Reiseimpressionen

Alles was "Off-Topic" ist oder die Märkte ganz allgemein betrifft. Hier findet Ihr Gelegenheit, euch in Form von Grundsatzdiskussionen, Glückwünschen, Streitereien oder Flirts auszutauschen.

Moderator: oegeat

Beitragvon oegeat » 09.12.2006 23:36

tibesti hat geschrieben:.....Uruguay hat uns seit einigen Tagen wieder .......


na da kannst ja gleich nen Landsmann besuchen !

den Manfred !
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon tibesti » 28.12.2006 17:05

Hola aus Nordwestargentinien am Fuss der Anden

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tibesti
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Beitragvon tibesti » 04.01.2007 18:44

4.1.07

Reiseroute

Schon wieder ist ein Monat wie im Flug vergangen, Tag für Tag abwechslungsreich, voller positiver Erlebnisse und – weitgehend – stressfrei. Die Tage in Uruguay sind wunderbar wie beim ersten Besuch, es gibt eigentlich nix wesentliches zu berichten, wie das halt so ist, wenn man entspannt und relaxt die Zeit geniesst. Wir verbrimgen eine schöne Woche an der südlichen Küste in Piriapolis und seiner Umgebung, einem unserer Lieblingsorte mit dem Wohlfühlfaktor 1. Wir treffen ein Schweizer Langzeitreise-Pärchen wieder, welches wir vor einem halben Jahr hier kennenlernten,; sie haben inzwischen ihre Immobilienpläne verwirklicht und sich im Ort ein Haus mit grossem Garten für 60.000 US-Dollar gekauft, welches sie jetzt in den Sommermonaten über einen Makler für 350 Dollar die Woche an Urlauber vermietet haben, während sie selbst wieder auf Reisen gehen. Wir erfahren, dass die Zeit für Immobilienkäufe in Uruguay jetzt noch günstig ist, weil die Preise sich während der grossen Währungskrise in den La-Plata-Ländern anfang des neuen Jahrtausends geviertelt hatten und jetzt langsam wieder anziehen. Besonders schmerzlich muss das für die Reichen im noblen, 40 KM entfernten Punta del Este gewesen sein, wo ihre millionenschweren Villen und Häuser auf einmal „fast“ nix mehr wert waren. Zusätzlich haben die Beiden den „Resident“-Status beantragt, auch der ist in Uruguay relativ problemlos zu erhalten. Für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung benötigt man lediglich den Nachweis eines monatlichen Einkommens von 1000 US-Dollar pro Person bzw. – von einem Notar beglaubigt – den Nachweis, das der Kontostand monatlich nie unter diesen Betrag fällt; Uruguay ist halt ein kleines Land ohne jeden Bevölkerungsdruck.
Nach einer wunderbar entspannten Woche am Strand und im Ort dann der grosse Aufbruch mit Ziel Anden und Pazifik. Wir durchqueren Uruguay diesmal weitgehend auf ungeteerten Nebenstrassen, um die Leere und Weite des Landes noch einmal richtig eindrücklich zu erleben. Ist der Verkehr auf den normalen Hauptstrassen schon extrem ausgedünnt, so geht er hier in der Provinz nahezu gegen Null. Weit verstreut liegen einsame Haziendas in dem nahezu waldlosen Land und die in die Landschaft gebetteten Bauminseln vermitteln uns häufig den Eindruck, durch einen planmässig angelegten gigantischen Landschaftpark zu fahren. Wir geraten schliesslich in eine Schlechtwetterzone; dramatische Wolkenformationen am laufenden Band verstaerken haeufig den Eindruck der gigantischen Leere, die das Land vermittelt. Auf schlammigen Wegen steuern wir nordwest und haben eines nachts Glueck, nur haarscharf an einem maechtigen Unwetter vorbeizuschrammen. Waehrend uns nachts Sturm und sindflutartiger Regen wach haelt, fahren wir am folgenden Tag nur 50 KM weiter durch eine Zone umgeknickter Baeume und Stromleitungen und lesen in der Zeitung von mehreren Toten und schweren Zerstoerungen, die der Sturm angerichtet hat.
In Salto, dem noerdlichen Grenzort zu Argentinien verbringen wir 2 Tage am schoenen Ufer des Rio Uruguay, bevor wir Uruguay zum zweiten Mal Adios sagen.


Fotos:in-Uruguay

In Argentinien sind wir sehr gespannt auf die Menschen, nachdem wir schon reichlich Negatives gehoert haben. Fuer die Menschen der Nachbarlaender gelten Argentinier als arrogant und hochnaesig und haben fast den Ruf, den Deutsche oft in Europa geniessen; alle schimpfen, Uruguayer wie Brasilianer, unsere Schweizer Bekannten, schon 2 Jahre hier unterwegs, meinen, Argentinien sei ein wunderschoenes Land, wenn bloss die Argentinier nicht waeren.... Wir sind gespannt. Schnell faellt auf, das die Menschen uns auf jeden Fall deutlich zurueckhaltender begegnen als in allen anderen von uns bisher bereisten Laendern. Wir fallen zwar auf, werden auch beaeugt, aber selten direkt angesprochen. Kein Vergleich zu den spontanen, wesensoffenen Brasilianern etwa - und das „jeder gruesst jeden“-Phaenomen des uruguayanischen Strassenverkehrs ist auch vorbei. Spricht man die Leute jedoch direkt an, weil man eine Frage hat oder etwas benoetigt, so koennen wir von Arroganz oder anderen schlechten Eigenschaften nichts bemerken. Vielmehr begegnen uns die Menschen dann sehr hilfsbereit und zuvorkommend. Wir koennen die negativen Beschreibungen Anderer bisher in keinem Fall bestaetigen.

Recht zuegiig fahren wir ueber Concordia, Parana, Santa Fe, Santiago del Estero und Carthagena Richtung Andenrand, das Wetter wechselt von sonnig-heissen 36 Grad bis zu haeufigen Gewitterfronten. Wir fahren ueber weite Strecken durch flache Pampalandschaft, riesige Gebiete ungenutzten Sumpflandes, unterbrochen durch Weideland durch die Anbauflaechen agrarischer Grossbetriebe. Den Abend des 23.12. verbringen wir in der sympathischen Kleinstadt San Cristobal in einer Strassenbar bei einer Flasche Bier. Die Hauptstrasse ist extra fuer den Verkehr gesperrt, die Restaurants und Bars haben die Stuehle auf die Strasse gestellt, Nachts um 12 ist dann Hochbetrieb, der 24.12. wird hier offensichtlich schon mit Beginn der ersten Minute des Tages gefeiert.
Auf der Weiterfahrt dann endlich der Landschaftswechsel: Wir erreichen die den Anden vorgelagerten Bergketten der sogenannten Praekordilleren, die geologisch nichts mit dem jungen andinen Faltengebirge zu tun haben, sondern Teil des uralten flachen kontinentalen Schildes sind und erst im Zuge der andinen Gebirgsbildung zerbrochen und schraeggestellt wurden. Auf abenteuerlichen Pisten schlaengeln wir uns durch diese Bergzuege mit beeindruckenden Steilabfaellen Richtung Westen. Die Landschaft wird immer trockener und karger und geht schliesslich am Andenrand in eine Art von Halbwueste ueber, in der die wenigen Orte wie Oasen in der kargen Landschaft wirken. Der Hoehepunkt dieses Reiseabschnitts ist erreicht: Wir ueberqueren auf einer 600 KM langen Strecken den Paso de San Francisco, mit 4726 m einer der hoechsten Andenpasse ueberhaupt. Waehrend die Strecke auf argentinischer Seite bis zur Passhoehe inzwischen asphaltiert ist und sich ueber weite Hochebenen und Hochtaeler immer weiter in die Hoeher schraubt, ist die Strecke auf chilenischer Seite nach wie vor Schotterpiste und – in der von uns gewaehlten Streckenvariante – besonders spannend und eindrucksvoll, schlaengelt sie sich doch durch tiefe Taeler und Schluchten immer weiter talwaerts. Die gesamte Strecke ist menschenlerr- in fast 4 Tagen, die wir unterwegs sind, begegnet uns kein einziges Auto und ausser den in weiter Landschaft verlorenen Grenzposten gibt es keinerlei Siedlungen. Mir geht durch den Kopf: Hast du hier eine schwerwiegende Panne, siehst du teilweise recht alt aus, das ist ja bei Alleinfahrt zum teil fast ein Risiko wie in der Sahara.... Und wir haben Glueck. Am ersten Abend uebernachten wir zwecks Hoehenanpassung auf 3000m Hoehe, ein paar hundert Meter abseits der Strasse in einer weiten leeren Hochebene. Es ist stark bewoelkt und recht kuehl. Wir sitzen im Auto, als ploetzlich die Sonne in einer Wolkenluecke zu einem eindrucksvollen Sonnenuntergang ansetzt. Wir steigen aus dem Fahrzeug, um das Schauspiel zu geniessen, als ich ploetzlich ein Zischen wahrnehme!! Unser Hinterreifen verliert Luft, haben wir uns doch bei der letzten Kaffeepause einen spitzen Zweig in die Reifenflanke gefahren, als ich unbedacht einen im Weg stehenden kleinen Busch bei der Umfahrung seitlich gestreift habe.
Die Luft entweicht nur langsam, was also tun: Sofort wechseln kommt nicht in Frage, denn es ist fast dunkel; Ueber Nacht nix tun, bedeutet, er ist am naechsten Morgen platt und wir muessen dann die Action des Reifenwechsels vornehmen und dann zurueckfahren, um den Reifen reparieren zu lassen. Also beschliessen wir, trotz Dunkelheit sofort die 100 KM ins Tal zurueckzufahren und in der nechsten Kleinstadt direkt vor einem Reifenfritzen zu uebernachten. So ersparen wir uns den muehseligen eigenen Reifenwechsel, was bei den LKW-Reifen immer einen Kraftakt darstellt. Alles klappt prima, in 2 Stunden wir wir zurueck am Ausgangspunkt, finden prompt auch eine Reifenfirma; Zweimal in der Nacht steh ich auf, um den Reifen wieder voll aufzupumpen und am naechsten Morgen will ich als erstes die Schloesser oeffnen, mit denen ich die beiden Ersatzraeder gesicher habe, denn ich weiss nicht, ob die Leute vor Ort in der Lage sind, den Schlauchlosreifen zu reparieren. Da stellt sich heraus: Ich hab die Schluessel fuer die Schloesser verloren, sie sind weg, spurlos verschwunden, nix geht mehr. Mir wirds ganz komisch bei der Vorstellung, wir haetten da oben ein paar hundert Meter abseits der nicht befahrenen Strasse in exponierter Lage uebernachtet, um am naechsten Morgen den Reifenwechsel vorzunehmen....und ich haett die Sicherheitsschloesser nicht aufgekriegt.....
Sachen gibts, die sind einfach nur zum Heulen und schnell wieder vergessen.....!
Schliesslich liess sich der Reifen problemlos reparieren und auch die Schloesser hat der nette Reifenmensch mit einiger Muehe und entsprechendem, Werkzeug sogar knacken koennen.......

Dann koennen wir den Pass zum zweiten Mal in Angriff nehmen und stehen schliesslich ( aber erst, nachdem Silvia unbedingt den einstündigen Joggingtest in 3600m Hoehe unternehmen musste- und ich sie mit dem Fernglas in der Weite der Landschaft erst such musste..) auf beeindrueckenden 4726m Hoehe, umgeben von bis zu 6800m hohen Vulkanbergen. Es ist der 31.12. und die Passhoehe waere eigentlich ein wuerdiger Ort zum Begehen des Jahreswechsels. Doch errscheint uns dieses Unterfangen angesichts der nur unzureichenden Hoehenanpassung (in 2 Tagen von 1000 auf 4700m) etwas riskant und ausserdem wollen wir um 24 Uhr ja noch eine Flasche Sekt geniessen; Alkohol auf dieser Hoehe erscheint dann doch sehr fragwuerdig. Wir muessen schliesslich bis zum Einbruch der Dunkelheit weiterfahren, ehe wir endlich wieder die 4000m Hoehenmarke unterschreiten und letztlich auf 3900m bei einem atemberaubenden Sonnenuntergang ein vorgezogenes Silvesterfeuerwerk der Natur als Belohnung erhalten. Beim anschliessenden Sekt haelt sich Silvia dann doch stark zurueck, so dass ich die Flasche zu ¾ allein kippe, was sich spaeter in der Nacht dann bitter raecht, als mir nicht nur schlecht wird, sondern ich auch extrem starke Kopfschmerzen bekomme, die mich schier wahnsinnig machen. Unzureichende Hoehenanpassung und Alkoholsuenden werden halt bitter mit „Soroche“-Symptomen bestraft (Vorwarnsignale der Hoehenkrankheit). Zum Glueck gehts am naechsten Morgen rasch abwaerts.

Jetzt sind wir in Copiapo, einer sympathischen 100.000-Einwohnerstadt in der Atakama-Desert, 70 KM vom Pazifik entfernt, den wir gestern bei einem Tagesausflug Richtung Caldera zum ersten Mal in unserem Leben besichtigt haben. Auch diesmal wird Chile wie beim ersten Besuch nur eine Stippvisite bleiben, weil wir uns von hier aus erneut ueber den naechstgelegenen, verkehrsmaessig sehr abgelegenen Andenpass Pircas Negra wieder nach Argentinien orientieren werden.

Doch dies ist eine andere Geschichte......

Fotos:durch-Argentinien-nach.Chile.
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Beitragvon tibesti » 13.01.2007 00:49

Reiseroute
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Hola aus den Weiten Argentiniens
Da die Gestaltung der Diashows doch recht zeitaufwendig ist, bleibt eigentlich kaum Zeit fuer einen ausfuehrlichen Reisebericht. Deshalb gibts diesmal nur einen Kurzbericht:

Eine wunderbare Zeit ist verstrichen mit wahrlich herrlichen Naturerlebnissen.

Unser 6-taegiger Kurzaufenthalt in Chile in der beschaulichen netten Stadt Copiapo ist neben einem Kurzabstecher zum Pazifik und gemuetlichem Stadtbummel mit Autoservice gefuellt. Nachdem unser Anlasser in der Einsamkeit des paraguayanischen Chaco bereits zum ersten Mal frueh am Morgen beim Druecken Starterknopfes den Dienst verweigerte und einfach tot blieb, um nach vergeblicher Fehlersuche und erfolgreichem Kurzschliessen mittels eines Schraubenziehers wieder reibungslos zu funktionieren, gab er in Caldera am Pazifik voellig ueberraschend wieder den Geist auf und verweigerte anschliessend den ganzen Tag den Dienst, so dass ich entweder kurzschliessen musste oder zwecks Start am Hang parken musste. Na immerhin, denk ich noch, wenigstens ist er so nett, hier zu streiken und nicht in ein paar Tagen in der Einsamkeit der Berge; so koennen wir in einer Werkstatt dem Problem ja auf die Spur kommen. Gesagt getan, nach einem schoenen Tag am Pazifik fahren wir zurueck nach Copiapo, finden auch recht schnell eine kompetente Werkstatt mit wirklich hilfbereiten Auto-Elektrikern und.... das Mistding funktioniert wieder, als ob nie was gewesen waere. Gemeinsam gehen wir die moeglichen Fehlerquellen durch, an einer Pin-Tafel wird der Schaltkreislauf gezeichnet; es bleibt dabei, irgendwo muss ja wohl ein Problem sein, aber es ist nicht zu entdecken. Schliesslich meint der Mechaniker treffend: Das ist sowieso alles typisch deutsche Technik-Schei...., moeglichst kompliziert und mit unnoetigem zusaetzlichem Sicherheitssystem ausgestattet(Starten ist bei eingelegtem Gang nicht moeglich...), alles nur darauf ausgelegt, um die Reparaturpreise in die Hoehe zu treiben. Bei uns in Chile gibts diesen Kram nicht, da wird nix dazwischengeschaltet, eine solide Direkt-Verbindung ohne Umwege von Starterknopf zum Anlasser und Aus ist die Maus. Na prima, denk ich und erteil den Auftrag. Jetzt hab ich diese Direktverbindung und sicherheitshalber noch einen neuen Starterknopf und alles funktioniert prima.....

Ein ganz "dolles Ding" erleben wir dann in der oertlichen Mercedes-Vertretung. Ein neuer Abschmierservice von Kardanwellen und Federn ist noetig; schon lange leg ich mich nicht mehr selbst unter die Kiste, um danach wie ein Ferkel wieder darunter hervorzukriechen, das lass ich lieber irgendwo fuer ein paar Euro machen und stell mich mit in die Grube und pass auf, dass auch alle Schmiernippel richtig "bedient werden". Was in Brasilien an jeder Tankstelle in Windeseile hervorragend zu erledigen ist, ist in Chile leider recht umstaendlich, denn die meisten Tankstellen sind dafuer nicht ausgestattet und eine LKW-Werkstatt zu finden, die das erledigt, ist auch nicht so einfach. Da kommt die Mercedes-Vertretung ja gerade recht, die uns am Wegesrand auf dem Praesentierteller serviert wird. Zwar sind die Preise hier natuerlich "Mercedes-Preise" (in Chile sind das 25 Euro die Stunde), aber in Nordchile und in Brasilien hatten wir schon zweimal sehr positive Erfahrungen mit solchen offiziellen Mercedes.-Vertretungen, die den Service sogar kostenlos vornahmen. Aber hier....!

Allein schon der Sicherheitschef am Tor in seiner gewichtigen Uniform war ein Erlebnis; Ich hatte die ganze Zeit das Gefuehl: Das ist nach dem Leiter der Niederlassung sicherlich der wichtigste Mann im Laden, ohne sein huldvolles Nicken geht hier wirklich nix....Nach vielen Formalien stehen wir endlich in der Halle und.... es passiert nix.... 30 MInuten verstreichen, 45 Minuten. Das einzige was passiert, ist, dass noch zweimal jemand mit dem Auftragsformular auftaucht: beim ersten Mal muss er jetzt doch unbedingt eine Anschrift haben (ich hatte angegeben: Wohnort Wohnmobil), beim zweiten Mal muss unbedingt die Motornummer auf den Zettel. Ich krieg die Krise. Erstens muss man wissen, das in den Autopapieren keine Motornummer mehr steht und zweitens hat das Auto einen Tauschmotor- und der hat keine Nummer, weil keine eingestanzt ist und die angenietete Plakette mit der Nummer schon laengst verlorengegangen ist. Er laesst nicht locker und ich werd "etwas" ungeduldig: Das waer ja jetzt wohl tipico aleman, typisch deutsches Verhalten, soviel Umstandkraemerei fuer solch einen Popel-Miniservice. Er verduftet wieder und es passiert weiter nix. Nach etwa einer Stunde such ich den Chef persoenlich auf und erfahre, dass sie ernsthafte "Technik-Probleme" haben, sie kriegen meinen Auftrag einfach nicht ins Computersystem gestellt und ohne ausgedrucktes Auftragsformular kann auch nicht angefangen werden. Aber er sei optimistisch, in spaetestens 10 Minuten gehe es los, gaaanz sicher... Nach weiteren zwanzig Minuten wuerd ich am liebstens verduften, aber das ist leider auch nicht so ohne weiteres moeglich, denn ohne eine Unterschrift unter einen "Passierschein" komm ich nie durch die Kontrolle des Sicherheitschefs - und mit dem hab ich es mir in der Zwischenzeit sowieso verschissen, weil ich seinen Anweisungen nicht Folge leistete und - statt im Besucherraum Platz zu nehmen, darauf bestand, beim Fahrzeug in der Halle zu bleiben. Wir beschliessen, den Jungs und Maedels eine Gnadenfrist von weiteren 5 Minuten zu geben und um Druck zu machen, such ich nochmals den Chef auf. Der sieht mich, stutzt und entschwindet spontan ueber eine Treppe auf die obere offene Galerie. Nur Sekunden spaeter bricht da oben ein Riesengezeter los; eine erboste Maennerstimme schreit und eine weibliche Schreibkraft kreischt wahrlich hysterisch zurueck. Da ist jetzt aber ordentlich Feuer unterm Dach, denk ich noch...aber es wirkt. Innerhalb von zwei Minuten legen die Jungs endlich mit der Arbeit los und sind nach etwa 30 Minuten auch recht schnell fertig. Halleluja, denk ich mir, jetzt - nach ueber 3 stunden, aber nun fix bezahlen und nix wie weg. Denkste!!!!! Ich kann nicht bezahlen, weil die nette Frau an der Kasse vergeblich versucht, meinen Auftrag im System zum Ausdruck zu bringen. Nochmal stehen wir uns 30 Minuten Loecher in den Bauch, dann gelingt es uns schliesslich, auch ohne gueltige Rechnung zu bezahlen.......

Was bleibt als Fazit festzuhalten: Da ist das pefektionierte deutsche "Mercedes-typische" Auftragssystem bis zur unflexiblen Erstarrung auf die Spitze getrieben worden. Doch das ist eigentlich nicht das schlimmste. Schlimm war vielmehr, dass niemand sich genoetigt fuehlte, uns nach einer gewissen Zeitspanne darueber zu informieren, dass es "Probleme" gebe; vielleicht haette man uns ja auch zur Ueberbrueckung der Wartezeit eine Tasse Kaffee anbieten koenen oder irgendwas Nettes in der Art. Aber nix da!!!! So bleibt ein aeusserst fader Nachgeschmack zurueck, wobei man zur Ehrrettung von Mercedes aber auch sagen muss, es geht auch ganz anders wie die Beispiele in Braslien oder auch meine "Heimat-Werkstatt" in Berlin zeigen......

Doch nun zur eigentlichen Reiseroute:
Nach wie bereits gesagt 6 Tagen in Chile haben wir auf einer herrlichen und abenteuerlichen Route die Anden erneut Richtung Argentinien ueber den einsamen und nur im Januar und Februar geoeffneten Pass Pircas Negras ueberquert. Die Piste windet sich ueber insgesamt knapp 500 KM auf beiden Seiten durch ein farbenpraechtiges Schluchtensystem in die Hoehe, ueberquert die Grenze am Pass Pircas Negras auf 4175m Hoehe, steigt dann noch weiter auf 4500 m an und fuehrt durch eine tolle Hochebene mit Salzlagunen, umgeben von 6000er-Bergen. Verkehrsaufkommen auf der gesamten Strecke = Null, Einsamkeit pur.


Wieder unten im Tal hatten wir leider das Pech, auf einen mit uns voellig ueberforderten Grenzpoizisten zu treffen, der sich nicht in dfer Lage sah, uns das unbedingt notwendige Zolldokument fuer die voruebergehende Fahrzeugeinfuhr in Argentinien auszustellen, uns statt dessen an die Zollstelle in der weit entfernten Provinzhauptstadt Rioja verwies und uns so
zu einem aergerlichen 300KM-Umweg zwang. Pech gehabt...
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Am Fuss der Anden lang ging es dann wie immer bei uns auf Nebenrouten durch abwechslungsreiche halbwuestenhafte Landschaften zu einem weiteren absoluten Hoehepunkt der bisherigen Reise- der Ueberquerung des 4785m hohen Andenpasses Aguas Negras Richtung Chile, wobei wir nicht offiziell nach Chile ausreisten, sondern 30 KM hinter dem Pass umdrehten und zurueck nach Argentinien fuhren. Ebenfalls nur im Januar und Februar geoeffnet, ist diese Strecke ein weiteres absolutes Highlight unserer bisher wahrlich nicht langweiligen Suedamerikareise. Die Strecke fuehrt durch eine grandiose Bergwelt und weist als Schmankerl die wirklich einmaligen sog. Buesser-Schnee-Felder auf, durch Sonneneinstrahlung verursachte bizarr geformte Eisskulpturen:
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Exkurs:
Schönheit im Büßergewand

Die Sonne ist eine grandiose Architektin schneebedeckter Landschaften. Hier modelliert sie große Eistürme und filigran anmutende Strukturen. Doch die Gestalt der Figuren bestimmt nicht sie allein, entscheidend ist, wie sauber oder schmutzig der Schnee ist.
Hoch oben im Himalaja ziehen seltsame Prozessionen von gebückt schreitenden Mönchen dahin. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich diese, in weiße Gewänder gehüllten, mysteriösen Büßergestalten - die so genannten Penitentes, zu deutsch Büßerschnee - jedoch als mächtige Eissäulen von bis zu sechs Metern Höhe. Die geniale Künstlerin, die Sonne, schafft diese Formationen, indem sie strahlend weiße Gletscher und Schneefelder zum Schmelzen bringt.
An anderen Stellen brennt sie kleine Grübchen in den Schnee, die dem Inneren eines Eierkartons ähneln. Diese Mulden vertiefen sich rasch von selbst, indem die von den Seiten reflektierte Energie auf den Grund gelenkt wird.

Solche Ablationsstrukturen entstehen auf vielerlei Art und Weise. Ganz bedeutsam ist dabei Staub, der je nach Lage in unterschiedlichen Mengen herangeweht wird. Sind Gletscher oder Schneedecken von einem dünnen Staubfilm bedeckt, so können sich unter dem Einfluss der Sonne Netzwerke von dreckigen Erhöhungen in Gestalt eines Vieleckes mit sauberen Mulden in der Mitte bilden.

Lagert sich hingegen eine dicke Staubschicht auf Schneefeldern ab, können bis zu 85 Meter hohe Spitzen aus Schnee oder Eis in den Himmel aufragen. Während leicht schmutziger Schnee die Reflexionen des Sonnenlichts dämpft, mehr Energie absorbiert und dadurch schmilzt, kann eine dicke Staubschicht den Schnee jedoch abschirmen und den Schmelzprozess verlangsamen. Ob sich Grübchen bilden oder Eistürme und wie lange diese Strukturen existieren, ist somit von dem Staubgehalt des Schnees abhängig.

Nun entwickelte Meredith Betterton von der Havard University ein mathematisches Modell, mit dem sich die anfängliche Größe und Gestalt von Unregelmäßigkeiten abschätzen lässt, die sich auf einer annähernd ebenen Schneefläche unter dem Einfluss der Sonne ausbilden. In diesem Modell ist die Schmelzrate eine Funktion der Schmutzdicke: In sauberem Schnee weisen die sich selbst vertiefenden Senken eine charakteristische Größe auf, aus denen schließlich jene langlebige Büßerprozession wird.

Die vergänglichen Erhebungen - so sagt es das Modell voraus - erscheinen hingegen, wenn eine dünne Schmutzschicht die Reflexion des Sonnenlichtes unterdrückt und die erhöhte Absorption den Schmelzvorgang beschleunigt. Wenn der Schnee flüssig wird, sammelt sich der Staub auf den Graten an und dünnt sich in den Tälern aus. Als Ergebnis bilden sich die Erhebungen beständig neu, akkumulieren dünne Staubschichten und schmelzen wieder dahin.

Die Säulen, die von einem dicken Dreckmantel umhüllt sind, erscheinen dagegen markanter, denn hier ist der Schnee von dem erodierenden Sonnenlicht abgeschirmt. Die Wissenschaftlerin will nun ihr Modell im Labor mit künstlicher Beleuchtung überprüfen - eine zeitsparende Alternative zur Beobachtung in der rauhen Natur.
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Beeindruckt stehen wir staunend vor dieser Wunderwelt der Natur. Nach einer kalten Nacht auf chilenischer Seite auf 4000m machen wir auf der Rueckfahrt ueber den Pass dann einen ernsthaften Hochgebirgswandertest. Wir wollen unbedingt die 5000m mal zu Fuss erleben- und so brechen wir von der Passhoehe aus zu einer mehrstuendigen Wanderung auf die naechstgelegenen Bergkuppen auf. Steil gehts ueber lose Geroellfelder in die Hoehe und trotz des kalten Sturms, der uns umtost, faellt das Atmen unter der extremen Anstrengung schon recht schwer (Spontan denke ich angesichts des Sturms: Ja mei, die Luft ist hier so duenn, da pfeift der Wind einfach nur so durch...). Quaelend langsam kommen wir voran, bis wir dann endlich auf dem naechstgelegen "Gipfelchen" unseren ersten Mini-Gipfelsturm feiern, auf einer Hoehe von deutlich ueber 5000 + x. Die Aussicht ist einfach "atem(be)raubend......
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Fotos:Ueber den Paso Pircas Negras von Chile nach Argentinien

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Fotos:Durch Argentinien zum Paso Aguas Negras


Adios bis zum naechsten Mal...
Zuletzt geändert von tibesti am 02.02.2007 16:58, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitragvon tibesti » 13.01.2007 22:02

Nachtrag 1:
Der Gerd hat mich freundlicherweise auf einen Fehler in der Diashow "Ueber den Paso Aguas Negras" hingewiesen, wo an einer Stelle ein Haenger drin war. Der ist behoben, es funktioniert alles einwandfrei.

