torre ist aufgrund seiner steil aufragenden, glatten Granitwände und der extrem widrigen Wetterbedingungen nur sehr schwer zu besteigen und gilt daher unter Bergsteigern als einer der schwierigsten und zugleich schönsten Gipfel der Welt. in unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das Granitmassiv des 3406m hohen Fitz Roy, der nach dem Kommandanten von Charles Darwins Forschungsschiff Beagle, Robert FitzRoy benannt wurde.

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Beitragvon tibesti » 06.05.2013 00:23

2) ARGENTINIEN

Die versteinerten Wälder Bosque Petrificado de Sarmiento und Bosque Petrificado de Jaramiilo

Als habe eine Riesenhand eine Streichholzschachtel ausgeschüttet, liegen in einer Landschaft von bizarrer Schönheit versteinerte Baumstämme und ihre Splitterstücke in der Landschaft verstreut oder scheinen aus dem Boden zu wachsen. Ihre Geschichte reicht zurück in eine Zeit, als Patagonien noch von Araukarienwäldern bedeckt und keine Steppe war. Unter Bergen von vulkanischer Asche gefällt und begraben, verwandelten sich die Holzstämme im Verlauf von 65 bis 150 Millionen Jahren in steinerne Säulen, deren größte Exemplare eine Länge von bis zu 35 Metern und eine Dicke von bis zu 3 Metern erreichen.

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Beitragvon oegeat » 06.05.2013 07:48

wow super Bilder ............. :idea:
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon tibesti » 06.05.2013 15:09

3) CHILE

Nationalpark Torres del Peine


Eigentlich gehört er für uns persönlich NICHT zu unseren Top-Reisezielen in Südamerika trotz seiner spektakuklär schönen Berge: Der bekannteste Nationalpark im südlichen Chile. Der Grund: völlig überteuert und in der kurzen Saison reichlich von Touristen überlaufen mit allen möglichen negativen Umweltschäden. So entfachte Ende 2011 ein israelischer Tourist aufgrund eines fahrlässigen Lagerfeuers einen Großbrand, dem ein 14000 ha großes Waldareal zum Opfer fiel. Von Oktober bis Dezember 2012 wurden weitere 11 Touristen wegen fahrlässigem Umgang mit Feuer des Parks verwiesen. Unser Fazit: Es gibt so viele herrlich einsame Landschaften in diesem Teil Südamerikas, da muss man nicht unbedingt dem Herdentrieb folgen.

Gleichwohl bleibt festzuhalten: Wunderschön ist die Landschaft schon, deshalb auch in unserer Liste


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Beitragvon tibesti » 07.05.2013 17:21

4) Argentinien/CHILE

Estancia Maria Behety auf Feuerland
Punta Arenas auf dem chilenischen Festland

Eine Zeitreise zurück in die Zeit der großen Schafbarone.



Feuerland und das angrenzende Patagonien sind traditionelles Schafzüchterland. Ausgehend vom damals britischen, heute chilenischen Punta Arenas, einem wichtigen Hafen an der Schiffahrtsroute umn Kap Horn (den Panama-Kanal es damals ja noch nicht) erfolgte die Vertreibung und Vernichtung der indianischen Ureinwohner und die Eroberung und Aufteilung des Landes unter mehreren großen Familien-Clans wie die der Braun-Menéndez, die mit dem Reichtum aus der Schafszucht ein richtiges Imperium errichteten: Durch die Heirat von Sara Braun und José Menéndez, die 1886 geschlossen wurde, wurden ihre Besitztümer verflochten und gemehrt. Sie reichten von Estancias, Walfangflotten und Schlachthöfen über Bergwerke und Reedereien bis zu Importgesellschaften, Banken und der südlichsten Eisenbahn des Kontinents. Die Ländereien des Familienclans umfassten drei Millionen Hektar. Damit war das Gebiet von den Ausmaßen Belgiens der größte zusammenhängende Grundbesitz, den es jemals in Chile gab. Nicht zuletzt war es ihr Einfluss, der dazu führte, dass der Lebensstil im ursprünglich sehr ärmlichen Punta Arenas aristokratische Züge annahm. In der ehemaligen Strafkolonie veranstaltete man nun Banketts und Autorennen, Zirkusspiele und Geburtstagsfeiern zu Ehren des englischen Königshauses. Was in der Einöde fehlte, wurde einach importiert: Man ließ Zuchthengste aus Neuseeland und Schäfer von den Hebriden kommen. Aus Italien wurden Marmor, aus England Möbel und aus Frankreich Stoffe importiert. Die Familie Braun-Menéndez schaffte es sogar, die russische Primaballerina Anna Pawlowa zu einem Auftritt an die Magellanstraße zu locken. 1914 endete allerdings der Trubel: In diesem Jahr wurde der Panamakanal eröffnet, und die Hafenstadt geriet ins Abseits.