Nachtrag 2:
es waren jetzt schon zweimal Fotos ueber diese merkwuerdigen - "Difunta Correa" genannten - Opferaltaere laengs der Strasse zu sehen, ohne dass ich eine Erlaeuterung hgierzu gegeben habe. Die ganze in Argentinien aeusserst populaere Erscheinung geht auf eine Frau namen D.Correa zurueck, die - so will es die Volkslegende, sich in hochschwangerem Zustand auf die Suche nach ihrem in der Wueste rund um San Juan begab. Unterwegs gebar sie ein Kind, starb anschliessend vor Erschoepfung, waehrend das Kind mittels der milch der Mutterbrust ueberlebte. was asn dieser Geschichte wirklich wahr und was Legende ist, bleibt bis heute ein ein ungeloestes Raetsel. Jedenfalls entstand an der Stelle in der Naehe von San Juan, an der angeblich die tote Frau und ihr lebendes Kind gefunden wurde, eine Art Wallfahrtsort, eine sog. "Difunta Correa", wo jedes Wochenende - aehnlich wie in Lourdes - tausende Argentinier durch Bringen einer Opfergabe die Erfuellung eines Wunsches erflehen, angefangen von so profanen Anliegen wie dem Wunsch nach der Genehmigung fuer ein Bankdarlehen bis hin zur Bitte nach Gesundung von einer Krankheit. Alle Wuensche werden durch Opfergaben bekraeftigt, so dass im Lauf der Jahre ein wahres Panoptikum an Gegenstaenden sich angesammelt hat. Die katholische Kirche hat den Treiben stets mit aeusserster Skepsis zugeschaut und das Wunder der angeblichen Kindsrettung nie bestaetigt, sah sich allerdings angesichts der unglaublichen Popularitaet der Staette bei den Argentiniern genoetigt, durch den Bau einer Kapelle neben den Opferstellen zumindest indirekt ihren Segen zu diesem Treiben zu geben.

Neben dem "Hauptwallfahrtsort" bei San Juan sind solche "Opferstellen" ueberall in Argentinien vornehmlich an gefaehrdeten Strassenstellen, wie kritischen Bergpassagen yund einsamen Wuestenstrecken entstanden, wo mit allen absonderlichen Schrotteilen wie Keilriemen, Kuehlergrills, Kolben usw. der Segen von oben erfleht wird. Ueberall an diesen Difunta Cooreas sieht man zudem Unmegen mit Wasser gefuellter Plastikflaschen; mit ihnen wird im in weiten Teilen menschenmleeren und halbwuestenhaften Argentinien darum gebneten, im Pannenfall immer genuegend Wasservorraete zu haben.
Kleine Kuriositaet zum Schluss: Difunta Correa leitet sich von dem Namen der angeblich gestorbenen Frau ab, Correa heisst aber im spanischen Castellan auch "Keilriemen" und Difunta Correa heisst "kaputter Keilriemen...

Na dann....
P.S. wir haben auch schon etwas "geopfert", aber nicht weitersagen...
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Beitragvon tibesti » 29.01.2007 19:03

Comodire Rivadavia, 29.1.2007
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Mein Interesse für Patagonien überdauerte..,denn der kalte Krieg hatte in mir eine gewisse Leidenschaft für die Geographie geweckt. Ender der 40er Jahre warf der Menschenfresser im Kreml Schatten auf unser Leben- man hätte seinen Schnauzbart durchaus mit Fangzähnen verwechseln können. Wir mussten uns Vorträge über den Krieg, den er plante, anhören. Wir erlebten, wie ein Professor für zivile Verteidigung Kreise um all die europäischen Städte zog, die total oder partiell zerstört werden würden. Wir sahen, dass diese Gebiete aneinandergrenzten und dass kein Plstz mehr zwischen ihnen blieb. Der Professor trug Khakishorts, seine Knie waren weiss und knorpelig, und wir sahen, dass die Lage hoffnungslos war. Der Krieg kam immer näher, und wir konnten nichts daran ändern. Als nächstes lasen wir von der Kobaltbombe, die schlimmer war als die Wasserstoffbombe und den Planeten in einer endlosen Kettenreaktion vernichten konnte.......Und doch hofften wir, den Sturm zu überleben. Wir gründeten ein Auswanderungskomitee und schmiedeten den Plan, uns in einem abgelegenen Winkel der Erde niederzulassen. Wir hockten über Landkarten. Wir studierten die Richtung der vorherrschenden Winde und die voraussichtlichen Fallout-Zonen. Der Krieg würde in der nördlichen Hemisphäre stattfinden, also konzentrierten wir uns auf die südliche. Die Inseln im Pazifik kamen nicht in Frage, denn Inseln sind Fallen. Auch Australien und Neuseeland schieden aus, und wir einigten uns auf Patagonien als den sichersten Platz auf Erden. Ich stellte mir ein niedriges sturmfestes Holzhaus mit einem Schindeldach vor, in dem Kaminfeuer loderte und an den Wänden die schönsten Bücher standen, einen Ort, wo man leben konnte, wenn die übrige Welt in die Luft flog.
Dann starb Stalin und wir stimmten Lobgesänge in der Kirche an, aber ich behielt mir Patagonien weiter in Reserve.
Bruce Chatwin

Ich trage den Süden in mir wie ein Schicksal des Herzens....
Ich suche den Süden, wo die Zeit Ewigkeit ist.
Argentinisches Lied

Nirgendwo ist auch ein Ort.
Paul Theroux über die weiten Ebenen Patagoniens

Die Ebenen von Patagonien können nur negativ beschrieben werden....ohne Wohnstätten, ohne Wasser, ohne Bäume tragen sie nur wenige zwerghafte Pflanzen....Warum haben denn nun aber, und das ist nicht bei mir allein der Fall, diese dürren Wüsten sich so einen festen Platz in meinem Gedächtnis errungen? Warum, frage ich mich, nimmt dieses spröde Land meinen Geist so gefangen ? Wieso beeindruckt mich eine ebenere, grünere, fruchtbarere und dem Menschen nützliche Pampa nicht gleichermaßen ? Es muß wohl an diesem Horizont liegen, der die Vorstellungskraft beflügelt.
Charles Darwin





Der große Sprung...
Aufbruch nach Patagonien



Die Fahrt in den Süden Argentiniens beginnt mit Autoproblemen. Nach einem 2-tägigen Zwischenstop bei Uspallata, wo wir auf einer weiteren (wenig attraktiven, als Hauptverbindung zwischen den Millionenstädten Santiago/Chile und Mendoza/Arg vielbefahrenen) Anden-Paßstrasse einen Pflichtbesuch des Aconcagua, des höchsten Berges Südamerikas unternehmen, setzen wir zu einem grossen Sprung Richtung Süden an. 1000 KM in zweieinhalb Tagen – erstmals auf dieser Reise reissen wir buchstäblich die KM runter. Absichtlich weichen wir ins Tiefland der Pampa aus, damit keine landschaftliche Ablenkung unser Vorwärtskommen stört – über Mendoza steuern wir die erste Stadt in Patagonien an: Neuquen. Nach einem Blick auf die Landkarte erscheint uns dieser Schritt notwendig, um noch ein (wettermäßig) akzeptables Zeitfenster für die Besichtigung des Südens zu haben.

Hinter Mendoza beginnen die weiten Ebenen der argentinischen Pampa; sie gehen anschliessend nahtlos in die patagonischen Steppenebenen über. Schnurgerade zieht sich das Asphaltband Kilometer für Kilometer Richtung Süden.
Dann endlich ist der Rio Negro erreicht- der Fluß und ein Kontrollposten der Polizei sowie die obligatorische Lebensmittelkontrollstelle markieren hier die Grenze zu Patagonien. Doch von der Leere Patagoniens ist nichts zu spüren: Das Verkehrsaufkommen ist enorm, zu den vielen LKWs gesellen sich eine Vielzahl von PKWs- es ist Januar und der Hauptreisemonat in Argentinien. Da nur wenige asphaltierte Hauptverbindungsstrassen hier im Süden das Land durchziehen, ballt sich der Verkehr auf diesen um so mehr. Kurz vor Neuquen stelle ich dann auf einmal fest, dass ein hinterer Radbremszylinder defekt ist; die Bremsflüssigkeit läuft aus und der starke Wind, der hier in den Ebenen ununterbrochen weht, hat die Flüssigkeit überall am Fahrzeug verteilt. Die Bremszylinder scheinen eine echte Schwachstelle dieser Mercedes-Modelle zu sein, so relativ häufig geben sie den Geist auf. An sich ist das keine grosse Sache, bloß: In Neuquen bei Mercedes stellt sich heraus, dass es in ganz Argentinien kein Ersatzteil für dieses Fahrzeugmodell gibt. Provisorisch wird wenigstens die Zuleitung für die Bremsflüssigkeit mit einem Stopfen verschlossen; jetzt ist der Verlust an Bremsflüssigkeit zwar gestoppt, allerdings auch die entsprechende Bremse an diesem Reifen stillgelegt- eine vorübergehende Notlösung. Der Service in dieser sehr kleinen Mercedesvertretung ist super, sehr hilfsbereit hat man nach einer Problemlösung gesucht und herumtelefoniert, doch es war nichts zu machen. An einer Tankstelle lassen wir anschliessend einen Ölwechsel vornehmen. Ich beobachte den Servicemenschen bei der Arbeit, wundere mich zwar, wie schwer er sich tut, die Ölablass-Schraube am Ölfiltergehäuse zu öffnen, denk mir aber nichts weiter dabei. Dann endlich können wir weiter- unser Ziel ist nochmals der Andenrand, wir wollen ins Land der Araukarien-Bäume, nach Araukarien. Kurz vor Erreichen unseres Etappenzieles nach 200 KM Fahrt spricht unser Auto dann mal wieder mit mir: „Schau, das ist doch ein schönes Fotomotiv. Willst du nicht mal aussteigen und ein Foto machen?“. Gesagt, getan. Ich halte am Strassenrand, steige aus und mich trifft der Schlag: Das ganze Fahrzeug ist unten ölverschmiert, wieder hat der Wind die Flüssigkeit verteilt, überall trieft und tropft es. Die Fehlerquelle ist schnell lokalisiert: Irgendwo ist das Ölfiltergehäuse nicht dicht. Ich fall fast in Ohnmacht und kontrollier schnell den Ölstand: ca. 3 l Öl haben wir auf diesen 200 KM verloren! Dieses Fahrzeug ist wirklich eine treue Seele: Schon mehrmals hat es mich aufgefordert: „Geh, schau, es ist doch so schön draussen, willst nicht mal aussteigen und ein bisserl ums Auto spazieren?“ Schon dreimal (zweimal davon auf der letzten Reise) hab ich auf diese Weise durch das Zischgeräusch einen Reifenschaden rechtzeitig entdeckt, bevor der Reifen endgültig platt war und konnte jeweils durch mehrmaliges Aufpumpen immer bequem eine Reifenwerkstatt erreichen und musste nicht selbst Hand anlegen. Jetzt werden wir vor weit schlimmerem bewahrt. Es hat sich damit voll ausgezahlt, dass ich in Anlehnung an Karl Mays „Kara Ben Nemsi“ (Gott hab ihn selig), der seinem treuen Kamel Rih jeden Abend eine Koran-Sure in Ohr pflüsterte, unserem Reisegefährt jeden Abend einige aufmunternde Worte in den Auspuff spreche. Ein Auto ist schliesslich auch ein soziales Wesen!!

Es sind zum Glück nur 14 KM bis zur nächstgelegenen Kleinstadt Zapala. Obwohl die Zeit schon sehr weit vorgerückt ist (9 Uhr abends) finden wir noch eine offene Werkstatt – und werden hier von einer unglaublichen Gastfreundschaft überwältigt. Das Problem ist schnell erkannt: die Ablassschraube wurde bei einem vorhergehenden Ölwechsel schief wieder hereingedreht (deshalb war es wohl auch so schwierig, sie zu öffnen), jetzt schliesst sie nicht mehr richtig ab, sitzt etwas locker- mit einer permanenten Dichtmasse wird sie wieder eingedreht und quasi festgeklebt. Schnell ists 11 Uhr am Abend- wir können selbstverständlich auf dem Hof übernachten. In der Zwischenzeit wurde der Grill angeworfen, das Fleisch aufgelegt, die Weinflaschen geöffnet. Es beginnt eine essens- und trinkmässig lustige Völlerei bis um drei in der Nacht. Beim Abschied am nächsten Morgen haben wir vor lauter Umarmungen und Küsschen links und Küsschen rechts fast das Gefühl, zur Familie zu gehören.

Ich ziehe eine kurze Zwischenbilanz aus technischer Sicht, in 7,5 Monaten schlagen zu Buche: ein durchgebrannter Anlasser wegen eines kurzgeschlossenen Relais in Uruguay (ich hatte Ersatz dabei, der alte wurde überholt), ein gebrochener Auspuffkrümmer am Motorgehäuse in Brasilien (ich hatte zum Glück Ersatz dabei, da das vor Jahren schon mal passierte), ein defekter Reifen in Argentinien (konnte geflickt werden, obwohl er schlauchlos ist), Starterprobleme in Paraguay und Chile, der Anlasser bleibt beim Startversuch tot (Fehlerquelle nicht lokalisierbar, ein neuer Starterknopf und eine neue direkte Stromleitung zum Anlasser lösen das Problem), ein defekter Radbremszylinder in Argentinien (keine Ersatzteile) und jetzt eine defekte Ölablassschraube am Filtergehäuse. Alles in allem eine recht ordentliche Bilanz, vor allem wenn man bedenkt, dass das Fahrzeug wahrlich nicht geschont wurde und von den inzwischen gefahrenen über 30.000 KM deutlich mehr als die Hälfte auf nicht asphaltierten Pisten von zum Teil recht zweifelhafter Qualität absolviert wurde.

Nach den diversen Abenteuern rund ums Fahrzeug gehts dann endlich weiter, wir steuern wieder Richtung Andenrand mit Ziel des argentinischen Seengebietes.
Im Umkreis des Nationalparks Lanin, der beherrscht wird von der Silhouette des gleichnamigen schneebedeckten Vulkans bewegen wir uns durch eine andine Landschaft, die hier komplett anders ist als weiter im Norden. Die Berge sind nicht mehr so hoch (bis 3800 m), und eingebettet in Araukarienwälder liegen Flüsse und Seen mit glasklarem Wasser. Die Gegend wirkt „lieblich“ und wird hier zurecht auch die „argentinische Schweiz“ genannt. Trotzdem gefällt es mir hier nur eher mässig, es fehlt die Weite und das Schroffe, das Spektakuläre der andinen Hochebenen des Nordens. Zudem fällt unangenehm auf: Weite Teile dieser Landschaft sind eingezäunt, selbst Seen und die schmalen Uferstreifen der Flüsse sind vielerorts nicht öffentlich zugänglich, sondern in Privatbesitz. Was Klaus Bednartz in seiner Patagonien-Reportage über die tiefen Ebenen der chilenischen patagonischen Steppen schreibt, trifft erst Recht auf diesen andinen Teil Patagoniens zu:

„Hier in der Pampa erscheint der Stacheldraht, neben der Weite, dem ewigen Wind und den bizarren Wolkenformationen am Himmel, als das auffallendste Charakteristikum; er ist geradezu allgegenwärtig. Jeder Flecken Erde, der den geringsten Nutzen haben könnte, ist umzäunt. Dicke Pfähle markieren den Besitzanspruch des Grundherren, zwischen ihnen verlaufen die Stacheldrahtreihen zuweilen bis in Schulterhöhe. Das gilt nicht nur für Weideflächen, sondern auch für Flussufer und ganze Seen. Und so mancher öffentliche Weg endet an einem Gatter, verschlossen mit einer Kette. Landbesitz bedeutet in Patagonien eben mehr als in Europa. Wer etwas kauft, dem gehört es mit allem Drum und Dran. Ob andere nicht mehr an einen See können oder an das Ufer, niemanden interessiert es. Die Gesetze werden schließlich für die Besitzenden gemacht. Die Zäune sind im Übrigen ein doppeltes Unglück für Patagonien gewesen. Durch sie sind die Indianer eines grossen Teils ihrer Jagdgründe beraubt worden. Zugleich führten sie zu einer nachhaltigen Dezimierung der riesigen Guanako-Herden, der wichtigsten Lebensgrundlage der indianischen Pampavölker. Die Hürden aus Stacheldraht versperrten ihnen den Weg auf ihrer winterlichen Wanderung von den Bergen zum Meer. Jungtiere, die den Sprung über die Zäune nicht schafften, verendeten elend. Außerdem wurden die immer enger gezogenen Zäune auch den Schafen zum Verhängnis- während des „weißen Erdbebens“ 1995 etwa. Früher sind die Schafe, die in Patagonien das ganze Jahr über auf der Weide bleiben, bei solch extremer Witterung einfach auf Anhöhen gezogen, wo es weniger Schnee gab. Dort hielten sie notfalls bis zu 45 Tage ohne Nahrung durch. Heute sind die einzelnen Weideflächen viel kleiner, die Wege auf die Hügel meist versperrt, und so ist in jenem Winter ein Großteil der Schafe beim Versuch, auf höhere Lagen zu kommen, an den Zäunen im Schnee erstickt.“.

Neben der zu sehr alpenländisch anmutenden Landschaft und der Zäune mißfällt mir außerdem die an manchen Orten doch inzwischen sehr weit fortgeschrittene touristische Erschliessung der Region. Zwar hält diese immer noch lange keinen Vergleich (auch was die Zahl der einheimischen Touristen angeht) mit europäischen Verhältnissen aus und ist aus Sicht der lokalen Bevölkerung natürlich legitim und verständlich, aber das alles ist nicht das, was ich mir unter „Patagonien“ als dem leeren, weiten und unwirtlichen Land vorgestellt haben. Wir sind leicht enttäuscht. So ist das nun mal. Wir reisen eben nicht mehr in den Anfängen der 1970er Jahren, sondern im 21.Jahrhundert. Ich erinnere mich noch lebhaft an unsere ersten Norwegenreisen um 1973, die zum Teil durch ähnliche Landschaften wie hier führten. Mit einem alten VW-Käfer erkundeten wir die Hochfjells zwischen den Fjorden, einsam war man damals unterwegs, auf nicht asphaltierten Wegen entdeckte man menschenleere Seen. Vor 8 Jahren dann ein Wiedersehen mit dieser Landschaft, die kaum noch wiederzuerkennen war. Vorbei war es mit der Leere, die Seen häufig bis zum letzten Fleck mit Wochenendhäusern zugebaut, die Pisten asphaltiert und ein endloser Strom von Wohnmobilisten konterkarierte den Begriff von der nordischen Leere. So weit ist es hier zum Glück noch lange nicht, aber der Wandel ist in vollem Gange.Doch das konnten wir ja bereits im Patagonien Trecking Guide nachlesen:

„Patagonien wäre bestimmt ein hervorragendes Objekt, um die Relation zwischen der Kühle des Klimas und solchen Tugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zu studieren. Wie dem auch sei, Patagonien ist ein dünn besiedeltes Land weitab der politischen Zentren der jeweiligen Länder. Gerade Mal knapp 3 Millionen Einwohner verteilen sich auf einer Fläche, die doppelt so gross wie Deutschland ist. Kein Wunder also, dass hier noch viel Platz ist für so manche „Verrücktheit“. Auch scheint mir, bedingt vielleicht durch die Weite des Landes und die relativ junge Geschichte (viele Menschen sind erst vor wenigen Jahren bzw. Jahrzehnten nach Patagonien gezogen) die Toleranz und Hilfsbereitschaft untereinander sehr groß ist. Dem Gast begegnet man in Patagonien normalerweise mit Respekt und auch Neugier. Bettelei, Diebstahl oder auch Raubüberfälle sind zum Glück noch Femdworte am Ende der Welt. Das man mit Touristen auch Geld verdienen möchte, ist völlig klar und legitim, aber man bekommt ja schließlich auch Einiges geboten. Augenfällig ist, dass Patagonien sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet. Die Estancien, riesige Schaffarmen, auf denen früher das weiße Gold Patagoniens weidete und die die wirtschaftliche Grundlage des Landes darstellten, verfallen nach und nach oder werden von reichen Ausländern aufgekauft. Schafwirtschaft lohnt sich in der alten Form kaum noch. Die Rolle des Gauchos als Schafhirte ist damit überflüssig geworden.Der moderne Schafhirte prescht mit dem Motorrad über die Pampa, Schilder mit dem Hinweisschild „Propiedad privada“ künden davon, dass unangemeldete Besucher unerwünscht sind. Welch großer Unterschied zu früher. Im Moment kann man die Zeitenwende parallel zueinander erleben. Sinnbild ist auf chilenischer Seite die neu ausgebaute PanAmericana zwischen Puerto Montt und Temuco. Auf dieser wie eine Autobahn ausgebauten Strasse zahlt man alle 50 KM an Mautstationen nach französischem Vorbild die fällige Gebühr. Alles erinnert an Europa, es sieht aus wie in Bayern, selbst schwarzweiße Kühe stehen auf der Weide.“

Was unseren Besuch dieser Gegend dann schliesslich doch lohnenswert macht, sind die andernorts sehr selten gewordenen wunderschönen Araukarien-Bäume, die hier immer noch teilweise in Waldstärke das Landschaftsbild prägen. Wir befinden in „Araukarien“, dem uralten Siedlungsgebiet der Mapuche-Indianer.
Mit seinem graden Stamm, der schrumpeligen Rinde und den geschuppten und stacheligen Blättern sieht sie fast aus wie ein mystisches Überbleibsel aus der Vorzeit. Und tatsächlich existiert die Araukarie schon seit rund 200 Millionen Jahren auf unserem Planeten und ist somit ein lebendes Fossil. Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass diese Pflanze bzw. deren Zapfen eine der Hauptnahrungsquellen der hier siedelnden Mapuche-Indianer sind, dann ist es wenig verwunderlich, das die Araukarie ein von Legenden umrankter Baum ist. Eine davon lautet:

Es war einmal vor langer Zeit, da hatte der Mond eine Tochter, die Araukarie. Sie war so wunderschön, dass selbst der eigene Vater sich in sie verliebte und sooft wie möglich zur Erde hinabkam, um sich mit ihr zu treffen. Die beiden verbrachten eine wunderschöne Zeit, bis eines Tages die Verwandten dem heimlichen Liebespaar auf die Schiche kamen und es verfluchten: Während es dem Mond verboten wurde, jemals wieder auf die Erde zurückzukehren, wurde die Araukarie verdammt, sich an den höchsten Hängen der Anden niederzulassen. Dort steht sie auch heute noch, die Arme sehnsüchtig zu ihrem Vater erhoben, aber ohne eine Möglichkeit, ihn jemals wieder zu sehen...

Die Araukarie ist zweigeschlechtlich, ein männlicher Baum steht jeweils inmitten mehrerer weiblicher Bäume. Die Indios der Gegend bezeichnen diese Bäume als die Ehefrauen der männlichen. Das Besondere der Araukarien sind ihre Zapfen, die die Grösse einer Ananas erreichen können. Die Samen fallen im Herbst und erhalten unter der winterlichen Schneedecke wie in einem Kühlhaus ihre Keimfähigkeit. Sie werden im Frühjahr und Herbst gesammelt, auf verschiedene Weise konserviert und können so jahrelang gelagert werden. Frisch gekocht schmecken sie wie junge Kartoffeln mit einem nussigen Beigeschmack. Im 19. Jh. War das Holz der sehr langsam wachsenden Araukarie zudem sehr beliebt als Bauholz in der Schifffahrt und wurde für Segelmasten verwendet.

In diesem „Araukarien“ spielt übrigens eine der absonderlichsten und abenteuerlichsten wahren Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Sie handelt vom „Konig von Araukarien“ und wurde köstlich von Bruce Chatwin nacherzählt:

Im Frühling 1859 schloss der Advokat Orelie-Antoine de Tounens die grauen Fensterläden seines Büros in der Rue Hieras in Perigueux, warf einen letzten Blick auf das byzantinische Profil der städtischen Kathedrale und machte sich auf den Weg nach England. Er hielt einen Koffer umklammert, der die 25000 Francs enthielt, die er vom gemeinsamen Bankkonto der Familie abgehoben hatte, womit er den finanziellen Ruin der Seinen beschleunigte.
Er ware der achte Sohn einer Familie von Kleinbauern, die auf einem heruntergewirtschafteten Herrensitz in dem Dörfchen La Cheze in der Nähe des Dörfchens Las Fount lebten. Er war 33 Jahre alt (das Alter, in dem Genies sterben), Junggeselle und Freimaurer und hatte mit ein bißchen Nachhilfe seine Abstammung von einem galloromanischen Senator abgeleitet und seinem Namen ein de hinzugefügt. Er hatte einen träumerischen Blick und wallendes schwarzes Kopf- und Barthaar. Er kleidete sich wie ein Dandy, hielt sich betont aufrecht und seine Handlungen zeichneten sich durch den besonnenen Mut des Visionärs aus.
Er hatte Homer gelesen und war durch ihn auf die hölzernen Strophen von Ercillas Versepos gestossen. Zum erstenmal hörte er von dem unbezwungenen Stamm im Süden Chiles:

Robust und bartlos,
Gestalten, sanft und muskulös,
die Glieder hart, stählern die Nerven,
wendig, ehern, fröhlich,
beseelt, heldenhaft und wagemutig,
abgehärtet durch die Arbeit, geduldig
bei tödlicher Kälte, bei Hunger und Hitze.

Murat war Stalljunge gewesen und wurde König von Neapel, Bernadotte war ein Schreiber aus Paris und wurde König von Schweden. Orelie-Antoine hatte es sich in den Kopf gesetzt, sich von den Araukanern zum König ihrer jungen und kräftigen Nation wählen zu lassen.

Er ging an Bord eines englischen Handelsschiffes, umfuhr mitten im Winter Kap Hoorn und landete in Coquimbo, einem Ort an der verlassenen chilenischen Küste, wo er bei einem anderen Freimaurer Logis fand. Bald darauf vernahm er, dass die Araukanier sich zum letzten Widerstand gegen die Republik versammelten. Er schrieb ermutigende Briefe an ihren Kaziken Manil und im Oktober überquerte er den Bio-Bio-Fluß, die Grenze seines künftigen Königreichs.
In seiner Begleitung befanden sich ein Dolmetscher und zwei Franzosen, die Herren Lachaise und Desfontaines, sein Aussen- und Justizminister – Phantombeamte, die er nach den Dörfern La Cheze und Las Fount benannt hatte und die in der Person Seiner Majestät verkörpert waren.
Orelie-Antoine kämpfte sich in Begleitung seiner beiden unsichtbaren Minister durch ein Unterholz voller scharlachroter Blumen, und er verliebte sich in einen jungen Reiter. Der Junge klärte ihn darüber auf, dass Manil tot sei und führte ihn zu dessen Nachfolger Quilapan. Der Franzose war entzückt, als er hörte, dass dem Indianer das Wort „Republik“ ebenso verhasst war wie ihm. Aber es gab einen neuen Tatbestand, von dem er nichts gewusst hatte: Kurz vor seinem Tod hatte der Kazike Manil den Seinen die ewige Illusion des Indianers als Prophezeiung hinterlassen: das Ende des Krieges und der Sklaverei werde mit der Ankunft eines bärtigen weißen Fremden zusammentreffen.