Die Estancia Maria Behety ist ein eindrucksvolles Zeugnis aus dieser Zeit um 1900. Gegründet hat sie Jose Menendez, der ehemalige König der patagonischen Schafbarone. Neben den üblichen Gebäuden der Estancia gibt es eine Bibliothek und einen Park mit exotischen Pflanzen. Alles strahlt Eleganz und Wohlstand aus – wie es sich für eines der grossen alten Landgüter gehört. Die Estancia hat ein Schurgebäude von riesigen Ausmaßen, 5000 Schafe konnten hier gleichzeitig unter Dach gehalten und bearbeitet werden. Da der Besitz heute durch die Erbfolge aufgeteilt ist (er hat jetzt statt 150.000 ha nur noch 63000 ha und 65000 Schafe) ist die Halle für heutige Bedürfnisse völlig überdimensioniert. Insgesamt gibt es heute noch 60 feuerländische Estancias mit über 800.000 Schafen, die jährlich 3300 t Wolle liefern. Die Rentabilitätsgrenze der Estancias liegt bei 7000 Tieren und die größten Estancias besitzen bis zu 70.000 Tiere.
Vervollständigt wird die Zeitreise mit einem Besuch der Stadt Punta Arenas auf dem chilenischen Festland. Hier erinnern noch viele alte Stadtvillen und vor allem der eindrucksvolle Stadtfriedhof mit seinen pompösen Mausoleen und der Grabstätte der Familie Menendez an den Prunk und den Reichtum der großen Familienclans der damaligen Zeit und stehen in beklemmendem Gegensatz zu den Archivaufnahmen der damaligen indigenen Bevölkerung, deren physische Existenz und jahrhundertealte Lebensweise in relativ kurzer Zeit nahezu vollständig ausgelöscht wurde


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Beitragvon tibesti » 08.05.2013 14:08

5) Argentinien

Punta Tombo - Die Hauptstadt der Magellan-Pinguine


Die menschenleere und raue Atlantikküste Argentiniens ist ein Paradies für die unterschiedlichsten Tiere wie Wale, Robben, Seelöwen, Pinguine und die unterschiedlichsten Vogelarten. Aber auch in den endlosen Weiten der patagonischen Steppe trifft man abseits der Hauptstraßen immer wieder auf allerhand Tiere wie Guanakos und Nandus.

Unser persönlicher Höhepunkt ist dabei zweifellos die Kolonie der Magellan-Pinguine in Punta Tombo, wo im späten September, wenn auf der Südhallkugel der Frühling kommt, die Pinguine von Südbrasilien nach Patagonien ziehen und dann in Punta Tombo ihre Jungen ausbrüten. Bis zu 175.000 Tiere leben dann auf engstem Raum in diesem Naturschutzgebiet, wo man als Besucher engsten Kontakt zu den gar nicht scheuen Tieren bekommt.


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Beitragvon tibesti » 08.05.2013 14:35

6) Argentinien

Das Paläontologische Museum Egidio Feruglio in Trelew

Ein absolutes "MUST-GO" für Dinosaurier-Fans und auch für Museums-Muffel ein echter Tip ist das Paläontologische Museum in Trelew mit seiner Sammlung von Dinosaurier-Skeletten und Versteinerungen, aus der Steppe Patagoniens. Toll anrangiert und deshalb außerordentlich beeindruckend!!

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Beitragvon tibesti » 08.05.2013 21:57

7) Argentinien

Auf Nebenwegen durch das Innere der Patagonischen Steppe


Zugegeben, wer wie wir jahrelange eingefleischte Saharafans waren, für den sind die endlosen montonen Weiten der ostpatagonischen Steppe nur zweite Wahl auf einem Trip in die Einsamkeit. Und dennoch. Irgendetwas hat diese Landschaft, was man nur schwer in Worte fassen kann. Wobei - kann man von dem, was man hier vorfindet, überhaupt von Landschaft sprechen? Der Reiseschriftsteller Bruce Chatwin fasste es mit den knappen Worten zusammen: "Ich dachte: Nirgendwo ist auch ein Ort" . Doch wie bereist man so eine Gegend überhaupt, um diesem Geheinmnis auf die Spur zu kommen. Ehrlich gesagt: am besten auf einem Pferd abseits der Wege und wenn es denn schon ein Auto sein muss, dann auf jeden Fall abseits der asfaltierten Durchgangsrouten. Diese Landschaft braucht Zeit und Muße, um die Monotonie und Einsamkeit ringsherum zu erspüren. Ein anderer Autor schrieb sehr schön: "Ein Land braucht so wenig, um einen tief zu berühren. Steppe, Wolken und Himmel reichen schon. Ab und zu ein Mensch. Hier und da ein Tier, ein trotteliges Schaf oder ein aufgeregter Nandu. Und alle 100 Kilometer ein Schild, das wäre schön - damit die Sorge nicht zu groß wird, man könnte aus der Welt gefallen sein."
Man nehme also eine Straßenkarte und suche sich die abgelegensten Wege durch die Steppe heraus. Auf das Wetter sollte man schon achten. Denn kommt man in einen starken Regen, kann es auf den unbefestigten Wegen sehr schnell ungemütlich werden. Und südlich einer Linie von Commodore Rivadavia wird es sowieso immer sehr ungemütlich. Dafür sorgt der starke Wind in Sturmstärke, der ununterbrochen aus Westen die Anden herunterbraust und einen schnell frösteln lässt. Belohnt wird man mit einer grandiosen Leere, einem endlosen Horizont und nicht selten atemberaubenden Sonnenuntergängen. Und ab und zu trifft man sogar auf Menschen, die auf einsam gelegenen Farmen leben oder in kleinen Ortschaften, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Unser Fazit: Man sollte diese Gegend wenigstens einmal "erspürt" haben. Für uns hieß es danach allerdings bei aller Faszination: Viel zu kühl, wir sind eher für die Tropen geschaffen oder eben die Sahara im Sommer.....


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Beitragvon tibesti » 10.05.2013 01:13