Die triumphale Begrüßung durch die Araukanier ermutigte Orelie-Antoine, eine konstitutionelle Monarchie auszurufen. Als Thronfolger sollten Mitglieder seiner eigenen Familie eingesetzt werden. Er unterzeichnete das Dokument mit seiner spinnwebartigen königlichen Unterschrift, setzte die kühnere Handschrift von Desfontaines darunter und sandte Durchschriften an den chilenischen Präsidenten und die Zeitungen von Santiago. Drei Tage später brachte ein durch das zweimalige Überqueren der Kordilleren völlig erschöpfter Reiter neue Nachrichten: auch die Patagonier akzeptierten das Königeich. Orelie-Antoine unterzeichnete ein weiteres Dokument, in dem er ganz Südamerika vom 42. Breitengrad bis nach Kap Hoorn annektierte.

Berauscht von der Größe seiner Geste zog sich der König in eine Pension in Valparaiso zurück und beschäftigte sich mit der Verfassung, der Armee, der Schiffahrtslinie nach Bordeaux und der Nationalhymne (die von einem Senior Guillermo Frick aus Valdivia komponiert wurde). Er schrieb einen offenen Brief an seine Heimatzeitung Le Perigord, in dem er das „La Nouvelle France“ als ein fruchtbares Land pries, das von Mineralien berste und die Verluste von Louisiana und Kanada wettmache, jedoch nicht erwähnte, dass es von kriegerischen Indianern nur so wimmelte. Eine andere Zeitung, Le Temps, höhnte, das „La Nouvelle France“ ebenso viel Vertrauen einflöße wie Monsieur de Tounen seinen früheren Klienten.
Neun Monate später kehrte der König ohne einen Pfennig und verletzt durch die Gleichgültigkeit mit einem Pferd, einem Esel und einem Diener namens Rosales nach Araukanien zurück. (Als er dieses Individuum in seine Dienste nahm, beging er den üblichen Irrtum aller Touristen, indem er 15 mit 50 Pesos verwechselte). Im ersten Dorf fand er seine Untertanen betrunken vor, aber sie waren schnell wieder bei klarem Verstand und leiteten den Befehl an die anderen Stämme weiter, sich zu versammeln. Der König sprach zu ihnen von „Natürlichem und internationelem Recht“ , und die Indianer liessen ihn hochleben. Er stand in einem Kreis von nackten Indianern, trug einen braunen Poncho und ein weißes Stirnband und salutierte mit steifen napoleonischen Gesten. Er rollte die Trikolore aus und rief unter Tränen: „Lang lebe die Einheit der Stämme! Unter einem einzigen Häuptling! Unter einer einzigen Fahne!“
Jetzt träumte der König von einer Armee von 30.000 Kriegern und wollte seiner Grenze mit Gewalt Anerkennung verschaffen. Kriegsgeschrei hallte durch die Wälder, und die ambulanten Schnapsschmuggler traten den Rückzug in die Zivilisation an. Die weißen Kolonisten auf der anderen Seite des Flusses bemerkten die Rauchzeichen und signalisierten den Militärs ihre eigenen Befürchtungen. In der Zwischenzeit kritzelte der Diener Rosales eine Nachricht an seine Frau (die nur sie allein entziffern konnte) und berichtete ihr von seinem Plan, den französischen Abenteurer zu entführen. Orelie-Antoine begab sich ohne Leibwache von einer Siedlung zur anderen. Als er eines Mittags Rast machte und gedankenverloren am Ufer des Flusses dasaß, achtete er nicht weiter auf eine Gruppe bewaffneter Männer, die er zwischen den Bäumen mit Rosales reden sah. Seine Schultern wurden von einem schweren Gewicht zu Boden gedrückt, und andere Hände nahmen ihm seine Habseligkeiten ab.
Die chilenischen Soldaten zwangen den König, mit ihnen in die Provinzhauptstadt Los Angeles zu reiten, wo sie ihn vor den Gouverneur schleppten, den Großgrundbesitzer Don Cornelio Saavedra.
„Sprechen Sie Französisch?“ fragte der Gefangene. Am Anfang machte er königliche Rechte geltend, und am Ende bot er an, in den Schoß seiner Familie zurückzukehren. Saavedra wusste durchaus, dass Orelie-Antoine sich nichts Besseres wünschen konnte. „Aber leider, erklärte er, „muß ich Sie als gewöhnlichen Verbrecher aburteilen lassen, um andere, die Ihrem Beispiel folgen könnten, abzuschrecken“.
Das Gefängnis in Los Angeles war ein finsteres, feuchtes Loch. Seine Wärter leuchteten ihm mit Laternen ins Gesicht, wenn er schlief. Er bekam die Ruhr. Er krümmte und wand sich auf einer durchweichten Matraze, ständig das Gespenst der Garotte vor Augen. In einem lichten Augenblick setzte er die Erbfolge fest: „Wir, Oreilie-Antoine I., Junggeselle, durch die Gnade Gottes und den nationalen Willen zum Herrscher gemacht etc. etc.....“ Der Thron würde auf seinen alten Vater übergehen, der in dieser Jahreszeit Walnüsse erntete, und danach auf seine Brüder und deren Nachkommen. Und dann fiel ihm das Haar aus, und mit ihm veflüchtigte sich auch der Wille zur Macht.
Orelie-Antoine verzichtete auf den Thron (unter Druck), und der französische Konsul, Monsieur Cazotte, erreichte seine Freilassung aus dem Gefängnis und ließ ihn an Bord eines französischen Kriegsschiffes nach Hause bringen. Er wurde auf knappe Rationen gesetzt, aber die Offiziersanwärter baten ihn zum Abendessen an ihren Tisch.
Im Pariser Exil wuchsen seine Haare kräftiger und schwärzer denn je, und sein Hunger nach Regentschaft nahm größenwahnsinnige Ausmaße an. „Louis XI. war nach Peronne und Francois I. war nach Pavia nicht weniger König von Frankreich als zuvor“, schrieb er am Schluß seiner Memoiren. Und doch nahm seine Karriere den gleichen Verlauf wie die so vieler gestürzter Monarchen: abenteuerliche Versuche, die Macht zurückzuerobern, feierliche Zeremonien in schäbigen Hotels, die Verleihung eines Titels im Austausch gegen eine Mahlzeit (zu einen gewissen Zeitpunkt war sein Königlicher Kammerherr ein Antoine Jiminez de la Rosa, Herzog von Saint-Valentin, Mitglied der Universität von Smyrna und anderer wissenschaftlicher Institutionen etc.), ein gewisser Erfolg bei neureichen Finanzmännern und alten Kriegsveteranen – und die unerschütterliche Überzeugung, dass das hierarchische Prinzip Gottes in einem König verkörpert ist.

Dreimal versuchte er zurückzukehren. Dreimal erschien er am Rio Negro und wanderte stromaufwärts in der Absicht, die Kordilleren zu überqueren. Jedesmal durchkreuzte man seine Pläne und beförderte ihn ohne Umstände nach Frankreich zurück. Beim erstenmal wurde er von einem Indianer verraten, das zweite Mal wurde er Opfer der Wachamkeit eines argentinischen Gouverneurs (der ihn trotz seiner Maske – kurzes Haar, Sonnenbrille und das Pseudonym Monsieur Jean Prat – erkannte). Der dritte Versuch erlaubt unterschiedliche Interpretationen: Entweder hat die ausschließlich aus Fleisch bestehende Ernährung der Gauchos eine Darmsperre bei ihm ausgelöst oder aber er wurde von Freimaurern vergiftet, weil er sein Gelübde gebrochen hatte. Tatsache ist, dass er 1877 halbtot auf dem Operationstisch eines Krankenhauses in Buenos-Aires landete. Ein Schiff der Messageries-Maritimes-Linie brachte ihn nach Bordeaux. Er suchte in Tourtoiac, im Haus seines Neffen Jean, eines Schlachters, Zuflucht. Ein quälendes Jahr lang zündete er die Laternen der Ortschaft an, bis er am 19.9.1878 starb.

Die spätere Geschichte des Königreichs von Araukanen und Patagonien gehört eher in den Bereich der Zwangsvorstellungen des bürgerlichen Frankreich als zur Politik Südamerikas. Mangels eines Thronfolgers aus der Familie Tounen warf sich ein gewisser Gustave Achille Laviarde zum König auf und regierte als Achille I. Er stammte aus Reims, wo seine Mutter eine Wäscherei hatte, die im Volksmund „Das Schloß der grünen Frösche“ hieß. Er war Bonapartist, Freimaurer, Aktionär von Moet et Chandon, Experte für Sperrballons (mit denen er eine gewisse Ähnlichkeit hatte). Er finanzierte seine Empfänge mit seinem Unternehmen, das als „Königliche Gesellschaft der Konstellation des Südens“ bekannt war, entfernte sich nie von seinem Hof in Paris, eröffnete jedoch Konsulate in Mauritius, Haiti, Nicaragua
und Port-Vendres. Als er beim Vatikan vorstellig wurde, erklärte ein chilenischer Prälat : « Dieses Königreich existiert nur in den Köpfen betrunkener Idioten ».
Der dritte König, Dr. Antoine Cros (Antoine II.) war Leibarzt des Kaisers Dom Pedro von Brasilien und starb nach eineinhalbjähriger Regentschaft in Asnieres. Er war Amatuerlithograph im Stil von Hieronymus Bosch und Bruder von Charles Cros, dem Erfinder des Paleophone und Verfasser des Gedichtbandes „Das Sandelholzkästchen“.
Dr. Cros Tochter trat die Erbfolge an und gab den Titel an ihren Sohn Jaques Bernard weiter. Zum zweitenmal wanderte ein Monarch von Araukanien hinter Gitter, dieser wegen der Dienste, die er der Vichy-Regierung Marschall Petains erwiesen hatte. Sein Nachfolger Monsieur Philippe Boiry, regierte bescheiden mit dem Titel eines Erbprinzen und hat das Haus in La Chez als Wochendhaus wiederhergerichtet...........“


Auf der Suche nach dem Patagonienbild unserer Vorstellungen beschliessen wir eine weitere West-Ost-Querung des an dieser südlichen Stelle doch schon recht schmal gewordenen Kontinents.
Wir verlassen die Anden und machen uns auf den langen Weg zum Atlantik. Von den wenigen existierenden Querverbindungen suchen wir uns eine nicht asphaltierte Nebenroute aus, die uns mit einigen Schlenkern über so fantasievolle Ortsnamen wie Ingeniero Jaccobacci oder Gan Gan nach etwa 850 KM nach Puerto Madryn an der Küste führen soll.
Und tatsächlich: Hier finden wir die imaginären Bilder wieder, die wir mit dem Begriff Patagonien verknüpfen.


Wir durchqueren wir den sog. „patagonischen Schild“, eine zum Urkontinent Gondwana (vor der Trennung des amerikanischen und afrikanischen Kontinents) gehörende Landmasse. Als ehemaliges Bruchschollengebirge präsentiert sich die Landschaft überraschend hügelig bis gebirgig und geht erst im zweiten Teil der Fahrt in die weiten patagonischen Steppenebenen über.

Die Fahrt gestaltet sich einsam. Die Strecke wird von keinem überregionalem Durchgangsverkehr benutzt, allenfalls existiert lokaler Verkehr zwischen den einzelnen Siedlungsflecken. 4 Tage sind wir unterwegs und auf der ganzen Fahrt begegnen uns vielleicht maximal 20 Fahrzeuge. Die eingezeichneten Orte entpuppen sich als weit auseinanderliegende einsam gelegene Estancias, lediglich 3 Siedlungspunkte in der Karte kann man als „Ortschaften“ im eigentlichen Sinne bezeichnen und bieten so etwas wie eine minimale Infrastruktur mit Tankstelle, Telefon, Bäckerei, Miniladen und Reifenreparaturmöglichkeit (Gomeria). So sehen wir auf dieser langen Fahrt statt Menschen eher Raubvögel, die majestätisch am Himmel über uns kreisen, Nandus, Guanakos, Hasen sowie ein paar Schafe und Pferde. Stunde um Stunde fahren wir durch diese grosse Leere. Die mit Gräsern und niedrigen Büschen bestehende Vegetation lässt sich am ehesten mit Loriots Eheberatungs-Sketch und der Frage an den Ehemann nach seiner Lieblingsfarbe beschreiben: Sie präsentiert sich......grau, doch nein, warten Sie, es muss etwas grün dazu...also grau-grün.....nein,nein, das stimmt nicht ganz, es geht doch auch leicht ins bräunliche über, also eher ein Grau-Grün-Braun- aber mit gelben Farbtupfern!! Aaah ja! Dabei ist diese Vegetation durchaus nicht so monoton, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag:

Auch hier bestätigt sich, das die patagonische Pampa....alles andere als öde ist. Besonders ins Auge fällt eine riesige hellgelb glänzende Fläche, die wie ein Teppich aussieht. Es ist eine Viehkoppel, auf der dicht an dicht Tausende Butterblumen wachsen. Von ihnen soll es in Patagonien nicht weniger als 15 verschiedene Arten geben. Wir machen aber auch Vergissmeinnicht aus, Löwenmäulchen, Jungfrauenschuh, Gänseblümchen, Fingerhut, Hahnenfuß, Anemonen und kleine Rosengewächse.....Alles in allem haben die Biologen in Patagonien mehr als 500 blühende Pflanzenarten entdeckt, darunter 12 verschiedene Edelweiß- und Orchideenarten. Wenngleich die Landschaft nicht überall so üppig ist.....,karg und eintönig, das werden wir immer wieder feststellen, ist die Pampa nirgendwo. Man muss sich nur die Mühe machen und genau hinschauen.“

Natürlich wird diese Art der Vegetation von den besonderen klimatischen Bedingungen Patagoniens geprägt. Denn: Obwohl Patagonien auf derselben geographischen Breite liegt wie Mitteleuropa, unterscheidet sich das Klima grundlegend.Einmal spielt hierbei die Lage Patagoniens als einzige Landmasse im südlichen Ozean eine Rolle, zweitens sind die Nähe zur Antarktis und drittens die Ausrichtung der Anden in Nord-Süd-Richtung maßgebende Faktoren.

Südlich des 30. Breitenkreises liegt der Kontinent im Bereich der Westwindzone. Der Wind treibt die über dem Pazifik angereicherten Luftmassen auf die Andenkordillere auf chilenischer Seite zu. Hier sind sie gezwungen aufzusteigen und kühlen sich dabei ab. Da kältere Luft weniger Feuchtigkeit speichern kann als warme, fängt es an zu regnen bzw. in den höheren Lagen an zu schneien. Dabei gehören die an den Westhängen der Anden gemessenen Niederschlagsmengen mit bis zu 8000 mm/qm zu den absoluten Spitzenwerten auf unserem Planeten. Auf der Rückseite des Gebirges sinkt die nun trockene Luft ab und es entstehen die berühmten Fallwinde. Vestärkt wird dieser Effekt durch die starke sommerliche Sonneneinstrahlung über der patagonischen Steppe. Dort erwärmt sich die Luft und steigt auf. Dadurch wird wie beim einem Staubsauger die herabsinkende Luft von der Kordillere angesaugt. Beherrschendes Element des patagonischen Wettergeschehens vor allem ganz im Süden ist deshalb der Wind. Er kommt fast immer aus Westen und weht insbesondere im Sommer nahezu ununterbrochen in Sturmstärke. Die Niederschäge werden gemäß der Andenausrichtung von West nach Ost Richtung Atlantik ab. Sind es an den Andenwesthängen 2000-8000 mm Niederschlag, so sind es an den Osthängen der Anden noch 400-600 mm , während die weiten Trockensteppen auf der argentinischen Seite Patagoniens nahezu leer ausgehen. Die patagonischen Anden bilden damit eine der schärfsten Klimascheiden der Welt.

Wir geniessen die Fahrt durch die Leere und Stille. Man ist allein mit sich und seinen Sinnen und Gedanken. Überall ist die Landschaft zu dieser Jahreszeit mit – zumeist gelben - Farbtupfern gesprenkelt- die Steppe blüht. Überraschenderweise fehlen hier größtenteils die die Straße begrenzenden Zäune. Vielmehr verläuft die Schotterpiste zumeist quer durch den Grundbesitz grosser Estancias, deren karge Weideflächen zum Teil riesig sind. Bis zu 30 bis 40 KM erstrecken sie sich von einem Ende zum anderen: Statt Zäunen links und rechts der Schotterstraße ist vielmehr der Besitz als Ganzes eingezäunt. Ein Zaun mit einem Gitterrost über der Straße als Durchlaß sowie ein Hinweisschild markieren das Ende der einen und den Beginn einer neuen Estancia. Ab und an erfährt man von der Existenz weiterer Estancias durch ein kärgliches Hinweisschild und eine winzige Fahrspur, die von der Hauptpiste abzweigt und sich irgendwo in der Ferne verliert. Fällt es mir schon schwer, mir ein dauerhaftes Leben in den winzigen Siedlungen vorzustellen, die wir durchqueren – hier in dieser totalen Einsamkeit, wo der nächste Nachbar dutzende von KM entfernt wohnt und die nächste wirkliche Stadt bis zu 300 KM entfernt und nur über Schotterpisten zu erreichen ist, übersteigt es meine Vorstellungskraft. Ich erinnere mich daran, was ich über die Geschichte Patagoniens gelesen habe:

Die Geschichte Patagoniens als Eldorado der Schafzüchter begann um das Jahr 1880. Schottische Einwanderer von den britischen Falkland-Inseln hatten herusgefunden, dass sich in dem unendlichen, weitgehend baumlosen Grasland zwischen Kordilleren und Atlantik, das die Spanier Pampa nannten, Schafe besonders gut vermehren. Wie beim Goldrausch in Kalifornien und Alaska verbreitete sich diese Nachricht in Windeseile um die Welt. Die Aussicht auf enorme herrenlose Flächen und die Hoffnung auf schnellen Reichtum durch das weiße Gold der Wolle, ließen immer mehr Dampfschiffe aus Europa Kurs auf Südamerika nehmen., mit Menschen an Bord, die in Patagonien, am Ende der Welt, ihr Glück machen wollten. Anteilsscheine für eilends gegründete Viehzuchtgesellschaften wurden verkauft, wer über grössere Ersparnisse verfügte, erstand ein eigenes Stück Pampa.
Clevere Geschäftsleute wie der aus Spanien stammende Kaufmann Jose Menendez, der vor Judenprogromen in Litauen geflüchtete Moritz Braun und der portugisiesche Wal-und Robbenjäger Jose Nogueira, brachten es mit Geschick und einer gehörigen Portion krimineller Energie zu Ländereien, deren Größe nicht selten die europäischer Staaten übertraf. Und die Zäune, die die neuen Herren des Landes, die Viehbarone, bauten, setzten eine Spirale blutiger Gewalt in Gang. Ihrer traditionellen Lebensgrundlagen beraubt, hielten die Indianer sich an den Weißen schadlos,deren Schafe in ihren Augen eine kleinere, zahme Guanako-Rasse waren. Die Viehdiebstähle wiederum, obwohl für die nach Hunderttausenden zählenden Herden der eingewanderten Großgrundbesitzer kein ernstlicher Schaden, dienten als Vorwand für die Ausrottung der Indianer. Sie wurden als Schädlinge auf eine Stufe mit Pumas und Füchsen gestellt und wie diese, im wörtlichen Sinne, zum „Abschuss“ freigegeben. Ein Pfund Sterling zahlten die Herren der Ländereien ihren Verwaltern, Landarbeitern, Gauchos und professionellen Killern für jeden getöteten Indianer. Fällig wurde das Kopfgeld beim Vorzeigen der abgeschnittenen Ohren. Als gute Geschäftsleute führten die Großgrundbesitzer hierüber sogar Buch. Genau 412 Pfund sterling zahlte laut Kassenbericht Jose Menendez, der „König von Patagonien“ seinem Verwalter Alexander McLennan, einem der berüchtigsten Indianermörder. Als „Red pig“ ist der rothaarige Schotte, Whiskytrinker und ehemalige Söldner in die blutige Geschichte Südamerikas eingegangen...


Unsere Fahrt Richtung Atlantik verläuft ohne Zwischenfälle, lediglich unterbrochen durch eine kleine Hilfsaktion, als wir die Frau und das 2-jährige Kind eines mit Reifenplatten (und ohne Reserverad) liegengebliebenen und auf Hilfe wartenden Autofahrers aus ihrer trostlosen Situation befreien und sie 60 Km in ihren Heimatort Gan Gan mitnehmen. Spontan wird mir mal wieder (wie schon so häufig auf den von uns gewählten Reiserouten) bewusst, zu welchem Geduldsspiel hier eine ernsthafte Panne zwangsläufig führen muss, wenn man möglicherweise Stunden, wenn nicht sogar einen ganzen Tag auf das nächste Auto warten muß und Hilfe erst aus einem weit entfernt liegenden Ort angefordert werden kann. Doch wir wollen das ja so, reisen absichtlich allein und nach Möglichkeit auf Spannung versprechenden Wegen – also müssen wir möglicherweise gewisse Unannehmlichkeiten und Risiken auch in Kauf nehmen...

Nach insgesamt 4 Reisetagen erreichen schließlich wir den Atlantik bei Puerto Madryn, wo die Zivilisation uns wieder einholt. Die Stadt ist zugleich ein Badeort der Argentinier und jetzt, in der Hauptreisezeit Januar, voller Touristen. In einer lokalen Tageszeitung lese ich einen Artikel, wo voller Stolz darüber berichtet wird, dass die Besucherzahlen in dieser Sommersaison bis jetzt um 9% auf 45.000 gesteigert werden konnten, wobei allein die 3. Januarwoche einen neuen Rekord mit 19.000 Besuchern erbrachte. Wir stören uns nicht an dem Rummel, zumal es trotz allem doch recht beschaulich zu geht. Endlich können wir mal wieder richtig essen gehen, schlemmen zweimal in einem Grillrestaurant für den Festpreis von 5,5 Euro nach dem Motto „all you can eat“ und fahren zum Übernachten einfach raus in die Steppe, die unmittelbar am Stadtrand beginnt. Der nette Kellner im Restaurant (typischer junger Argentininier mit langen Haaren, die hier noch weit verbreitet sind) spricht perfekt englisch; er hat sich das selbst beigebracht und ist stolz drauf. Er träumt von einer Reise nach Europa, vor allem nach Spanien; doch der Zusammenbruch der Währung während der LaPlata-Krise macht dieses Vorhaben für ihn unerschwinglich. Ist für uns Argentinien nach der Aufhebung der Dollaranbindung des Peso ein sehr preiswertes Reiseland, ist Europa für den normalen Argentinier ein sündhaft teures Pflaster geworden. Könnte er gar eine Arbeitsmöglichkeit in Spanien finden, ja dann wäre er wohl schnell ein gemachter Mann, wenn er nach Argentinien zurückkäme, schwärmt er uns träumerisch vor.......

Wir bleiben 2 Tage in der Stadt, besichtigen in der unmittelbaren Umgebung der Stadt eine Kolonie von Seelöwen, die an der Steilküste ihr Zuhause haben und brechen dann Richtung Süden auf. Über Rawson und Trelew steuern wir auf einer Küstenpiste einen der absoluten Höhepunkte in dieser Gegend an: 120 KM südlich von Trelew befindet sich die weltweit größte Kolonie von Megallan-Pinguinen. Bis zu 175.000 dieser putzig-kleinen Tiere brüten hier in den Sommermonaten Dezember/Januar ihre Jungen aus und ziehen sie auf, bevor im April die gesamte Kolonie sich auf die 6000 KM lange Reise an die brasilianische Küste aufmacht. Das Gebiet rund um die Kolonie ist ein geschütztes Naturreservat, auf vorgegebenen Wegen kann man mitten durch die Tiere wandern, bekommt hautnahen Kontakt zu ihnen. Wir wählen als Besichtigungstermin den späten Nachmittag, dann ist Schichtwechsel bei Familie Pinguin. Die Elternteile, die sich bei der Aufzucht des Nachwuchses bei der Nahrungssuche und der Beaufsichtigung der Kinder abwechseln, tauschen zu dieser Zeit ihre Rollen. Die einen kommen von der Nahrungssuche zurück, bei der sie laut Beschreibung bis zu 600 KM!! im Meer zurücklegen, und watscheln dann unbeholfen zu ihren bis zu 800 m von Meer enternten Wohnplätzen, um die schon schreienden Blagen zu füttern; die Anderen wiederum begeben sich nun zur Arbeit im Meer. Ein faszinierender Anblick ist es, der sich uns bietet: Über eine riesige Fläche erstreckt sich die Kolonie, überall ist ein Kommen und Gehen, die Blagen schreien und balgen sich um den Schnabel des fütternden Elternteils, der das gefangene Essen erst mühsam wieder hochwürgen muß. Völlig zutraulich stehen die Tiere in der Landschaft rum und überqueren die angelegten Wege.
Es ist ein einmaliges Erlebnis..............

Weiter geht es anschliessend Richtung Süden über den winzigen Küstenort Camarones und eine weitere Pinguin-Nistkolonie am Cabo Dos Bahias Richtung Comodore Rivadavia. Statt der 50 KM im Hinterland verlaufenden Asphaltstraße wählen wir die einsame Küstenpiste. Wieder sind wir 300 KM nahezu allein unterwegs. Die Landschaft weitet sich zur grandiosen Leere, begrenzt vom Atlantik auf der einen Seite erstreckt sich die Steppe endlos bis zum Horizont, nichts lenkt den Blick ab. Wieder spüren wir ein Gefühl tiefer innerer Zufriedenheit, wir sind eins in unserem Tun und unserem Wollen.....

Fortsetzung folgt..............


Die Zitate stammen aus:
a) Klaus Bednarz Am Ende der Welt. Eine Reise durch Patagonien und Feuerland.
b) Bruce Chatwin In Patagonien
c) Bruckmann Patagonien Trecking Guide
d) Dumont-Reiseführer Argentinien
e) Ortrun Hörtreiter Chile Iwanowskis Reiseführer


Hier gehts zu den Fotos:
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die-Geschichte-in-Bildern
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Und hier ist die Musik zur Geschichte und den Bildern, 100% argentinisch, voll herber Kraft und Schoenheit:
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Lied 1
Lied 2
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tibesti
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Beitragvon tibesti » 14.02.2007 18:28

Ushuaia, Feuerland 14.2.07
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Die-Reiseroute
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DURCH PATAGONIEN NACH TIERRA DEL FUEGO-FEUERLAND

Fortsetzung..........


Nach einsamer Fahrt durch die Küstensteppe erreichen wir die quicklebendige Küstenstadt Comodore Rivadavia mit ihren 150.000 Einwohnern. Seit der deutsche Geologe Josef Fuchs hier 1907 nach Trinkwasser bohrte und statt dessen auf eine der größten argentinischen Erdöllagerstellen stieß, ist die Gegend rund um Comodore eines der großen Zentren der argentinischen Edölindustrie geworden. Überall in der Landschaft sehen wir Erdölförderpumpen und dank des Erdöls und der vielen ausländischen Firmen, die sich hier niedergelassen haben, hat sich die Stadt zu einem modernen und wohlhabenden Wirtschaftszentrum der argentinischen Wirtschaft entwickelt und leistet sich 15 KM vor ihren Toren in einer wunderschön gelegenen Bucht mit Rada Tilly einen exklusiven Wohn- und Badeort der Reichen der Stadt. Comodore ist auch der Ausgangspunkt für 2 eindrucksvolle Zeugnisse aus der patagonischen Uhrzeit, die wir auf der Weiterfahrt besuchen: die versteinerten Wälder von Ormachea und Jaramillo. Diese 150 Millionen Jahre alten versteinerten Baumstämme stammen aus einer Zeit, als Afrika und Amerika noch eine zusammenhängende Landmasse waren, die Anden noch nicht aufgefaltet waren und feucht-warmes Klima eine subtropische Flora und Fauna entstehen ließ. Während uns an der Fundstelle von Ormachea(Sarmiento) vor allen die Lage in einer bizarren und eindrucksvollen Landschaft beeindruckt, sind es in Jaramillo vor allem die riesigen, bis zu 35m langen Araukarien, die einst vom Wind gefällt und von Vulkanasche begraben, nach einem „osmotischen Wunderwerk der Mineralisierung“ nahezu vollständig erhalten in der Landschaft liegen.

Kurz hinter Comodore Rivadavia überschreiten wir die Grenze zur Provinz Santa Cruz, der zweitgrößten und (neben Feuerland) südlichsten Provinz Argentiniens. Sie ist zugleich die am dünnsten besiedelte, denn auf einer Fläche von der Größe der alten Bundesrepublik Deutschland leben gerade mal 200.000 Menschen, Die meisten davon siedeln an der Küste, während das Landesinnere nahezu menschenleer ist. Einsamkeit ist also grarantiert, wenn man sich von der Ruta 3, der einzigen asphaltierten Durchgangsroute entlang der Atlantikküste entfernt. Man stelle sich die Bundesrepublik vor mit 3 kleineren Stadten: Hamburg-Frankfurt-Stuttgart und den Rest nahezu menschenleer- dann bekommt man vielleicht eine vage Vorstellung davon, was Leere heisst! Gerade in der Weite der patagonischen Steppe stellen wir immer wieder fest: es gibt zwei Möglichkeiten die Steppe zu bereisen. Entweder man fährt auf der Haupt-Küstenroute, rauscht mit Tempo 100 oder mehr und relativ viel Verkehr das Asphaltband entlang irgendwelchen Zielen entgegen und erfährt von der Landschaft....eigentlich nichts. Alles wirkt monoton und öde und am Abend hat man schon vergessen, wie es unterwegs eigentlich ausgesehen hat. Weicht man dagegen von dieser Hauptachse ab, so spürt man bereits nach wenigen Kilometern die Einsamkeit und Leere der patagonischen Steppe.
Man „erfährt“ die Leere der Landschaft buchstäblich und nimmt bei Tempo 30 bis 35 viele der interessanten Kleinigkeiten wahr, die trotz der Monotonie der Landschaft faszinieren; einmal sind es die blühenden Gräser, ein anderes Mal die Tiere, die den Weg kreuzen wie Gürteltiere, Hasen, Guanakos und Vögel; und immer wieder ist es dieser Blick, der berauscht, wenn einen die patagonische Weite mit ihren „stürzenden Himmeln“ überfällt und die Wolken in der Ferne auf ein schwarzes Loch am Boden zuzustürzen scheinen. Dann kann man verstehen, was Charles Darwin bei der Antwort auf die Frage meinte, warum denn nur ihn trotz aller Ödnis und Monotonie diese Landschaft so beeindruckt habe: „ Es muß wohl an diesem Horizont liegen, der die Vorstellungskraft beflügelt.

So kreuzen wir auf Abwegen buchstäblich durch die Landschaft, finden am einsamen Kap Cabo Blanco ein Tierparadies mit Kormoranfelsen und auf vorgelagerten Klippen eine seltene Pelzrobbenkolonie, während auf dem Leuchtturm hoch auf den Felsen 2 Leuchtturmwärter in der Einsamkeit und 100 KM von der nächsten Ortschaft entfernt ihren Dienst verrichten.
Je weiter wir nach Süden vordringen, desto rauer und kühler wird auch das Klima und wir erfahren zum ersten Mal, was es mit diesem patagonischen Stürmen tatsächlich auf sich hat. Nahezu ununterbrochen weht dieser starke Wind immer aus Westrichtung und macht einen Aufenthalt draussen in der Natur bei maximal 12-15 Grad recht ungemütlich. Ausgerechnet jetzt ist auch noch die Verschlussklappe unseres Chemoklos verreckt und der dadurch erforderderlich gewordene abendliche Gang nach draussen zum grossen Geschäft erfordert mangels natürlicher Deckung in Form von Büschen oder sonstigen sturmabweisenen Hindernissen artistische Fähigkeiten und höchste Fingerfertigkeit beim Hantieren mit der Klopapier-Rolle. Und nicht selten ist der Wind tatsächlich so stark, dass es auf der Windseite nahezu unmöglich ist, wieder ins Führerhaus einzusteigen, weil die Fahrzeugtür auch mit Kraft einfach nicht weit genug zu öffnen ist...........

Hinter der kleinen Hafenstadt San Juan müssen schließlich auch wir die asphaltierte Hauptstrasse in Ermangelung anderer Fahrwege benutzen. Immer schmaler wird der Kontinent hier unten und allen Wege laufen wie in einem Trichter auf einen kumulativen Punkt zu: Tierra del Fuego- Feuerland.

„Ein Blick auf die geographische Gestalt Südamerikas lässt erkennen, dass die unterste Spitze des Subkontinents zur Seite gebogen ist. Diese Deformierung geht auf eine jahrmillionenalte langsame Drehbewegung zurück, deren Auslöser die plattentektonische Dynamik auf dem Grunde des Pazifik ist. Dort schiebt sich, mit einer Geschwindigkeit von etwa 9 cm pro Jahr, die Nazca-Tiefseeplatte auf die südamerikanische Westküste zu, gleitet unter die Kontinentalmasse ab und hebt sie manchmal heftig (Erdbeben), ansonsten behutsam (langsame Andenauffaltung) an. Dem Druck der 100 KM dicken Nazca-Platte setzt die südamerikanische Kontinentalmasse auf der Frontlinie Ecuador-Peru-Chile mehr Widerstand entgegen als Feuerlands grosse Insel mit ihren Satelitteninselchen. Deshalb driftet der ganze bereits vom Festland gelockerte Archipel nach Osten, wird in einigen Millionen Jahren eine gesonderte Inselgruppe im Südatlantik darstellen und dann abtauchen. Vorgezeichnet hat diesen Verlauf bereits die Andenkette, die sich grundsätzlich in Nord-Süd-Richtung orientiert, sich auf Feuerland als Darwin-Kette aber querlegt, mit der Gebirgshalbinsel Mitre als letztem Ausläufer ins Meer abtaucht und nur sporadisch in Form felsiger Inseln wie Südgeorgien und Süd-Shetland noch einmal aus dem Meer auftaucht. Vom Festland gelöst hat sich Feuerland, als zum Ende der letzten Eiszeit eine Kette ehemaliger Binnenseen zu dem gewundenen Waserweg verschmolz, der 10000 Jahre später den Namen Magellan-Strasse erhalten sollte. Alles, was südlich dieser Durchfahrt zum Pazifik liegt,heißt heute Feuerland, bis zur Felsnadel von Kap-Hoorn und ist politisch zweigeteilt: in einen chilenischen Westteil und einen argentinischen Ostteil, als Exklave durch chilenisches Territorium vom Rest Argentiniens getrennt.

Die 500 KM lange Fahrt auf der Asphaltstrasse von San Juan über die südlichste Festlandsstadt Argentiniens,Rio Galleghos bis zur chilenischen Grenze verläuft monoton und langweilig: eine notwendige Pflichtübung. Dann endlich ist die chilenische Grenze erreicht. Nur kurz dauert anschliessend die Fahrt hinter der Grenze auf chilenischem Gebiet, dann ist das Ende des südamerikanischen Festlandes erreicht: Vor uns liegt, durch eine schmale Wasserstraße von nur wenigen Kilometern Breite getrennt, Tierra del Fuego- Feuerland. Unscheinbar liegt der Wasserarm vor uns, die Fähre trägt uns in weniger als 30 Minuten ans andere Ufer. Nichts an der unspektakulären und bis auf den Fähranleger menschenleeren Umgebung lässt erahnen, dass wir uns an einem für die Seefahrt geschichtsträchtigen Ort aufhalten: der Magellan-Wasserstraße.

Die Magellan-Strasse, einziger natürlicher Durchbruch eines mehr als 15000 KM langen Kontinents, ist nicht nur von Seezeichen markiert, sondern von den Insignien einer Geschichte, dramatischer und faszinierender als die aller anderen Meerengen der Welt. Fallböen und Untiefen, Hungerhäfen und Indianerfriedhöfe, verlassene Goldminen, Pinguinparadiese und über 1000 Wracks begleiten die Wasserstraße auf ihrem 600 km langen Weg vom Atlantik zum Pazifik. Mt der Entdeckung dieser Ost-West-Passage durch Fernao de Magalhaes am 1.November 1520 begann ein Stück Weltgeschichte. Der portugisische, in spanischen Diensten stehende Seefahrer war von Karl V. ausgesandt worden, die fremden Küsten nach einer Durchfahrt zu der von Marco Polo beschriebenen Tartarei des Groß-Khans abzusuchen, die schon das eigentliche Ziel des Kolumbus gewesen war. Im Jahr der Entdeckung Amerikas 1492 hatte Spanien mit der Rückeroberung Granadas die fast 800 Jahre währende moslemische Fremdherrschaft abgeschüttelt und war, erfüllt von religiösem Sendglauben, zu neuen Ufern aufgebrochen. Bei einem so groß angelegten Unternehmen wie der Christianisierung der Neuen Welt, so glaubte man, müsse der Schöpfungsplan gewiss auch eine Wasserstraße für die Spanier vorgesehen haben. Magellans italienischem Bordchronisten Pigafetta verdanken wir historische Einzelheiten der mit 5 Schiffen angetretenen Erkundungsreise. 2 zögerliche Kapitäne degradierte der Portugiese schon unterwegs; die Rädelsführer einer Meuterei - die ausgezehrte Mannschaft hatte in der Bucht von San Julian überwintern wollen – lässt er enthaupten und die viergeteilten Körper aufspiessen; mit Spiegeln und Glasperlen angelockte Indianer werden überrumpelt, um sie später dem spanischen Hof vorführen zu können (sie sterben unterwegs in ihren eisernen Fußfesseln); unbequeme Begleiter, ein Priester unter ihnen, setzt der Generalkapitän auf Nimmerwiedersehen in Patagonien ab. Er verliert ein Schiff im Sturm, segelt unbeirrt weiter und sichtet am St. Ursula-Tag eine Landzunge, die er, der Heiligenlegende eingedenk, Cabo de las (Once mil) Virgines, Kap der 11000 Jungfrauen nennt – die östliche Einfahrt in die Passage – Magellan überwältigen die Tränen. An den in den Boden gerammten Holzkreuzen, wo Magellan 1520 die erste heilige Messe hatte lesen lassen, rauschten nun die britischen Freibeuter, allen voran Francis Drake, höhnisch vorbei. Seinen von den Spaniern erbeuteten Sombrero schenkte er übermütig den Indianern. Dann steuerte er 1578 in der phantastischen Zeit von nur 16 Tagen in den Pazifik. Die bravouröse Segelei des Briten versetzte die spanische Admiralität in solche Aufregung, dass sie eine Riesenflotte von 23 Schiffen an das Kap expedierte. Zu den über 3000 Menschen, die in der bislang aufwendigsten Einzelaktion übers Meer fahren, gehören diesmal auch Frauen und Kinder. Sie segeln unter dem schwärzesten aller Unsterne; 4 Schiffe mit 800 Personen kentern im Sturm, 600 Opfer fordert eine Epedemie, mit schließlich 8 Schiffen erreicht Sarmiento de Gamboa, der Expeditionsleiter, die Meerenge. Am Cabo Virgines gründete er die Kolonie Nombre e Jesus, zusätzlich an der Küste die Niederlassung Rey Felipe. Eine unbeschreibliche anschliessende Odyssee, bei der auch die Restflotte aufgerieben wird, verschlägt Gamboa nach Bahia, in britische und französische Gefangenschaft und erst 12 Jahre später wieder nach Spanien. Seine Bittbriefe an den König um Hilfe für die zurückgelassenen Kolonisten am Kap Virgines bleiben unbeantwortet. Als später der englische Bukanier Cavendish den Unglücksort Rey Felipe anläuft, findet er nur noch Skelette – eines davon am Galgen baumelnd. Der letzte Überlebende der anderen Siedlung Nombre de Jesus aber stirbt auf dem britischen Piratenschiff Delight of Bristol, dass selbst mit nur noch 6 Seeleuten als halbes Geisterschiff seinen Heimathafen erreicht.
„Für das, was ich erduldete,darf ich mich Märtyrer nennen“, steht heute auf einem allen Verschollenen gewidmeten Gedenkstein an der Magellanstraße.


Die anschliessende Weiterfahrt auf feuerlaendischen Boden führt uns durch einsames flachwelliges Grasland- traditionelles Schafzüchterland. Noch lange nach seiner Entdeckung hat Feuerland niemanden wirklich interessiert, bis man die ersten Schafe von den Malvinas (Falkland-Inseln) herüberholte. 60 feuerländische Estancias gibt es heute mit über 800.000 Schafen, die jährlich 3300 t Wolle liefern; die Rentabilitätsgrenze der Estancias liegt bei 7000 Tieren, die größten Estancias besitzen bis zu 70.000 Tiere.
Wir haben Glück mit dem Wetter. Bei knapp 20 Grad und wenig Wind fahren wir auf den wenigen existierenden Nebenrouten durch die Steppenlandschaft, die besonders im Licht der Nachmittagssonne wunderbare Stimmungsbilder schafft.
Unser Fahrweg passiert die gigantische und wirklich eindrucksvolle Estancia Maria Behety. Sie ist eine der großen Estancias der Gegend und ihre Weiden erstrecken sich über 150.000 ha. Gegründet hat sie Jose Menendez, der ehemalige König der patagonischen Schafbarone. Neben den üblichen Gebäuden der Estancia gibt es eine Bibliothek und einen Park mit exotischen Pflanzen. Alles strahlt Eleganz und Wohlstand aus – wie es sich für eines der grossen alten Landgüter gehört. Die Estancia hat ein Schurgebäude von riesigen Ausmaßen, 5000 Schafe konnten hier gleichzeitig unter Dach gehalten und bearbeitet werden. Da der Besitz heute durch die Erbfolge aufgeteilt ist (er hat jetzt „nur“ noch 63000 ha und 65000 Schafe), ist diese Schurhalle für die aktuellen Bedürfnisse der Estancia vollkommen überdimensioniert. Eine Besichtigung der Estancia ist nicht so ohne weiteres möglich, allenfalls nach Voranmeldung bei der Verwaltung, lesen wir. Wir schlendern an dem riesigen Schurgebäude entlang, aus dem deutlich Rufe und Arbeitsgeräusche klingen, riskieren einen Blick, betreten das Gebäude über einen Nebeneingang und haben Glück: Im Inneren sind 3 Schafscherer und ihre Gehilfen gerade bei der Arbeit. Die Arbeit der Truppe wirkt eingespielt und professionell: Während ein „Zuträger“ aus dem Pferch immer ein Tier an den Ohren fasst und mit geübtem Griff „kampfunfähig“ dem Scherer übergibt, rasiert dieser in gebückter Haltung in erstaunlicher Geschwindigkeit dem Schaf das Fell. Nach nur wenigen Minuten Zuschauen wird mir klar: Egal ob als Zuträger oder als Scherer, ich würde wahrscheinlich in kürzester Zeit bei dieser Akkordarbeit mit finalem Herzinfarkt zusammenbrechen. In einer Verschnaufpause wischt sich einer der Scherer das schweißüberströmte Gesicht und zwinkert mir grüssend zu, ihm gefällt offensichtlich ihm Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. Mir fällt die Beschreibung von Klaus Bednarz über seine Begegnung mit Schafscherern im chilenischen Teil Patagoniens ein:

Den Schafscherern rinnt der Schweiß über Gesicht und Arme und tropft von dort auf die Tiere, die sie mit aller Kraft am Boden halten. Um die 50 Kilo wiegt ein ausgewachsenes Schaf ´, manche Böcke bringen noch mehr auf die Waage. Nach jeder Schur richten die Männer sich kurz auf, wischen sich mit einem Tuch oder dem Handrücken den Schweiß ab und greifen hastig zur Wasserflasche. Keiner trägt eine Uhr. Sie wollen nicht wissen, wie lange es bis zur nächsten Pause dauert. Das untergrabe, sagen sie, die Moral. Die Männer arbeiten im Akkord. Für jedes geschorene Schaf erhalten sie 150 Peso, umgerechnet etwa 20 Euro-Cent. Am Tag schafft jeder durchschnittlich 200 Tiere, in Hitze ,Staub und Lärm, ständig in gebückter Haltung mit äußerster Konzentration und Kraftanstrengung.. Am Abend können sie sich vor Rückenschmerzen kaum bewegen und sind zu müde, um beim Essen noch zu reden. Wie zum Frühstück gibt es Hammelfleisch und sie verzehren es- wie am Morgen – schweigend. Alle Mitglieder der comparsa, wie die Truppe der Wanderscherer genannt werden, stammen von der chilenischen Insel Chiloe. Vier Monate im Jahr, verlassen sie ihre 2000 km nördlich gelegene Heimat und ziehen kreuz und quer durch Patagonien, von Estancia zu Estancia. Sie werden von Subunternehmern organisiert, die mehr als zwei Drittel einer Scherprämie für sich vereinnahmen. Weder für Anreise, Verpflegung noch für Unterkunft muß der Vermittler sorgen, die Männer sind nicht versichert und erhalten bei Krankheit oder Unfall keinen Peso. Und dennoch sind die Männer froh, den Job zu haben. Denn auf Chiloe gibt es so gut wie keine Arbeit, und die wenige, die dort zu finden ist, wird so schlecht bezahlt, dass davon kaum eine Familie leben kann....In der Regel, so sagen die Gauchos, sei man als Schafscherer nach 20 Jahren am Ende. Die Muskeln, die Gelenke, der Rücken- alles spiele nicht mehr mit.
Früher sind die Männer aus Chiloe zur Schafschur sogar über die Grenze ins nahe Argentinien gewandert. Aber die Zeiten seien seit kurzem vorbei. Seit die Regierung in Buenos-Aires die hohen Subventionen für die Entwicklung des argentinischen Teils Patagoniens gestrichen habe, mache dort eine Estancia nach der anderen zu.


Weiter geht die Reise. Nach kurzer Fahrt über die verkehrsreiche einzige Hauptverkehrsachse Feuerlands biegen wir wieder auf eine Nebenstrecke ab. Die Landschaft wird hügelig und die endlosen Weiden gehen in Waldland über ( wir nähern uns dem südlichen Ende der Insel–und damit der diese begrenzenden Darwin-Gebirgskette). Wir tauchen ein in eine farbige Wunderwelt der Pflanzen oder besser - in einen Zauberwald, um einen Begriff aus dem Reiseführer zu übernehmen. Gelb und weiss blühende Wiesen wechseln ab mit wunderlichen, über und über mit Flechten behangenen Bäumen. Es handelt sich bei den Bäumen um 3 unterschiedliche Südbuchenarten (laubabwerfende Lenga und Nire, immergrüne Coihue), von deren Ästen grünliche Flechten, sog. Barba de viejos-Altmännerbärte wachsen und deren Laubwerk von einer weiteren Weihnachtsdekoration zusätzlich geschmückt wird: Die nestartigen Bälle sind Schmarotzer und werden auch „chinesische Lampions genannt.

Schliesslich erreichen und überqueren wir die westlichen Ausläufer der Gebirgswelt der Darwin-Kette. Statt in Richtung der „Hauptstadt“ des argentinischen Feuerland – Ushuaia, steuern wir zunächst Richtung Ost und erreichen schließlich die südliche Küste von Feuerland. Wir übernachten am Ufer einer wunderschönen Bucht mit Blick auf den Beagle-Kanal (benannt nach Charles Darwins berühmten Entdeckerschiff) und auf die gegenüberliegende chilenische Militärsiedlung Puerto Williams auf der Insel Navarino. Das Wetter ist uns gnädig gesonnen und beschert uns einen herrlichen Sonnenuntergang.
Noch 60 KM weiter schlängelt sich der Fahrweg Richtung Südost und passiert dabei die geschichtsträchtige Estancia Harberton.
Sie ist der älteste Betrieb der Gegend, die argentinische Regierung schenkte dem Reverend Tomas Bridges für seine Verdienste das Land und verlangte als Gegenleistung, dass er die Besiedlungsversuche auf Feuerland und die Präfektur in Ushuaia unterstützte. Bridges war auf den Malvinas (Falkland-Inseln) groß geworden und hatte dort die Sprache der indianischen Yaghanes gelernt, und er schätzte die Eingeborenen Feuerlands und ihre Kultur, durchaus kein Selbstverständnis zu dieser Zeit. Er schuf ihnen ein Rückzugsgebiet auf seiner Estancia, wo sie vor den Nachstellungen anderer europäischer Siedler sicher waren. Zugleich schrieb er ein 35000-Wörter umfassendes Englisch-indianisches Wörterbuch, was aber erst 1933 in kleiner Auflage in Wien herausgegen wurde.
Die Geschichte von Harberton und ihrem Gründer liest sich eindrucksvoll:

„Die ersten Weissen, die sich dauerhaft auf Feuerland niederliessen, waren Referend Tomas Bridges und seine Frau Mary Ann. Mit ihrer 9 Monate alten Tochter Mary kamen sie im September 1871 mit der „Allen Gardiner“ von den Falklandinseln in die windgeschützte Bucht am Beagle-Kanal, wo sie die Yamana-Indianer- im Auftrag der zur anglikanischen Kirche gehörenden Patagonischen Missionsgesellschaft – für die Zivilisation und den christlichen Glauben gewinnen sollten. Als Waisenjunge war Thomas B. in England von einem Pastor dieser Missionsgesellschaft adoptiert worden, der ihn an seinen Dienstort auf die Falkland-Inseln mitnahm. Dorthin hatten die Anglikaner bereits einige Indianer vom nahegelegenen Feuerland-Archipel gebracht, um sie auf der Missionsstation im christlichen Glauben zu unterrichten, für sich arbeiten zu lassen und ihnen britische Sitten und Gebräuche sowie die englische Sprache beizubringen. Doch Thomas Bridges wählte den umgekehrten Weg, Er lernte von den Indianern die Sprache der Yamana sowie ihre Sitten und Gebräuche. Im Alter von 18 Jahren begann er, Material für ein Yamani-Englisch-Wörtbuch zu sammeln. Und als er schließlich mit seiner Frau und der kleinen Tochter in Ushuaia ankam, hörten die Yamana, die ihm in Rinderkanus entgegenpaddelten, wie der englische Schriftsteller John Harrison vermutet, „wohl zum ersten und letzten Mal in ihrer Geschichte, dass ein Weißer sie in ihrer eigenen Sprache begrüßte. Nicht zuletzt aufgrund seiner Sprachkenntnisse gelang es Bridges, das Vertrauen der Indianer zu gewinnen. Er errichtete seine Hütte am Ufer der Bucht in unmittelbarer Nähe der zeltartigen, aus Ästen und Robbenfellen gefertigten Behausungen, in enen die Yamana Schutz vor den Unbilden der Witterung suchten. Im Umgang mit ihnen, wird berichtet, war er rücksichtsvoll und feinfühlig. Und schon nach wenigen Wochen konnte er seinen Auftraggebern, der Patagonischen Missionsgesellschaft den ersten Erfolg melden: die Eheschließung zweier junger Indianer nach christlich-anglikanischem Ritus....Die Ehefrau des Missionars kümmerte sich vor allem um die Gesundheit der Yamana-Familien. Thomas Bridges half beim Bootsbau, schlichtete Streit, zeigte den Indianern, wie man Gemüsebeete anlegt und mit Werkzeug umgeht. Der Ruf der Bridges als Freunde und eschützer der Ureinwohner drang weit über die Bucht von Ushuaia hinaus. Zunehmend erschienen nun auch Selk`nam und Alacalufe in der Mission. Doch gegen die immer häufiger auftretenden, von den Weißen mitgebrachten Epedemien waren die Bridges machtlos. Nachdem Ushuaia 1884 Stützpunkt der argentinischen Kriegsflotte geworden war, starb innerhalb von 3 Monaten fast die Hälfte des Volkes der Yamana an den Folgen der von en Schiffsbesatzungen eingeschleppten Epedemien – Tuberkulose, Typhus, Windpocken. Zwei Jahre später zählte Bridges auf ganz Feuerland nur noch 397 Überlebende dieses Stammes. Er beschloss, die Mission zu verlassen und von Ushuaia fortzuziehen – an einen günstiger gelegenen Ort weiter entfernt vom verheerenden Einfluss der sogenannten Zivilisation.Indianische Freunde empfahlen ihm eine ebenfalls windgeschützte und fischreiche Bucht am Beagle-Kanal, etwa 60 km östlich von Ushuaia. Bridges wurde argentinischer Staatsbürger und erhielt 1886 vom damaligen Präsident Roca die Bucht und ein ansehnliches Stück Land als Geschenk – in Anerkennung seiner Verdienste um die indianische Urbevölkerung und der Rettung von schiffbrüchigen Seeleuten aus dem Beagle-Kanal. Hier gründete Bridges die erste argentinische Estancia auf Feuerland. Er nannte sie nach dem Geburtsort seiner Frau in der Grafschaft Devon – Harberton. Seine Missionsgesellschaft warf Thomas Bridges beim Weggang aus Ushuaia –nach fast 20jähriger aufpferungsvoller Tätigkeit – in einem Brief aus ihrem Hauptquartier im englischen Brighton vor, „zu viel Zeit damit vergeudet“ zu haben, sich „um das körperliche Wohlergehen der Eingeborenen zu kümmern“. Er sei „eine Ratte, die das sinkende Schiff verlässt“, ein schwacher Mensch, „vom Bösen zu seinem Ruin angestiftet“.

Heute ist die Estancia in vierter Generation (gefuehrt von der um 1970 eingeheirateten Us-amerikanischen Meeresbiologin Goodell) gleichzeitig landwirtschaftlicher Betrieb, Museum und Anlaufpunkt der organisierten Touristenbusse/-schiffe auf dem 80 km entfernten Ushuaia.

Schließlich endet nach insgesamt knapp 100 km der Fahrweg an der Marinestation Moat. Nach genau 36.250 KM über Stock und Stein kreuz und quer durch Südamerika sind wir am Ende der befahrbaren südlichen Welt angelangt, doch noch lange nicht am Ende der Reise. Nach Westen geht der Blick entlang des Beagle-Kanals zur Gletscherwelt des Nationalparks Tierra del Fuego, während nach Süden hinter vorgelagerten Inseln das legendäre Kap Hoorn und dahinter – knapp 1000 KM entfernt, der Festlandssockel der Antarktis schlummert. Bennant nach dem holländischen Geburtsort des Seefahrers Willem Cornelisz Schouten, dem es 1616 als Erstem gelang, das Kap zu umrunden, ist es auch heute noch der neuralgischste Punkt auf der Weltkarte der Seefahrer. Notorisch schlechtes Wetter und heftige Stürme zu jeder Jahrezeit haben bereits 10.000 Seeleute das Leben gekostet. Um die 800 Schiffwracks liegen auf dem Meeresgrund.

So steht denn auf dem Denkmal hoch auf dem Felsen des Kaps die Inschrift:

Ich bin der Albatros, der auf dich wartet am Ende der Welt.
Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute,
die über alle Meere kamen, Kap Hoorn zu umsegeln.
Aber sie sind nicht gestorben im Wüten der Wellen.
Sie fliegen auf meinen Schwingen für alle Zeit
Im letzten Wellental der antarktischen Winde..........