8 ) Argentinien/Chile

Feuerland und der äußerste Süden Chiles


Es ist schon ein seltsames Phänomen, dass die exponierten Punkte der verschiedenen Kontinente wie etwa das Nordkap in Norwegen oder die südlichste Stadt der Welt, Ushuaia auf Feuerland, einen solchen Herdentrieb bei Pauschal- wie Individualtouristen auslösen. In Bezug auf Feuerland gehört es scheinbar zum Muss des Mainstream, unbedingt zu Weihnachten und Silvester hier sein zu wollen. Und so brausen sie Jahr für Jahr ihren Traum entgegen, in die Einsamkeit des südlichsten Zipfel des Kontinents, um anschliessend an einem ganz bestimmten Tag in der Masse Gleichgesinnter ihrem Individualismus zu frönen.... Das hatte übrigens vor einigen Jahren zur Folge, daß der damalige Treffpunkt der Auto-Travellerszene in einem Nationalpark bei Ushuaia von den Behörden gesperrt werden musste, weil einfach zu viele schwere Touristenfahrzeuge der Natur allzu stark zusetzten.
Klingt jetzt gehässig? Ich will es gar nicht abstreiten, aber wir persönlich ticken offensichtlich nun mal anders. Doch abgesehen davon stellt sich natürlich die Frage, lohnt es die vermeintliche Schönheit der Landschaft überhaupt, diesen weiten Weg auf sich zu nehmen, abgesehen davon, dass man abschließend voller Stolz sagen kann: Wir waren da? Das muss natürlich jeder für sich selbst persönlich entscheiden. Wir jedenfall sind der Meinung, es gibt landschaftlich wesentlich schönere Gegenden in Südamerika als ausgerechnet Feuerland und den südlichsten Zipfel Chiles. Für uns lag der Reiz eher verborgen in der Magie, die diese Region in geschichtlicher Hinsicht ausstrahlt. Man lese einfach seinen Bruce Chatwin mit seinen Geschichten aus Patagonien oder ein anderes gleichartiges Buch, stecke es in die Hosentasche und spüre den Wegen der Pioniere nach, die diese Gegend vor 150 Jahren entdeckten, hier auf zum Teil tragische Weise ihr Leben ließen und das Land doch besiedelten und dabei ganz neben die bereits hier lebenden indianischen Ureinwohner ausrotteten. Zeugen dieser abenteuerlichen Besiedlung finden sich zuhauf am Wegesrand, man muss nur mit offenen Augen durch die Gegend laufen und sich für solche Dinge interessieren.
Und wenn der Wettergott einem auf der Reise wohlgesonnen ist, was im kurzen Sommer keineswegs sicher ist, dann gibt es sogar einige Orte, wo durchaus ein Ausruf "Oh" und "Ah" angebracht ist ob ihrer Schönheit. Und dann immer wieder diese Sonnenuntergänge am Meer - was für dramatisch kitschige Farben und doch volle Kanne "Öko", äh Natur.
Unser Fazit: Wegen der spannenden Besiedlungsgeschichte top, wegen der Landschaft: Geht so...


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Beitragvon tibesti » 10.05.2013 12:44

9) Argentinien

Der Perito-Moreno Gletscher am Lago Argentino


Es gibt nicht viel zu sagen hierzu - ein Gletscher halt. Am besten, man besucht ihn außerhalb der Saison, sonst ist er von Besuchern völlig überlaufen. Trotz der spektakulären Bilder mögen wir solche Orte nicht besonders, denn die Besuchermassen und die entsprechenden Reglementierungen nehmen dem Naturspektakel viel von seinem Reiz.
Wer Gletscher wirklich erleben will, der sollte stattdessen lieber die Mühsal auf sich nehmen und von El-Chalten aus eine Wanderung um den Fitz-Roy herum zum großen südlichen Eisfeld Südchiles machen. Unsere Reisefreunde Marion und Michael Pötschke haben einen solchen 1-Wochentrip im Alleingang gemacht und ihn auf Ihrer Seite http://www.Alaska-bis-Feuerland.com mit ein paar beeindruckenden Fotos festgehalten.

Eisfeld 1

Eisfeld 2

Eisfeld 3


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Beitragvon Sturmspitze » 14.05.2013 10:00

@ tibesti

unvergleichlich , einzigartig , sehnsuchtsvoll,

wann immer ich Zeit habe schau ich hier rein

reines , unverbrauchtes Leben ,erholsam und gesundheitsfördernd

Grüsse

Sturmspitze
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Beitragvon tibesti » 14.05.2013 15:39