Alle Zitate stammen aus den bereits genannten Quellen
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tibesti
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Beitragvon tibesti » 13.03.2007 16:48

Puerto Madryn, 13.3.07
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Die-Reiseroute
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VON FEUERLAND ENTLANG DER PATAGONISCHEN ANDEN VIA RUTA 40 UND CARRETERA AUSTRAL NACH NORDEN
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Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut. Es war nur ein winziges Stück, aber dick und ledig, mit Strähnen borstigen rötliches Haars. Es war mit einer rostigen Nadel an einer Postkarte befestigt. Auf der Postkarte standen da in verblasster schwarzer Tinte ein paar Worte, aber ich war noch klein und konnte noch nicht lesen.
„Was ist das?“
„Ein Stück von einem Brontosaurus“.
Meine Mutter kannte die Namen von zwei prähistorischen Tieren, den Brontosaurus und den Mammut. Dass es kein Mammut war, wusste sie. Mammuts kamen aus Sibirien.
Der Brontosaurus, so wurde mir erzählt, war ein Tier, das bei der Sintflut ertrunken war, weil es zu groß gewesen war, um auf der Arche Noah Platz zu finden. Ich stellte mir darunter ein zottiges, schwerfälliges Tier mit Klauen und Fangzähnen vor, dessen grüne Augen boshaft schimmerten. Manchmal kam der Brontosaurus durch die Wand meines Zimmers gestürmt und weckte mich aus dem Schlaf auf.
Der Brontosaurus, von dem hier die Rede ist, hatte in Patagoniern gelebt, einem Land in Südamerika, am fernen Ende der Welt. Vor vielen tausend Jahren war er in einen Gletscher gefallen: Er hatte die Reise den Berg hinunter in einem Gefängnis aus blauem Eis angetreten und war in ausgezeichneter Verfassung am Boden angekommen, wo er von Charley Milward, dem Seemann, einem Cousin meiner Großmutter, gefunden wurde. Charley Milward war Kapitän auf einem Handelsschiff, das in der Einfahrt zur Magellan-Straße gesunken war. Er überlebte den Schiffbruch und ließ sich nicht weit davon entfernt, in Punta Arenas nieder, wo er eine Schiffsreparaturwerft eröffnete. In meiner Phantasie war Charley Milward ein Gott unter den Menschen – ein großer, schweigsamer und kräftiger Mann mit einem schwarzen Backenbart und leuchtenden blauen Augen. Seine Seemannsmütze saß schief auf seinem Kopf, und den Rand seiner Stiefel hatte er umgestülpt.
Als er den Brontosaurus aus dem Eis auftauchen sah, wusste er, was zu tun war. Er ließ ihn auseinandernehmen, einsalzen, in Fässer verpacken und verschiffte ihn zum Naturhistorischen Museum in South Kensington. Ich stellte mit Blut und Eis vor, Fleisch und Salz, Gruppen indianischer Arbeiter und reihenweise Fässer an einer Küste – eine gigantische Arbeit und alles umsonst, denn der Brontosaurus verfaulte auf seiner Reise durch die Tropen und traf verwest in London ein. Das war der Grund, warum man in dem Museum nur Brontosaurusknochen zu sehen bekam, aber keine Haut.
Glücklicherweise hatte Cousin Charley meiner Großmutter ein Stückchen davon mit der Post geschickt.(...)Ich kann mich kaum an meine Großmutter erinnern, weiß nur noch, dass sie sehr groß war und ich hörte nicht auf, sie zu bedrängen: „Bitte, kann ich das Stückchen von dem Brontosaurus haben?“.
Nie in meinem Leben habe ich mir etwas so sehr gewünscht wie dieses Stück Haut. Meine Großmutter sagte, eines Tages würde ich es bekommen, vielleicht. Und als sie gestorben war, fragte ich meine Mutter: „Jetzt kann ich doch das Stück von dem Brontosaurus haben?“. Aber meine Mutter sagte. „Ach je, das Ding! Es tut mir leid, aber das haben wir weggeworfen“.
In der Schule machten sie sich über meine Geschichte von dem Brontosaurus lustig. Der Biologielehrer behauptete, ich würde ich ihn mit dem sibirischen Mammut verwechseln. Er erzählte der Klasse, russische Wissenschaftler hätten einen tiefgefrorenen Mammut zum Abendbrot verzehrt – und verbot mir, Lügen zu erzählen. Außerdem behauptete er, Brontosaurier seien Reptile. Sie hätten kein Fell, sondern einen Schuppenpanzer. Und er zeigte uns ein Bild, das ein Künstler von dem Tier gemalt hatte – ganz anders als das Tier meiner Imagination -, graugrün, mit einem winzigen Kopf und einer riesigen, wellenförmigen Wirbelsäule, friedlich Algen in einem See fressend. Ich schämte mich für meinen behaarten Brontosaurus, aber ich wusste, dass es kein Mammut war.
Es vergingen mehrere Jahre, bis die Geschichte geklärt werden konnte. Charley Milwards Tier war kein Brontosaurus, sondern ein Mylodon, auch Riesenfaultier genannt. Und er hatte kein komplettes Exemplar gefunden, oder auch nur ein komplettes Skelett, sondern nicht mehr als ein bisschen Haut und Knochen, die sich dank Kälte, Trockenheit und Salz in einer Höhle in der Bucht der letzten Hoffnung im chilenischen Teil Patagoniens erhalten hatten. Er hatte seinen Fund nach England geschickt und ihn an das Britische Museum verkauft. Diese neue Version war zwar nicht so romantisch, hatte indessen den Vorteil, der Wahrheit zu entsprechen.
Bruce Chatwin
In Patagonien


Nach dem Verlassen Feuerlands und einer mehrtägigen Fahrt zunächst entlang der Magellanstraße Richtung Punta Arenas und dann nach Norden über Puerto Natales ereichen wir endlich jenen Ort, den Bruce Chatwin in seiner Reisereportage so eindrücklich als hauptverantwortlich für seine Patagonien-Sehnsucht schildert.
Doch so wie Bruce Chatwins Sehnsucht nach Patagonien eher einer romantischen Illusion entsprang, so wenig geheimnisvoll erscheint dem heutigen Besucher die legendäre Fundstätte aus Chatwins Reisebeschreibung. Die Höhle, in der 1895 Kapitän Herman Eberhardt auf einer Erkundungstour die gut erhaltenen Fell- und Knochenreste des 3-4 m großen Riesenfaultiers fand (der Cousin von Chatwins Großmutter Charley Milward entpuppte sich keinesfalls als Entdecker, vielmehr „entwendete“ er als eher zufälliger Helfer bei späteren archäologischen Ausgrabungen Teile der Funde und verkaufte sie dem Britischen Museum in London) liegt heute leicht zugänglich nur wenige Kilometer abseits der wichtigsten Touristenroute des südlichen Chile von dem Hafen Puerto Natales in das 300 KM nördlich gelegene touristische Aushängeschild Chiles, den Nationalpark Torres del Peine. Ein Abstecher bietet sich somit quasi an. Nach Verlassen der Asphaltstraße erreichen wir auf einer inzwischen gut ausgebauten Schotterpiste nach wenigen Kilometern den Zugangspunkt zur Höhle, die in eine Felswand eingebettet über uns liegt. Das ganze Gelände ist inzwischen zum Nationalpark erklärt worden, man bezahlt Eintritt und wandert anschließend auf angelegten Wegen vorbei an erklärenden Schautafeln und belehrenden Hinweisschildern, keinen Müll wegzuwerfen schließlich zum Eingang der Höhle, der von einer riesigen Plastiknachbildung eines Mylodons bewacht wird. Die Höhle selbst ist recht eindrucksvoll, denn sie diente nicht nur dem Riesenfaultier als Unterschlupf, sondern man fand auch Spuren prähistorischer Menschen, deren ehemalige Feuerstellen als metergroße kreisförmige Vertiefungen im Höhlenboden deutlich erkennbar sind. Doch statt wie Eberhardt Erkundungsteam mit dem Gewehr ausgerüstet, läuft der heutige, zumeist in einer Reisegruppe organisiert anreisende Besucher eher mit der Eistüte in der Hand durch die prähistorische Vergangenheit und kann sich im dem Besucherzentrum angeschlossenen kleinen Museum bequem über die Hintergründe informieren. Der vor nur wenig mehr als 100 Jahren noch so entlegene Teil dieser Welt südlich des großen chilenischen Eisfeldes dokumentiert auf sehr deutliche Weise den Strukturwandel, den der Tourismus in den letzten Jahren ausgelöst hat. Die stetig steigenden Besucherzahlen (schön dokumentiert anhand einer Statistik der Besucher der Mylodonhöhle- und das ist nur ein winziger Bruchteil der Heerscharen, die den weiter nördlich gelegenen Nationalpark Torres del Peine besuchen) führen zu enormen strukturellen Veränderungen: Schotterpisten werden asphaltiert, die touristische Infrastruktur ausgebaut und viele Estancias setzen neben der traditionellen Schafwirtschaft, die immer mehr an Bedeutung verliert, auf den organisierten Tourismus als wichtige Einnahmequelle. Doch umso bequemer das Reisen für den modernen Urlauber von heute wird, umso mehr bleiben Abenteuer und Entdeckergeist auf der Strecke oder erwachen nur noch während der abendlichen Bettlektüre im Geist zum Leben. So etwa in der Geschichte jenes Kapitän Eberhard als dem eigentlichen Entdecker der Mylodonhöhle:


Herman Eberhard war ein kräftiger Junge mit einem unersättlichen Lebenshunger. Sein Vater, der Oberst in der preußischen Armee war, hatte Rothenburg ob der Tauber verlassen, um seinem König zu dienen. Er schickte seinen Sohn auf eine Militärakademie, von der dieser eines Morgens weglief. Er sagte, er gehe zum Schwimmen an den Fluss, ließ ein Kleiderbündel am Ufer zurück und tauchte fünf Jahre unter – zuerst auf einer Schweinefarm in Nebraska, später in einem Walfanghafen auf den Aleuten, zuletzt in Peking. Dort fingen ihn die deutschen Militärbehörden und schifften ihn nach Deutschland ein. Sein Vater ließ sich zum Vorsitzenden des Kriegsgerichts ernennen und verurteilte ihn zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit wegen Fahnenflucht. Hermans Freunde legten Berufung gegen das Urteil ein, weil der Vater voreingenommen gewesen sei, und erreichten, dass die Strafe auf 18 Monate herabgesetzt wurde- die Herman auch absaß. Er verließ Deutschland für immer, und ging auf die Falkland-Inseln, wo er als Lotse arbeitete. Eines Tages erkundigte sich die Britische Botschaft in Buenos Aires bei ihm, ob er die Marchesa, die Jacht des Earl of Dudley, durch die canales nach Valparaiso am Pazifik lotsen wolle. Herrmann hatte keinen Sinn fürs Geld, er sagte, er täte es gern, aus reinem Vergnügen, aber als er die Jacht wieder verließ, drückte ihm Lord Dudley einen Umschlag in die Hand und sagte, er solle ihn erst an Land öffnen. Innen lag ein Scheck über 1000 Pfund- in jenen Tagen war ein Lord eben noch ein Lord! Die Summe war zu groß zum Verschleudern, also wurde Eberhard Schafzüchter. 1893 ruderte er auf der Suche nach neuem Weideland mit 2 englischen Marinedeserteuren durch die Bucht der Letzten Hoffnung, und als er nach Puerto Consuelo kam, sagte er: „Hier ließe sich was machen.“

Neben der Besichtigung der Höhle machen wir einen zusätzlichen Abstecher zu Eberhardts ehemaliger Farm Consuelo, die malerisch eingebettet in den Hügeln an der „Seno Ultima Esperanza“, der Bucht der letzten Hoffnung liegt, nur wenige Km von der Höhle entfernt, die hinter seinem Anwesen in einer Felswand klafft. Ein Abenteurer wie er hätte sich schon allein aufgrund der Namensgebung der Bucht keinen treffenderen Ort aussuchen können. So war im Sommer 1557 der spanische Kapitän Juan Ladrillero vom Pazifik kommend auf der Suche nach dem westlichen Zugang zur Magellanstraße durch das Gewirr der Inseln, Fjorde und Kanäle geirrt. Doch seine Irrfahrt war vergebens: Immer wieder wurde er enttäuscht, endete seine Weiterfahrt stets am Ende einer Bucht und am Rand von steil aufragenden Felswänden. Seine Frustration liest sich noch heute an den Namen, die er den verschiedenen Orten gab- etwa „Seno Obstruccion“(verstopfter Fjord) oder „Seno Poco Esperanza“(Fjord geringer Hoffnung). Auch sein letzter Versuch schlug schließlich fehl, er endete erneut in einer Sackgasse, die er schließlich „Seno Ultima Esperanza“(Bucht der letzten Hoffnung) nannte.

Solche Sorgen müssen wir als Reisende im 21. Jahrhundert wahrlich nicht mehr haben, auf die Straße der letzten Hoffnung geraten zu sein. Unsere Reiseroute ist nach Verlassen Feuerlands aufgrund der nur wenigen existierenden Straßenverbindungen klar vorgegeben. Durch den äußersten Südwesten Chiles führt unser Weg über die zwei einzigen „Städte“ hier unter – Punta Arenas und Puerto Natales allmählich wieder Richtung Norden und berührt dabei neben der Mylodonhöhle und Kapitän Eberhards Farm eine Reihe weiterer geschichtsträchtiger Orte. So passieren wir auf dem Weg nach Punta Arenas die Estancia San Gregorio, direkt am Ufer der Magellanstraße gelegen. Sie war die älteste Estancia der Familie des einstigen Schafbarons von Patagonien, Jose Menendez. Auf Schritt und Tritt wird man hier unten im tiefen Süden mit dem Namen dieses Mannes konfrontiert, dessen Landbesitz und Machtfülle nahezu grenzenlos gewesen sein muss. Wir machen einen Zwischenstop und schlendern trotz des sehr heftig wehenden patagonischen Windes durch die leerstehenden, verfallenden Gebäude der Estancia, lassen einen Hauch von Geschichte auf uns einwirken. Die Estancia, die Menendez 1884 gründete, gleicht heute einer Geisterstadt. Sehr anschaulich beschreibt K.Bednarz in seiner „Patagonienreise“ seine Eindrücke dieses Ortes:


„Die Gebäude rechts und links der Straße sind verlassen, durch eingeschlagene Fenster und zerbrochene Türen treibt der Wind aus der Pampa Schwaden feinkörnigen Sandes. Die Kirche ist mit Brettern vernagelt, ebenso der ehemalige Dorfladen, die Schmiede, die große Schafschurhalle, das alte Kühlhaus. Von den niedrigen Wellblechhütten der Landarbeiter blättern Farbreste. Nur am Ortsausgang von San Gregorio finden sich ein paar Häuschen neueren Datums. Die Wände sind dunkelrot angemalt, die Fensterrahmen und Türen weiß, das Dach knallgelb. Von zwei Fahnenmasten am Straßenrand weht die patagonische Fahne. Die Estancia wird heute von einer Kooperative bewirtschaftet, die Geschäfte jedoch, das ist offensichtlich, gehen alles andere als gut. Am sandigen, mit blauweißen Muscheln übersäten Ufer vor dem einstigen Kühlhaus rostet schräg auf der Seite liegend seit mehr als 50 Jahren das eiserne Skelett der Amadeo vor sich hin. Die Ankerkette sieht aus wie versteinert, zwischen den Spanten baumelt schleimiger brauner Seetang. Einst war die Amadeo das Flaggschiff des Menendez-Clans. Im September 1892 hatte Jose Menendez sie voller Stolz als erstes in Patagonien beheimatetes Dampfschiff bei der Hafenbehörde von Punta Arenas registrieren lassen. Gleich neben ihr liegt das Wrack der Ambassador, eines der letzten großen Segelschiffe, mit denen Menendez, seine Wolle in alle Welt exportierte. Ihre Holzplanken wurden für den Bau der ersten Häuser der Estancia San Greogorio verwendet.“.


Weiter führt uns die ausgebaute Fernstraße anschließend am nördlichen Ufer der Magellanstraße entlang Richtung Punta Arenas. Wir passieren unterwegs einige Warntafeln, wo auf eingezäunte Minenfelder am Uferstreifen, direkt an der Straße hingewiesen wird. Sie stammen aus dem Jahr 1978, als Chile und Argentinien wegen Grenzstreitigkeiten im Beagle-Kanal südlich von Feuerland kurz vor einem Krieg standen. Der militärische Konflikt konnte erst in letzter Minute durch eine Intervention des Vatikan abgewendet werden. Seitdem liegen die Minen an verschiedenen Stellen der patagonischen Pampa als gefährliches Zeugnis dieser Ereignisse in der Erde.

Schließlich erreichen wir Punta Arenas, die Hauptstadt der 12. chilenischen Provinz Magallanes y Antarctica und mit 100.000 Einwohnern neben dem argentinischen Ushuaia auf Feuerland der einzige Ort im tiefen Süden, der den Namen Stadt zurecht trägt. Zunächst als Strafkolonie und Militärstützpunkt gegründet nahm der Ort mit Beginn der Schafzucht in Patagonien 1876 einen rasanten Aufschwung. „Alles war Schaf“ beschrieb ein chilenischer Historiker jene Zeit, in der billiges Land reichlich vorhanden war und von cleveren Geschäftsleuten wie den Familien Menendez und Braun in großem Stil aufgekauft wurde, während – angezogen von dem Boom, Auswanderer aus fast allen europäischen Ländern als Handwerker oder Geschäftsleute in die Stadt strömten. Sehenswerte Zeugnisse aus dieser Zeit sind heute zum einen die repräsentativen Stadtvillen, welche sich die Schafbarone aus der Umgebung im Stadtzentrum erbauten und zum anderen der große Friedhof, der – inzwischen zum nationalen Monument erklärt- den verflossenen Reichtum anhand der vielen prachtvollen Mausoleen dokumentiert.
Eine der Stadtvillen ist heute zum Museum umfunktioniert und verdeutlicht, dass die Oberschicht damals alles andere als schlecht lebte:


Tapeten aus Frankreich schmücken die Wände, der Waschtisch ist mit Marmor aus Italien gedeckt, die lederbezogenen Sessel kommen aus England, die vergoldeten Kamingitter aus Flandern, und Picassos Vater Ruis Blasco malte das Bild mit dem Gänsepaar im Salon. Nichts ist aus Patagonien, nicht einmal das Holz des Parkettfußbodens, alles wurde eigens über den Atlantik herbeigeschifft, eine Weltreise etwa für den Billardtisch. In England hergestellt, wurde er durch den Kanal über den Atlantik geschippert, vorbei an den Küsten Brasiliens, Uruguays und Argentiniens. Auf dem Rückweg nahmen die Schiffe dann tonnenweise Schafwolle mit.

Nach einem längeren Umherstreifen durch die Stadt bei typischem europäischem Aprilwetter mit Sonne und Regen im Minutentakt sowie kühlen 10 Grad machen wir uns den Weg zum Besuch zweier weiterer geschichtsträchtiger Orte. Wir folgen einer Stichstrasse nach Süden; Immer entlang der Magellanstraße, vorbei an kleinen Gehöften und Fischersiedlungen erreichen wir nach etwa 80 Kilometern Fahrt auf einer Schotterpiste Puerto Hambre- den Hungerhafen, auf dessen tragische Bedeutung ich bereits in einem früheren Reisebericht hingewiesen habe. Der Ort ist eng verknüpft mit der turbulenten Entdeckungsgeschichte der Magellanstraße. An dieser Stelle nämlich gründete 1583, rund 60 Jahre nach der Entdeckungsfahrt Magellans der Seefahrer Sarmiento de Gamboa im Auftrag der spanischen Krone eine Kolonie und nannte sie zu Ehren seines Königs „Rey Felipe“.

Doch schnell wurde der Ort in Puerto Hambre, Hungerhafen, umbenannt. Bald neigten sich nämlich die Lebensmittelvorräte dem Ende zu, und die Siedler gingen kläglich zugrunde. So heißt es in der offiziellen Überlieferung. Angesichts des Fischreichtums in der Magellanstraße und der Guanako-Herden auf dem Festland scheint es allerdings zweifelhaft, dass die bedauernswerten Kolonisten wirklich verhungert sind. Wahrscheinlicher ist, so andere Historiker, dass sie einer Algenpest zum Opfer fielen, die noch heute regelmäßig die Küsten Feuerlands und Patagoniens heimsucht. Es handelt sich um die sog. Marea Roja, die Rotalgenblüte. Fast jedes Jahr tauchen die kaum einen Millimeter großen Organismen an einem anderen Küstenabschnitt auf und befallen Fische und Muscheln, denen das nicht weiter schadet. Für den Menschen hingegen ist der Genuss von Meerestieren, die mit Rotalgen verseucht sind, in der Regel tödlich. Nach Übelkeit, Kopfschmerzen und Juckreiz stellt sich Atemlähmung ein, und das Opfer erstickt qualvoll, oft schon eine Viertelstunde nach dem Verzehr.

Zu sehen gibt es heute nicht mehr viel; ein schlichtes Denkmal mit der chilenischen Fahne und einige Erläuterungstafeln sind alles, was an das damalige Siedlungsfiasko der Spanier erinnert. Ich kann mir nur schwer vorstellen, welches Bild sich dem englischen Seeräuber Tomas Cavendish geboten haben muss, als er Felipe Rey ansteuerte und nur noch einen überlebenden Kolonisten vorfand, während eine Leiche noch am Galgen auf der Plaza baumelte. Nur wenige Kilometer von Felipe Rey entfernt erreicht man schließlich mit der ehemaligen chilenischen Militärfestung Fuerte Bulnes nahezu den südlichsten Punkt Chiles, der – außerhalb des chilenischen Feuerlandes -mit dem Auto angesteuert werden kann. Die Festung wurde von der ersten Expedition gegründet wurde, welche die chilenische Regierung 1843 losschickte, um Patagonien zu kolonisieren. Wegen des unwirtlichen Klimas an dieser exponierten Stelle wurde das Ford jedoch schnell wieder aufgegeben und weiter nördlich in eine geschützte Bucht, an die Stelle des heutigen Punta Arenas verlegt. Das zwischenzeitlich verfallende Ford wurde inzwischen original getreu wieder aufgebaut und thront eindrucksvoll auf einem Hügel. Weit geht der Blick über die Magellanstraße bis zum entfernten Feuerland, welches als schmaler Landstreifen im Dunst am Horizont scheint. Der malerische Ort erinnert trotz aller heutigen Idylle zugleich schmerzlich an jene entscheidende Epoche der Kolonisierung Patagoniens und Feuerlands, die in wenigen Jahren durch Verfolgung und eingeschleppte Epidemien zur fast völligen Ausrottung der ehemaligen Bewohner des Landes führte – der Indios. Zeugnisse der alten Indianerkulturen finden sich heute allenfalls noch in den Museen der wenigen Salesianer-Missionen oder als fragwürdige Postkarten-Idyllen in den Souvenir- und Andenkenläden der Touristenzentren. Bezeichnend für das Denken in der damaligen Zeit, ist das Interview, welches K.Bednarz in seiner Patagonienreportage vor wenigen Jahren mit dem 85jährigen Salesianermönch Padre Juan in der Mission Rio Grande auf Feuerland führte:

Frage: Padre, waren die christlichen Missionen in Feuerland für die Urbevölkerung ein Segen oder eher ein Fluch?
A: Die Missionare wurden von Don Bosco geschickt, dem Gründer unseres Ordens. Er war nie in Argentinien, aber hatte Visionen. In einem seiner Träume sah er die Selk’nam-Indianer. Er sah, wie erbärmlich sie lebten, und beschloss, die Salesianer hierher zu schicken, damit sie den armen Menschen helfen können. Und die Salesianer taten alles, was in ihrer Macht stand, um die Indianer zu zivilisieren. Doch dann begannen die Kolonisten, Estancias zu gründen, den Indianern Land wegzunehmen und sie zu töten.

Frage: Aber es war doch bekannt, dass das Land kolonisiert werden sollte. Und auch die Missionen sind Teil der Kolonialgeschichte- kann man da ihre Rolle so ausschließlich positiv sehen?
A: Sicher, das Beste wäre gewesen, den Indianern die Feuerland-Inseln zu lassen, ihnen ihr Land, ihren Lebensraum nicht wegzunehmen. Es war ein Fehler, diese Gegend zu besiedeln. Wenn die weißen Kolonisten die Ureinwohner gut behandelt hätten, gäbe es hier immer noch Indianer. Aber so kamen die Probleme der europäischen Zivilisation, der Alkohol zum Beispiel. Und es kamen Leute, die ausschließlich die Ausrottung der Indianer zum Ziel hatten.

Frage: Nun gibt es ja, Padre, Historiker und Ethnologen, die sagen, dass die Missionen zum Untergang der indianischen Urbevölkerung und der indianischen Kultur nicht unerheblich beigetragen haben.
A: Ich würde sagen, dass unsere Missionen die besten Absichten mitbrachten und dafür arbeiteten, die Indianer zu schützen, ihnen zu helfen. Das Problem waren nicht die Salesianer. Die Probleme brachten andere. (Dann im Tonfall schärfer): Aber die Indianer waren schon sehr eigen. Sie waren primitive Menschen, die nur für das Essen arbeiteten, nicht mehr. Sie hatten keine Wohnungen, nichts dergleichen. Wir haben ihnen geholfen, besser zu leben, haben sie gegen die Siedler verteidigt, die uns dafür sogar als Beschützer der Indianer kritisierten.

Frage: Und die alte, abgetragene Kleidung, die sie ihnen aus Europa brachten, verseucht mit Bakterien, diese Kleidung, in die die Indianer auf den Missionen zwangsweise gesteckt wurden, war das nicht eine der Ursachen für den Niedergang der Urbevölkerung?
A(Schärfer im Tonfall): Ich glaube nicht, dass die Kleidung zu Krankheiten geführt hat. Sie wurden krank, weil sie keine Antikörper hatten. Sie steckten sich mit normalen Krankheiten an, zum Beispiel mit Windpocken. Und das war tödlich für sie. Aber dass unsere Kleidung dazu geführt hat, nein! Im Gegenteil, es ging ihnen dadurch besser. Auch durch das Essen, dass ihnen die Missionare gaben. Vorher aßen sie ja nur das, was sie in der Natur fanden. Die Salesianer brachten ihnen Schafe, Kühe, Milch, Brot und all diese Dinge. Sogar Reis. Die Salesianer haben vielen Indianern zu essen gegeben.

Frage: Empfindet denn ihr Orden, empfinden denn die Salesianer heute eine besondere Verpflichtung gegenüber der indianischen Urbevölkerung?
A: Es gibt nur noch wenige von ihnen. Reine Indianer ohnehin nicht mehr. Die Übrigen haben sich mit der weißen Bevölkerung vermischt, sie sind Mestizen. Es gibt keine Indianer mehr. Die Mestizen haben sich stets um ihr Wohl bemüht.

Frage: Aber es gibt Nachkommen der Indianer. Und es sind nicht wenige. Fühlt ihr Orden eine gewisse Verpflichtung, eine Verantwortung ihnen gegenüber?
A: Eigentlich nicht. Die Mestizen haben ihr eigenes Leben. Inzwischen brauchen sie uns nicht mehr. Wenn sie um Hilfe bitten würden, dann würden wir ihnen natürlich helfen.
Frage: Und wie?
Antwort: Na ja. Früher waren wir hier vierzehn Salesianer, heute sind wir nur noch drei, alle sehr alt. Und Nachfolger gibt es nicht. Unsere Mission ist erfüllt.



Während der Besichtigung der Festung spricht uns eine junge Frau auf Deutsch an; sie kommt ebenfalls aus Berlin und hat unser Fahrzeug gesehen. Ihr Vater ist Chilene, er flüchtete nach dem Militärputsch durch General Pinochet 1973 als Dissident in die ehemalige DDR, während seine Familie in Chile zurückblieb. In Ostberlin lernte er eine deutsche Frau kennen und gründete eine weitere Familie. Inzwischen lebt er wieder in Chile und seine deutsche Tochter ist auf Besuch in Chile. Auf unsere Frage, wie sie denn die Chilenen fände und ob sie deren Spanisch gut verstehe, meint sie: Wenn man sich ein paar Monate im Land aufhalte und nähere Kontakte knüpfe, lerne man allmählich auch die Menschen mit ihrer etwas schroffen und nach außen abweisenden Art zu schätzen; und das man das chilenische Spanisch (Castellan) nur schwer verstehe, liege daran, dass die Chilenen einfach nicht richtig sprechen würden und Silben einfach verschlucken. Wir selbst haben mit unseren eh schon mäßigen Spanisch-Kenntnissen riesige Verständigungsprobleme, selbst einfachste Wörter zu verstehen und das die Chilenen in bezug auf Mentalität und Organisationswut als die „Deutschen“ in Südamerika gelten, fällt zuallererst im Kontakt mit den Ordnungsorganen wie der Polizei auf, die allein schon in ihren bieder aussehenden grünen Uniformen eher wie deutsche oder österreichische Polizisten erinnern. Nach einem längeren netten Gespräch verabschieden wir uns und machen uns wieder auf den Weg.

Wir verlassen das südliche Ende südamerikanischen Kontinents, ab jetzt geht’s nur noch nach Norden. Das berühmteste Aushängeschild Chiles, den Nationalpark Torres-del-Peine streifen wir nur mit einer kurzen Stippvisite. Abgesehen vom völlig überzogenen Eintrittspreis in den Park stört uns der Rummel, den man um diese Berge veranstaltet. Was wird nicht alles über dieses Gebirgsmassiv geschrieben- zusätzlich untermauert von perfekt fotografierten Hochglanzbildern für die Tourismuswerbung: „Höhepunkt einer jeden Chilereise“, „atemberaubende Landschaft“, „der schönste Nationalpark Südamerikas“ , „ein Bild überirdischer Schönheit, das den Atem stocken lässt“ und und und...
Die auf den letzten 80 KM unasphaltierte Zugangspiste ist recht stark befahren, voll mit den Bussen der diversen Reiseagenturen, die in der Regel aus dem südlich gelegenen Punta Arenas oder Puerto Natales anreisen. Zu den vielen Tagesbesuchern der organisierten Bustouren der verschiedenen Reiseagenturen gesellen sich in der Hauptsaison Heerscharen von Rucksacktouristen, die mit Zelt auf stark frequentierten Wanderwegen auf Trekkingtour gehen. Ständig werden neue Hotels und Straßen gebaut, um dem Massenansturm der Besucher Herr zu werden. In den letzten Jahren ist die Zahl der Besucher jährlich um 10-15% gestiegen, was schließlich Umweltschützer zu der Aussage bewegte: „Sie lieben ihn zu Tode“. Uns ist solch ein Rummel äußerst suspekt und unsere langjährige Reiseerfahrung hat uns gelehrt, dass die wahren Naturschönheiten, die uns dann auch innerlich berühren (und darauf kommt es ja im wesentlichen an), zumeist überraschend kommen und jenseits der medial ausgeschlachteten Trampelpfade liegen. So betrachten wir das Gebirgsmassiv nur von den äußeren Randbereichen des Nationalparks, übernachten am Ufer eines wunderschönen Wasserfalls mit schönem Blick auf die Granittürme des Gebirgsmassivs und können letztlich doch den Ansturm der Massen nicht so recht nachvollziehen. Gewiss, die Landschaft ist wunderschön, aber wir haben schon weitaus interessantere Landschaften in Südamerika gesehen. Ist wohl alles Geschmackssache.

Mit dem Besuch der Torres ist die Reise durch den südlichsten Zipfel Chiles, die 12. Provinz abgeschlossen. Wir überqueren erneut die Grenze nach Argentinien und fahren auf der legendären Ruta 40 nach Norden. Lange Zeit galt diese einsame Schotterstraße entlang des patagonischen Andenkammes als Abenteuerroute par excellance, doch auch hier gehören solche Attribute allmählich der Vergangenheit an. Im Zuge der touristischen Erschließung der Region ist auch hier die fortschreitende Asphaltierung der Straße im südlichen Teil weit fortgeschritten, denn auf relativ engem Raum befinden sich neben dem chilenischen Torres-del-Peine-Nationalpark noch zwei weitere hochkarätige Touristenattraktionen auf argentinischer Seite der Anden: Zum einen die mächtige Zunge des Perito-Moreno-Gletschers mit seiner 60m hohen Abbruchkante in den Lago Argentino und zum anderen die Granittürme des Fitz-Roy und des Cerro-Torre-Massivs. Die Ruta 40 führt immer in gehörigem Abstand vom Andenkamm durch die endlose patagonische Steppe nach Norden, und die eigentlichen Attraktionen der andinen Bergwelt sind jeweils nur durch ca. 100 Kilometer lange Stichstraßen, die als Sackgassen enden, erreichbar. Während der Ort Calafate sich als Ausgangspunkt zur Gletscherwelt des Perito-Moreno aufgrund seiner relativen Nähe zum chilenischen Torres-del-Peine-Nationalpark zu einem lebendigen, wegen der Preise und Luxus-Geschäfte fast schon mondänen Touristenzentrum entwickelt hat, ist das wesentlich nördlicher gelegene El-Chalten als Ausgangspunkt zur Bergwelt des Fitz-Roy-Massivs eher ein individuelles Zentrum der Trekking- und Wandertouristen sowie von Bergsteigern. Allen diesen Orten ist Eines gemeinsam: Ohne die touristische Erschließung der Region wären hier keine Siedlungen entstanden und außerhalb der kurzen Reisesaison (November bis April) versinkt die Region in einen winterlichen Dauerschlaf, denn außer diesen beiden Siedlungen gibt es abgesehen von ein paar Estancias auf hunderten von Kilometern....nichts, nada! Die Bevölkerungsdichte beträgt weniger als 1 Einwohner pro Quadratkilometer.

Vor allem der Besuch der Bergwelt des Fitz-Roy wird uns im Nachhinein als einer der wirklich großen Höhepunkte unserer Patagonienreise in Erinnerung bleiben. El Chalten entpuppt sich als nettes sympathisches und lebendiges Dorf. Wir lernen einige nette und sehr interessante Menschen kennen: Da ist zum einen der 72-jährige Busunternehmer aus Österreich, der mit einem klapprigen VW-Bus jedes Jahr einige Zeit in Suedamerika unterwegs ist und als begeisterter Bergsteiger in seinem langen Reiseleben so manchen hohen Berg bestiegen hat. In einem Restaurant lernen wir einen Südtiroler kennen, der uns von seiner gerade gescheiterten Aconcagua-Expedition berichtet. Von der 9er-Gruppe musste er als vorletzter auf 6150m vor Erschöpfung aufgeben, während der einzige Bezwinger des Gipfels anschliessend mit Erfrierungen ersten Grades an beiden Händen zurückkehrte. Eindrücklich schildert er uns seine schlaflose Nacht im letzten Höhenlager, als ein Sturm mit nahezu 200 km/h um das Zelt tobte....Apropos Sturm, auch wir machen in El Chalten eine unheimliche Bekanntschaft mit den unberechenbaren patagonischen Winden. Als wir spät in der Nacht gegen halb zwei nach einen schönen Tangoabend in unserer Lieblingskneipe durch die menschenleere Dorfstrasse zu unserem Auto laufen, pfeift uns eine recht steife Brise um die Ohren. Kurz vor Erreichen der Brücke am Ortseingang denk ich noch beim Anblick der jungen Bäume, die in einiger Entfernung von mir vom Sturm fast waagerecht gebogen werden: Mannomann, das ist heut aber ein gewaltiger Wind; plötzlich erfasst uns von hinten eine Böe, ich merk, wie Silvia auf einmal vor mir abhebt, versuch sie noch an der Jacke zu packen, da geht auch bei mir nix mehr und wir machen beide einen ordentlichen Salto mortale und liegen anschliessend im Dreck, während uns ein wahrer Staubsturm um die Ohren pfeift und uns für einige Zeit flach auf dem Boden liegen lässt. Silvia hat sich die Knie vom Sturz angeschlagen, sonst ist nichts weiter passiert ausser das es eine wirklich unheimliche Erfahrung war.

Höhepunkte unseres knapp einwöchigen Aufenthaltes in El Chalten waren natürlich nicht die lustigen Kneipenabende, sondern die Ausflüge in die herrliche Bergwelt der Umgebung mit den markanten Zacken des Fitz-Roy und des Cerro Torre. Die beiden Berge gelten wegen ihrer Schwierigkeit zu den Traumzielen von Bergsteigern aus aller Welt.. Nach zwei ausgedehnten 10-11stündigen Trekkingtouren zu den jeweiligen Basislagern der beide Berge sind auch wir anschliessend restlos begeistert von der Schönheit dieser Berge, die schon von weitem wie eine mystische Kulisse aus einer verwunschenen Märchenwelt erscheinen. Und auch die Besteigungsgeschichte des Cerro Torre trägt viel zu diesem Mythos bei:


Es gibt wohl kaum einen Berg in den Anden, um en sich bei Kletterern derartig viele Legenden ranken wie um den Cerro Torre. Monatelang harren die Bergsteiger zu seinen Füssen aus, manche nennen ihn einfach verzweifelt nur noch „torre de los Nubes – Turm der Wolken“, andere sehen sich in einer Kühlbox, in der täglich ein 50-Euro-Schein verbrannt wird. Tatsache ist, dass die leichteste Tour auf den Cerro Torre 29 Seillängen lang und mit VI A2 bewertet ist. Alle anderen Routen sind deutlich schwerer. Tatsache ist aber auch, dass für jeden, der nur ein wenig empfänglich für alpine Schönheit ist, der Cerro Torre einer der elegantesten Berge der Welt ist. Wie eine nicht enden wollende Säule aus Granit steht er da, obenauf – wie als Zugabe – das Sahnehäubchen des Eispilzes.
Seine Besteigungsgeschichte gehört zu einer der dramatischsten und umstrittensten der Alpinhistorie überhaupt.Im Sommer 1958/59 kamen Caesare Maestri und Toni Egger nach Patagonien. Sie bestiegen den Cerro Torre über die Nordwand und erreichten am 31.Januar 1959 als Erste den Gipfel. Schlüssel zum Erfolg war angeblich eine auf den fast senkrechten Felsplatten klebende Eiskruste, die eine Begehung mit Steigeisen ermöglichte. Kaum oben angekommen, schlug jedoch das Wetter um, die Temperaturen erhöhten sich und der Eispanzer verabschiedete sich in die Tiefe. Guter Rat war teuer. Haken um Haken mussten die beiden bei schlechtestem Wetter in den Fels treiben, um sich die ca. 1100 Höhenmeter abzuseilen. In der fünften Nacht am Berg riss eine gewaltige Eislawine Toni Egger in den Tod, Caesare Maestri schaffte es irgendwie zu überleben und wurde nach sechs Tagen halb wahnsinnig am Fuße des Berges aufgefunden. Einen Beweis für die erfolgreiche Besteigung gab es nicht, die mitgeführte Kamera war verschwunden. In den Jahren darauf wurde es ruhig um den Cerro Torre, allerdings nur auf seinem Gipfel. Weiter unten versuchten zahlreiche andere Expeditionen sich am Berg, alle ohne Erfolg. Als dann noch die Ausrüstung von Maestri und Egger gefunden wurde, und zwar nicht einmal auf einem Viertel der angeblichen Erstbegehungsroute, wurden Zweifel an der Geschichte von Maestri geäussert. War Caesare Maestri wirklich bereits 1959 auf dem Gipfel gewesen? Wenn ja, wäre es eine der kühnsten Begehungen der Alpingeschichte überhaupt gewesen. Maestri reagierte auf eine Kritiker in einer ganz eigenen Form: Im Sommer 1970, also nach 11 Jahren, kehrte er zurück zum Cerro Torre. Ausgestattet war er diesmal mit einem gelben Kompressor der Firma Atlas Copco, mit dessen Hilfe er sich bis zum Gipfel „hinaufschlosserte“. Haken um Haken trieb er mit Hilfe es Bohrers in en Fels, beim Abstieg zerschlug er, um allen Nachfolgern eins auszuwischen, die letzten Haken. Den Kompressor selbst ließ er in der Wand hängen (und er hängt heute noch da). Mit dieser Aktion ruinierte Maestri endgültig seinen Ruf als seriöser Bergsteiger, einen Beweis für die Besteigung des Berges im Jahr 1959 bildete der Gipfelerfolg von 1970 allerdings auch nicht.
Heute ist die Besteigung des Cerro Torre immer noch etwas Besonderes, aber nichts Außergewöhnliches mehr. Jedes Jahr klettern mehrere Seilschaften auf seinen Gipfel, interessanterweise ist der heutige Normalweg die von Maestri 1970 eröffnete Route. Die Maestri/Egger-Führe von 1959 ist hingegen bis heute noch nie wiederholt worden, trotz zum Teil mehrmonatiger Versuche.


Als Nichtbergsteiger sind wir natürlich wesentlich bescheidener, wir hören an den jeweiligen Basislagern der beiden Berge da auf, wo das eigentliche Schreiben von Alpingeschichte erst anfängt. Dabei hat es vor allem die zweite 24-Kilometer-Tour für mich persönlich durchaus in sich und zeigte mir die gegenwärtigen Grenzen meines Leistungsvermögens schon recht deutlich auf. 850 Höhenmeter galt es zu überwinden, davon die letzten 500m allerdings auf dem letzten von 12 Kilometern an einem zum Schluss mit über 50 grad immer steileren Geröllhang. Ich pfiff förmlich aus dem letzten L... , während meine Sportlehrerin munter drauf los wanderte. Na ja, sie ist auch um ein Jahr deutlich jünger als ich...!!

Nach einer knappen Woche verlassen wir etwas wehmütig diesen sympathischen Ort, die phantastische Bergwelt und unsere Lieblingskneipe mit dem tollen Essen und den wunderschönen Tangoabenden; zum Schluss erfahren wir von der sympathischen Kneipenbesatzung, dass sie alle (inclusive Tango-Sänger aus Buenos-Aires) als Saison-Kräfte mit einem 6-Monatsvertrag hier arbeiten, sonst aber aus allen Gegenden Argentiniens stammen. Und überrascht erfahren wir außerdem, dass der große Zeltplatz im Ort überwiegend nicht von Rucksacktouristen bevölkert wird, nein, hier leben überwiegend ebenfalls angeheuerte Saisonarbeitskräfte in Zelten, um möglichst viel von dem verdienten Geld zu sparen. Denn Ende März endet die Saison und die ganze Gegend verfällt in die winterliche Totenstarre.

In der Nacht vor unserer Abreise hat es geregnet und am Morgen strahlen die Berge bis in die tieferen Höhenlagen weiß vom Neuschnee und bescheren uns bei der Abfahrt einen herrlichen Blick zurück auf die Wunderwelt der Berge rund um den Fitz-Roy. Der südamerikanische Winter naht. Hinter El Chalten enden die andinen touristischen Attraktionen für eine lange Strecke und auf einmal sind wir wieder allein unterwegs in der patagonischen Einsamkeit der endlosen Steppenebenen. Wieder sind wir in dem patagonischen Endlosfilm gefangen, der immer aufs Neue die gleichen Bilder produziert: ein endloser leerer Horizont, schnurgerade Schotterpisten, die sich am Horizont verlieren, menschenleere Landschaften rechts und links der Straße und einmalige Wolkenbilder und –stimmungen, die man anderswo so nicht erleben kann.
Bisher war uns das Wetter gnädig gesonnen; zwar ist es mit Höchsttemperaturen zwischen 8 und 14 Grad (einige Ausreißer mit 20 Grad ausgenommen) recht kalt und der ewige starke patagonische Wind zehrt etwas an den Nerven, aber es hat kaum geregnet und war überwiegend sonnig. Wir können uns insofern nicht beklagen, obwohl es insgesamt nicht unsere „Temperatur-Wohlfühlzone ist.
Da uns Richtung Norden eine längere Durststrecke bevorsteht, was Sehenswürdigkeiten betrifft und das Wetter mitspielt, beschließen wir spontan einen erneuten Schlenker Richtung Westen über die Anden nach Chile, um ein Stück auf der berühmten „Carretera Austral“ durch den noch immer recht unerschlossenen chilenischen Südwesten, „das Regenloch der Welt" mit Niederschlägen bis zu 8000 mm/Jahr zu fahren. Die ersten 2 Tage haben wir mit Sonne und Wärme ein sagenhaftes Wetterglück. Die Landschaft begeistert anfangs durch eine halbwüstenartige Gebirgslandschaft, es geht vorbei an der weithin sichtbaren schneebedeckten Spitze des San Lorenzo, mit etwa 3800 m der höchste Berg der patagonischen Anden. Dann wird die Landschaft immer grüner, wir fahren durch ein wunderschönes einsames Hochtal, welches wir wegen der unglaublichen Anzahl der scheuen Guanakos das „Tal der tausend Guanakos“ taufen. Nirgends sonst haben wir bis jetzt so viele dieser Tiere auf einmal zu Gesicht bekommen, ein beeindruckendes Bild. Am winzigen Grenzübergang dann einige nervige Auseinandersetzungen mit dem chilenischen Zöllner, der bei der Lebensmittelkontrolle fast sämtliche unserer mitgeführten Lebensmittel beschlagnahmen will und damit Silvias Widerstand provoziert, die ihn bei der kontrolle im Fahrzeug begleitet; ich warte draußen und wundere mich, warum nur dieser Mensch in seiner pissgrünen Uniform und seinem dienstbeflissen korrektem Übereifer mich so intensiv an die Grenzbeamten der ehemaligen DDR an den Transit-Kontrollstellen erinnert. Es fehlte eigentlich nur der damals obligatorische Satz: „ Reisen Kinder mit?“ und das Bild wäre perfekt. Offensichtlich hat die damalige Freundschaft zwischen beiden Ländern (die DDR nahm ja einen Großteil der politischen Flüchtlinge nach dem Militärputsch und dem Sturz von Präsident Allende in den 1970er Jahren auf) auf vielen Gebieten ihre Spuren hinterlassen. Dann erreichen wir Cochrane an der Carretera Austral. Die Landschaft überrascht hier unten mit Bildern wie aus einem kanadischen Fotoband: Leere, unberührte Wälder werden überragt von schnee- und gletscherbedeckten Bergen. Die Straße selbst (offizieller Name: Carretera Longitudinal Austral Presidente Pinochet) führt als mittelmäßige Schotterpiste inzwischen rund 1200km den Südwesten Chiles. Sie existiert noch nicht lange und wurde erst von General Pinochet als Militärprojekt zum strategischen Truppentransport in den Jahren nach 1980 projektiert und fraß sich seitdem Stück für Stück immer nach Süden durch die Wälder. Seitdem ist die Region nicht mehr so isoliert wie noch vor 20 Jahren, als man große Teile der Region nur mit dem Flugzeug oder per Schiff erreichte – einsam ist sie jedoch immer noch. Wir folgen der Carretera auf etwa 600 Kilometern Länge nach Norden, vorbei an Fjorden, Seen, durch Wälder und ausgedehnte Weidegebiete. Wie schon in Argentinien: Nur wenige Ortschaften liegen an der Strecke; außer dem städtisch wirkenden Cohaique ist die Gegend nach wie vor Pionierland, wobei der Tourismus auch hier wie überall in Patagonien langsam, aber sicher zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor wird.

Dann, am 3. Tag, schlägt das Wetter um und wir erleben die Gegend so, wie man es wohl große Teile des Jahres tut: Im Dauerregen mit tiefhängenden den Blick versperrenden Wolken. Am ersten Tag ist das der Landschaft noch durchaus angemessen: Wir durchqueren mit dem Parque Nacional Queulat einen tollen kalten Regenwald, mit riesigen Farn- und Lianengewächsen, mit Bambus und den sogenannten Pangue-Pflanzen, rharbarerähnlichen Gewächsen mit riesigen, sonnenschirmgroßen Blättern. Alles wuchert, grünt und tropft voller Wasser- stundenlang fahren wir durch einen beeindruckenden Märchenwald. Unterwegs treffen wir Peter und Christel, ein Paar im Ruhestand aus der Pfalz, seit zwei Jahren unterwegs mit einem Mercedes Allrad-Sprinter auf einer Großen Amerikareise in Etappen, unterbrochen von Heimataufenthalten. Wir stehen am Pistenrand und smalltalken miteinander, als ich auf einmal bemerke, dass sich ihr rechter Hinterreifen inzwischen verabschiedet hat und platt ist. An sich kein großes Thema: ich zieh meinen Arbeits-Overall an und wir machen uns an die Arbeit; zwar hab ich leichte Bedenken, weil das Fahrzeug an dieser schrägen Stelle recht ungünstig steht. Ich liege halb unter dem Auto und setze den Wagenheben an, versuche die Schräge auszugleichen. Dann heb ich das Fahrzeug an; alles geht blitzschnell, ich höre ein Knirschen, spüre einen sich neigenden Schatten über mir und machen den Satz meines Lebens die Böschung runter. Mit lautem Krachen schmiert das bereits hochgebockte Fahrzeug wieder ab und schwankt bedenklich am Böschungsrand, bleibt aber stehen! Mann, war das knapp und ich wär glatt von dem Fahrzeug erschlagen worden; Nachdem ich meine Nerven wieder halbwegs unter Kontrolle habe, kriegen wir den Reifenwechsel gemeinsam schließlich doch noch auf die Reihe und sitzen anschliessend noch gemütlich in ihrem Auto bei einem Kaffee und einem Glas Rotwein. Zum Abschied will mir Peter unbedingt noch eine Flasche Rotwein für meine Hilfe schenken; ich kann nicht ablehnen und denk mir noch: Fast hätte ich aus mangelnder Sorgfalt ihr Auto an der Böschung versenkt, das hat eigentlich kein Präsent verdient........

Am dritten Regentag schließlich wird das Wetter lästig und fängt an, auf das Gemüt zu schlagen. Zum Glück steht auf der Höhe des argentinischen Esquel wieder der Wechsel auf die östliche Seite der Anden an und damit die letzte Etappe unserer großen Rundreise durch Patagonien und Feuerland. Wir kreuzen wieder zum Atlantik und schließen mit dem erneuten Erreichen von Trelew und Puerto Madryn unseren großen Reisekreis. Eigentlich wollen wir auch diesen Streckenabschnitt auf abgelegenen Schotterpisten zurücklegen, doch überraschenderweise holt uns auch hier äußerst mieses Wetter ein; es regnet wie aus Kübeln, die eigentlich wetterfeste Piste verkraftet die Wassermassen kaum und wird an manchen Stellen zur bedenklichen Schlamm- und Rutschbahn. Wir steuern wieder die 100m KM entfernte Asphaltstraße an, der wir auf den folgenden 300 KM bis Trelew folgen.

Ein Abenteuer ist zuende; das Fahrzeug sieht abenteuerlich aus, Schlamm, Dreck und ein Steingemisch des losen Schotterbelags der Pisten haben sich überall am Fahrzeug zu einer zentimeterdicken Betonmasse verfestigt, die Dreipunkthalterung unseres rechten hinter dem Hinterrad befestigten Staukastens ist an zwei Stellen gebrochen und es grenzt an ein Wunder, dass das ganze Teil überhaupt noch da hängt und sich nicht unterwegs –möglicherweise unbemerkt- in die Weite der patagonischen Steppe verabschiedet hat; zusätzlich macht die Bremse einen reichlich schlappen Eindruck und bei einer Kontrolle muss ich betrübt feststellen, dass sich aus dem hinteren Bremskreislauf sämtliche Bremsflüssigkeit verabschiedet hat, obwohl sich auf den ersten Blick kein Leck feststellen lässt.....


Alle Zitate stammen aus den bereits genannten Quellen
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Beitragvon tibesti » 13.03.2007 17:11

Mit dem vorliegenden Reisebericht neigt sich unsere erste grosse Reiseschleife ihrem Ende entgegen; was folgt, ist ein mehrwoechiges Nachgeplaenkel; wir sind reichlich erschoepft von den anstrengenden, aber erlebnisreichen letzten 2 Monaten und brauchen dringend eine Erholungsphase; zunaechst werden auif dem Weg in Richtung Buenos-Aires ein paar Ruhe- und Strandtage an der Kueste einlegen, dann zu einem kurzen Schlenker nach Montevideo/Uruguay aufbrechen, um in der dortigen grossen Mercedes-Vertretung einen grossen service-Check des Fahrzeugs vornehmen zu lassen und zu schauen, ob wir benoetigte Ersatzteile(die wir in Argentinien nicht auftreiben koennen) vor Ort bekommen koennen oder aus Deutschland mitbringen muessen. Anfang April gehts dann zurueck nach Buenos-Aires, wo die Organisation eines Standplatzes fuer Fahrzeug ansteht (Kontaktadresse bereits vorhanden).

Nach Erledigung all dieser Dinge unterbrechen wir unsere grosse Reise und starten zu einem 7-woechigen Deutschlandbesuch. Am 10.4. fliegen wir von Buenos-Aires via Sao-Paulo und Paris nach Deutschland, wo wir unter anderem wichtige organisatorische Dinge erledigen wollen. Am 30.5. brechen wir dann erneut nach Suedamerika auf, nochmals mit einem Grimaldi Schiff; ich moechte diese einmalige Erfahrung einer frachtschiffreise unbedingt nochmal wiederholen: Mit der Grande Amburgo gehts wieder von Hamburg ueber Antwerpen, Tilbury/London),Le Havre,Bibao,Casablanca,Dakar,Banjul,Freetown,Vitoria/Brasilien,Santos,Rio-de-Janeiro
nach Buenos-Aires, wo wir voraussichtlich am 3.7. eintreffen werden. Dann heisst es : auf nach Norden Richtung Nordost- und Nordbrasilien, ueber das Amazonasgebiet irgendwie Richtung Peru und Ecuador. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Ich bedank mich zunaechst fuer das rege Leserinteresse

Adios und a la proxima vez
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Beitragvon oegeat » 13.03.2007 18:02

tibesti hat geschrieben:.....Ich bedank mich zunaechst fuer das rege Leserinteresse
Adios und a la proxima vez



wir bedanken uns !
für die vielen interessanten Bilder
Grüße Gerhard
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon tibesti » 28.03.2007 04:28

Buenos-Aires 24.3./Montivideo 27.3.07


NACHSPANN

Jedes vernünftige Doku-Soap im Fernsehen hat bekanntlich einen Vor- bzw. Nachspann. Hier ist er:

Die nackten Zahlen:
a)295 Tage in Südamerika + 35 Tage Schiffsreise sind vorbei (für Silvia 267);

b)43500 KM wurden gefahren, davon etwa 30000 KM auf nicht-asphaltierten Wegen

c) was kostet so eine Reise?
Bisherige Ausgaben in Südamerika: 10.045 Euro, das ist ein Schnitt von 34,05 Euro pro Tag, davon entfallen

45% auf Treibstoffkosten (4521 Euro)
8,5% auf sonstige KOsten rund ums Fahrzeug (Reparaturen, Service etc) (863 Euro)
39% auf Lebenshaltungskosten (3914 Euro), das sind 15,5 Euro pro Tag; darin enthalten sind: Lebensmittel, Getränke, Restaurant- und Kneipenbesuche, Kosten für Kleiderwäscherei, Übernachtungskosten (sind mit ca. 100 Euro praktisch zu vernachlässigen);
7% auf Sonstiges (Eintritt in Nationalparks, Mautgebühren, Fähren), (Kleiderkäufe, MusikCDs, Geschenke)
0,5% auf Gesundheit (Arztkosten, Arzneimittel)

Hochgerechnet aufs Jahr bedeutet das Kosten von ca. 12430 Euro oder auch 1040 Euro im Monat.

Zu diesen Kosten kommen noch hinzu:
2500 Euro für die Schiffspassage Hamburg-Buenos-Aires (Auto+1 Person)
900 Euro für den Flug Berlin-Montevideo (Silvia).
360 Euro für eine einjährige Auslandskrankenversicherung
700 Euro für eine einjährige Autoversicherung, gültig für ganz Südamerika

Die Reiseunterbrechung schlägt zu Buche mit:
1160 Euro für den Flug für 2 Personen von Buenos Aires nach Deutschland
2500 Euro Schiffspassage (2 Personen in Innenkabine)

Zu diesen eigentlichen Reisekosten kommen dann noch die monatlich weiterlaufenden Fixkosten wie Miete (sehr billig), Krankenversicherung und einige andere Posten, die mit ca. 700 Euro im Monat bzw. 8400 Euro im Jahr zu Buche schlagen.
Aussen vor lasse ich die Abschreibungskosten fuer das Fahrzeug, nach 8 Jahren und 250.000 KM im harten Einsatz duerfte der Fahrzeugwert abschreibungstechnisch allmaehlich gegen 0 tendieren.