10) Chile/Argentinien

Carreterra Austral und angrenzende Pässe über die Anden nach Argentinien

Über die berühmte Carreterra Austral, die einzige Verbindungsstrasse im südlichen Chile nördlich des großen Eisfeldes, fehlt es uns schwer, ein endgültiges Urteil abzugeben. Zugegeben, fuer viele Reisende ist es der Traum, einmal die Strecke gefahren zu sein und wir kennen sogar Leute, die dabei ein Riesen-Wetterglück gehabt haben. Wir haben jedenfalls nicht dazu gehört. Diese Region Chiles gehört zu regenreichsten Gebieten auf der ganzen Erde mit über 300 Regentagen im Jahr und 3500 mm Niederschlag im Jahr (zum Vergleich Deutschland 700mm mit 175 Regentagen). Wir waren nur einmal dort, im Jahr 2007 und das Wetter war, vorsichtig formuliert, "durchwachsen". Für uns hört der Spaß immer dann auf, wenn man tagelang wegen Dauerregen nicht aus dem Fahrzeug kommt, es naßkalt ist und die ganze Landschaft durch tiefhängende Wolkenmassen in ein trübes Grau getaucht ist. Und ein zweites für uns schwerwiegendes Argument kommt noch dazu: Wer jemals in der endlosen Weite Nordskandinaviens unterwegs war, die geradezu nach Freiheit und Abenteuer riecht, der wird sich niemals an die typische Besonderheit der chilenischen Kulturlandschaft vor allem in der Mitte und im Süden des Landes gewöhnen: Alles und wirklich Jedes ist eng eingezäunt und verrammelt: "Propriedad particular - Entrada prohibido". Wer nicht unbedingt die geschützten Nationalparks aufsucht, wird in dieser Landschaft nicht so recht Freude haben. Du kannst die tollsten Bilder von Seen und Flüssen machen - aus der Ferne; "Freiheit" in der Natur ist anders!
Am schönsten gefielen uns noch die Pässe über die hier unten nicht sehr hohen Anden, die Argentinien und Chile auf verschiedenen Routen verbinden. Hier fehlen die Zäune und die Landschaft ist wirklich wunderschön. Sehr beeindruckt auf der eigentlichen Carreterra Austral hat uns die Fahrt durch die kalten Regenwälder des Nationalparks Qeulat mit seinen Riesen-Farngewächsen und seinen dicht mit Moosen und Flechten behangenen Bäumen. Hier passte sogar der Regen und Nebel, der dem ganzen eine besondere Magie verlieh.


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Beitragvon tibesti » 18.05.2013 15:22

11) Unsere 7 Reisejahre auf der Landkarte.

Zwei Dinge werden daraus ersichtlich:

a) wir lieben die Abwechslung; gerade der häufige Wechsel zwischen den verschiedenen Landschaftsformen (Wüste-Hochgebirge-Steppe-Pampa-Regenwald-Tropenküste] macht für uns den immensen und einmaligen Reiz von Südamerika aus
b) gewisse persönliche Vorlieben lassen sich bei genauen Hinschauen nicht verleugnen
c) Gefahrene Kilometer: etwa 275.000



Das 1. Reisejahr 2006/07:

Reiseroute in der Reihenfolge Gelb-Rot-Blau

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Das 2. Reisejahr 2007/08:

(zusammen mit der Route des ersten Jahres) Reihenfolge Schwarz-Grün

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Das 3. Reisejahr 2008/09:

Reiseroute in der Reihenfolge Gelb-Schwarz

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Das 4. Reisejahr 2009/10:

Reiseroute in der Reihenfolge Rot-Gelb

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das 5. Reisejahr 2010/11:

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Das 6. Reisejahr 2011/12:

Reiseroute in der Reihenfolge Gelb-Rot

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Das 7. Reisejahr 2012/13:

Reiseroute in der Reihenfolge Rot-Gelb
Die Karte ist noch unvollstängig und nicht auf dem aktuellen Stand.
Die Reiseroute wurde beeinflusst durch die plötzliche Veränderung der Visabestimmungen seit November 2012 durch die Brasilianer; EU-Bürger des Schengen-Raumes bekommen keine Visaverlängerung mehr und müssen nach 3 Monaten für mindestens weitere 3 Monate außer Landes (nur noch 90 Tage in 180 Tagen); wir mussten das Land verlassen und deshalb 3000 Kilometer in 6 Tagen zurücklegen. Das Ganze ist eine Retourkutsche der Brasilianer gegen die Schengen-Länder, dort gelten für Brasilianer die gleichen Bestimmungen.