Mit Minimum 20.000, realistischer aber 25.000-30.000 Euro (eventuelle Sonderfaelle wie Reparaturen mit beruecksichtigt), laesst sich also eine Langzeitreise realisieren, soviel muss das angelegte Vermoegen wenigstens erwirtschaften, um ohne Kapitalverlust ueber die Runden zu kommen. Wir haben eine Anzahl unterschiedlicher Langzeitreisenden unterwegs kennengelernt, vom 55-jaehrigen ehemaligen Schweizer Unternehmensberater mit Juwelierswitwe als Freundin auf der oberen und einigen Low-Budgetreisenden auf der unteren Seite der Vermoegensskala. Der eine leistet sich jaehrlich 4-Monate Urlaub vom Suedamerika-Urlaub, um in dieser Zeit im Mittelmeer segeln zu gehen (und sein Vermoegen steigt trotzdem immer weiter), die anderen mindern die Reisekosten, indem sie, wenns sein muss, wochenlang mit ihrem Fahrzeug stehenbleiben, um das vorhandene Reisebudget zu strecken, was dann aber nach einer gewissen Zeit doch aufgebraucht ist.


d) Was waren die Höhepunkte?
Eindeutig die Argentinisch-chilenischen Andenpässe zusammen mit der Fahrt durch das westbolivianische Andenhochland; danach ist eine Wertung sehr schwer und wird von uns beiden auch zum Teil unterschiedlich vorgenommen; während ich die tropischen Tiefländer (Braslien,Bolivien) trotz der klimatischen Belastungen faszinierend und Silvia die sichteinschränkende Waldatmosphäre eher bedrückend fand, begeisterte sie sich wiederum für die weiten Steppenebenen Patagoniens und die Verschlafenheit der Orte, während es mir trotz vielfachem Wetterglück einfach auf Dauer zu kalt und die Orte "zu" trostlos waren. Gleichermassen begeistert waren wir dagegen von der Atmosphäre und den Menschen in Uruguay und Brasilien, den herrlichen Strandtagen in Florianopolis und Piriapolis, den tropischen Barabenden in Brasilien und und und.... Eine Wertung ist schlicht nicht möglich, es fallen uns einfach zu viele Dinge ein(die sagenhafte Kirchenatmospäre im bolivianischen Conception, die Yunga-Strecke ins bolivianische Hochland, der paraguayaniscvhe Chaco, die Geysire im chilenischen Tatio, die Wanderungen im patagonischen Fitz-Roy-Massiv...)-Stoff für ein ganzes Reiseleben.

Insgesamt bleibt festzuhalten: Es gibt erstaunlicherweise so gut wie nichts Negatives, was im Gedächtnis haften bleibt oder wirklich erwähnenswert wäre. Natürlichg verläuft so eine lange Reise stimmungsmässig nicht stromlinienförmig ab, es gibt immer mal wieder Durchhänger oder auch kleine Stimmungstiefs, die jedoch nie von langer Dauer waren. Es war selbstverständlich auch nicht immer alles nur eitel Sonnenschein, wie das halt so ist, wenn 2 Personen nahezu pausenlos auf 4*2,5m Wohnfläche zusammenleben, aber insgesamt war es eine wirklich tolle und harmonische Zeit zusammen- wieder ein Stück gemeinsamer Lebensweg mit Erinnerungen, die uns keiner mehr wegnehmen kann: Getrennt sind wir nichts, gemeinsam sind wir (fast) unschlagbar....

Und ganz zum Schluß nochmal die ganze Bildergeschichte der Reise kompakt in Link-Form zusammengefasst:


Die Reiseroute:

Die-Reiseroute


1. Schiffsreise mit Grimaldi

Schiffsreise und 8 Tage in Buenos-Aires

2. In Uruguay:

Uruguay1
Uruguay2
Montevideo

3. In Brasilien:

Brasilien1
Brasilien2
Brasilien3

4. In Bolivien:

Bolivien1
Bolivien2
Bolivien3
Bolivien4
Bolivien5
Bolivien6
Bolivien7
Bolivien8

5. von Bolivien durch den paraguayanischen Chaco nach Brasilien:

Paraguay

6. auf deutschen Spuren entlang der brasilianischen Suedkueste

Brasilien5

7. Erneut durch Uruguay:

Uruguay II

8. durtch Nordargentinien nach Chile

Argentinien1

9. In den chilenisch-argentinischen Anden

Argentinien2
Argentinien3

10. In Patagonien und Feuerland:

Argentinien4
Argentinien5
Argentinien6
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Beitragvon tibesti » 31.05.2007 19:24

Zwischenbericht:

Die Zeit rennt..... Wie nix und haste nicht gesehen sind 7 Wochen Ferien wieder um und die harte Zeit des Alltags hat uns wieder. Morgen in aller Herrgotts-Frühe um 3 Uhr 30 starten wir schwer bepackt Richtung Hamburg und hoffen, dass wir das logistisch bis um 11 am Vormitag gut bwältigen.

Transportproblem

Nachdem wir beim Rückflug so einige Ängste im Flieger ausstehen mussten....

Landeanflug

haben wir uns zur Rückreise mit dem Schiff von Hamburg nach Buenos-Aires entschlossen, da fühlen wir uns wesentlich sicherer....

Schiffssicherheit


In den sieben Wochen Ferien in Berlin hat vor allem Silvia an ihren Fahrkünsten gefeilt und kann inzwischen perfekt einparken...

Einparktraining

und wenn wir schliesslich nach 34 Tagen Seereise unser Ziel Buenos-Aires am 3.7.07 erreichen werden wir zunächst etliche Verbesserungen an unserem Reisetruck vornehmen - vor allem in Bezug auf die Geländetauglichkeit..

Offroad-Star


So gerüstet werden wir schliesslich Richtung Brasilien und Amazonien aufbrechen. Dort hat unser Freund Francisco, Chefredaktuer des Trucker-Magazins Caminheiro, dafür gesorgt, dass in der Juli-Ausgabe des Magazins ein 4-seitiger Bericht über uns und unser Reiseprojekt erscheint. Wahrscheinlich kennt uns danach jeder brasilianische Trucker, dem wir dann begegnen....

Francisco hat in der Zwischenzeit ohne unser Wissen Kontakte zu einem grossen landesweit operierenden Transportunternehmen geknüpft und dem Chef, seinem Freund, von unserem Projekt berichtet, mit der Folge, dass wir nunmehr in jeder Stadt, in der die Company Niederlassungen unterhält, die Company uns bei Problemen mit Hilfestellung zur Seite stehen wird. Jaja, die südamerikanische Gastfreundschaft......

Wir freuen uns auf Brasilien.....


Bis demnächst aus Südamerika
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Beitragvon tibesti » 16.07.2007 17:59

REISESTART SUEDAMERIKA TEIL 2


Boa tarde aus

Sao Angelo, Rio Grande do Sul, Brazil

37 Tage Schiffsreise sind vorbei, mit 4 Tagen Verspaetung sind wir am 7.7. in Buenos Aires und damit dem suedamerikanischen Winter mit unter 0 Grad nachts und dem ersten Schneefall seit mehr als 10 Jahren eingetroffen.

Die Schiffsreise war wie beim 1.Mal ein Traum mancher Widrigkeiten zum Trotz (ein beschissener menschenscheuer Kapitaen Marke A...loch, ein maessiger Koch Marke Knastkoch (mit Taetowierungen bis zum Abwinken)und persoenliche Probleme mit einer 69-jaehrigen Mitreisenden (wir waren 5 Passagiere, 2 Belgier, 1 Deutsche und wir), Ostberlinerin, alleinreisend, selbstverliebte Quasselstrippe, auf Dauer unertraeglich in ihrer Art....Es kam wie es kommen musste, geduldig hab ich sie und ihre Erzaehlorgien ertragen und dabei das Wasser in meinem persoenlichen Kochtopf immer weiter erhitzt; im afrikanischen Gambia beim Landgang dann eine weitere dumme Bemerkung von ihr und der deckel flog ab und ich hab sie zusammengefaltet. Danach war Feuer unterm Dach, was insofern problematisch ist, als man sich auf so einem Kahn nicht aus dem Weg gehen kann und beim Essen zwangsweise am selben Tisch sitzen muss.

Naja, das war dann mal wieder eine der schicksalhaften Begegnungen des Lebens, bei denen man nachher nach dem Sinn und Zweck fragt........

Trotz allem haben wir jeden Tag der Reise genossen, bis auf 2 Tage hatten wir ein Traumwetter mit Sonne pur, die Mannschaft war supernett, unser Steward einfache Spitze, die Landgaenge waren super (vor allem 1 Tag London, aber Antwerpen, LeHavre, Bilbao, Casablanca, Banjul/Gambia, Vitoria und Rio/Brasilien und schliesslich Zarate/Argentinien);
ansonsten laesst sich so eine Schiffsreise einfach nicht beschreiben, man muss sie selbst einmal unternommen haben, um die Beschreibung nachzuvollziehen; so ein Schiff ist wie ein lebendes extraterrestrisches Alien, welches sich einen einverleibt und zum Bestandteil des Schiffskoerpers umfunktioniert. Nach ein paar Wochen ist alles in seiner taeglichen Routine so selbstverstaendlich, man moechte irgendwann das Leben ohne Tv, Internet und Handy gar nicht mehr missen. Wir sind wild entschlossen, noch so oft wie moeglich Frachtschiffreisen zu unternehmen.....


Auf der Flucht vor dem kalten Wetter in den Norden sind wir nunmehr bereits in Brasilien eingetroffen, das Wetter ist immer noch recht kuehl mit 16 Grad tags und 1-2 Grad nachts, aber dafuer haben wir herrlichen Sonnenschein.
Die Fahrt begann mit kleinen Problemchen: 2 Autobatterien defekt, 70 Euro Geldstrafe an einer argentinischen Polizeikontrolle, weil unsere Fahrzeugruecklichter angeblich auf einer Hoehe mit der Fahrzeugrueckwand sein muessten (also keine Reserveraeder und kein Zusatzstaukasten hinten erlaubt); wir kennen die argentinischen Bestimmungen hierzu nicht, also blieb Diskutieren zwecklos;
das noch ungeloeste Problem konnte heute geloest werden : bei einem kurzen Abstecher in die uruguayanische Pampa auf einer Nebenstrecke konnten auf einem schlammigen Teilstueck auf einmal keinen Allrad mehr schalten, in der Allradstellung stand alles auf Leerlauf....ein absolutes Novum, das hatten wir noch nicht. Beim heutigen Besuch in der Mercedes-Vertretung von Sao Angelo (wo wir nach unserem letztjaehrigen Besuch mit grossem Hallo begruesst wurden) wurde das Problemchen schnell behoben, der Schaltzylinder war festgerostet).

Gestern hatten wir unser erstes brasilianisches Highlight. Im 80.000 Einwohnerort Sao Angelo lud uns ein Brasilianer spontan von der Strasse weg zum Abendessen ein, das sich bei naeherer Betrachtung als festliche Gala zum 40 jaehrigen Bestehen einer Zeitung entpuppte; mehrere hundert geladene Gaeste in Abendgarderobe waren geladen, Festreden wurden geschwungen, Preise verteilt, am Buffet gefressen, was das Zeug hielt- und wir mittendrin....Die Creme der lokalen Oberschicht war anwesend, wir wurden als exotisches Schmankerl aus Almanha herumgereicht und fanden uns flugs in einer ungewohnten Rolle wieder: Dem Verleger die Hand schuetteln, mit diversen lokalen Groessen smalltalken, ein Geburtstagsstaendchen auf potugees mitsingen, Wein und Sekt bis zum Abwinken: alles "all inclusive"! auf Kosten unserer neuen Bekanntschaft Luis Barani. Gestern als Nachschlag dann die Einladung zum Barbeque bei unserem Gastgeber, einem Bauunternehmer, in seinem Riesenhaus; anwesend ebenfalls sein Freund, Unternehmer mit einer Fabrik zur Herstellung von Autoteilen fuer VW und Ford-Lkws: der Chef fuehrte uns am Morgen persoenlich durch sein Unternehmen, was 700 Mitarbeiter beschaeftigt.
Wir sind ganz kleine Lichter in dieser Wohlstandspracht, gleichwohl gelten wir in deren Augen wohl als gleichermassen wohlhabend, da wir durch die Weltgeschichte reisen koennen.........

Das sind Stories wie sie nur Suedamerika liefert, denn wo passiert dir sowas in old Germany...?

Jetzt steuern wir zielgerichtet Richtung Norden in die tropische Waerme und unseren eigentlichen Reise-Ausgangspunkt: das nordoestliche Brasilien. Insofern hat die ueberraschende Kaelte im Sueden auch sein Gutes, verplempern wir doch nicht zuviel Zeit in bereits vertrauten Regionen wie Uruguay, das ja schon fast zur 2. Heimat geworden ist.

Anbei die Bilder der diesjaehrigen Schiffsreise


schiffsreise 2007
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Beitragvon tibesti » 31.07.2007 23:32

Ouro Preto, Minas Gerais, Brazil

Boa Tarde aus Brasilien. Nachdem nun bereits mehrere Versuche in verschiedenen Internet-Cafes fehlschlugen, groessere Datenmengen auf einen Server zu laden, laesst der naechste Reisebericht mit Fotos weiter auf sich warten.

Die Flucht vor dem Winter hat uns inzwischen zuegig an den Ausgangspunkt unserer jetzigen Reiseroute gebracht. Nach einer Fahrt durch die laendliche Provinz der Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Parana und Sao Paulo, einem Zwischenstop in dem 20-Millionen-Moloch Sao Paulo und einem Aufenthalt an der brasilianischen Costa Verde zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo sind wir jetzt im Bundesstaat Minas Gerais und besuchen die kolonialen Barockstaedte aus der Zeit des grossen Gold und Edelstein-Rauschs um 1700.

Reiseroute


Statt des Foto-Reiseberichts zu den bisherigen Highlight bleibt als kleines
Trostpflaster an dieser Stelle nur der Verweis auf die Aufmerksamkeit, die uns in der brasiianischen Presse nunmehr entgegenschlaegt.

Unsere Einladung zum Galadinner anlaesslich des 40-jaehrigen Zeitungsjubilaeums der Zeitung A TRIBUNA in Santo Angelo fand ihren Niederschlag in Form eines Fotos in der lokalen Presse, wo wir zusammen mit unseren Gastgebern Luis und Fatima Bassani zu sehen sind(Frau Bassani erhielt auf der Gala einen Preis als wichtiger und langjaehriger Sponsor der Zeitung). Die Gala war letztlich nebensaechlich, wichtiger ist fuer uns der Umstand, dass sich aus dieser Zufallsbekanntschaft eine richtig gute Frendschaft mit regelmaessigem Email-Kontakt zu entwickeltn scheint.
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Gala-zum-Zeitungsjubilaeum
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Ausserdem erschien in der Juli Ausgabe des brasilianischen Trucker-Magazins CAMINHONEIRO, welches auf allen grossen Tankstellen des Landes erhaeltlich ist ein ausfuehrlicher Bericht ueber unser 30jaehriges Reiseleben im algemeinen und die Suedamerika-Reise im Besonderen. Den Redaktuer Francisco Ruis, haben wir inzwischen in Sao Paulo besucht; auch er und seine Frau sind inzwischen richtig gute Freunde geworden.

Der 5-seitige Artikel ist natuerlich in Portugiesisch, ein Portugiesisch-Kurs vor der Lektuere also Pflicht!!!
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CAMINHONEIRO-Bericht
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Beitragvon oegeat » 01.08.2007 00:09

ich sage danke für den Bericht bisher ! auch oben das Thema kosten ist sehr aufschlußreich

ne frage was ist da passiert ? und wie wurde es repariert ?

grüße gerhard
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Beitragvon tibesti » 09.08.2007 23:31

oegeat hat geschrieben:ich sage danke für den Bericht bisher ! auch oben das Thema kosten ist sehr aufschlußreich

ne frage was ist da passiert ? und wie wurde es repariert ?

grüße gerhard


Hallo Gerhard, da brauchts nur eine kurze Antwort:
Ich verweise auf den Bericht vom 16.10.06


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Canavieira, Atlantik/südliches Bahia 9.7.07

5 Wochen und 6000 KM trennen uns inzwischen vom südamerikanischen Winter in Argentinien, der in diesem Jahr ungewöhnlich kräftig ausfällt. Die Flucht vor den kühlen Temperaturen verschafft uns einen zügigen Durchmarsch an den eigentlichen Ausgangspunkt unserer nunmehr zweiten großen Südamerikarundfahrt.

Eigentlich beginnt die wirkliche Reise erst ab Sao Paulo. Wir nehmen die Einladung von Francisco, dem Caminhoneiro-Redakteur (der den Bericht über uns geschrieben hat) an und besuchen ihn und seine Frau Miriam in seinem kleinen Haus inmitten des 20-Millionen-Molochs Sao Paulo. Mittels punktgenauer Satelliten-GPS-Daten, etlichem Umherirren, ewig langem Stop-and-Go- Verkehschaos und Herumfragen stehen wir nach Stunden endlich vor dem Haus unseres Gastgebers. Die Begrüßung ist – typisch brasilianisch-sehr herzlich und wir verbringen eine harmonische Zeit zusammen. Wir müssen selbstverständlich im zum Gästezimmer umfunktionierten Arbeitszimmer schlafen. Unsere Bedenken, das Auto unbewacht vor der Haustür stehen zu lassen, werden mit der Bemerkung zerstreut, dies sei eine sichere Gegend, seit ihrem Herzug vor 7 Jahren sei so gut wie noch nie was passiert. Gleichzeitig ist das Haus aber wie ein Hochsicherheitstrakt verrammelt, Ein Eisentor vor dem kleinen Vorbau und gleich 2 hintereinanderbaute Eingangstüren sind mehrfach gesichert, „weil sonst PKW und Motorrad nicht lange mehr vorhanden wären.......“ Brasilianische Logik, die verstehe wer will... Zur Aufmunterung erzählt uns Francesco später, dass vor wenigen Tagen nur wenige Kilometer von ihrem Haus eine Familie auf der nächtlichen Heimfahrt an einer Kreuzung bei roter Ampel überfallen und beim spontanen Fluchtversuch eiskalt erschossen worden sei. Nur die kleine Tochter auf dem Hintersitz habe überlebt. Die Täter, zwei minderjährigen drogenabhängoge Jugendliche seien ein paar Tage später identfiziert und gefasst worden. Schon ein paar Mal sind wir auf die auswuchernde Gewaltkriminalität im Umfeld von Drogen und Armut hingewiesen worden; Armut, Schusswaffenbesitz und Drogenabhängigkeit : eine unheilvolle Allianz. In Rio de Janeiro z.B. gibt es nachts für Autofahrer die Sondererlaubnis, eine Kreuzung auch vorsichtig bei rotem Ampellicht zu überqueren- zu gross ist die Gefahr bewaffneter Raubüberfälle. Sao Paulo wiederum ist bekannt für „Sequestros relampagos“, blitzschnelle Entführungen, um mit vorgehaltener Schusswaffe ein Kartenkonto am nächsten Geldautomaten zu plündern. Inzwischen ist es in Sao Paulo, so Francesco, nicht mehr möglich, nach 22 Uhr am Geldautomaten noch Geld zu bekommen – eine Sicherheitsmaßnahme.

Wir unternehmen mit Francesco eine grosse Stadtrundfahrt ins Zentrum von Sao Paulo. Er ist stolz auf seine Stadt und lebt angeblich gern hier. Wir versuchen auf der Sightseeing-Tour angestrengt, irgendwelche Schönheiten in der Stadt zu entdecken und müssen nach 8 Stunden feststellen: Es gibt sie Nicht!!! Die Stadt ist hässlich, hektisch und chaotisch,. So beindruckend die Skyline der Stadt von oben aussieht, so schonungslos unbarmherzig präsentiert sie ihr Gesicht am Boden.

Die Hälfte des brasilianischen Brutto-Sozialprodukts wird in Sao Paulo erwirtschaftet, das Pro-Kopf-Einkommen übertrifft den Landesdurchschnitt um das Doppelte. Es gibt hier die meisten Millionäre und Milliardäre Brasiliens, gleichzeitig sind weit über 1 Million Menschen
arbeitslos und fristen ihr Dasein unter der Armutsgrenze. Jährlich muss die Stadt 250.000 Zuwanderer aus den nordöstlichen Landesteilen von Brasilien verkraften. „Doch wer mittellos hier ankommt, bleibt inzwischen auch meist arm. Marginalisiert lautet die soziologische Formel für die durch ihre Armut Ausgegrenzten.“ Überall in der Stadt wuchern die Stadtteile dieser Parias, wilde Elendsviertel ohne Strassenreinigung, Kanalisation. „Stadtteile wie ein Friedhof für Lebendige: Keiner will rein, keiner kann raus.“
Die Armut ist allerorten sichtbar- überall in der City sieht man die Obdachlosen zerlumpt auf Plätzen und in Hauseingängen hausen und die wilden Bretterhütten entlang des Highways, die wir passieren, lassen uns sprachlos verstummen: Das haben wir in dieser Schonungslosigkeit noch nirgendwo gesehen......

Um die soziale Kluft mal etwas konkret zu machen, ein Zahlenbeispiel .
Bei unserem Kurzausflug in die Upper-Class in Santo Angelo besichtigen wir eine Fabrik, die Autoteile für VW- und Ford-LKw produziert und 700 Leute beschäftigt. Auf unsere Frage nach den Löhnen erfahrenen wird: Die Spitzenkräfte der Firma verdienen im Monat 12.000 Reals (4700 Euro), die unteren Lohngruppen erhalten 500 Reais, knapp 200 Euro im Monat..... Und mit jenen 200 Euro gehören diejenigen noch zu den Glücklichen, denn sie haben immerhin die einen Job.

Doch zurück zu den Schönheiten Brasliens. Nach der Stippviste in Sao Paulo geht es weiter Richtung Norden: Auf der „Straße des Goldes“ fahren wir – ausgehend vom wunderschönen Küstenort Parati an der Costa Verde (dem Verschiffungshafen für das gefundene Gold, aber auch für Kaffe, Schnaps und Sklaven) durch den brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais und passieren eine Reihe wunderschöner, zum Teil verschlafener Provinzstädte wie Sao Joao del Rei, Tiradentes, Ouro Preto, Mariane und Diamantina mit ihrer herrlichen Barockarchitektur von Kirchen und Häusern. Alle diese Städte sind ein Ergebnis des Gold- und Diamantenrausches gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als aufgrund von Goldfunden Zehntausende in das nur schwer zugängliche Bergland von Minas Gerais strömten und Städte und Siedlungen gründeten. Ungeheure Summen flossen in den Bau herrlicher Herrenhäuser und Kirchen. „Die Braockkunst entwickelte sich in Brasilien zur höchsten Blüte, europäische Baumeister und brasilianische Künstler beeinflussten sich in idealer Weise“. Wir geniessen die abendlichen Spaziergänge durch die verschlafene Stille der Städte, vor allem in der Dunkelheit übt die barocke Atmospäre einen unwiderstehlichen Reiz auf uns auf.

Je weiter wir nach Nordosten vordringen, desto leerer und trockener wird die Landschaft. Auf verkehrsarmen , z.T. furchtbar schlechten Nebenstrecken steuern wir Kurs Richtung Bundesstaat Bahia. Wir sind bereits in den südlichen Randbereichen des „Sertao“, jenes Gebietes in Brasilien, das im Gegensatz zur Küste nur wenige Niederschläge abbekommt und die Menschen mit häufigen Dürrreperioden plagt. Auch kulturell überschreiten wir eine Grenze- immer dunkelhäutiger werden die Menschen, immer ärmlicher die Ortschaften. Schliesslich erreichen wir bei Canavieira wieder die Küste und das Bundesland Bahia. Wir sind angekommen im eigentlichen „schwarzen Kernland“ Brasiliens. Wir erreichen den Strand und finden das Klischee Brasiliens aus den Werbeprospekten der Tourismusindustrie wieder: Endlose palmengesäumte Sandstrände bestimmen das Bild.

Es ist wie im Urlaub.................

Doch jetzt müssen wir los. Erneut sind wir eingeladen, diesmal von Frank, einem Deutschen, der mit 28 Deutschland den Rücken gekehrt und seit 13 Jahren in Brasilien lebt- seit einiger Zeit in einem jener wunderschönen restaurierten Häuser aus der Gründerzeit der Stadt Canavieira. Das wird bestimmt wieder ein interessanter informativer Abend..........

Unsere Reiseroute:

Reisekarte1

Reisekarte2


die Fotos:

Kurzausflug-nach-Sao-Paulo


durch-Minas-Gerais-nach-Bahia
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Beitragvon tibesti » 01.09.2007 22:19

Sao Luis, Bundesstaat Maranhao 1.9.2007
Die Fakten:
8 Wochen Südamerika sind vorbei, 10.000 KM sind gefahren, wir haben uns dem Äquator bis auf 2 Grad 30 Minuten südlicher Breite angenähert.

Mit der 7. Wochen in Brasilien ist die Hälfte der (zolltechnisch für die befristete Einfuhr des Fahrzeugs maximal möglichen) Aufenthaltsdauer von 3 Monaten in Brasilien vorbei und wir stehen an einem wichtigen Richtungsentscheid für die nächsten Monate, der uns sehr, sehr schwer fällt.
Doch zunächst zu den Stationen des letzten Reiseabschnitts.
1)Wir verbringen einige erholsame und entspannte Tage in Canavieira, einer sympathischen Kleinstadt an der südlichen Traumküste von Bahia.
Nach kurzer Zeit lernen wir die dortige Europäer-Gemeinde kennen (Deutsche Schweizer) und erfahren auf einigen Einladungen einige interessante
Lebensgeschichten deutscher Emigranten in Brasilien. Vom Schweizer Restaurantbesitzer, der schon seit Jahrzehnten in Brasilien lebt über das deutschen Unternehmerpaar um die 40, das gerade den Ausstieg in Brasilien plant bis zum frustrierten Führentner mit 58 und 1000 Euro Rente aus Deutschland ein bescheidenes Leben vor Ort lebt, ist alles vertren.

Da ist das deutsche Paar um die 40 mit kleiner Tochter. 2 Jahre fuhren sie mit einem Unimog in mehreren Etappen durch Amerika. Dann wurde die Tochter schulpflichtig und sie mussten zurück nach Deutschland, um nach kurzer Zeit festzustellen, dass ein Leben dort für sie nicht mehr vorstellbar sei. Also gingen sie auf die Suche nach einem geeigneten Ort, der Lebensqualität für sie und Schulqualität für die Tochter gleichermassen verbindet und wurden in Brasilien fündig. Sie verkauften ihre Firma in Deutschland und erwarben für umgerechnet 30.000 Euro ein kleines Gästehaus mit 2500 qm Land direkt am Strand unter Palmen; die Tochter geht nun in eine Privatschule und sie selbst leben von der Vermietung ihrer Gästeappartments.

Da ist Frank 41, seit 13 Jahren in Brasilien, zum 3.mal mit einer Brasilianerin liiert, der von der Fischzucht über ein Restaurant bis zum Pizzabäcker schon alles ausprobiert hat. Zusammen mit einem Schweizer hat er vor Jahren eine ganze Zeile heruntergekommenen kolonialen Lagerhäuser aus der Zeit des Kakaobooms am Hafen von Canavieiras aufgekauft und sie wunderschön wieder restauriert. Er findet, dass er sich mit nur 3 Partnerinnen in 13 Jahren (und 2 Kindern) im Vergleich zu anderen Europäern doch "sehr" zurückgehalten habe und dass brasilianische Frauen furchtbar eifersüchtig seinen.... Von ihm erfahren wir auch, dass die meisten Europäer vor Ort wohl mit einer Finanzdecke von 1 bis 1,5 Millionen Reals (also 400.000 bis 600.000 Euro) ein recht gutes Leben führen.

Doch da gibt es natürlichen die Ausreißer nach unten und oben:
An der oberen Skala das deutsche Unternehmerpaar (45 und 36), welches gerade den Ausstieg plant. Er, 45, ehemaliger Kampfsportler (Jiu Jitsu, Judo, Kickboxen mit nationalem Titel, Diskotürsteher, vorübergehender Barbesitzer in Griechenland, bis der Sohn geboren wurde, dann Aufbau einer Cash-Logistikfirma (das sind die, welche die Geldtransporte organisieren und durchführen), die innerhalb von 10 Jahren mit 65 Mitarbeitern zu beachtlicher Größe wuchs. Jetzt die Erkenntnis, das 16 Stunden am Tag malochen nicht alles im Leben sei. Also wird der Ausstieg geplant, die Firma soll verkauft werden. Für 160.000 Reals (60.000 Euro) haben sie ein herrliches 8.000 qm palmenbestandenes Meergrundstück gekauft und für weitere 25.000 Euro jetzt zunächst das 80 qm Gästehaus in Luxusausführung bauen lassen, während das Haupthaus später folgen soll. in 3 Tagen müssen sie nach Deutschland zurück, was sie sehr betrübt, wir sind zum feuchtfröhlichen Barbeque-Abschied mit Caipirinha bis zum Abwinken eingeladen....
Schliesslich gibts da noch den deutschen Frührentner um die 60, der mit 1000 Euro Rente auskommen muss. Man erkennt auf den ersten Blick, das ist einer, der braucht jemanden, um sein Leid zu klagen. Zusammen mit einer drogensüchtigen brasilianischen Freundin hat er eine Tochter, jetzt ist die Freundin (Crack-abhängig) abgehauen und hat ihn mit der Tochter sitzen lassen. Aus Angst vor offenen Rechnungen irgendwelcher Drogendealer hat er die Wohnung gewechselt, zieht über die anderen Europäer her, die in Brasilien wie die Made im Speck leben würden. Er wirkt alles i n allem auf uns wie ein Mensch, der heimatlos durch die Welt irrt, wohl wissend, dass ihm der Rückgang nach Deutschland bei seiner Rente wohl versperrt bleibt, aber auch in Brasilien ohne Perspektive ist, gestrandet letztlich........
Ach ja, und für alle, die jetzt vielleicht auch nach Brasilien auswandern wollen....Das ist gar nicht mehr so schwer, da der brasilianische Staat die Bedingungen zur Erlangung des Residence-Status gelockert hat. Statt vormals 200.000 Dollar müssen jetzt nur noch 50.000 Dollar investiert werden. Es muss eine Firma gegründet werden und wenigstens 1 Brasilianer eingestellt werden. Die Minimumsumme muss bei der Bank of Brazil eingezahlt u nd registriert werden, was man dann mit dem Geld macht ist, völlig wurscht. Man kann das Geld zum Kauf eines Grundstücks und Hausesverwenden und stellt dann eine Haushaltshilfe für den üblichen Mindestlohn von 380 Reals im Monat (150 Euro) ein und schon hat man die permanente Aufenthaltsgenehmigung. Alternativ zur Firmengündung muss man statt dessen den Bezug einer reglmässigen Rente (oder eines Einkommens) von wenigstens 2000 Dollar nachweisen.....
2) Nach 4 Tagen verlassen wir Canavieiras, seinen Traumstrand und die Europäergemeinde, fahen zunächst weiter die Küste entlang nach Norden und Biegen dann erneut ab ins Landesinnere Richtung Westen ab. Unser Ziel ist der Nationalpark Chapada Diamantina mit seinen markanten Felsformationen.
2 Tage durchstreifen wir die Region auf abenteuerlicher Piste und geniessen die besondere Atmosphäre einiger Kleinstädte wie Andarai und Muguce, die einen besonders nachhaltigen Eindruck bei uns hinterlassen. Dann führt uns die Fahrt durch den knochentrockenen Sertao, jene Region, die abseits der tropisch-feuchten Küsten mehr als die Hälfte des brasilianischen Nordostens einnimmt. 8 Monate im Jahr fällt hier kein Niederschlag und häufige Dürren führen immer wieder zu Existenzkatastrophen. Es ist einer der Armenhäuser Brasiliens. Wir lesen: "Wer kann, kehrt der von Dürren und Staub geplagten Landschaft den Rücken, macht sich grußlos davon an die Küste, in die großen Städte. Wer bleibt, hat gute Gründe - oder gar keine andere Wahl. In kaum einer anderen Region Brasiliens sind Legenden und Mythen ähnlich tief verwurzelt wie hier. Volkskatholizismus, hartnäckiger Aberglaube und Selbstjustiz wohnen hier Tür an Tür...Ein Leben war nie besonders viel wert im Sertao und der Arm des Gesetzes reicht bis heute nicht in den letzen Winkel".
Eigentlich wollen wir diese Region auf einer abgelegenen 300 KM langen Piste durchqueren. Doch dieses Unterfangen müssen wir schon im Anfangsstadium abbrechen, als die vermeintlich bequeme Anfahrt auf einer Asphatstrasse zum eigentlichen Ausgangspunkt sich als nahezu unbefahrbare Kraterlandschaft von Asphaltresten entpuppt und 120 KM im Schüttel-Schrittempo nach 25 KM nervlich nicht mehr auszuhalten waren, abgesehen von den Risiken für das Reifen und Fahrwerk des Fahrzeugs. Und wieder stellen wir betrübt fest: 3 Monate maximale Aufenthaltsdauer für das Fahrzeug sind für dieses Riesenland einfach viel zu knapp bemessen. Überhaupt sind die Strassenverhältnisse in Bahia insgesamt eine mittlere Katastrophe. Abgesehen von den halbwegs intakten Bundesfernstrassen sind die meisten asphaltierten Nebenstrassen in einem beklagenswerten Zustand und stellen alle Beteiligten beim Befahren vor eine Belastungsprobe ihrer Nerven. So durchqueren wir den Riesenraum auf der Hauptroute, der sogenannten "Transpiaui". Endlos zieht sich die Fahrt verkehrsarm über fast 2000 Km, nur unterbrochen von einigen kleinen Begebenheiten am Rande. In einer Kleinstadt im Nirgendwo des Bundesstaates Piaui geniessen wir eine typisch brasilianische Partynacht am Rande eines lokalen Kirchenfestes. Hoch schwappt die Stimmung in diversen Bars, die rollenden Musikanlagen diverser Privatfahrzeuge, strategisch geparkt vor einigen Bars, beschallen die Nacht des Sertao bestimmt im Umkreis von 50 km. Es ist ein echtes Erlebnis und wir geniessen es, mittendrin zu sein.

3) Schließlich erreichen wir nach 1 Wochen Fahrt durch diesen Trockengürtel wieder die Atlantikküste. Wir haben uns dem Äqutor bis auf 3 Grad angenähert.
Die Kueste im Bereich des Nationalparks Lencois Maranhenses ist einfach nur herrlich: Grossraeumige Duenengebiete mit Saharafeeling wechseln mit Bilderbuch Tropenstimmung wie aus dem innersten Afrika. Auf extrem welliger Sand- und Erdpiste durchqueren wir aermliche Doerfer mit malerisch afrikanisch-brasilianischer Stimmung, haben unser fahrtechnisches Extremerlebnis, als wir uns auf einer tiefsandigen Piste mit falscher Spurbreite vorwaertsquaelen und dann elendiglich steckenbleiben, als wir vor den tiefhaengenden Aesten von Baeumen an Stellen stehenbleiben muessen, wo wir einfach nicht stehenbleiben durften. Erstmal kam die mitgebrachte Saege in Aktion, um zunaechst die noetige Hoehenfreiheit zu schaffen, um dann in einer schweisstreibenden Schufterei bei tropsch-schwuelen 36 Grad unter Einsatz aller Hilfsmittel wie Sandbleche, Allrad, Sperren und wenig Reifendruck uns muehsam vorwaerts zu quaelen mit dem Problem: um nicht sofort wieder einzusacken, musst erst 50-100m weiterfahren, bevor du anhalten kannst, was bedeutet: anschliessend die immer krummer werdenden Bleche das ganze Stueck zu Fuss nachzuschleppen; alles wieder dran ans Auto und.... 100 m weiter: der naechste Baum. Einfach nur aetzend, aber landschaftlich und stimmungsmaessig ein Hochgenuss.

Schliesslich landen wir in Sao Luis, der Hauptstadt von Maranhao, wo uns weniger die von der Unesco zum Weltkulturerbe deklarierte Altstadt beeindruckt als vielmehr der wunderschoene kilometerlange Stadtstrand mit Sand, Palmem, Bars, Musik wie an einer Schnur aufgezogen. Hier verbringen wir zur Zeit die Tage und gruebeln ueber den eingangs schon erwaehnten Richtungsentscheid.

Es steht zur Auswahl:
1) Nachdem die beruehmte Transamazonica erstmals nach Jahren der Unterbrechung wieder vollstaengig befahren werden kann, bestaende die Moeglichkeit dieses 2300 Kilometer-Abenteuers auf Erd-und Lehmpisten von Maraba ueber Santarem, Ruropolis, Humaita nach Porto Velho und von dort weiter nach Peru zu fahren.
2) Alternativ besteht die Moeglichkeit, fuer 650 Euro in Belem einzuschiffen und 5 Tage auf dem Amazonas nach Manaus zu schippern, um von dort weiter nach Venezuela und anschliessend Kolumbien zu fahren.
3) Ja es gaebe sogar noch die dritte Variante: die Transamazonica zunaechst bis Poro Velho zu fahren und dann dort nach Manaus wahrscheinlich ebenfalls fuer ca. 700 Euro nach Manaus zu verschiffen.

Wir durchleben einen schweren Gewissenskonflikt und koennen uns einfach nicht entscheiden. Jede Variante hat ihre Reize, Vorteile und Risiken. Ist es auf der Transamazonica das Wetterrisiko (das Zeitfenster schliesst sich Ende september), d.h. im Regenfall kanns extrem werden, ists bei der Venezuela-Entscheidung die Frage der Sicherheitslage, die unter Chaves von Jahr zu Jahr schlechter wird; gleichwohl gibt es durchaus Reisende, die diese strecke problemlos bewaeltigen.

Bis spaetestens morgen muessen wir uns entscheiden und vor allem: dann muessen wir mit der Entscheidung leben. Furchtbar!!!!

Wie es dann letztlich weitergeht...
Das ist ein Fall fuer die naechste Reisegeschichte


hier sind die fotos:
die-Fotos-zur-Geschichte

die Reiseroute:
die-Reiseroute1
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Beitragvon tibesti » 02.09.2007 22:38

Sao Luis zum Zweiten....2.9.07

Nachdem wir uns nun den 3. Tag hier in Sao Luis rumtreiben und es gemuetlich angehen lassen, bietet sich aufgrund der schnellen Internetverbindung ein kleiner Nachtrag an.

Heute Sonntag haben wir ein bisschen die Umgebung erkundet.
Da ist zum einen dieser unglaubliche ca. 20 KM lange Strand, wo natuerlich am Wochenende Hochstimmung herrscht. Bar reiht sich an Bar, bei Flut sitzt man mit dem Caipirinha in der Hand praktisch im Wasser, die Sonne scheint, es sind 33 schwuele Grade und alle Welt macht einen entspannten Eindruck. Das ist nun mal ein Strand, wie ich ihn mir in Gedanken an Brasilien immer wieder vorgestellt habe....

Nur 20 KM weiter das Kontrastprogramm; wir fahren an Nordoestliche Ende der Halbinsel in die Fischersiedlung Raposo. Sie liegt inmitten des kilometertiefen Mangrovenguertels, der hier die Atlantikkueste saeumt; ein Teil des Ortes liegt als gotterbaermliche Phahlbautensiedlung auf Stelzen im Flutguertel; der Gezeitenwechsel betraegt hier bis zu 7 m!!!, d.h. bei Flut leben die Menschen im Wasser. Die Armut ist gotterbaermlich und ein geradezu grotesker Gegensatz zum Partystrand der Stadt Sao Luis. Ein Leben unter diesen Bedingungen, nicht im traum vorstellbar......


die Fotos:
Fotos
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Beitragvon Fondsfan » 18.09.2007 20:53

Ich habe diesen Reisebericht erst jetzt entdeckt und kann
nur sagen, daß ich ihn faszinierend finde - auch wenn ich noch
nicht alle Bilder ansehen konnte.
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Beitragvon tibesti » 19.09.2007 01:40

Rio Branco 18.9.07

Wir haben es gewagt und koennen nun berichten - wir sind die Transamazonica gefahren.

Hier ist die Geschichte, diesmal als Link:

Transamazonica


Die aktualisierte Reiseroute ist hier:

Karte1
Karte2

Und hier sind die Fotos zum Begleittext:
Fotos
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Beitragvon tibesti » 03.10.2007 02:30

Cuzco/Peru 2.10.07

Also ich musste gerade feststellen, dass in der Fotoshow ein Fehler war (2.Foto) nicht darstellbar. Der Fehler ist behoben!!!

Wir sind heute in Cuzco/Peru abgekommen nach zwei aussergewöhnlich schönen und abenteuerlichen Touren zwischen Regenwald und Anden.

Bericht und Fotos folgen in Kürze.
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Beitragvon Fondsfan » 03.10.2007 09:41

Alle Achtung vor Euerm Mut und weiter viel Glück bei der Reise.
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Beitragvon tibesti » 08.10.2007 14:23

Cuzco 8.10.06

Der neue Reisebericht ist online:

Reisebericht

Die Fotoshows:

1) Fotoshow1

2) Fotoshow2

Die Reiseroute:

Reiseroute1
Reiseroute2
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Beitragvon tibesti » 06.11.2007 16:43

Cariamanga/Ecuador 6.11.07

Der Reisebericht ueber unsere Fahrt durch das peruanische Hochland ist fertig und kann heruntergeladen werden (Achtung! 5 MB)

Reisebericht

die komplette Fotoserie: (Das Wetter war insgesamt wegen der haeufig diesigen Sicht leider fototechnisch nicht sehr optimal)

Fotos

die Reiseroute:
Reiseroute
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Beitragvon tibesti » 07.12.2007 16:32

Ciudad Guyana/Venezuela 7.12.2007

Hallo Mitleser und Freunde

Der neue Reisebericht ist zum Download fertig: (4,8 MB als Doc-Datei)
Vom PAZIFIK ZUR KARIBIK. DURCH ECUADOR UND KOLUMBIEN.

Reisebericht

die Fotos allein:

Fotos


die Reiseroute:

Gesamt:

Reiseroute

Reiseroute Ecuador:

Ecuador

Reiseroute Kolumbien:

Kolumbien1
Kolumbien2
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Beitragvon Fondsfan » 08.12.2007 19:18

Danke für diese eindrucksvollen Bilder und Berichte.
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Beitragvon tibesti » 26.12.2007 14:53

Ich wünsche allen Mitlesern Alles Gute fürs Neue Jahr 2008 und
schicke Euch zu diesem Zweck ein paar knackige
brasilianische Weihnachtsmädel


Bild

Belem/Salinopolis, Nordostbrasilien im Dezember 2007

Lothar
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Beitragvon Fondsfan » 27.12.2007 09:31

Die gleichen guten Wünsche hiermit
für Dich und Deine Frau.
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Beitragvon tibesti » 31.12.2007 23:20

Der neue Reisebeicht ist fertig und kann heruntergeladen werden (5,6 MB)

Teil 1:
Vom Orinoko zum Amazonas.
Durch Venezuela und das nördliche brasilianische Amazonastiefland


Reisebericht-Teil1

Nur die Fotos:
Fotos
Zuletzt geändert von tibesti am 16.01.2008 19:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Fondsfan » 02.01.2008 11:48

Großartig und sehr bemerkenswert, was man da
so nebenbei über Venezuela erfahren kann.
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Beitragvon tibesti » 03.01.2008 17:58

An Fondsfan: An dieser Stelle mal ein Dankeschoen fuer deine aufmunternden Worte.

An Alle:

Der zweite Teil des Reiseberichts ist fertig:

Eine Reise auf dem Amazonas
Auf dem Frachtschiffponton von Manaus nach Belem. (5,1 MB)

Reisebericht

Die Fotos allein:

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Beitragvon maximale » 03.01.2008 18:21

Verfolge dein Hobby u. vor allem deine Umsetzung ja schon seit Fondsscheck Zeiten.

Schon ein Sache, wenn man einfach so sein Ding durchzieht so wie du in deinem Fall, Camping LKW besorgen/aufbauen u. dann nahezu endlos auf weitläufigste Erkundungstouren zu gehen. :wink:
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Beitragvon tibesti » 03.01.2008 18:36

Nachtrag:

Waehrend wir das neue Jahr entspannt und relaxt im noerdlichen Brasilien eingelaeutet haben und uns hier sauwohl fuehlen, zeigt die aktuellste Rueckmeldung von Freunden aus Suedbrasilien die Schattenseiten dieses Kontinents - und dies leider auch in laendlichen Gegenden des europaeischen Suedens Brasiliens , wo wir dies nie und nimmer fuer moeglich gehalten haetten. Das haette uns moeglicherweise auch passieren koennen, weil wir in an diesem Ort womoeglich auch keine Antenne fuer ein Gefahrenpotential gesehen haetten. Was bleibt als Fazit: Nix ist sicher auf dieser Welt - Nur der Tod. Und unsere Freunde waren ganz einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Der Bericht unserer Freunde:
Wir haben das Neue Jahr gemeinsam mit Barbara und Uwe aus Bayern auf dem Campingplatz in Gramado begonnen, nachdem wir uns vom allergrössten Schock unseres Lebens etwas erholt hatten. Am 28.12. waren wir unterwegs im Vale dos Vinhedos, das in der Ecke Garibaldi - Bento Goncalves liegt und viele herrliche Weingüter besitzt. Die Landschaft hat uns super gefallen und so haben wir am Nachmittag ein Plätzchen für die Nacht gesucht. Wir sind in Ri. einer Pousada abgebogen, doch dort war nicht genug Platz für uns und so sind wir weiter den Berg hochgefahren. Dort fanden wir ein Paar Häuser umgeben von Weinbergen und wir fragten dort, ob wir die Nacht hier verbringen könnten. Wir haben das Auto abgestellt und uns nach einem passenden ebenen Platz umgeschaut. Als wir wenig später an's Auto zurückkamen war ich gerade in die Wohnkabine eingestiegen und Thomas war noch davor, als plötzlich 3 maskierte und bewaffnete Männer vor unserer Kabine standen und Thomas in die Kabine drücken wollten. Er hat sie zurückgestossen und gleich fiel ein Schuss und er hatte eine Schrotladung im Oberschenkel. Als ich dann nach draussen ging, habe ich einen Schlag auf den Kopf mit einer Pistole bekommen. Die Diebe haben eine Tasche mit Bargeld, Digikamera, Autozweitschlüssel, Kredit- und EC-Karte mitgenommen. Nach langem hin und her kamen nach ca. 30 Minuten Polizei und Krankenwagen und haben uns nach Bento Gonzalves in's Hospital gebracht. Ich habe dann später mit Polizeibegleitung unser Auto abgeholt und gegenüber dem Hospital auf einem bewachten Parkplatz abgestellt. Nach Stunden bei der Polizei konnte ich Thomas dann gegen 22 Uhr aus dem Hospital abholen und zum Womo bringen. Am nächsten Tag gabe es dann nochmal 2 Stunden Polizei, diesmal mit Dolmetscher und am 30.12 sind wir dann nach Gramado gefahren, um uns auf einem 'sicheren' Platz vom Schreck zu erholen. Wir hatten schon angefangen, Brasilien zu mögen, aber jetzt sind wir erst mal nicht so sicher, ob wir im Juli nächsten Jahres in's Pantanal fahren oder lieber andere Länder bereisen. Man wird sehen, wie wir das ganze in den nächsten Monaten verarbeiten.
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Beitragvon tibesti » 16.01.2008 19:43

Da war ein Download-Fehler im Reisebericht ueber Venezuela (Vom Orinoko zum Amazonas), der ist behoben
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Beitragvon tibesti » 28.01.2008 16:04

der neue Reisebericht ist Online (5,4 MB)

Titel

Versiegelte Zeit.
Strandtage in Nordostbrasilien.

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Beitragvon tibesti » 14.03.2008 19:52

Ein kurzes Lebenszeichen.

Leider ist mir heute beim Fertigstellen des letzten Reiseberichts der Monitor des Laptops verreckt, jetzt sitz ich vor einem schwarzen Bildschirm und nix geht mehr.

So bleibt nur kurz festzuhalten: Wir haben die 3 Monate maximaler Aufenthaltsdauer in Brasilien voll ausgenutzt und sind am letzten moeglichen Tag Richtung Uruguay ausgereist. Es war eine tolle Zeit:
die Fahrt mit dem Ponton auf dem Amazonas,
die tolle Kueste im Nordosten,
der irre Karneval in Bahia,
die Fahrt durch das Armenhaus Brasiliens- den Sertao,
der erneute Besuch der malerischen Costa Verde und der Ilha Catarina und
last but not least die Begegnung mit den Menschen Brasiliens.

Ein kurzes Fazit zum brasilianischen Karneval:
Natuerlich haben wir um den Carneval in Brasilien keinen Bogen gemacht, aber es muss ja bittschön nicht der touristenverseuchte Großkarneval von Rio oder auch Salvador und Recife sein, wo in den unglaublichen Menschenmassen ohnehin ein recht großes Kriminalitätsrisiko droht. Nein, wir waren in der beschaulichen Kleinstadt Canavieiras (30.000 Einwohner) an der Küste Bahias, wo zwar keine bombastischen Kostümumzüge stattfanden, nichts desto trotz dennoch 5 Tage ohne Unterbrechung die sprichtwörtliche Wutz abging. Letztlich sieht so ein Carneval in Brasilien sowieso immer gleich aus: Auf einer Feststraße werden in der Nacht riesige sog. Trio-Electricos in Bewegung gesetzt, das sind 26m lange und 5 m hohe Trucks, die gewaltige Soundanlagen mit 130.000 Watt!! beherbergen, und, wenn sie erstmal in Betrieb genommen sind, mit ihren Schallwellen die Haare steil schockfönen, denn was in Brasilien zählt ist eines: gute Laune und LAUTSTÄRKE. Diese Trucks schleichen im Schneckentempo dann stundenlang die Strassen hoch und runter, obenauf die Band und davor und dahinter eine unglaubliche Menschenmasse, die in einen Tanztaumel verfällt. In Salvador etwa muss dieses Vergnügen, unmittelbar am Puls des Geschehens sein zu dürfen, übrigens teuer bezahlt werden. Das Anrecht, direkt hinter den Trucks rumtanzen zu dürfen, erwirbt man mit dem Kauf eines 1000 Reals=400 Euro teuren T-Shirts, dafür gehört man dann zu den VIPs und ist vom Rest des ordinaeren Volkes durch einen Kordon von Sicherheitsleuten mit Absperrseilen getrennt. Und so feiern Arm und Reich schön räumlich getrennt... In Canavieiras dagegen war alles Volkskarneval. Die Feststrasse war vielleicht 500m lang und es gab statt 50 Trio-Electricos nur 2, die in gehörigen Abstand voneinander die Straße hoch und wieder runterrollten, dafür war die Stimmung nichts desto trotz bombastisch und sogar der Stuck der schönen alten Kolonialhäuser ist wider erwarten heil geblieben.. Das Ganze begann 5 Tage lang jede Nacht um 23 Uhr und ging dann bis 6 in der Früh. Die Musik in Bahia an Carneval nennt sich übrigens Axe (Sprich: Ascheee) , also nix Samba. Silvia meinte gleich am ersten Abend, Whoww, das ist ja beste Aerobic-Musik, da brauchts keine tänzerischen Feinheiten, denn ausgelassen Hüpfen kann jeder. Und später entdeckte ich dann folgende Beschreibung: "Salvador in Bahia ist die produktivste Keimzelle der brasilianischen Popmusik. Jugendliche Musikfans aus dem ganzen Land strömen scharenweise in die Stadt, weil nur hier die frechen Klänge zu hören sind, die morgen in ganz Brasilien für Party-Stimmung sorgen. Bahias "MUSICA PARA PULSAR", was wörtlich übersetzt "Musik zum Hüpfen" bedeutet in bei den jungen Brasilianern seit Beginn der 90er Jahre wieder "in".

2 der diesjaehrigen Karnevals-Hits:

http://www.tibesti-online.de/Musik/Tamboreira.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/Bororo.mp3





Statt Fotos, die auf dem Laptop verschuett gegangen sind, sei an dieser Stelle noch ein kleiner Vermerk fuer die Musikinteressierten angebracht, naemlich zur brasilianischen Musik, die so vielschichtig ist wie das Land riesig. Aber eines ist ueberall gleich. DIe weitaus populaerste Musikrichtung in Brasilien ist die "volkstuemliche" Variante der MPB, der Musik Popular Brasileira. Sie hoert man ueberall im Land und wird in der Nacht der Kofferraum eines Autos zu einer ueberlauten Musikparty geoeffnet: das ist die Musik, die man zumeist zu hoeren bekommt- es ist ein Stueck brasilianischer Kultur und Lebensart. Dabei faellt auf:

Brasilianer hassen reine Instrumentalkmusik, Musik muss gesungen werden, jeder kennt die Texte auswendig und kann sie voller Inbrunst mitsingen und in Konzerten hat man das Gefuehl, die Zuschauer seien als Chor ein Teil der Band, so perfekt klingt das. Die Musik ist simpel gestrickt, verdeutlicht aber das vorherrschende Lebensgefuehl: gute Laune ist angesagt, fast immer ist ein "griffiger" Refrain der Mittelpunkt, der voll Inbrunst mitgesungen werden kann. Diese Variante der MPB ist dominiert von Maennerduos, Sie heissen: Gino&Geno,Bruno&Maroni, Victor&Leo,Menotti&Fabinai,Gian&Giovanni und und und...

Hier einige Beispiele fuer gerade angesagte Hits, die man ueberallhoert (zum Runterladen)

Victor & Leo

http://www.tibesti-online.de/Musik/V&L01.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/V&L03.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/V&L04.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/V&L09.mp3


Caesar Menotti & Fabiani (welch ein gewaltiges Stimmvolumen!)

http://www.tibesti-online.de/Musik/M&F02.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/M&F03.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/M&F04.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/M&F08.mp3

http://www.tibesti-online.de/Musik/M&F15.mp3


Wir findens klasse und koennen nur sagen Oh lala Brazil, Brasilien ist Klasse!!

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Beitragvon tibesti » 15.03.2008 17:44

Jetzt hab ich den Laptop im Internetcafe an einen externen Monitor angeschlossen und konnte den Reisebericht zumindest verkuerzt fertigstellen.

Es ist der vorlaeufig letzte Bericht. Mitte April kommen wir wieder fuer 2 Momate nach Deutschland, Ende Juni gehts zurueck nach Suedamerika.
Es gibt fuer die weitere Planung viele unterschiedliche Optionen, doch dazu an spaeter Stelle mehr.

Hier kann der Bericht runtergeladen werden

Reisebericht

Die Reiseroute:
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Beitragvon oegeat » 15.03.2008 19:26

Danke .. von mir und auch vermutlich im Namen vieler stiller Mitleser !

Ja, die Erde ist wunder bar es gibt viele Interessante Gegenden.
Alles wird besser man muss nur warten können !

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Beitragvon Fondsfan » 20.05.2008 08:19

Ich hatte jetzt erst Zeit, den letzten Reisebericht in Ruhe zu lesen,
und freue mich schon auf den nächsten in einigen Monaten.
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Beitragvon potter » 10.06.2008 19:18

Hallo tibesti
weiß der Teufel, warum es Jahre gedauert hat, wieder auf dich zu treffen. Deine Reisebilder sind wirklich klasse. Danke, daß du andere auch an deinen Reisen teilhaben lässt! Was man alles so mit dem TGF finanzieren kann :lol: .
Ansonsten hab ich ja hier auch noch so manch anderen altenhasen entdeckt
Gruß in die Runde
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