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Beitragvon tibesti » 27.05.2013 17:21

12) Argentinien/Chile

Die "Chilenische und Argentinische Schweiz" in der Umgebung von Bariloche und Villarica

Fragt einen ein Argentinier oder Chilenen, was man sich denn in Ihren Ländern unbedingt ansehen solle, kommt unweigerlich immer wieder der gleiche Tip: Bariloche und Umgebung in Argentinien, Villarica und Umgebung in Chile. Daraus läßt sich zweierlei schließen. Die Landschaft mit seinen schneebedeckten Vulkankegeln, seinen Araukarienwälder, Flüssen und Seen ist tatsächlich wunderschön, sie ist touristisch aber auch dermassen erschlossen, dass man sich keinen Gefallen damit tut, sie in der Haupturlaubszeit zu besuchen, wo alles überteuert und übervoll mit Touristen ist. "Chilenische Schweiz" und "Argentinische Schweiz" sind die Schlagwörter, mit denen dieser Landschaftsraum auch häufig umschrieben wird. Für den fernreisenden Globetrotter wird eine solche Landschaft damit schnell zur Glaubensfrage: Muss ich tatsächlich um die halbe Welt reisen, um - mit Ausnahme der Vulkane, eine Landschaft zu bewundern, die ich bequemer etwa in den Alpen auch vor der eigenen Haustür finde? Uns persönlich fehlt die Weite und das Schroffe der andinen Hochebenen des Nordens, die "kulturelle Exotik" und Andersartigkeit, alles wirkt "lieblich". Doch das ist wie gesagt Geschmacksache und muss jeder für sich selbst entscheiden. Unangenehm auf jeden Fall: Auch hier sind weite Teile der Landschaft- außer in den kostenpflichtigen Naturschutzgebieten- eingezäunt, selbst Seen und die schmalen Uferstreifen der Flüsse sind zumeist nicht öffentlich zugänglich: "Jeder Flecken Erde, der den geringsten Nutzen haben könnte, ist umzäunt. Dicke Pfähle markieren den Besitzanspruch des Grundherren, zwischen ihnen verlaufen die Stacheldrahtreihen zuweilen bis in Schulterhöhe. Das gilt nicht nur für Weideflächen, sondern auch für Flussufer und ganze Seen. Und so mancher öffentliche Weg endet an einem Gatter, verschlossen mit einer Kette. Landbesitz bedeutet hier eben mehr als in Europa. Wer etwas kauft, dem gehört es mit allem Drum und Dran. Ob andere nicht mehr an einen See können oder an das Ufer, niemanden interessiert es. Die Gesetze werden schließlich für die Besitzenden gemacht. " umschrieb schon vor Jahren der bekannte Journalist Klaus Bednartz dieses Phänomen in seiner Fernsehreportage und in seinem Buch.
Was für uns bleibt, sind die perfekt geformten Kegel der Vulkane - die sind allerdings wirklich einmalig - und auch nicht ungefährlich, wie der spektakuläre und dramatische Ausbruch des Puyehue in Chile im Juni 2011 drastisch vor Augen führte. Wochenlang spuckte der Vulkan riesige Aschewolken aus und begrub vor allem in Argentinien ganze Landstriche unter meterdicken Ascheschichten. Noch ein Jahr später, 2012, sahen wir überall die Spuren dieser Naturkatastrophe: Aschebedeckte, abgestorbene Wälder, verlassene Gehöfte, auf deren Dächern dicke Aschereste lagen.

Im Netz finden sich eine Menge wirklich spektakulärer Fotos von dieser Naturkatastrophe, etwa hier:

Vulkanausbruch Puyehue 1

Vulkanausbruch Puyehue 2


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